Renaissance der Produktion

Feature | 21. Dezember 2010 von Bernd Seidel 0

Im Interview: Peter Löscher, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG (Foto: Siemens)

Im Interview: Peter Löscher, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG (Foto: Siemens)

Halten Sie die Wirtschaftskrise für überstanden?

Peter Löscher: Inzwischen ist das Wachstum zurückgekehrt, und alle Anzeichen deuten darauf hin, dass wir das Tal durchschritten haben. Es wird jedoch noch dauern, bis wir insgesamt wieder das Niveau aus der Zeit vor der Krise erreichen werden.

Zudem sehen wir ein Wachstum in zwei Geschwindigkeiten: Während die Industrienationen bei etwa zwei bis drei Prozent liegen, entwickeln sich die Schwellenländer weiter überdurchschnittlich mit sechs bis sieben Prozent.

Ihre Bedeutung hat während der Wirtschaftskrise weiter zugenommen. Dies wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich fortsetzen. Bis 2014 dürfte etwa 50 Prozent des weltweiten Wachstums aus den Schwellenländern kommen.

Was ist an der momentanen wirtschaftlichen Situation anders als an vorherigen?

Löscher: Das Besondere an dieser Krise ist das Ausmaß der Auswirkungen – sie waren globaler als je zuvor. Als Konsequenz aus der Finanzkrise wird es in vielen Industriestaaten eine Re-Industrialisierung geben.

Mit welchen Folgen rechnen Sie?

Löscher: Die alles überlagernde Bedeutung der Banken- und Finanzbranche, und damit die des Dienstleistungssektors, wird abnehmen. Es wird darauf ankommen, die Balance zwischen Produktion und Dienstleistung wieder herzustellen.

Voraussetzung für eine Renaissance der Produktion sind natürlich immer die Menschen, die diese Entwicklung auch vorantreiben können. Um dem viel diskutierten Fachkräftemangel entgegenzuwirken, ist das Thema „Vielfalt“ oder „Diversity“ bei Siemens ein fester Bestandteil der Konzernstrategie.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Drei globale Megatrends

Das Paradigma des ewigen Wachstums steht laut Wirtschaftsanalysten auf dem Prüfstand: Märkte sind gesättigt, die Nachfrage wird zum Teil künstlich hoch gehalten. Gibt es eine Alternative zu stetigem Wachstum? Wie könnte sie aussehen?

Löscher: Wir sehen drei globale Megatrends, die die gesellschaftliche Entwicklung der nächsten Jahre und Jahrzehnte prägen werden: Urbanisierung, demografischer Wandel und Klimawandel sind die großen Herausforderungen, die wir meistern müssen.

Die Bevölkerung nimmt stetig zu, vor allem in den Entwicklungsländern. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter. Als Anbieter von Gesundheitslösungen arbeiten wir ständig daran, die Qualität der Gesundheitsversorgung zu verbessern und deren Kosten zu senken.

Ein weiterer Megatrend ist die zunehmende Verstädterung. Bereits heute leben mehr als die Hälfte der Menschen in Städten und es werden immer mehr. Saubere Luft, sauberes Wasser, eine verlässliche und effiziente Infrastruktur und Energieversorgung sind gefragt – und das möglichst umweltschonend.

Wir könnten allein durch den Einsatz bereits vorhandener Siemens-Lösungen heute sofort 40 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen einsparen.

Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Löscher: Selbstverständlich. Singapur gewinnt mit Siemens-Technik ein Viertel seines Trinkwassers aus Brauchwasser, in Norwegens Hauptstadt Oslo fährt eine neue Metro, die rund 30 Prozent weniger Energie als ihr Vorgängermodell verbraucht und die zu 95 Prozent wiederverwertbar ist.

Das City-Maut-System von Siemens entlastet Londons Innenstadt. Und die mit modernen LEDs ausgestatteten Ampelanlagen in Hauptstädten wie Berlin, Budapest und Wien verbrauchen 80 Prozent weniger Strom als herkömmliche Leuchten. Und das sind nur einige von vielen Beispielen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Das Potential von Umwelttechnik

Siemens betont stets seine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Unternehmerische Verantwortung. Lassen sich profitables Wachstum und nachhaltiges Wirtschaften innerhalb der natürlichen Grenzen und angesichts der globalen ökologischen Herausforderungen überhaupt miteinander vereinbaren?

Löscher: Ökonomische und ökologische Aspekte schließen sich nicht aus. Ganz im Gegenteil. So war es bereits Mitte des 19. Jahrhunderts der Leitgedanke unseres Firmengründers Werner von Siemens, bahnbrechende technische Innovationen mit hohem Nutzen für Kunden und die Gesellschaft zu entwickeln.

