Soccer team in a huddle

Hungrig nach Wissen

Feature | 3. Juni 2016 von Angela Klose, John Hunt 0

Drei SAP-Teams teilen ihre Leidenschaft für LEGO-Roboter und lassen im Finale der FIRST LEGO League alle Mitbewerber hinter sich.

Um 8 Uhr morgens stehen die fünf Jungs aus Hockenheim schon putzmunter mit ihren Reisekoffern in der kanarischen Morgensonne. Lustig schwatzend warten sie auf den Bus, der sie zum Kongresszentrum Recinto Ferial in Santa Cruz bringen soll. Zwar hat die Zeit seit ihrem Hinflug nur für ein paar Stündchen am Hotel-Pool gereicht, aber die 10- bis 13-Jährigen sind trotzdem bester Stimmung: „Wir wollen Spaß haben, viele neue Freunde aus der ganzen Welt kennen lernen und im Wettbewerb unser Bestes geben“, fasst Julien Wehowski das gemeinsame Ziel zusammen. Sein Vater und Team-Coach Frédéric Wehowski sieht noch ein bisschen müde aus. „Während eines mehrtägigen Wettbewerbs tue ich nachts kaum ein Auge zu – zu viel Adrenalin im Körper.“

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Drei SAP-Teams haben es bis in die Schlussrunde der FIRST LEGO League auf Teneriffa geschafft.

Vom 4. bis 7. Mai hat das Team SAPHARI am FIRST LEGO League Open European Championship  auf Teneriffa teilgenommen. Es ist eines der drei SAP-Teams, die es bis in die Schlussrunde der FIRST LEGO League geschafft haben: Neben SAPHARI sind noch cassapeia aus Wiesloch und TalentumSAP aus der Slowakei da. SAPHARI ist erstmals dabei, während die beiden anderen Teams schon „alte Hasen“ in internationalen Umfeld sind.

Trotzdem bekommt cassapeia-Coach Martin Waibel immer noch eine Gänsehaut, wenn die Teams am Morgen der Einzugsparade fahnenschwenkend in die Halle einmarschieren, bekennt er. „So ein internationales Turnier, das ist wie olympische Spiele, diese Atmosphäre findet man nirgendwo sonst.“

Hier, in einer imposanten Glashalle mit Panoramablick über den Atlantik, treffen die 90 besten FLL-Mannschaften aus 40 Ländern und fünf Kontinenten zum viertägigen Mammut-Wettbewerb aufeinander. Die Teams kommen aus Australien, Ägypten, Brasilien, China, Indien, Israel, Japan, Jordanien, dem Libanon, Mexiko, Pakistan, Peru, Russland, Südafrika, der Türkei, den USA und vielen europäischen Ländern – sogar aus Island ist ein Team angereist. Alle 1000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 9 und 16 Jahren verbindet eine Gemeinsamkeit: ihre  Begeisterung für Wissenschaft und Technik.

Die FIRST LEGO League ist ein weltweites Bildungsprogramm, das den naturwissenschaftlichen Nachwuchs fördert. Es wurde 1998 von der amerikanischen Stiftung FIRST und dem Unternehmen LEGO initiiert. Inzwischen nehmen weltweit 29.000 Teams mit 233.000 Kindern und Jugendlichen zwischen neun  und 16 Jahren teil. Was ist FLL?

Im internationalen Wettbewerb können die Kinder zeigen, was sie in den letzten neun Monaten gelernt haben. Jedes der 90 Teams hat einen eigenen Messestand zur Verfügung, der als Team-Hauptquartier und Ausstellungsraum dient und den es selbst gestalten muss. Viele Kinder nutzen die Pausen zwischen den einzelnen Wettbewerben, um von Stand zu Stand zu schlendern, kleine Süßigkeiten auszutauschen und möglichst viele Buttons von anderen Teams zu sammeln. Vor allem wird gefachsimpelt über die besten Roboter und die erfolgreichsten Forschungsprojekte, bereitwillig tauschen die Kinder Tipps und Tricks aus.

„Natürlich befinden wir uns hier im Wettbewerb, jeder möchte gewinnen, sagt Zoltan Szitas, mit 16 Jahren das älteste  und erfahrenste Teammitglied von TalentumSAP, aber es geht vor allem darum, Neues zu lernen und einander zu helfen. Das Faszinierendste an der FIRST LEGO League ist: Hier treffe ich so viele junge Leute aus der ganzen Welt, die alle hungrig nach Wissen sind.“

Der größte Anziehungspunkt für das Publikum ist der Roboter-Wettbewerb. Jedes Team hat eine eigene Strategie entwickelt, um das Spielfeld zu meistern, kein Roboter gleicht dem anderen. Seit Beginn der Wettbewerbssaison im August 2015 haben die Teams viele hundert Stunden Arbeit investiert, um ihre Roboter und Aufsätze für die einzelnen Missionen immer weiter zu perfektionieren. 10 bis 15 Stunden pro Woche trainieren die Mitarbeiter der Spitzenteams wie SAPHARI, cassapeia und TalentumSAP neben der Schule. Für andere Hobbys bleibt wenig Zeit. Frédéric Wehowski: „Das Erfolgsgeheimnis ist sehr einfach: Gute Ergebnisse kommen von Arbeit – sehr viel Arbeit.“

Doch was zuhause reibungslos funktioniert, klappt unter Wettkampfbedingungen noch lange nicht. Viele äußere Faktoren beeinflussen das Robot-Game im Wettbewerb, nur wer diese schnell analysieren und sich anpassen kann, hat eine Chance, zu gewinnen.

Während cassapeia und TalentumSAP in den ersten beiden Runden noch mit Abstimmungsproblemen kämpfen, kommt SAPHARIs Roboter mit den Spielfeldbedingungen vor Ort von Anfang an gut zurecht.

