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IoT, Sensoren und die Digitalisierung: Können wir damit umgehen?

Blog | 21. Oktober 2016 von Kai Goerlich 8

Im Interview geht Dr. Yvonne Förster, Philosophie-Professorin an der Leuphana-Universität, der Frage nach, wie der digitale Wandel unser aller Leben beeinflusst.

Es scheint, als seien wir alle Teil eines großen Experiments. Wir stellen unser von Daten gelenktes Bewusstsein auf die Probe und testen, wie viele Informationen wir in welcher Geschwindigkeit verarbeiten können. Entwickelt sich das Internet der Dinge weiterhin so schnell, werden Sensoren und die Vernetzung aller Dinge bald mittels unzähliger interaktiver Geräte ein maßgeblicher Teil unseres Privat- und Berufslebens sein. Sogar Kaffeetassen könnten eines Tages vernetzt sein.

In einer solchen, von Daten gesteuerten, hochgradig vernetzten Welt wird unsere Wahrnehmung künftig von virtuellen und biologischen Erfahrungen abhängen. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, in welche Richtung wir uns bewegen, hatte ich das Vergnügen, mit Dr. Yvonne Förster, Professorin für Philosophie an der Leuphana Universität in Lüneburg und Senior Research Fellow (Medienkulturen der Computersimulation) zu sprechen.

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Professorin Yvonne Förster: Wie werden wir uns entwickeln, während wir durch Technik wie das Internet der Dinge die Welt verändern?

Der digitale Wandel vollzieht sich unglaublich schnell. Die Vorstellung fällt schwer, dass wir damit immer Schritt halten können. Werden wir Menschen einen Weg finden, mit der Geschwindigkeit der Veränderungen zurechtzukommen?

Algorithmen arbeiten zweifellos schneller als neuronale Prozesse. Und obwohl unsere physischen Reflexe und unsere Intuition relativ schnell sind, sind sie immer noch langsamer als die modernsten Computer. Wir müssen uns also noch vielen Herausforderungen stellen.

Viele unserer zukünftigen Erfahrungen in der digitalen Welt werden von technischen Geräten gesteuert werden, die in einem Zeitfenster von Mikrosekunden arbeiten. Das „Internet der Dinge“ ist ein Begriff, der dafür steht, wie die Technologie unser gesamtes Leben durchdringt. Milliarden von Sensoren und vernetzten Geräten messen – genauer gesagt erfühlen – verschiedenste Vorgänge in ihrer Umgebung. Die interessante Frage ist, wie sich solch eine veränderte Umwelt auf das menschliche Leben und Erleben auswirken wird. Wie werden wir uns entwickeln, während wir durch Technik die Welt verändern?

Wenn wir nicht so schnell arbeiten können wie Computer, werden wir Brüche zwischen unserer eigenen und einer mehr direkten, Daten-induzierten Erfahrung erleben?

Nicht unbedingt. Medienbrüche sind genau das, was die moderne Technologie vermeiden möchte. Reibungslose Abläufe und fließende Übergänge sind das Ziel heutiger Technologie. Dafür werden im Hintergrund laufende Anwendungen und lernfähige Systeme entwickelt.

Die Frage, wie Technologie unsere Wahrnehmung beeinflusst, ist Gegenstand philosophischer und künstlerisch-wissenschaftlicher Forschung. Medienkünstler versuchen sich am Unmöglichen: Das Unsichtbare sichtbar zu machen. Sie verleihen dem Innenleben digitaler Technik, ihren Algorithmen und ihrer Materialität Sichtbarkeit und Fühlbarkeit. Und dies ist es was im Stillen Wahrnehmung und Denken formt. Technologie ist ein Faktor kultureller Evolution.

Technologie ist ein Faktor kultureller Evolution. (Prof. Yvonne Förster)

Diese Form der Evolution war und ist kein passiver Prozess. Wir sind durch kulturelle Praktiken und Technologien in der Lage, unseren Körper und Geist aktiv zu verändern. Dies ist an sich gar nicht neu, denn bereits der Buchdruck hat das Denken des Menschen nicht nur symbolisch, sondern auch biologisch verändert. Neue Anforderungen in der Umwelt ziehen neue Organisationen der kognitiven Prozesse nach sich. Das Gehirn verändert sich mit seinen Aufgaben. Die digitalisierte Umwelt, das Internet der Dinge und der Wunsch, unsere Erfahrungswelt auszudehnen, werden wichtige Faktoren im Spiel der Evolution sein, die wir sorgfältig reflektieren sollten.

