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Integration braucht Zeit

Blog | 1. Juli 2016 von Iris Nagel-Martin 0

Von den Flüchtlingen, die in Deutschland angekommen sind, wollen viele bleiben. Doch: Funktioniert die Integration und wenn ja, wie? Eine SAP-Mitarbeiterin gibt ganz persönliche Einblicke in ihren Freundeskreis.

Für mehr als einen Kaffee habe sie keine Zeit, sie wolle noch weiter zu der syrischen Familie, die seit kurzem da sei und der sie helfe, sich im neuen Leben in Deutschland zurechtzufinden, erzählt meine Freundin Nada Georges. Eine Familie mit Kindern?, frage ich nach, denn da kenne ich mich aus. Ja, ob sie denn etwas benötigten? Ja, kommt es spontan, eigentlich alles. Schnell packe ich ein paar Haushaltsgegenstände zusammen, für die Kinder ein bisschen Kleidung und Spielzeug. Eine magnetische Tafel, auf der man mit Plastikbuchstaben Wörter zusammensetzen kann, muss auch noch mit in Nadas Auto. Damit lernen sich lateinische Buchstaben bestimmt einfacher, denke ich, ganz Redakteurin.

Die syrische Familie, das sind Hala Alede und Ibrahim Shalhoub mit ihren beiden Töchtern Grace und Lea. Hala hatte eine gut dotierte Stelle als Direktorin der Französischen Schule Damaskus, Ibrahim arbeitete als Vorstandsmitglied in der Verwaltung der Syrian Air. Vor dem Krieg begannen die Tage mit der Fahrt zur Arbeit, während sich die Großmutter um die Kinder kümmerte. Das Personal übernahm den Rest, putzte und kochte. Friseurbesuche, Maniküre, Fitness-Studio – man genoss das Leben. Die christliche Familie zählte zur privilegierten Schicht. In Deutschland ist das anders: eine Drei-Zimmer-Mietwohnung, selbstgeputzt, ein kleines Auto, selbstbezahlt. Dafür endlich Ruhe, keine Bomben und die Aussicht auf ein friedliches Leben.

Die erste Zeit in Deutschland

Im ersten halben Jahr in Deutschland, im Frühsommer 2013, hatte Nada bei jeder sich bietenden Gelegenheit Grace im Schlepptau, die große Tochter, sieben Jahre alt und sehr still. Mit großen Augen schaute sie unsere Meerschweinchen an. Kommunikation war noch nicht möglich. Nada führte sie in ihren Freundeskreis ein, brachte sie so oft es ging mit andern Kindern und der deutschen Kultur zusammen. Nada, selbst vor Jahrzehnten ihrer libanesischen Heimat beraubt, weiß, wie wichtig es ist, Integration aktiv zu fördern, gerade bei Kindern. „Die Kinder sind unsere Zukunft. Es ist wichtig, dass sie die deutsche Kultur schnell kennenlernen“, ist sich Nada sicher. Im Herbst 2013 wurde Grace dann eingeschult.

Der Krieg soll draußen bleiben

Als die Familie Alede-Shalhoub nach Deutschland kam, tobte in Syrien schon zwei Jahre der Terror. Syriens Probleme schienen von Europa noch weit weg, der Krieg war „da unten im Süden“. Worte wie Balkanroute oder Kontingentlösung gehörten damals noch nicht zum europäischen Wortschatz. Mit welcher Wucht das „da unten“ bald ganz nah bei uns sein würde, ahnte damals noch niemand.

Tatsächlich weiß ich erstaunlich wenig, was die Familie im Krieg erlebt hat. Zwei Monate vor dem Abflug verbrachten sie vor lauter Angst nur noch in ihrem Haus. Jede Explosion bestärkte den Entschluss zu fliehen, erzählt Hala vorsichtig. Die Antworten kommen dürftig – ich möchte nicht weiter nachfragen, Hala nicht weiter antworten. Zu schlimm ist das Erlebte, zu viel Betroffenheit. Unsere gemeinsame Erlebniswelt ist eine andere: Es geht darum, Normalität zu schaffen, das Grauen wenigstens ein bisschen in den Hintergrund zu drängen.

Es ist Sommer 2014, als wir im Garten sitzen und grillen, zwei deutsche Familien, eine libanesische, eine syrische. Die Deutschen haben noch nie woanders gelebt, die Libanesen wohnen seit dreißig Jahren in Deutschland, die Syrer seit etwa einem Jahr. Die Kinder hüpfen auf dem großen Trampolin oder rennen durchs Haus, Ibrahim stopft die Wasserpfeife, die mein Mann und ich vor zwanzig Jahren auf einem tunesischen Bazar erstanden haben. Wir reden übers Essen – viel übers Essen! –, über Autos, über Handys, über Schwimmunterricht für die Kinder und übers Deutschlernen. Wir reden Deutsch, Arabisch, Französisch, jeder wie er kann. Wir reden nicht über den Krieg. Der soll draußen bleiben.

