Inflation der Maschinen

27. März 2014 von Andreas Schmitz 0

Foto: Fotolia

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Autos, die im Display angezeigt bekommen, wie schnell sie für die grüne Welle fahren müssen, Maschinen, deren Sensoren schon kurz vor dem Ermüdungsbruch das Auswechseln der Kurbelwelle empfehlen, Smartphones, die Puls, Kalorienverbrauch und Kilometerzahl beim Joggen analysieren und mit der Peer-Group vergleichen: Industrie 4.0 ist längst im Alltag angekommen. Die Herausforderung aktuell liegt nicht darin, überhaupt neue Lösungen zu finden, sondern jene zu forcieren, die neben Nutzwert auch finanzielle Anreize bieten. Wirtschaftsingenieur Heiko Flohr macht sich Gedanken über Use Cases und schraubt neue Produkte zusammen, als “Chief Product Owner” bei SAP.

Herr Flohr, wie konnte es nur dazu kommen, dass Maschinen bald nicht mehr ohne Software funktionieren?

Noch ist es nicht ganz so weit. Klar ist nur, dass sich das Internet in 30 Jahre enorm entwickelt hat. Zu Beginn kommunizierten die Unis miteinander, dann Menschen untereinander in sozialen Netzwerken, nun beginnen die Maschinen sich mit den Menschen zu unterhalten.

… der Softwareanteil in Maschinen nimmt derzeit drastisch zu!

Das stimmt. Schauen Sie sich die neuesten Automodelle an. Man hat den Eindruck, dass es den Kunden fast egal ist, ob der Motor von VW, BMW, Mercedes oder Toyota kommt: Autohersteller differenzieren sich immer mehr über die Entertainment-Komponenten und die Elektronik im Auto. Schon längst sind die Automobilhersteller auch auf den Entertainmentmessen wie der CES in Las Vegas zu Hause und nicht ausschließlich auf Automobilmessen. Werkzeugmaschinen sehen inzwischen aus wie Spielecomputer. Wir gehen aktuell von weltweit etwa 50 Milliarden Maschinen aus, bei weit weniger Computern oder Autos. Die Inflation der Maschinen hat gerade erst begonnen.

50 Milliarden Maschinen, weit weniger Autos

Das setzt allerdings voraus, dass es genug spannende Anwendungen für die Maschinen gibt, die sich auch in Geld ummünzen lassen …

Momentan zeigt sich ein Trend, dass mehr und mehr Maschinen dem Kunden nicht mehr gehören. Die Services der Maschine bestimmen letztlich deren Wert und geschäftliches Potenzial. Nehmen Sie den Bereich Connected Cars. Sie wollen abends in die Stadt zum Theater. Die Parkplätze sind rar. Da ist es gut, wenn Sie schon vorher einen Parkplatz buchen können, auch wenn Sie das zehn Euro kostet. Allerdings müssen dafür eine Reihe von Informationen orchestriert werden. Wo befindet sich das Auto? Ist es realistisch, trotz des aktuellen Verkehrsaufkommens rechtzeitig zum Parkplatz zu gelangen? Ist der Halter des Wagens kreditwürdig? Alle diese Informationen müssen in Windeseile beschafft und zusammengebracht werden und die richtige Entscheidung daraus abgeleitet werden. Im Hamburger Hafen wissen LKW-Fahrer bereits, bevor sie in den Hafen fahren, ob das Schiff schon da ist, in das die Ware verfrachtet werden soll, wo sie ggf. parken oder sich ausruhen können, bis es soweit ist. Und zwar, ohne einen Stau zu verursachen. Dass der neue smarte Hafen nicht nur dem LKW-Fahrer, sondern auch der gesamten Hafenlogistik gute Dienste leistet, scheint klar. Nicht so klar ist jedoch, wer den größten Nutzen aus dem Service zieht. Ist es der Spediteur, der Hafenbetreiber oder der Parkplatzverwalter? Das Business-Modell ist hier noch nicht zu Ende gedacht. Das ist bei vielen der neuen Business-Modelle so.

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Verschiedene Parteien müssen nun mitmachen, wenn es darum geht, ein gemeinsames Produkt auf den Markt zu bringen: In diesem Fall vielleicht die Dienstleistung für Speditionen, die aufgrund der exakten Logistikinformationen eine reibungslosere Abwicklung der Be- und Entladung möglich machen …

Das Besondere ist, dass in diesem Fall gleich mehrere Beteiligte Nutzen aus der neuen Technologie ziehen. Es entsteht gewissermaßen eine Win-Win-Win-Situation. Das ist an sich eine schöne Änderung gegenüber der vorherigen Denkweise. Allerdings ist der Mindset „Solution Provider“ selbst bei den Entwicklern der neuen Lösungen noch nicht wirklich angekommen. Oft ist es bei Industrie 4.0-Ansätzen so, dass drei wichtige Fragen nicht beantwortet sind: Wer betreibt die Lösung, wer bezahlt sie und was passiert, wenn sie nicht so funktioniert wie sie soll?

Das heißt, dass Industrie 4.0 vor allem daran krankt, dass sich niemand für die Business-Modelle zuständig fühlt?