Wenn wir unsere Umwelt nur noch mit Hilfe zusätzlicher Geräte wahrnehmen können, wird die Natur uns irgendwann langweilen?

Das glaube ich nicht. Unser Erleben wird sich verändern: Mit großer Wahrscheinlichkeit werden der physische und der virtuelle Raum stärker zusammenrücken. Vielleicht sehen wir dank smarter Brillen demnächst nicht nur Spatzen beim Sonntagsbrunch, sondern auch ihre Vorfahren und Naturgeschichte. Hinsichtlich der technischen Entwicklung wird die Welt in den nächsten Jahrzehnten ein faszinierender Ort sein, in dem Mensch und Technik immer enger zusammenwachsen. Dies ist nicht neu, nur die Komplexität und Geschwindigkeit erreichen bisher nicht gesehene Level.

Denken Sie an unsere Wahrnehmung der Zeit, die über Jahrhunderte hinweg durch die Nutzung aller Art von Uhren vermittelt und verändert wurde. Für die Wahrnehmung von Natur bedeutet das, dass wir eigentlich nie einen unvermittelten Zugang zu dieser hatten. Bereits die Sprache und ihre Konzepte beeinflussen, wie wir wahrnehmen. Technik, vom Buchdruck zur Uhr zu Google Glasses hat einen großen Anteil an der Formierung von Wahrnehmung. Aber das heißt nicht, dass die Natur in diesem Prozess verschwindet. Es wird wichtig sein, die Verschiebungen und Veränderungen im Gefüge von Mensch und Umwelt zu verstehen. Wie etwa verändert die Präsenz von Sensoren unsere Erfahrung?

Und wie können uns Wearables und Sensoren dabei helfen, diese neuen Betrachtungsweisen zu entdecken?

Sensorenbasierte Technologie ist allgegenwärtig. Alles was messbar ist, wird aufgezeichnet und gespeichert, von der Anzahl unserer Schritte, dem Puls, Kalorienverbrauch, Shoppingverhalten, soziale Kontakte, Kalorienverbrauch bis hin zu den REM-Schlafphasen ist alles messbar und quantifizierbar. Alles dieses lässt sich in Zahlen ausdrücken. Bald werden Wände, Straßen oder Autos Augen haben – im wahrsten Sinne des Wortes. Das Wahrnehmen ist nicht mehr den Lebewesen vorbehalten. Es wird vielmehr ein allgegenwärtiger Teil unserer Lebenswelt sein. Das wird tiefgreifende Auswirkungen auf unsere Handlungen und Interaktionen haben. Vor allem wird es die Art und Weise verändern, wie wir mit Objekten interagieren. Unsere Lebenswelt wird durch das Internet der Dinge verändert.

Unsere Lebenswelt wird durch das Internet der Dinge verändert.

Wird jeder zwangsläufig digitalisiert?

Das sind wir bereits, denn die Computertechnologie macht einen wichtigen Teil unserer kognitiven Welt aus. Unsere Memotechniken beispielsweise sind zum großen Teil durch Google und Wikipedia ersetzt oder obsolet geworden. Die Medien, die wir benutzen, formieren, wie wir denken. Ein Schritt weiter in der Digitalisierung hieße dann, Technologie wird in den Körper integriert. Derzeit forscht beispielsweise Elon Musk an einem implantierbaren Gehirn-Computer-Interface, einem Neural Lace. Damit könnte man dann direkt, allein durch Gedanken auf das Internet und dessen Daten zugreifen, Die Idee ist, den menschlichen Körper und seinen Geist zu verbessern. Die meisten Menschen stehen solchen invasiven Technologien skeptisch gegenüber. Dieser radikale Eingriff ist jedoch letztlich nur die Fortsetzung kultureller Evolution mit anderen, biotechnologischen Mitteln. Ob invasiv oder nicht, der Mensch verändert sich genauso, wie dieser seine Umwelt verändert. Das bedeutet, dass wir uns aktiv mit unserem Verständnis von Technologie auseinander setzen müssen, damit wir mit den technischen Innovationen kritisch und kreativ umgehen können. Wir sehen diese Entwicklung bereits in der Kunst und in der Wissenschaft. Jennifer Gabrys beispielsweise nutzt do-it-yourself -Technologie und stattet Bürger aus Fracking-Regionen in Amerika mit Sensoren aus. Mit Hilfe der gemessenen Daten bekommen sie ein besseres Verständnis dafür, was Fracking für die Umwelt bedeutet und sind nicht allein auf Informationen der Unternehmen und Behörden angewiesen. Hier geht es um die Befähigung der Menschen, sich Daten anzueignen und diese nach eigener Maßgabe zu nutzen. Es gilt in Zukunft, über Eigentumsrechte in Bezug auf Daten und deren Nutzung zu diskutieren.

