Soccer team in a huddle

Industrie 4.0: Chancen und Risiken sind auf viele Schultern verteilt

5. Mai 2014 von Anja Paschke-Hess 0

In der Industrie 4.0 werden Maschinen immer stärker vernetzt – Nils Herzberg von der SAP AG erläutert die Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft.
Nils Herzberg

Nils Herzberg, SAP

Herr Herzberg, als Global Head of Discrete Industries bei SAP sind Sie für mehrere Branchen zuständig. Welche Trends sehen Sie für die Zukunft?

Nils Herzberg: Mein Aufgabenbereich erstreckt sich von der Flugzeug- und Automobilindustrie über den Maschinenbau bis hin zur Hightech- und Softwareindustrie. All diesen Branchen ist gemeinsam, dass die Vernetzung zwischen Geräten oder Produktionsmaschinen einerseits und Software andererseits immer mehr zunimmt, und das exponentiell.

Wohin wird das führen?

Herzberg: Ob das Gerät nun einen festen Standort hat, wie eine Maschine, oder ob es sich bewegt, wie ein Auto, das Grundprinzip ist immer das gleiche: Das Gerät stellt Informationen zur Verfügung. Die Geräte können „sprechen“, und diese Informationen werden an anderer Stelle analysiert, um daraus einen Mehrwert zu erzeugen.

So lässt sich die Wartung einer Offshorewindkraftanlage vorausschauend planen, damit die Servicetechniker eher tagsüber bei ruhigem Wetter ihre Arbeiten ausführen können und die Anzahl der Notfälle – dann womöglich bei starkem Seegang – minimiert wird. In der Flugzeugindustrie werden solche Anwendungsmöglichkeiten schon länger eingesetzt, daher ist das nicht wirklich neu. Neu ist, dass das Konzept nun zunehmend massentauglich wird.

Und damit nicht nur die Industrie, sondern auch die Verbraucher erreicht?

Herzberg: Die Vernetzung findet sowohl B2B als auch B2C statt. „Connected Cars“ ist für Unternehmen mit Fuhrpark und auch für die Fahrer selbst eines der großen Themen. Man denke nur an die Möglichkeit, schnell einen Parkplatz oder die günstigste Tankstelle in der Umgebung zu finden, weil das Auto gut informiert ist und den Fahrer führt.

Für Endverbraucher geht die Vernetzung noch weit über „Connected Cars“ hinaus: Im „Connected Home“ werden auch Haushaltsgeräte vernetzt sein, um dem Kunden Mehrwert bieten zu können, zum Beispiel bei der Ferndiagnose einer Waschmaschine vor einer Wartung und Reparatur.

Der steigende Komfort für die Kunden ergibt sich aus besseren Vorhersagen der Unternehmen über das Verhalten von Mensch oder Maschine. So bieten große Händler schon heute in Deutschland dem Käufer einer Elektrozahnbürste eine Verbrauchsvorhersage für Bürstenköpfe an. Aber ob nun bei Geräten für Verbraucher oder bei Maschinen für Unternehmen – mittel- bis langfristig verbindet beide Bereiche auch eine Änderung beim Thema Eigentum bzw. Nutzung.

Was meinen Sie damit?

Herzberg: Ein gutes Beispiel ist die Art und Weise, wie wir Musik konsumieren: Wir müssen nicht mehr wie früher die Musik-CD in der Hand haben, es reicht, einen Onlinedienst zu nutzen. Im Alltag zeigt sich immer deutlicher, dass die Nutzer einer Leistung nicht unbedingt auch Eigentümer sein müssen. Ein Automobilhersteller hat nicht den Ehrgeiz, Eigentümer Hunderter Gabelstapler zu sein, das ist nicht sein Geschäftsmodell.

Ein anderes Beispiel sind die Drucker in den Büros: Sie müssen nicht dem Nutzer gehören – es ist vielleicht effizienter, für die Nutzung pro bedrucktem Blatt Papier zu zahlen. Im Gegenzug muss der Toner nicht nachbestellt werden; er kommt bei niedrigem Füllstand automatisch per Post. Ein solches Servicemodell wird, nicht zuletzt dank der übermittelten Daten, künftig noch stärker die Märkte bestimmen.

Das klingt nach ganz neuen Geschäftsmodellen für Industrieunternehmen?

Herzberg: Definitiv. Aus den Daten, die ein Kompressor bei einem Automobilhersteller sendet, erhält der Kompressorenhersteller nicht nur Informationen über den Zustand des Geräts, sondern erfährt auch, wie viel verdichtete Luft es produziert hat. Ein neues Geschäftsmodell könnte sein, nicht mehr das Gerät zu verkaufen, sondern stattdessen den Nutzen.

Also frei nach Theodore Levitt: „Der Kunde will keinen Bohrer haben, sondern ein Loch in der Wand“?

Herzberg: Ja. Der Industriekunde zahlt letzten Endes nicht für den Kompressor, sondern für die verdichtete Luft.

Und für die Unternehmen reduzieren sich die Investitionen?

Herzberg: Das stimmt. Die Investitionen in Maschinen oder Geräte werden sich reduzieren, während die Nutzung des Geräts, in unserem Beispiel die verdichtete Luft aus dem Kompressor, als Betriebsausgabe läuft.

Bei sinkenden Stückzahlen in der Produktion beim Kunden verdient dann aber auch der Hersteller der Produktionsmaschinen weniger …

Herzberg: Auch das ist richtig: Wenn der Autohersteller weniger verdichtete Luft kauft, weil er weniger Autos produziert, reduziert das seine Betriebsausgaben – beim Kompressorenhersteller sinken jedoch die Umsätze. Künftig werden sich wirtschaftliche Risiken so auf mehrere Schultern verteilen. Ob ein Autohersteller wenige oder viele Autos verkauft: Der Kompressorenhersteller wird an den Chancen und auch an den Risiken beteiligt sein.

Die Vernetzung von Geräten und Maschinen führt also zu einer stärkeren Vernetzung der Wirtschaft?

Herzberg: Ein klares Ja. Künftig sind nicht nur einzelne Maschinen oder Fahrzeuge stärker miteinander vernetzt – es betrifft die Wirtschaft insgesamt.

Weitere Informationen:
Die aktuelle Ausgabe des interaktiven Onlinemagazins stellt die wichtigsten Trends zum Thema „Industrie 4.0“ vor – hier lesen.
Industrie 4.0: Intelligente Instandhaltung mit Lösungen von SAP – Video anschauen.
Video: Open Integrated Factory – eine Co-Innovation von Festo Didactic, Elster und dem SAP Co-Innovation Lab.

Tags: ,

Leave a Reply