„Industrie 4.0 absolut notwendig“

30. Oktober 2013 von Tobias Essig und Vasco Alexander Schmidt 0

Scott Bolick (left) and Nils Herzberg. (Photo: SAP)

Scott Bolick (links) ist Vice President, Nils Herzberg Senior Vice President für Branchenlösungen bei SAP. (Foto: SAP)

SAP.info: Computertechnologie verbindet die physische und digitale Welt auf allen Ebenen der Produktion. Fachleute sprechen schon von einer vierten industriellen Revolution. Welche Unternehmen sollten sich also Gedanken über Industrie 4.0 machen?

Scott Bolick: Anfangs war Industrie 4.0 nur für Unternehmen in der verarbeitenden Industrie relevant. Mittlerweile ist das Thema größer geworden. Viele Unternehmen überwinden die traditionellen Branchengrenzen und operieren über ganze Wertschöpfungsketten hinweg. Das Konzept von Industrie 4.0 unterstützt dies, indem es Systeme, Netzwerke und Maschinen miteinander verknüpft und dadurch smart macht. So werden schließlich Smart Factories, Smart Grids und sogar Smart Cities möglich.

3D-Druck eröffnet neue Geschäftsmodelle

Nils Herzberg: Ein Beispiel ist der 3D-Druck. Heute werden mehr Produkte nach Kundenspezifikationen gefertigt. Es gibt also für jeden Kunden eine andere Konstruktion. Ein 3D-Modell eines digitalisierten Produkts lässt sich im Handumdrehen an jeden Ort schicken. Dadurch können Ersatzteile direkt dort hergestellt werden, wo sie gebraucht werden. Das 3D-Modell hilft auch dabei, wenn das Produkt später gewartet werden muss. Das eröffnet uns völlig neue Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Individualisierung und Teilen werden allgegenwärtig

Nils Herzberg. (Photo: SAP)

“In Deutschland wissen die Unternehmen bereits recht genau, was Industrie 4.0 bedeutet”, sagt Nils Herzberg. (Foto: SAP)

Welche Veränderungen wird es in den kommenden 5, 10 oder 20 Jahren geben? Womit rechnen Sie?

Scott Bolick: Ich beobachte im Moment einen Trend hin zur Individualisierung. Unternehmen wie Verbraucher interessieren sich für individuelle Produkte und Dienstleistungen. Dazu müssen Unternehmen mit einer Losgröße eins produzieren. Als weiterer Trend ist zu erkennen, dass das klassische Eigentum an Bedeutung verliert. Die Menschen wollen Gegenstände nicht mehr besitzen, sondern lediglich nutzen. Man möchte kein Auto besitzen, sondern eines fahren, wenn man es braucht. Das Gleiche gilt für Musik. Meine Generation hat noch CDs zu Hause, aber immer mehr Menschen hören Musik über Nutzerkonten in der Cloud.

Konzept des Eigentums verliert an Bedeutung

Ich weiß nicht, was für Veränderungen uns in 5, 10 oder 20 Jahren erwarten, aber ich bin sicher, dass Individualisierung und Teilen allgegenwärtig sein werden. Wir kaufen und verkaufen nicht mehr nur, sondern bezahlen verbrauchsbasiert. Das ist ein anderes Modell.

Welcher Trend oder welches Szenario gefällt Ihnen hierbei besonders?

Nils Herzberg: Meine Söhne, Zwillinge, sind acht Jahre alt. Für ihre Generation spielt das Konzept des Eigentums einfach keine Rolle. Dieser Trend ist nicht nur bei Verbrauchern zu beobachten, sondern auch bei Unternehmen. Ein Fahrzeughersteller zum Beispiel besitzt vielleicht tausend Gabelstapler. Wozu? Das Unternehmen will sie nur nutzen. Wenn der Fahrzeughersteller für die Nutzung bezahlt, muss der Hersteller der Gabelstapler zusätzliche Risiken tragen. Plötzlich muss der Lieferant Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit garantieren. Wie kalkuliert er den Preis für diese Leistung? Wie kommt er an Daten über den Zustand der Stapler?

