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Sensoren weisen den Weg in Barcelona

9. Dezember 2016 von Stephan Magura 0

Mit IoT-Technologien lassen sich die Visionen zukunftsorientierter Städte realisieren – vorausgesetzt, die Vorstellungen der Entscheider basieren auf einem nachhaltigen Geschäftsmodell.

Touristen lieben Barcelona. Wer will es ihnen verdenken? Ein urbanes Lebensgefühl, das mediterane Klima, grandiose Sehenswürdigkeiten inklusive einer mitunter atemberaubenden Architektur sind nur einige Gründe für einen ausgiebigen Besuch. Und die Gäste kommen in Scharen – so manchem Einheimischen wird das langsam schon zu viel.

Die intelligente Stadt steckt voller Sensoren

Ein weiteres Pfund, mit dem Spaniens zweitgrößte Stadt wuchern kann, fällt dem gemeinen Pauschalreisenden nicht sofort auf. Fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit hat sich die katalanische Metropole in den vergangenen Jahren zu einer „intelligenten Stadt“ par excellence entwickelt. Will man mehr über das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) und seine Einsatzmöglichkeiten wissen: Dort kann man es hautnah erleben.

Wer etwa spätabends ausgeht, bekommt mit, wie die Straßenbeleuchtung automatisch gedimmt wird, sobald weniger Leute unterwegs sind. Zusätzlich messen an den Lampen angebrachte Sensoren die Luftqualität. Und ganz nebenbei sind die Laternen Teil des städtischen WiFi-Netzes, das freien Internet-Zugang gewährt.

Ob Autofahrer geradewegs zum nächsten freien Parkplatz geleitet werden oder um den Wasserbedarf der Brunnen in öffentlichen Parks zu kontrollieren: Barcelona steckt voller Sensoren. Mal ermitteln sie den Energieverbrauch, mal steuern sie die Müllentsorgung: In den städtischen Mülltonnen befestigt, registrieren Messpunkte das Abfallaufkommen und liefern Daten, die dazu dienen, die Touren der Müllwagen optimal zu planen – aus Big Data wird Smart Data.

Barcelona spart Kosten dank IoT-Strategie und schafft Jobs

Nach Studien der Harvard-Absolventin Laura Adler hat Barcelona dank seiner IoT-Strategie allein 58 Millionen Dollar an Wasserkosten eingespart, etwa 50 Millionen Dollar jährlich an zusätzlichen Parkgebühren generiert und rund 47.000 neue Jobs geschaffen. Insgesamt identifizierte die Stadt zwölf Bereiche, in denen ab 2012 konkrete IoT-Vorhaben gestartet wurden – wobei die koordinierten IoT-Lösungen ursprünglich auf einem einzigen robusten Glasfasernetz aufbauten. Übrigens: Über das Internet können sich die Bürger jederzeit darüber informieren, wie es um die städtische Infrastruktur steht und welche Verbesserungen erzielt werden.

In Karlsruhe sind die Straßenlaternen smart

Ein ganzheitlicher Ansatz, wie ihn die Spanier fahren, verspricht am meisten Erfolg, weil sich Einzelprojekte dann effizient miteinander verknüpfen lassen, meint SAP-Experte Holger Tallowitz. „Überall dort, wo bereits Leitungen existieren, können grundsätzlich IoT-Anwendungen angedockt werden“, meint der Public-Services-Experte. Natürlich müsse man im Einzelfall bestimmte Voraussetzungen beachten: Wenn etwa wie in Karlsruhe intelligente Straßenlaternen gleichzeitig als Ladestationen für Elektroautos dienen – die Stadt hat ihr Pilotprojekt „Sm!ght“ (smart.city.light) zusammen mit dem Energieversorger EnBW und der SAP realisiert –, müsse das Stromnetz entsprechend ausgelegt sein. So ganz trivial sind IoT-Projekte also nicht.

Das weiß auch Columbus‘ Bürgermeister Anrew J. Ginther. Die Kommune im US-Bundesstaat Ohio hatte sich im Frühjahr in einem landesweiten Wettbewerb („Smart City Challenge“) gegen 78 Mitbewerber durchgesetzt. Sein Plan „SmartColumbus“ sei für alle „ein Lernprozess“; in einer Pressemitteilung bittet Ginther die Bürger um Geduld, während sich sein Team formiert, um „die gegebenen Versprechen einzulösen“. Columbus experimentiert unter anderem mit selbstfahrenden Bussen im öffentlichen Nahverkehr („CMAX“). Sie sollen Bewohner ländlicher Gebiete schneller zu ihren Jobs in der Stadt bringen und gleichzeitig den Transport von Bürgern in die Kliniken und zu den Gesundheitszentren zuverlässig gewährleisten. Die Region weist eine überdurchschnittlich hohe Kindersterblichkeitsrate auf. Hier will die Stadt gegensteuern.

Inzwischen hat sich um das Internet der Dinge ein regelrechter Hype entwickelt. Eher den Ball mal flach halten, rät Tallowith. Es komme immer darauf an, welche Strategie eine Stadt verfolge und was sie mit den Daten anfange. Technisch gesehen sei fast alles möglich, ergänzt Reiner Bildmayer. Der SAP-Entwickler aus Bernd Leukerts Vorstandsbereich P&I hat lange Zeit eine Art IoT-Grundlagenforschung betrieben. Bildmayer: „SAP HANA bietet an dieser Stelle unendlich viele Möglichkeiten.“

Ein anschauliches Beispiel dafür hat Joe Blinkley vom HCP Marketing auf der diesjährigen SAP TechEd in Las Vegas vorgestellt. Sein Modell eines „Smart Buildings“ kommuniziert via Sensoren mit der SAP HANA Cloud Platform, um das „Gebäude“ zu überwachen und zu steuern.

Das Internet der Dinge eröffnet die Möglichkeiten, Vorschriften setzen aber Grenzen 

Allerdings sollte man bei aller Euphorie auch nicht verschweigen, dass viele gut gemeinte IoT-Maßnahmen nach einem vielversprechenden Start nicht zu Ende geführt werden. Speziell in Europa bremsen rigide Verwaltungsvorschriften und die politischen Rahmenbedingungen so manches Projekt aus. Da sind die komplexen Ausschreibungsverfahren für öffentliche Projekte, die die Umsetzung innovativer Ideen auf die lange Bank schieben. Oft beeinflussen – und verzögern – Wahlperioden die Entscheidungsfindung der Verwaltungsoberen.

Generell mahlen die Mühlen im Public Sector aufgrund des öffentlichen Interesses, wie Steuergelder verwendet werden, etwas langsamer als in der Industrie (Tallowitz: „Im Public Sector dauert ein Quartal ein Jahr“). Hinzu kommen laut Bildmayer häufig falsche Vorstellungen hinsichtlich der Komplexität und der Realisierung von IoT-Projekten. „Oft scheitern Verhandlungen an der Frage, wer die Lösung nach der Einführung wie betreiben soll“, sagt Bildmayer und spricht aus Erfahrung. Dass dazu ein gewisses Budget nötig ist, das in der Regel nicht durch Fördergelder abgedeckt wird, sei nicht allen Entscheidern bewusst.

Zu einer Smart City gehören eben nicht nur smarte Bürger – sondern auch zupackende Lenker.

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