Industrie 4.0 ist eine junge Entwicklung, da kann auch noch nichts kranken. Die technischen Möglichkeiten sind da. Maschinen und Internet lassen sich miteinander verbinden. Mobile „devices“ lassen sich einfach verwalten und einbinden. Zudem liefern die Maschinen jede Menge Daten. So viele, dass inzwischen schon Agenten eingesetzt werden, so genannte Enterprise-Streaming-Event-Prozessoren, die die wichtigsten Informationen rausfiltern. In manchen Autos sind beispielsweise GSM-Sensoren schon eingebaut. Gewissermaßen in weiser Voraussicht, dass sich eines Tages noch mehr gute Geschäftsmodelle finden, die die Ortsinformation für sich nutzen können. Mit der In-Memory-Technologie SAP HANA bietet SAP natürlich eine Schlüsseltechnologie, die sich in denen neuen Business-Netzwerken sehr gut einsetzen lässt, um die großen Mengen an Daten schnell filtern zu können – zum Nutzen des Kunden.

SAP HANA lässt sich in neuen Business-Netzwerken sehr gut einsetzen

Menschen lieben Vergleiche. Da werden sich doch Business-Cases finden lassen!

Entsprechende Apps nutzen beispielsweise Sport-Apps, die genau dieses Benchmarking möglich machen. Über mein Alter und Geschlecht etwa kann ich genau herausfinden, wie fit ich im Vergleich zur Peer-Group bin – im Vergleich also zu den anderen, die auch mit dieser App `ne Runde im Wald gejoggt sind. Natürlich lassen sich auch Anwendungen finden, die für Szenarien im Job geeignet sind. Per Geo-Fencing lassen sich Mitarbeiter quasi elektronisch von Gefahrenszonen fernhalten. Und über verdrahtete Jacken der Arbeiter auf Ölplattformen meldet sich sofort ein Alarm, falls Arbeiter über Bord gegangen sind.

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Das sind doch sehr spezielle Anwendungen. Welche Wege gibt es, die Suche nach Business-Modellen zu systematisieren?

Die Logik ist immer die Gleiche. Innovationen bauen aufeinander auf, und zwar in drei Stufen. Zunächst einmal gibt es die Technologie, dafür müssen Applikationen her, deren Services letztlich den Mehrwert für den Kunden liefern.

Nehmen wir der Einfachheit halber einen Rasenmäher, der automatisch den Rasen von zwei Hektar Größe in 5 Millimeter Länge abrasiert. Über GPS könnte er automatisch die Idealroute berechnen, Hindernisse umfahren und so weiter … Hier ist die Technologie vorhanden, Anwendungen implementiert. Nur die „echten“ Services fehlen noch …

Genau hier beginnen die Überlegungen, die letztlich dazu führen, Services mit Mehrwert zu schaffen. Beispielsweise könnte es am besten sein, den Rasen bei einer bestimmten Luftfeuchte zu mähen, aus der Trockenheit und Färbung des Rasens Empfehlungen für die Düngung des Rasens zu berechnen. Letztlich ist eine Anwendung gut, die die Kosten senkt und die Umsätze steigen lässt. Da sich allerdings nicht vorhersagen lässt, welche Geschäftsmodelle für Industrie 4.0 in den kommenden Monaten und Jahren gefunden werden, ist es auch so schwierig, das wirtschaftliche Potential von Industrie 4.0 zu berechnen.

Industrie 4.0: Services mit Mehrwert müssen her

In welchen Anwendungen und Szenarien sehen Sie heute schon einen echten Mehrwert?

Predictive Maintenance ist für mich ein Entry-Szenario für Industrie 4.0. Dabei reichen Maschinen über Sensoren Daten weiter, aus denen zuverlässig vorhergesagt werden kann, wann Bauteile ermüden und ausgewechselt werden sollten. Ausfallzeiten von Maschinen lassen sich damit genau kalkulieren und minimieren.

Smart Logistics ist ebenfalls sehr spannend. Das Pilotprojekt im Hamburger Hafen zeigt, was möglich ist, wenn Staus vermieden und der Lieferverkehr im Hafen optimiert wird.

Ebenfalls sehr interessant erscheint mir der Bereich des „Smart Manufacturing“. Motorradhersteller Harley Davidson etwa bietet seine Produkte individualisiert, aber als Serienprodukte an. Diverse Varianten der Kultbikes sind schon vorgedacht. Im Prinzip kann ein Kunde sein Motorrad schon sechs Stunden nachdem er es bestellt hat, fertig zusammengeschraubt abholen. Die gesamte Logistikkette ist von der Konfiguration bis zum „Shop floor“ hochintegriert. Ist die Bestellung eingegangen, hat auch der Verkäufer im Laden und der OEM diese Bestellung vorliegen. Da wird niemand die gleiche Bestellung noch einmal eingeben müssen.

Sicher auch interessant ist der 3D-Druck von Produkten, wie es etwa Nike kürzlich mit Sportschuhen zeigte. Ob diese Laufschuhe dann auch die optimale Dämpfung und Wetterfestigkeit besitzen wie herkömmlich gefertigte Schuhe, sei allerdings mal dahingestellt. Das alles ist jedoch erst der Anfang einer Serie von hochinteressanten Business-Modelle der Zukunft, die wir heute noch gar nicht kennen.

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