Werden wir eine Wahl haben, was wir wissen oder nicht wissen wollen?

Ja, wir werden eine Wahl haben. Kurzfristig wirken Szenarien wie Big Data erschreckend. In der Zukunft werden wir neue Strategien entwickeln, mit Daten umzugehen und die Rechte auf Privatsphäre zu schützen. Das wird Zeit, Erfahrung und Kreativität brauchen. Derzeit ist es vor allem entscheidend, sensibel für Ideologien zu sein. Wenn der Mensch auf Daten und Schlagworte reduziert wird, dann besteht die Gefahr, ihn im Ganzen zu verkennen. Das geschieht derzeit etwa im Versicherungswesen, wo die Verwendung von Algorithmen in der Datenauswertung zu irrationalen Verbrämungen des gesunden und leistungsfähigen Menschen führt.

Wird die Digitalisierung Einfluss darauf haben, wie ich meinen Körper künftig wahrnehme?

Das spielerische Element der Digitalisierung wird sowohl unser Lernverhalten beeinflussen als auch unseren Wissensraum erweitern. Wir ändern nicht nur unsere Denkweise oder unsere Entscheidungen, auch unser Körper verändert sich. So ändert sich die Hand-Auge-Koordination durch den Gebrauch von Handys, Tablets und Spielkonsolen. Auch die Form, wie Erinnerungen neuronal verarbeitet und gespeichert werden, ist veränderlich durch die Medien, welche wir zu externen Datenspeicherung und Bereitstellung nutzen.

Ein weiterer Aspekt der Wahrnehmung des eigenen Körpers in Zeiten der Digitalisierung ist die Messung durch Sensoren. Hier kommt es zu einer Quantifizierung der Körpererfahrung. Wir tendieren immer mehr dazu, uns als Zahl wahrzunehmen: als die Zahl der Schritte, die wir am Tag gegangen sind oder die Anzahl der Kalorien, die wir zu uns genommen haben.

Wie werden wir die Welt in Zukunft wahrnehmen? In Form von Datenströmen?

Die Welt um uns herum wird von sensorischer Interaktion bestimmt werden. Ich warte auf den Tag, an dem mein Kühlschrank mit mir darüber streitet, ob ich mir nun ein Steak oder einen Salat nehme. Noch interessanter ist die Frage, was passiert, wenn Informationen nicht mehr nur aus Text, Video oder Sprache bestehen, sondern auch unsere Körpertemperatur, Herzfrequenz und unsere Stimmlage analysiert und dargestellt werden. In dem Film Ex Machina entsteht aufgrund solcher Informationen der erste Androide namens AVA, der eine eigene Persönlichkeit entwickelt. Dennoch sind Daten nicht wahrnehmbar. Denkt man an die Sinnesdatentheorie der Wahrnehmung, dann ist klar, dass die Daten nur der Input für einen Verarbeitungsprozess sind, an dessen Ende eine Wahrnehmung steht. Wahrnehmungen haben sinnliche Qualität und existenzielle Bedeutung. Daten haben dies nicht, so lange sie nicht entsprechend ausgewertet werden.

