“HR hat viel strategisches Potenzial”

Feature | 9. Februar 2004 von admin 0

Wie weit sind Personalwirtschaftssysteme heute in Unternehmen verbreitet?

Jooss: Wir können davon ausgehen, dass jedes Unternehmen personalwirtschaftliche Systeme einsetzt. Das unterscheidet sich natürlich je nach Größe und Branche. SAP-Lösungen zu Human Resources und Human Capital Management sind nahezu in jedem Unternehmen mit mehr als tausend Mitarbeitern in Deutschland präsent. Dabei erledigen sie vorrangig Verwaltungsaufgaben. Ich nenne nur Personalabrechnung, Führung der Stammdaten von Mitarbeitern und Bewerbern, das Management von Daten aus der Zeitwirtschaft oder von Veranstaltungen.

Das ist aber doch nicht alles – was können HR-Systeme noch?

Jooss: Noch werden sie zu wenig genutzt, um auch Unternehmensstrategien umzusetzen. HR ist bisher nicht in dem Maße integriert, wie das heute möglich wäre. Da steckt viel mehr Potenzial und Power drin. Sie können beispielsweise alle Mitarbeiter einbinden, die an personalwirtschaftlichen Prozessen beteiligt sind. Wo lassen sich Talente besser finden als über so genannte Talent-Pools in modernen HR-Anwendungen? Wo lassen sich Weiterbildungsmaßnahmen besser organisieren? Wo lassen sich bei Reiseplanung und Reisekosten die Reiserichtlinien wirksamer durchsetzen als über Personalwirtschaftssysteme? Eine Reihe von Unternehmen hat das erkannt, was letztlich dem Markterfolg und der Kundenzufriedenheit dient.

Heißt das, Personalwesen und Betriebswirtschaft verschmelzen immer mehr?

Jooss: HR oder die Personalabteilung verfügen bei Unternehmensentscheidungen oft über die wesentliche Informationen. Nicht die HR-Lösung allein, sondern in der Zusammenführung mit den betriebswirtschaftlichen Prozessen entsteht der strategische Mehrwert. Unsere Kunden kombinieren darum immer mehr personalwirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Daten. So erfahren sie zum Beispiel, wie sich eine Fluktuationsquote zu der vom Unternehmen ausgewiesenen Produktionsmenge oder Umsatzstatistik verhält. Ich will noch ein anderes Beispiel nennen: Stellen Sie sich vor, ein Unternehmen hat internationale Expansionspläne. Dann ist es doch ganz entscheidend zu wissen, wie viele der Mitarbeiter der Fremdsprache des Ziellandes mächtig sind. Wie lange braucht die Personalabteilung, um eine sprachliche Qualifizierung durchzuführen? Das kann maßgeblich die Geschwindigkeit der Expansion bestimmen. Und wenn die Personalabteilung hier auskunftsfähig ist und als Partner wahrgenommen wird, dann hat sie es geschafft, genau in diesen strategischen Bereich vorzudringen, der ihr heute teilweise noch verschlossen bleibt.

Was haben denn die Mitarbeiter von neuen HR-Lösungen?

Jooss: Besonders die Querschnittsbereiche wie Rechnungswesen und Personalwirtschaft geraten heute in Unternehmen unter enormen Kostendruck. Anderseits ist aber der Personalbereich gefordert, Mitarbeiter und Führungskräfte mit zeitgemäßen Dienstleistungen zu versorgen. Wer im privaten Umfeld Online-Banking ganz selbstverständlich nutzt, hat kein Verständnis dafür, in der eigenen Firma Urlaubsanträge auf Papier ausfüllen zu müssen. Die Antwort sind so genannte Self-Service-Szenarien, die Mitarbeiter und Führungskräfte in die personalwirtschaftlichen Prozesse integrieren. Das zeigt doppelte Wirkung: Verwaltungsvorgänge laufen effektiver ab und zudem können ganz neue Services angeboten werden, die unter der alten Technologie gar nicht möglich gewesen wären. Vergleichbares gilt für die Kontakte zu Lieferanten, Kunden oder Bewerbern. So hat SAP zum Beispiel einen Business-to-Administration-Manager entwickelt, der auf elektronischem Weg die Kommunikation mit Behörden sicher stellt.

Welche Beziehungen bestehen zwischen HR und der Weiterbildung?

