Schlussverkauf: Kampf ums Netz

Feature | 21. Januar 2010 von Christiane Stagge 0

Der Kampf um die restlichen Internetadressen hat begonnen. (Foto: Deutsche Telekom)

Der Kampf um die restlichen Internetadressen hat begonnen. (Foto: Deutsche Telekom)

Es ist fünf vor Zwölf: Wie die NRO, die Koordinierungsstelle der fünf regionalen Internet Registries (RIRs) in diesen Tagen bekannt gab, sind von den noch vergebbaren IPv4-Adressen derzeit  etwa zehn Prozent übrig. Schätzungen zufolge werden 2012 alle IPv4-Adressen vergeben sein. Experten warnen vor einem Krieg um die letzten IPv4-Ressourcen: Dass eine Firma eine andere Firma wegen IP-Adressen kauft, sei zukünftig nicht mehr auszuschließen.

E-Mails schreiben, Nachrichten lesen, Web-TV schauen oder unterwegs auf dem Smartphone das Postfach abrufen – das Internet ist aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Was ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt wurde und anfangs nur für einige US-amerikanische Hochschulen und das Pentagon gedacht war, verbindet heute weltweit rund 1,8 Milliarden Menschen. Von Google gibt es bereits über 20 Milliarden indizierte Webseiten.

IP-Protokoll für Datenvermittlung

Hinter http://www.sap.info, http://www.sap.com oder http://www.google.de stecken Kommunikationsprotokolle, die schichtweise organisiert sind und die Bitübertragung, Datensicherung, Datenvermittlung, den Transport und die Datenverarbeitung regeln. Das IP-Protokoll steht für die Vermittlung der Datenpakete. Es legt das Format fest und regelt das Routing, den Transport der Daten. Das IP-Protokoll gibt es aktuell in der Version 4. Es besteht aus einer Anordnung unterschiedlicher Ziffern zwischen 1 und 255 und vier Zahlenblöcken, wie beispielsweise 195.26.159.14. Der Router weist jedem Rechner eine IP-Adresse zu.

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Kampf um die restlichen IP-Adressen

IPv4 bietet einen Adressraum von über vier Milliarden IP-Adressen, der mittlerweile fast ausgeschöpft ist. Über 1,5 Millionen Online-Spielekonsolen wurden allein im August 2009 in den USA verkauft. Der ISP und Kabel-TV-Provider Comcast hat über 20 Millionen Kunden, aber nur 16 Millionen IPv4-Adressen.

Das Internet hat an Geschwindigkeit zugelegt und somit änderte sich auch das Nutzerverhalten: Online TV-Sendungen anzuschauen oder Radio zu hören ist mittlerweile selbstverständlich. Handys sind heute für das ständige mobile Internetsurfen ausgelegt. In naher Zukunft wird in vielen Haushalten die Wohnzimmerheizung nicht mehr per Hand, sondern unterwegs mit dem iPhone bedient werden können.

Der Nachfolger: IPv6

IPv6 soll als Nachfolgeprotokoll die zukünftige Verteilung der IP-Adressen sicherstellen. Im Gegensatz zu IPv4 besteht IPv6 aus acht Blöcken zu jeweils 16 Bit. Die Adresslänge von IPv6 beträgt demnach 128 Bit. Dies erhöht die Variabilität des Adressraums deutlich. Im Gegensatz zu IPv4 besteht die  Zahlenkette von IPv6 nicht nur aus Punkten und Ziffern, sondern auch aus Buchstaben und Doppelpunkten. IPv6 erhöht nicht nur den Adressraum in das fast Unerschöpfliche, so dass 340 Sextillionen Adressen zur Verfügung stehen. Es schließt auch Sicherheitslücken und behebt Datenübertragungsprobleme, die bei Echtzeitanwendungen wie Internettelefonie, Web-TV oder Web-Radio entstehen. Gerade für das „Internet der Dinge“, die Kommunikation zwischen zwei Geräten per Netzwerk und mobilem Internet, ist das neue IP-Protokoll unerlässlich. Ob MP3-Player, iPhone oder Notebook – Ziel ist es, dass jedes Gerät über eine eigene IP-Adresse verfügt.

Doch nicht nur die Fähigkeit zur Autokonfiguration und der große Adressraum sind Vorteile von IPv6. Das neue Internetprotokoll ist auch multitasking-fähig: Beim Routing unterscheidet IPv6 zwischen zeitkritischen Dateien, wie zum Beispiel beim Videostream und weniger zeitkritischen Dateien, wie bei der Übertragung einer E-Mail. So werden Videodateien schneller übertragen und Web-TV-Sendungen können ruckelfrei angeschaut werden.

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IPv6-Rat übt Druck aus

Der IPv6-Rat, dem auch SAP Research und das Hasso-Plattner-Institut angehören, hat sich zum Ziel gesetzt , das neue Internetprotokoll voranzutreiben und die Interessen von Milliarden Internetnutzern zu vertreten. Auf dem Stuttgarter IT-Gipfel stellte das IPv6-Council sein Konzept eines „Nationalen IPv6-Aktionsplans“ für Deutschland vor, mit dem sie das Problembewusstsein bei den Politikern wecken wollten und auf die wirtschaftlichen Folgen bei Erschöpfung der IP4-Adressen aufmerksam machten.

Für den Ablauf des Umstiegs von IP4 auf IP6 gibt es verschiedene Varianten: Beim Tunneling wird eine Vermittlungsschicht zwischen IPv4 und IPv6 hergestellt. Das Dual Stacking unterstützt beide Internetprotokolle: Beide laufen auf demselben Host beziehungsweise Server und das DNS liefert IPv4 und IPv6-Adressen zurück.

Ausblick IPv6: Umsetzung zögerlich, aber unvermeidbar

Noch immer ist die Notwendigkeit, auf IPv6 umzusteigen  nicht tief genug in die Köpfe eingedrungen:  Provider scheuen sich, entsprechende Angebote zu machen, weil sie hohe Kosten befürchten. Nur wenige Router unterstützen bisher IPv6, obwohl Betriebssysteme wie Windows XP, Vista oder Windows 7 die neue Version des Internetprotokolls beherrschen. Google ist zwar gerade dabei, seine Webseite auf den neuen IP-Standard zu optimieren, bildet aber eher eine Ausnahme. Dabei betrage der Arbeitsaufwand, so Christoph Meinel, Vorsitzender des IPv6-Rates und Leiter des Hasso-Plattner-Instituts Potsdam, nur maximal einen Nachmittag.

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