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wirtschaft geht vom Eigentums- zum Verbrauchsmodell über

Dieses Beispiel zeigt, dass Industrie 4.0 keine Kür, sondern eine absolute Notwendigkeit ist, da die Wirtschaft von einem Eigentumsmodell zu einem Verbrauchsmodell übergeht. Unternehmen, die schon jetzt anfangen, über neue Prozesse nachzudenken, werden eindeutig einen Wettbewerbsvorteil haben.

Was trägt die SAP als Anbieter von Unternehmenssoftware zu Industrie 4.0 bei? Was ist Ihr Ziel?

Scott Bolick: Wir werden Lösungen anbieten, mit deren Hilfe unsere Kunden entlang neuer technischer Möglichkeiten Wertschöpfung erzielen können. Mit der Initiative „Idea-to-Performance“ können Unternehmen die Chancen von Industrie 4.0 schon heute nutzen. Dieser ganzheitliche Ansatz bietet Technologien und Methoden aus den fünf Marktkategorien der SAP: Big Data, mobile Lösungen, Cloud-Lösungen, Analytik und Anwendungen. Die IT-Infrastruktur und Roadmap, die daraus resultieren, unterstützen Unternehmen beim Wandel von einer eigentums- zu einer verbrauchsbasierten Wirtschaft.

Keine Standardrezepte für den Einstieg in Industrie 4.0

Was empfehlen Sie Unternehmen, die in Industrie-4.0-Szenarien und -Geschäftsmodelle einsteigen möchten?

Nils Herzberg: Da gibt es keine Standardrezepte. Die Vorgehensweise hängt vom Unternehmen und seiner Position in der Logistikkette ab. Ein verarbeitendes Unternehmen zum Beispiel steht vor anderen Herausforderungen als ein Maschinenbauer. Man muss die Sache mit Abstand betrachten, das Tagesgeschäft ausblenden, und herausfinden, wo die größten Chancen liegen. Letztlich geht es darum, den größten Nutzen für Ihren Kunden zu schaffen. Im Lauf der Zeit werden sich bestimmte Anwendungsfälle herauskristallisieren, die besonders sinnvoll sind. Es wird Inseln der Prozessinnovation geben.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie die Idea-to-Performance-Initiative der SAP funktioniert

Scott Bolick. (Photo: SAP)

“Unternehmen wie Verbraucher interessieren sich für individuelle Produkte und Dienstleistungen”, sagt Scott Bolick. (Foto: SAP)

Scott Bolick: Wir beginnen normalerweise mit Design-Thinking-Workshops, um die Sache in Gang zu bringen. Zunächst kommen Personen mit unterschiedlichem Hintergrund in einer kreativen Atmosphäre zusammen, um Ideen für konkrete Geschäftsszenarien zu entwickeln. Im nächsten Schritt bewerten sie die diversen Ideen nach verschiedenen Kriterien, zum Beispiel Wertschöpfung oder Verbrauch an Ressourcen, sei es Personal, Energie, Material oder Geld. Dann erstellen sie ein Raster mit den strategisch wichtigsten Themen. Danach legen wir die Reihenfolge der Maßnahmen fest und erstellen eine Roadmap. Einige Komponenten bilden die Grundlage, auf die wiederum andere aufbauen. Mit dieser leistungsfähigen Methodik können unsere Kunden smarter, schneller und einfacher wachsen. Dies ist der Ansatz der Idea-to-Performance-Initiative der SAP.

Auch Unternehmen in den USA investieren in Industrie 4.0

Die Bezeichnung „Industrie 4.0“ stammt aus Deutschland, aber betreffen die Veränderungen der Produktion nicht die ganze Welt?

Nils Herzberg: In Deutschland wissen die Unternehmen bereits recht genau, was Industrie 4.0 bedeutet. Aber das Thema ist tatsächlich weltweit relevant. In den USA wird bereits massiv in fortgeschrittene Fertigung investiert. Durch jahrelanges Outsourcing hat das Land erheblich an Fertigungskapazität verloren. Jetzt hat es begonnen, den Trend umzukehren. Dabei können die Konzepte, Methoden und Innovationen von Industrie 4.0 helfen. Das gilt für Schwellenländer wie China, Brasilien und Indien genauso wie für weitere traditionelle Industrieländer wie Korea und Japan.

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