Vor stimmungsvoller Kulisse mit Hunderten begeisterter Zuschauer entscheidet SAPHARI mit 925 Punkten und dem High Score von 976 Punkten den Wettbewerb bereits nach zwei Runden für sich. Das Team gewinnt den Sieger-Pokal für das Robot Game, vor den beiden starken Gegnern cassapeia und TalentumSAP.

Mit den ersten drei Plätzen in der Kategorie Robot Performance zeigen die SAP-Teams auch, dass sich die FIRST LEGO-League Förderung des Unternehmens auszahlt. „Ohne die Unterstützung von SAP könnten wir Teamreisen zu internationalen Wettbewerben nicht finanzieren“,  erläutert Angelika Hanesz, Coach von TalentumSAP, dem siebenköpfigen Team aus der Slowakei. „Wir sind dem Unternehmen sehr dankbar für seine finanzielle Unterstützung.“

Die FIRST LEGO League ist seit 2003 fester Bestandteil des gesellschaftlichen Engagements der SAP. Das Unternehmen finanziert den SAP-Teams ein Roboter-Set und den Robot-Game-Spielplan, übernimmt die Teilnahmegebühren und Reisekosten. 2015 hat die SAP 94 SAP-Teams aus Deutschland, Bulgarien, Ungarn, Polen, Slowakei, Österreich und der Schweiz gefördert. Davon haben sich drei Teams  für die FLL Open European Finals in Spanien und ein Team für das FLL World Festival in St. Louis, USA, qualifiziert.
In der Saison 2015/16 unterstützten rund 200 SAP-Mitarbeiter in sieben Ländern ca. 800 Kinder bei der Teilnahme am Wettbewerb – alles ehrenamtlich.

Informatik-Lehrerin Angelika Hanesz ist überzeugt, dass die FLL der beste Weg ist, um Kinder und Jugendliche auf spielerischem Wege mit Robotik und Programmieren vertraut zu machen. „Sie lieben den Wettbewerb und sind stolz auf das, was sie hier leisten.“ Und die Begeisterung für Technik ist anhaltend: „Mein Berufswunsch ist klar“, sagt Zoltan Szitas, der den Roboter für das Team TalentumSAP gebaut hat,  „ich möchte Ingenieur bei der NASA werden und Roboter für den Einsatz im Weltraum konstruieren.“

Aber FIRST LEGO League ist weit mehr als Roboterdesign und Programmierung, bemerkt Zoltan. „Das wichtigste, das ich hier gelernt habe, ist, wie man wissenschaftlich forscht und seine Ergebnisse selbstbewusst in einer Fremdsprache präsentiert.“

Auch der 17-jährige Tim Waibel, mit sieben Jahren Wettbewerbserfahrung der Junior-Coach im cassapeia-Team und zum letzten Mal dabei, fühlt sich durch seine Zeit in der FLL enorm bereichert: „Ich habe einen starken Bezug zur Informatik gewonnen, denn mein Schwerpunkt war die Programmierung des Roboters. Aber viel wichtiger noch ist, dass ich gelernt habe, im Team zu arbeiten, Themen selbstständig anzugehen, Aufgaben zu verteilen und zu organisieren – das sind Dinge, die man in der Schule so nicht lernt.“

Tim hat im April sein Abitur gemacht und möchte später Informatik studieren. Aber vorher wird er ein freiwilliges soziales Jahr an einem Heidelberger Gymnasium ableisten und dort ein Schulteam für die FLL trainieren. Und er wird in der nächsten Saison anfangen, ehrenamtlich als Wettkampfrichter die FLL Zentraleuropa zu betreuen. Auch nach Ende seiner aktiven Karriere bleibt er seiner Leidenschaft treu.

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Tims Beispiel ist kein Einzelfall: Thomas Madeya, Juror für Robot-Design auf Teneriffa, hat vor zehn Jahren selbst als Coach eines Walldorfer Teams angefangen. „Als die Jungs und Mädchen dann die Altersgrenze erreicht hatten, wollten sie unbedingt weiter machen“, erzählt er. Wir haben einfach das Geschäftsmodell geändert und sind Juroren geworden.“ Nun helfen er und seine inzwischen erwachsenen fünf Jungs und zwei Mädchen bei FLL-Turnieren vom Regionalniveau angefangen bis zur Open European Championship. Sein Verein „Nano Giants Academy e.V. betreut außerdem Nachwuchs-FLL-Teams in ganz Deutschland  und organisiert Test-Runs. Sein Ziel: die Begeisterung für die coolen LEGO-Roboter an möglichst viele junge Leute weitergeben.

Christian Engraf, erst seit dieser Saison im Team SAPHARI, ist dem FIRST LEGO League-Virus bereits verfallen. Sein stolzes Fazit nach vier Tagen Wettbewerb auf Teneriffa: „Mein absolutes Highlight war die erfolgreiche Kooperation unseres Teams mit cassapeia. Wir haben dabei parallel an zwei angrenzenden Tischen das Robot Game gespielt. Nach Erledigung aller Aufgaben im Spielfeld tauschten die Roboter über die Tische hinweg zwei Kästen mit LEGO-Bauteilen aus und brachten sie zurück in ihre Bases, alles in der Spielzeit von 2:30 min. Das gab’s noch nie, das ist eine Weltpremiere.“

Zusammen stellten beide Teams einen neuen Punkte-Weltrekord im Robot Game auf. Und noch wichtiger, Christian lernte eine wichtige Lektion fürs Leben: dass man mit anderen kooperieren kann, selbst wenn man gegeneinander im Wettbewerb steht. In der FIRST LEGO League-Welt heißt das: Coopertition.

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