BPM kennt kein Verfallsdatum

Feature | 11. April 2007 von admin 0

Herr Jost, IDS Scheer hat sein Produktportfolio unlängst in Lösungen gegliedert – warum?

Jost: IDS Scheer ist vor vielen Jahren mit der Idee gestartet, Geschäftsprozesse grafisch und betriebswirtschaftlich zu beschreiben und Hilfen zu geben, diese zu optimieren und in der Implementierungsphase technologisch umzusetzen – kurz: mit der Idee, Geschäftsprozess-Management zu betreiben. Unser erstes Produkt war ARIS Toolset. Im Lauf der Jahre hat das Thema Business Process Management immer weitere Kreise gezogen. Wie gestaltet man SAP-Einführungen prozessorientiert? Wie gestaltet man Prozesse gemäß den gesetzlichen Richtlinien – Stichwort Compliance-Management? In jüngster Zeit lautet eine dringliche Frage, wie sich die Geschäftsprozesse in einer Service-orientierten Architektur umsetzen lassen. IDS Scheer hat dann hierfür verschiedene Werkzeuge entwickelt, die in der ARIS Platform zusammengefasst werden.

Doch der Nukleus all dieser Themen ist immer der Geschäftsprozess. Und unsere Kunden möchten natürlich nicht aus einer Vielzahl von Software-Werkzeugen zusammen suchen müssen, was sie für ihre SAP-Einführung, eine Compliance-Lösung, den Aufbau einer SOA-Architektur oder die Reorganisation ihrer Geschäftsprozesse brauchen. Daher haben wir unsere Werkzeuge, etwa für die Modellierung oder das Audit-Management, nun in sechs übersichtlichen Lösungen gebündelt, den ARIS Solutions, bestehend aus Software & Methoden für erfolgreiches BPM. Wir haben Pakete geschnürt für Process-Driven SAP, Enterprise BPM, Business-Driven SOA, Enterprise Architecture Management, Process Intelligence & Performance Management und Governance, Risk & Compliance. Unseren Kunden sind diese Lösungen transparenter.

Diese Bündelung wurde auf Wunsch der Kunden vorgenommen?

Jost: Ja. Zum Beispiel Audi. Das Unternehmen beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dem Geschäftsprozess-Management. Dann begann die IT-Abteilung, eine Enterprise Architecture aufzubauen. Ein anderes Team wiederum erarbeitet die Service-Definitionen für diese Architektur. Das hängt natürlich alles zusammen: Die Services haben die Geschäftsprozesse als Basis und müssen in die Enterprise Architecture integriert sein. Und damit kam die Frage auf, ob sich nicht die notwendigen Produkte hierfür auch bündeln ließen. Unternehmen beginnen häufig mit der Prozessdarstellung, mit der Transparenz der Prozesse, mit deren Optimierung. Dann verwenden sie die Prozesse, und führen darauf aufbauend SAP-Software ein. Dann schaltet sich das Finanzwesen ein und fordert, die Lösung müsse in Hinblick auf Compliance oder Auditing bestehen. So geht eine Phase in die andere über. Das entspricht dem Solutions-Gedanken.

Die Gemeinsamkeit der Lösungen ist, dass alle auf dem Kern des Prozess-Managements beruhen: Beschreibung der Prozesse, Implementierung der Prozesse und Monitoring der Prozesse. Was sich verändert, ist der Blickwinkel, mit dem ich das betrachte. Wenn in einem Unternehmen ein Compliance-Management gefordert ist, muss ich natürlich Prozesse beschreiben, umsetzen und kontrollieren. Aber: Ich betrachte die Prozesse unter dem Blickwinkel „In welchen Prozessen habe ich welche Risiken, wie groß sind sie, wie kann ich Risiken messen und natürlich auch vermeiden?“ Wenn ich SAP-Software einführe, lauten meine Fragen „Wie kann ich mit der SAP-Lösung meine Prozesse am effizientesten unterstützen?“ Will ich eine Service-orientierte Architektur aufbauen, muss ich fragen „Wie kann ich meine Prozesse in Services überführen, wie kann ich die Services implementieren, wie schaffe ich es, sie zu überwachen?“

Was ist das Besondere an der Zusammenarbeit zwischen SAP und IDS Scheer?