Und daran hat sich nichts geändert. Heute ist Siemens der weltweit größte Anbieter umweltfreundlicher Technologien und Lösungen. Damit erzielen wir inzwischen ein Drittel unseres Umsatzes und haben 2009 – im schlimmsten Jahr der Krise – in diesem Segment sogar Zuwächse um elf Prozent erzielt.

Wie hoch schätzen Sie das Potenzial von Umwelttechnik insgesamt ein?

Löscher: Umwelttechnik wird die Leitindustrie des 21. Jahrhunderts. Experten schätzen, dass sich dieser Markt in den nächsten zehn Jahren auf ein Volumen von rund drei Billionen Euro verdoppeln wird.

Es war unser Plan, den Siemens-Umsatz mit energieeffizienten Produkten bis 2011 auf 25 Milliarden Euro zu steigern. Dieses Ziel werden wir bereits ein Jahr früher erreichen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie sinnvoll sind Konjunkturprogramme?

Wie wirkt sich Ihre Nachhaltigkeitsstrategie bei Kunden und Lieferanten aus?

Löscher: Als Siemens-Konzern haben wir uns zum Ziel gesetzt, das weltweit erste Industrieunternehmen mit einer durchgehend umweltfreundlichen Lieferkette zu sein. In den nächsten zwei Jahren werden wir bis zu 100 Millionen Euro in unsere eigenen Standorte  investieren, um deren Energie- und Umweltbilanz zu verbessern.

In diese Initiative beziehen wir unsere Zulieferer mit ein. Dazu haben wir unsere 1.000 größten Lieferanten mit besonders energieintensiven Produktionsprozessen ausgewählt und bieten ihnen einen sogenannten Umwelt- und Energiecheck durch unsere Experten an.

Wir gehen davon aus, dass sich allein bei diesen Lieferanten der CO2-Ausstoß um 1,5 Millionen Tonnen und die Energiekosten um etwa 170 Millionen Euro pro Jahr senken ließen.

Wie sinnvoll sind aus Ihrer Sicht die Konjunkturprogramme? Sie haben angekündigt, Aufträge über 15 Milliarden Euro aus den weltweiten Konjunkturprogrammen zu gewinnen – wie ist der aktuelle Stand?

Löscher: Wir liegen gut im Plan. Allein in den letzten drei Quartalen haben wir aus den internationalen Konjunkturprogrammen über unsere drei Sektoren Industry, Energy und Healthcare hinweg Aufträge für mehr als vier Milliarden Euro erhalten.

Die von den Regierungen verabschiedeten staatlichen Investitionen waren ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, der zur schnellen und notwendigen Stabilisierung der Wirtschaft beigetragen hat und auch weiterhin positive Effekte zeigen wird.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: IT in der heutigen Gesellschaft

Auf welche Bereiche und Segmente konzentriert sich Siemens – neben der Umwelttechnik – derzeit und in naher Zukunft ganz besonders?

Löscher: Wir wollen unsere Aktivitäten in Wachstumsmärkten weiter ausbauen. Siemens ist in 190 Ländern vertreten, in vielen davon schon seit mehr als 100 Jahren. Durch unsere Stellung in der Welt haben wir beste Voraussetzungen, von der hohen Dynamik in aufstrebenden Märkten – wie derzeit den Schwellenländern – zu profitieren.

So haben wir unseren Umsatz in den BRIC-Staaten, also Brasilien, Russland, Indien und China, allein in den vergangenen vier Jahren mehr als verdoppelt. Ein weiterer wichtiger Wachstumsimpuls kommt aus dem Servicegeschäft. Unsere breit installierte Basis eröffnet uns Geschäftschancen bei den Dienstleistungen für die Kunden.

So stammt beispielsweise ein Drittel der weltweiten Gasturbinenleistung in der Energieerzeugung von Siemens. Durch zusätzliche Leistungen werden wir unser Angebot im Service über alle unserer drei Sektoren hinweg konsequent verstärken.

Wie kann IT dazu beitragen, in der volatilen Welt besser agieren und reagieren zu können?

Löscher: IT spielt in der heutigen Gesellschaft eine zentrale Rolle und leistet einen wichtigen Beitrag für die Wettbewerbsfähigkeit. Dabei gewinnen die IT-Steuerung und die Vernetzung von Software mit industriellen Lösungen zunehmend an Bedeutung.

Im Siemens-Konzern arbeiten weltweit rund 17.000 Software-Entwickler daran, unser Branchen-Knowhow im Industrie-, Energie- und Gesundheitsbereich in einzigartiger Weise mit IT-Expertise zu verknüpfen.

Von intelligenten Stromnetzen der Zukunft, den sogenannten Smart Grids, oder der Integration von technischen und betriebswirtschaftlichen Systemen in einem Kraftwerk über die kosteneffiziente Verwaltung von Patientendaten im Gesundheitssektor bis hin zu Product-Lifecycle-Management für Fertigungsunternehmen der Industrie – ohne innovative IT wäre all das nicht denkbar.

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