Hala und Ibrahim absolvieren fleißig ihre Deutschkurse. Sie sind Perfektionisten, schließen alle Kurse mit Eins ab. Parallel dazu beginnen sie, am gesellschaftlichen Leben der Region teilzunehmen: Hala singt im Chor und geht zum Tauschring. Außerdem übersetzt sie für andere, frisch angekommene Flüchtlinge. Beide suchen intensiv Kontakt zu deutschen Familien und ihrer Kultur, es gibt viele Verabredungen und Essens-Einladungen. Deutsch zu sprechen fällt beiden immer leichter, besonders Hala kann durch ihr Sprachtalent glänzen. Doch reicht es schon, um sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt bewerben zu können? Macht doch ein Praktikum, schlage ich vor. Da könnt ihr die Sprache lernen und sammelt gleichzeitig Berufserfahrung. Auch mir half ein Praktikum – trotz vorangegangener Jobpraxis – bei meinem jetzigen Arbeitgeber SAP Fuß zu fassen. Das war vor sechszehn Jahren. Wo sind denn die guten Jobs?, fragt Ibrahim. Tja, die gibt es, doch sie hängen hoch in Deutschland.

Inzwischen hat Hala ihre ersten Bewerbungen losgeschickt. Sie gibt Nachhilfe für Schüler in Französisch, das klappt schon ganz gut, und hält ihre ersten Kurse an der Volkshochschule. Leider kann man damit noch keine Familie ernähren.

Immer mehr Flüchtlinge kommen

Wieder ein Jahr später, 2015. Flüchtlinge strömen nach Europa, in Deutschland macht sich eine Welle der Hilfsbereitschaft breit. Im Spätsommer dann der Schock: Drei Tage nach Ende der Sommerferien werden die ersten Grenzkontrollen wieder eingeführt. Parallel dazu signalisieren deutsche Firmen Unterstützung, so etwa auch die SAP. Hundert Praktikumsplätze möchte sie ausschließlich für Flüchtlinge bereitstellen, verkündet Stefan Ries, seit kurzem im Vorstand der SAP SE. Nicht viel angesichts der Massen, aber ein Anfang.

Ich leite die Information an Hala und Ibrahim weiter. Bitte, schaut regelmäßig auf der SAP-Homepage nach, da tut sich was. Ich bin stolz auf „mein“ Unternehmen, das nicht nur mit dem Praktikums-Angebot ein Signal setzt: Zehn Flüchtlinge bekommen die Chance auf einen Studienplatz zum Wirtschaftsinformatiker an der Dualen Hochschule Mannheim. Konkrete Initiativen wie Design-Thinking-Workshops mit den Flüchtlingen werden ins Leben gerufen. Das Engagement der Mitarbeiter selbst ist überwältigend: In Österreich trainiert ein Sales-Kollege u.a. Flüchtlingskinder im Flagfootball, eine Kollegin kocht mit Flüchtlingen und bietet die Speisen als Catering an. Neben finanziellen Spenden aus dem eigenen Portemonnaie engagieren sich viele SAPler freiwillig in zahlreichen Projekten. Des Weiteren arbeiten Kollegen an der softwareseitigen Umsetzung zur Bewältigung der Flüchtlingskrise. Zudem bietet die SAP kostenlose Deutschkurse für Ehrenamtliche an, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen möchten. Über openSAP, die offene Online-Schulungsplattform der SAP, lassen sich diese Kurse buchen. Auch hier arbeiten zahlreiche Kollegen als Deutschlehrer mit.

Anfang 2016: Hala arbeitet inzwischen als freischaffende Französischlehrerin. Ibrahim absolviert ein Praktikum in einem Architektenbüro. Ihr Deutsch hat sich weiter verbessert, die beiden haben einen „Integrationsvorsprung“ gegenüber den vielen Flüchtenden, die erst 2015 nach Deutschland kamen. Doch noch immer können sie finanziell nicht auf eigenen Füßen stehen. Bald muss sich etwas tun.

Dann im Mai, ein Anruf. „Iris, ich habe ein Praktikum bei der SAP bekommen!“ freut sich Hala. „Erzählst du mir was über deine Firma?“ Wow, ich freue mich mit ihr. Beim Berichten merke ich, wie ich – so gar nicht deutsch – ins Schwärmen komme: Dass die SAP ein toller Arbeitgeber sei und ein der wenigen wirklich globalen Firmen in Deutschland. Wie viele Kulturen und Nationen es bei uns in Walldorf gibt und dass sie das mit dem Englisch schon hinbekommen werde. Dass wir morgens zusammen nach Walldorf fahren können oder sie mit der App TwoGo auch locker eine Mitfahrgelegenheit abends nach Hause findet.

Morgen ist der große Tag – Halas Praktikum in Walldorf beginnt. Sie sei sehr aufgeregt, sagt sie. Ich bin mindestens genauso aufgeregt. Viel Glück und Erfolg in deinem Praktikum, meine neue Kollegin!

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf SAP Business Trends

Foto: Shutterstock

 

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