Jost: SAP und IDS Scheer verfolgen seit langer Zeit ein gemeinsames Ziel: Die Prozesse ihrer Kunden effizienter und innovativer zu machen. Basis hierfür ist ein prozessorientiertes Einführen, Betreiben und Monitoren der SAP-Software. Im ersten Schritt der Zusammenarbeit lag das Ziel darin, die mit einer SAP-Lösung abgebildeten Geschäftsprozesse transparent machen. Im zweiten Schritt boten wir den Kunden dann die Möglichkeit, über die beschriebenen Geschäftsprozesse die SAP-Software einzuführen. Hierzu entwickelten wir gemeinsam eine Schnittestelle zwischen ARIS und dem SAP Solution Manager. Der dritte Schritt wird jetzt das Thema Service-orientierte Architekturen sein.

Mit Enterprise SOA liefert SAP nicht mehr ausschließlich nur komplette ERP- oder CRM-Pakete aus, sondern so genannte Enterprise-Services. Der Kunde hat nun die Flexibilität, diese Enterprise-Services so zu End-to-End Prozessen – etwa Sell from Stock – zu montieren, wie er sie für sein spezifisches Geschäftsmodell benötigt. Ändern sich die Anforderungen, ändert der Kunde lediglich die „Montageanleitung“ und nicht den Quellcode. Ist das erledigt, kann er von den relevanten Enterprise-Services in die Konfiguration gehen und die Software prozessorientiert konfigurieren. Sprich: Erst werden die Prozesse sichtbar gemacht, dann erfolgt ein Mapping Prozess-Enterprise-Services, dann werden die Services von SAP prozessorientiert konfiguriert.

In dieser Durchgängigkeit von der Betriebswirtschaft bis hin zum konfigurierten System sind SAP und IDS Scheer den Wettbewerbern voraus. Zwar haben auch andere Anbieter wie IBM Modellierungs-Werkzeuge, aber rein aus der technologischen Systemsicht. Für die betriebswirtschaftliche Modellierung, die ja den ersten Schritt ausmacht und die unabhängig von der Software ist, braucht es jedoch einen neutralen Partner. Deshalb ist SAP die Partnerschaft mit IDS Scheer eingegangen. ARIS ist ein integrierter Bestandteil der Business-Process-Platform von SAP. Die Flexibilität des Kunden, Geschäftsprozesse ohne großen Aufwand kontinuierlich den sich wechselnden Marktanforderungen anzupassen, ist für mich der größte Vorteil dieser Plattform. Da die Änderungszyklen immer kürzer werden, ist diese Prozessflexibilität eine unabdingbare Notwendigkeit.

Verwischen sich nicht die Grenzen zwischen den ARIS Solutions? Kann ich denn beispielsweise ernsthaft Business Process Modelling betreiben ohne ein Enterprise Architecture Managament?

Jost: Natürlich verwischen die Grenzen. Ein Unternehmen kann zwar entscheiden, ob es jeweils seine Prozesse für Compliance, Enterprise Architecture oder die SAP-Lösung getrennt modellieren will. Doch die logische Frage wäre, ob sich nicht alle drei Bereiche auf eine gemeinsame Modellierung einigen können. Denn die Prozesse gibt es nur einmal. Doch diesen Zusammenhang sehen viele Unternehmen noch nicht. Mit unseren Lösungen wollen wir sie jedoch genau dorthin führen.

Was ist mit dem Mittelstand – sind Modellierungs-Werkzeuge wie ARIS nicht viel zu mächtig für dessen Zwecke?

