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Ein Schutzhelm reicht nicht aus: IoT rettet Leben in Katar

Blog | 18. Mai 2017 von Judith Magyar 3

Baustellen sind gefährliche Orte. Deshalb haben SAP und SK Solutions gemeinsam eine Lösung entwickelt, die nun auf einer Baustelle in Katar besseren Arbeitsschutz gewährleistet und somit Leben rettet.

Ich stehe an einer Straße in Katar. Wo einst Kamele vorbeizogen, rattern nun hunderte von Lastwagen an mir vorbei.

Neben mir steht Philippe Garnier, Betriebsleiter bei QDVC, einem erfolgreichen Bauunternehmen aus Katar. Garnier ist verantwortlich für die Maschinen und Fahrzeuge, die benötigt werden, um eine neue 14-spurige Ringautobahn rund um die Stadt Doha. Vor zehn Jahren war hier nichts anderes als Sand zu sehen. Er erzählt, dass der Bau dieses 40 Kilometer langen Abschnitts vier Jahre dauern werde.

„Wenn hier bald Autos entlangfahren, wird es auch nur eine Straße wie jede andere sein“ erklärt er. „Dann wird niemand mehr an die Tausenden Bauarbeiter denken, die hier unter der heißen Wüstensonne, weit entfernt von ihren Familien, gearbeitet haben.“

Garnier denkt täglich an diese Menschen. Neben den Maschinen ist er auch für die Sicherheit und das Wohlergehen der mehreren Tausend Bauarbeiter und aller Baustellenbesucher verantwortlich – für jedes einzelne Bauprojekt von QDVC im gesamten Emirat.

Der Horizont um uns herum ist übersät mit Baukränen. Diese Giganten aus Stahl stellen eine enorme Gefahr dar, wenn sie umstürzen oder zusammenstoßen. Auf Baustellen von QDVC kann dies glücklicherweise nicht passieren – dank SK Solutions, einer 3D-Antikollisions-Software, die speziell entwickelt wurde, um Menschenleben zu retten.

„Wir setzen die Software schon seit sieben Jahren erfolgreich ein und hatten in der Zeit noch keinen einzigen Arbeitsunfall oder Schaden“, betont Garnier.

Leben retten

Die Idee für SK Solutions powered by SAP HANA stammt von Dr. Severin Kezeu, einem der ersten IoT-Pioniere. Bereits 1991 erkannte er, dass es möglich ist, Geräte durch ihre IP-Adresse im Internet zu steuern und dass alle Dinge auf diesem Weg miteinander kommunizieren können.

„Man muss nur alles mit Tags versehen, Maschinen und Ausrüstung, und die Arbeiter mit Wearables und Smartphones ausstatten. Und ansonsten ist nur eine IP-Adresse notwendig“, erklärt er und es hört sich tatsächlich ganz einfach an.

Kezeu stieß auf seinem Weg auf erheblichen Widerstand. Damals war nur das Militär an Antikollisions-Lösungen interessiert.  Außerdem stellte sich die Frage der Finanzierung. Alleine die Netzwerkkarte schlägt mit 100.000 US-Dollar zu Buche. 25 Jahre später hat sich jede Branche durch das Internet der Dinge komplett gewandelt.

„Ich habe es mir zum Ziel gesetzt, Leben zu retten. Für mich war es inakzeptabel, dass tagtäglich Menschen auf Baustellen ums Leben kommen. Daher stammte die Idee, eine Lösung zu entwickeln, die Unfälle und arbeitsbedingte Todesfälle verhindert. Neben erhöhter Sicherheit, trägt die Software auch zur Beschleunigung der Bauabläufe bei.

Kezeus bisher größtes Projekt war eine Baustelle in Saudi-Arabien mit 250 Kränen und 30.000 Bauarbeitern. Das gesamte Projekt verlief völlig problemlos.

Bessere Arbeits- und Lebensbedingungen

Die Halbinsel Katar war bereits vor 50.000 Jahren besiedelt. Heute liegt die Bevölkerungszahl bei rund 2,6 Millionen Einwohnern. 88 Prozent davon sind sogenannte Expats und Gastarbeiter.

Das kleine Emirat bereitet sich nun für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 vor. Es ist das erste Mal, dass ein arabisches Land Gastgeber einer WM sein wird. Doch seit der Vergabe gibt es kontroverse Diskussionen. So wird zum Beispiel die Behandlung der Arbeiter auf den Baustellen in Katar scharf kritisiert. Laut Amnesty International und anderen Organisationen sind die Arbeitsbedingungen inakzeptabel.