Jooss: Nehmen wir Hightech-Unternehmen. Die Halbwertszeit von Wissen hat sich so dramatisch verkürzt, dass dort permanent eine breite Mitarbeiter-, aber auch Händler- oder Kundenbasis auf einem aktuellem Wissensstand zu halten ist. Bislang war der Beitrag von personalwirtschaftlichen Systemen , Präsenz-Veranstaltungen zu administrieren und Teilnehmer einzubuchen. Doch heute ist mySAP HR zur zentralen Lernplattform geworden, über die alle Formen der Wissensvermittlung insbesondere E-Learning unterstützt werden. Dadurch gelingt es, Mitarbeiter am Arbeitsplatz in einem kontinuierlichen Lernprozess zu begleiten und sie im Rahmen einer umfassenden Personalplanung zu qualifizieren. Auch Händler, Kunden und Partner sind letztendlich über den gleichen Kanal mit Wissen zu versorgen.

Wie kommt es, dass nach einer Anwenderstudie über vierzig Prozent der Personalentscheider mit HR-Management-Systemen unzufrieden sind?

Jooss: Das lässt sich leicht erklären. In der Vergangenheit haben sich Personalwirtschaft und IT zunächst nur in dem speziellen Bereich der Personalabrechnung überlappt; ansonsten waren es zwei Welten. In den letzten Jahren wurde dann zunächst in Integration und Technologie investiert, was bei den Anwendern subjektiv keine Verbesserung in ihrer täglichen Arbeit mit sich brachte. Mittlerweile sind wir weiter. Die Pflichtübungen sind gemacht. Unternehmen, die auf integrierte Lösungen wie mySAP HR gesetzt haben, können jetzt den Nutzen generieren und auch die Innovationen der Software nutzen, die heute noch im Verborgen schlummern.

Können Sie den Return-on-Investment verlässlich darstellen?

Jooss: Lange Zeit standen uns nur Analysen aus Amerika zur Verfügung. Weil sie sehr hohe ROI-Potentiale auswiesen, beurteilten wir sie eher skeptisch. Dann haben wir mit Deloitte Consulting bei zwölf deutschen Unternehmen unterschiedlicher Branchen und Größen eine ROI-Studie durchgeführt. Das Ergebnis ermutigt uns, weil die positiven Ergebnisse aus den USA bestätigt wurden. So ließ sich beim Einsatz von Employee-Self-Service-Szenarien im Durchschnitt ein Einsparpotenzial von über 60 Prozent nachweisen.

Ist mit heutiger Technologie die Integration der HR-Lösungen noch ein Thema?

Jooss: Wir wissen aus der Praxis: Jede Schnittstelle macht immer viel Aufwand und kostet viel Geld. Die Konsolidierung von Systemlandschaften ist deshalb ein Schwerpunkthema bei unseren Kunden. Sie haben erkannt, dass heterogene Systemwelten viel Geld kosten. Wir haben uns deshalb für 2004 speziell auf die Fahne geschrieben, die Total-Cost-of-Ownership, die unser Kunde für den Betrieb von Softwareanwendungen aufwenden muss, zu reduzieren. Das wird einerseits über eine neue Technologie, den SAP NetWeaver, sicher gestellt. Auf der anderen Seite bieten wir Beratungskonzepte an, mit denen wir heterogene Systemlandschaften auf ein vertretbares Maß zurück führen.

Gegenwärtig sind neue Tarifmodelle zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in der Diskussion. Werden HR-Lösungen da eingebunden, um die Auswirkungen der Modelle aufzuzeigen und zu simulieren?

Jooss: Das Thema ist brandaktuell. Zum Beispiel hat der Arbeitgeberverband Metall in zwei Tarifregionen Deutschlands ein Entgeltrahmenabkommen mit neuen Vergütungsmodellen verabschiedet, die eine stark leistungsabhängige Komponente enthalten. Das Spannende daran: Die Umstellung soll ein Unternehmen in Summe nicht mehr belasten als bisher. Es geht also um eine stärkere Leistungsorientierung durch Umverteilung. Ohne IT-Unterstützung ist das nicht zu machen. Hier wird deutlich, wie wichtig Simulations- und Planungstools bei der Einführung innovativer Entgeltsysteme sind. Wir spielen gerade mit Vertretern aus den entsprechenden Verbänden die Operationalisierung dieser Rahmenabkommen modellhaft durch, um die Einführung bei unseren Kunden so einfach wie möglich zu gestalten.

Werden Sie auch mit so genannten Showstoppern konfrontiert, um Investitionen in HR-Lösungen abzublocken?

Jooss: Der Showstopper lautet “Technologieverliebtheit”. Wer im personalwirtschaftlichen Umfeld glaubt, mit Technologie alle Probleme lösen zu können, wird bald merken, dass dem nicht so ist. IT-Unterstützung kann nie mehr als ein Vehikel sein, das Veränderungsprozesse in den Personabteilungen erleichtert. Vergessen wir nicht, dass damit immer Veränderungen im organisatorischen Umfeld verbunden sind. Hier geht es um Change-Management, dem jedes Unternehmen Rechnung tragen muss. Wer das ausgeblendet, wird mit der besten Technologie keine Erfolge erzielen können.

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