Jost: Die Notwendigkeit, Prozesse aktiv zu managen, ist unabhängig von der Unternehmensgröße. Jedes Unternehmen, egal wie groß es ist, hat Prozesse, und die Effizienz der Prozesse ist maßgeblich für den Erfolg. Unterschiedlich sind natürlich Budget und Ressourcen, die kleinen oder großen Unternehmen jeweils zur Verfügung stehen. Doch durch die Business-Process-Plattform und die neuen Mittelstands-Lösungen der SAP wird die Technologie immer einfacher. Neue Technologien sind am Anfang immer schwierig und komplex. Die ersten Autos wurden nur von Chauffeuren gefahren, die ersten Computer wurden nur von Spezialisten betätigt. Die ersten BPM-Lösungen waren nur für Spezialisten. Aber nach jetzt zehn Jahren BPM sind Aufwand und nötiges Know-how für BPM-Lösungen nicht mehr so hoch.

Ich bin daher fest davon überzeugt, dass sich BPM auch im Mittelstand durchsetzen wird. Ob das bis zu 50-Mann-Unternehmen durchgreift, wage ich zwar in Frage zu stellen. Aber ich denke, bei Unternehmen ab etwa 300-500 Mitarbeitern wird Business Process Management künftig gängige Praxis sein, zumal SAP ja wie gesagt mit seiner Business-Process-Plattform ohnehin die integrierten ARIS-Produkte anbietet. Diese Unternehmen werden BPM vielleicht nicht in extenso betreiben wie die Großkonzerne, werden aber auch nicht mehr darauf verzichten können.

Gibt es in Hinblick auf BPM so etwas wie „Branchenlieblinge“?

Jost: Mit als erstes hat die Automobilbranche auf BPM gesetzt, dicht gefolgt von den Banken. Mit der Masse an gesetzlichen Regelungen und Deregulierungs-Anforderungen sind in jüngerer Zeit öffentliche Verwaltungen, Telekommunikationsunternehmen und auch Energieversorger aufgesprungen. Nicht zu unterschätzen ist der Verteidigungssektor. Kein Wunder: Jede Armee ist im Prinzip ein Selbstversorger, dort gibt es alles, Küchen, Abfallentsorgung, Energieversorgung, Kommunikationseinheiten, Fuhrpark und Werkstätten, Kleider und Wäschereien, Nachschub, kurz: eine ganze Welt für sich mit allen zugehörigen Logistik-Prozessen. Die wollen gemanagt werden. Aber im Prinzip ist BPM eine branchenunabhängige Aufgabe.

Ist Business Process Management ein „regionales“ oder ein globales Phänomen?

Jost: Europa und speziell Deutschland waren schon immer stärker methodisch orientiert. Es herrschte auch gerade bei Geschäftsprozessen ein gewisser Engineering-Charakter vor. In den USA ging man lange mit den Geschäftsprozessen hemdsärmeliger um. Zwar kam die erste Welle des Geschäftsprozess-Reengineering (BPR) aus den USA. Aber dieses BPR war weniger methodisch-konzeptionell als vielmehr von der Vorgehensweise geprägt. Ist ein Flow-Chart erst einmal gemalt, dann werden die Geschäftsprozesse schon so ablaufen. Das ist aber längst vorbei. Mit einem Flow-Chart lassen sich die Geschäftsprozesse möglicherweise visualisieren – falls die Realität tatsächlich damit übereinstimmt – aber nicht analysieren und messen. Die USA ziehen daher im methodischen Ansatz nach – getrieben von Compliance-Anforderungen wie dem Sarbanes Oxley Act aber auch von SOA-Projekten. Dasselbe lässt sich auch für Asien sagen.

Also sind SOA-Konzepte oder Compliance-Anforderungen die „neuen“ Treiber für BPM?

Jost: Prinzipiell schon. Wichtig aber ist, dass egal ob das aktuelle Thema E-Business heißt oder SOA: An den Geschäftsprozessen führt kein Weg vorbei. Sie sind der Kern eines jeden Unternehmens. Das Ziel wird immer sein, die Geschäftsprozesse effizienter und innovativer zu gestalten, egal ob es darüber hinaus weitere Treiber gibt oder nicht. Business Process Management kennt kein Verfallsdatum.

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