Ich spreche Philippe auf dieses Thema an und frage ihn, ob wir uns ein Arbeitercamp ansehen könnten. Zu meiner Überraschung antwortet er mit ja. „Ich kann nicht für andere Unternehmen sprechen“, sagt er, „aber unsere Arbeiter wohnen im Club Med der Arbeitercamps.“

Wir fahren von der Baustelle zur 30 Kilometer entfernten QDVC Campus City. Dort wohnen 4.000 Arbeiter in Zimmern mit zwei bis vier Betten.  Klimatisierte Busse stehen bereit, um sie zur Arbeit und zurück ins Camp zu bringen.

„Die Männer arbeiten 8-Stunden-Schichten und Überstunden werden bezahlt. Wir arbeiten rund um die Uhr. Aber bei Temperaturen über 38° Celsius brechen wir ab“, betont Philippe.

Der Campus ist so nachhaltig wie möglich. Strom wird selbst erzeugt. Um den Wasserbedarf zu decken, wurden eigene Brunnen gebohrt. Gemüsebauern und Viehzüchter vor Ort werden finanziell unterstützt. Die Kantine lässt keine Wünsche offen. Angeboten werden traditionelle Gerichte aus Indien, Afrika, Thailand, den Philippinen und den arabischen Ländern. Auf dem Gelände gibt es eine Moschee. In den Aufenthaltsräumen haben die Männer Internetzugang und ihnen stehen Sportanlagen zur Verfügung.

Die Wirtschaft breit gefächert aufbauen

Viele Länder sind in der Ära des Erdöls zu Reichtum gekommen. Doch diejenigen, die in das Wohlergehen ihrer Bürger investiert und ihre Wirtschaft breit gefächert aufgebaut haben, konnten am meisten profitieren. Laut World Happiness Report 2017 sind die Norweger das glücklichste Volk der Welt – trotz des Ölpreisrückgangs. Der Bericht, der in Kooperation mit den Vereinten Nationen veröffentlicht wird, umfasst rund 150 Länder. Katar, mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt, liegt auf Rang 37.

Seit einigen Jahrzehnten steht die wirtschaftliche Diversifizierung  ganz oben auf der Agenda der Länder des Golfkooperationsrates (GCC). Wirtschaftlicher Wandel ist kein leichtes Unterfangen. Er erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, der eine Vielzahl von Maßnahmen beinhaltet. Saudi Arabien zum Beispiel hat die Verwirklichung des Reformplans Vision 2030 angekündigt, um das Königreich zunehmend unabhängig von den Öleinnahmen zu machen. Eines der Ziele lautet, 35 Prozent der Wirtschaftsleistung mit kleinen und mittelständischen Unternehmen zu erzielen.

Experten raten Ländern, die wirtschaftliche Diversifizierung anstreben, drei Dinge zu beachten: einheimische Unternehmen aufwerten, so dass sie Wettbewerber auf Weltklasse-Niveau werden können; auf Digitalisierung setzen, um die wirtschaftliche Entwicklung zu beschleunigen und schließlich für gut ausgebildete Arbeitskräfte sorgen, die bereit sind, ihr Wissen zu erweitern.

Die nächste Generation ausbilden

Neben humanen Lebensbedingungen, investiert QDVC auch sehr stark in Weiterbildungsmaßnahmen.

„Personalbeschaffung ist immer eine Herausforderung“, gibt Philippe ehrlich zu. „Die Mitarbeiterfluktuation ist hoch. Von 15.000 Bauarbeitern bleiben manchmal nur 9.000, wenn Projekte fertiggestellt werden oder neue beginnen. 20 Prozent unserer Leute sind hochqualifizierte Ingenieure, die übrigen sind Maschinenführer und Arbeiter. Der Einsatz anspruchsvoller Lösungen und Systeme, wie die von SK Solutions, erfordert, dass die Maschinenführer regelmäßig geschult werden. Das ist ein wichtiger Teil unseres Programms.“

Wir fahren Richtung Flughafen und ich sehe die vielen Hundert Arbeiter, die Baukräne, Maschinen und Lastwagen. Wahrscheinlich wissen sie nicht, dass Leute wie Philippe und Severin sich für ihre Sicherheit und ihr Wohlergehen einsetzen. Aber ihr Leben verändert sich bestimmt – mit jeder neuen Maßnahme zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen oder zum Erlernen neuer Fähigkeiten.

Das ist der Weg, auf dem Fortschritt erzielt wird.

Folgen Sie Judith Magyar auf Twitter: @magyarj

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Business Trends in der SAP Community.

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