Das Leben arbeitet nicht mit Daten. Bewegung und Wahrnehmung sind relationale Aktivitäten, die Sinnstrukturen erzeugen. Technologie hat Einfluss darauf, wie solche Sinnstrukturen entstehen und welche Art von Sinn darin erzeugt wird. Dieser Prozess wird im technologischen Bereich von Algorithmen bestimmt. Algorithmen, also sequenzielle Formen der Problemlösung gab es bereits vor den Computern, nun sind sie jedoch allgegenwärtig und übernehmen Aufgaben, welche früher Menschen erledigt haben, wie der Börsenhandel. Das Verhältnis menschlichen Denkens und algorithmischer Rationalität ist derzeit bereits Gegenstand größerer Projekte und wird zu einem der entscheidenden Problemfelder der Zukunft werden.

Wenn wir Daten eines Tages auf direktem Wege wahrnehmen könnten, wo ziehen wir dann noch die Grenze zwischen realer und virtueller Welt?

Derzeitige Technologien wie Augmented Reality und Google Glasses werden  nicht viel verändern. Selbst wenn die physische und die virtuelle Welt so miteinander verschmelzen, werden diese Technologien kaum unser Selbstverständnis beeinträchtigen. Das Selbstbild ist ein dehnbarer Begriff, da kulturelle Einwirkungen es von Grund auf verändern können. Meditationstechniken beispielsweise können unser Mitgefühl steigern und das Selbst kann sich in der Meditation oder im Tun auflösen.

Andere interessante Entwicklungen sind invasive Techniken, die unsere Wahrnehmungsfähigkeit ändern oder gar ersetzen können. Neil Harbisson beispielsweise kann Farben hören, und Enno Park benutzt ein Hörgerät, das mit einem Sprachprozessor verbunden ist, der Geräusche in digitale Signale umwandelt, die direkt an das Gehirn gesendet werden. Noch spannender ist die bereits erwähnte Idee eines Neural Lace als Interface zwischen Gehirn und Computer: Hier könnte man unter Umständen von einer unvermittelten Form der Wahrnehmung von virtuellen Informationen sprechen. Ob das heißt, wir nehmen dann reine Daten wahr, ist schwer zu sagen. Dafür wäre es notwendig zu definieren, was Daten genau sind. Die Informationen, um die es hier geht, sind jedoch zu verschiedenartig, um sie einfach als Daten zusammenzufassen.

Wenn der menschliche Körper mit der Technologie verschmilzt, können neue Formen des Fühlens und Handelns entstehen. Die Grenze zwischen Mensch und Technik wird fragwürdig. Aber das ist nichts Neues. Das Selbst war noch nie ganz unabhängig von Anderen, der Umwelt und den Technologien. Wir werden, was wir sind, indem wir mit unserer Umwelt und den Anderen im dauernden Kontakt stehen. Sobald wir einer fremden Person gegenüberstehen, verändern wir uns und dies gilt für jeden Kontakt, egal ob mit Natur oder Technik.

Werden wir uns in Co-Evolution mit den Maschinen entwickeln oder eher eine Welt wie im bekannten Blockbuster Terminator erschaffen?

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine ist ein Leitmotiv zeitgenössischer Kultur. Von Fritz Lang 1927 in seinem Meisterwerk Metropolis vorweggenommen, begegnen wir gerade im Kino unzähligen Superintelligenzen und posthumanen Lebensformen. Diese werden oft als Endzeitgeschichten erzählt. Darin drückt sich Faszination und zugleich Furcht vor den Folgen der technologischen Entwicklungen aus.

Wir werden lernen, dass sich Technologie auf unvorhersehbare und nicht programmierbare Weise weiterentwickelt. Solche Prozesse zu verstehen, fällt schwer, denn menschliche Wahrnehmung ist dafür nicht ausgerüstet. Angesichts dieser Schwierigkeit ist künstlerische Forschung und kritisches Denken gefragt, um in der Technikfolgenabschätzung aktiv zu werden. Neue Methoden und Denkweisen sind gefragt, um die Co-Evolution von Mensch und Technik verstehbar und erfahrbar zu machen.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie im Artikel „Live Business: The Importance of the Internet of Things.

Dieser Artikel wurde ursprünglich als Teil der Reihe Digitalist‘s 10 Weeks of Live Business veröffentlicht.

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