IT-Architekt – Beruf der Zukunft?

Feature | 27. Februar 2006 von admin 0

Warum leisten sich immer mehr Unternehmen einen IT-Architekten?

Brown: Neue Anwendungen zu entwerfen und zu implementieren wird zunehmend komplexer. Deshalb brauchen die Unternehmen Mitarbeiter, die die IT-Landschaft in der Art eines Städteplaners betrachten: Mit Blick auf die geschäftlichen Anforderungen, mit Blick auf die Geschäftsprozesse, mit Blick auf die IT-Architektur – und die dabei zudem das “architektonische Gesamtbild” ihres Unternehmens im Hinterkopf behalten. Dieser Vielfältigkeit wegen ernennen heutzutage viele Unternehmen nicht einfach nur einen IT-Architekten. Vielmehr werden oft mehrere Mitarbeiter – Systemarchitekten, Anwendungsarchitekten oder Technologiearchitekten – zu einer Gruppe innerhalb des Unternehmens zusammengefasst.

Wie definiert denn The Open Group das Berufsbild “IT-Architekt”?

Brown: Wer als IT-Architekt zertifiziert werden möchte muss als Praktiker in einem Unternehmen mindestens drei Jahre Erfahrung bei der Entwicklung von IT-Architekturen gesammelt haben. Ein IT-Architekt sollte über Sozialkompetenz, Erfahrungen im Projektmanagement und natürlich fundierte Kenntnisse über IT-Architekturen verfügen.

Graham Bird

Graham Bird

Bird: Wir lehnen unsere Definition an den Master-Studiengängen an. Das Zertifikat umfasst Erfahrung, Kompetenz und Kenntnisse – es sprengt daher den Rahmen einer Ausbildung, die sich über “Multiple-Choise”-Tests beenden lässt.

Offenbar variiert die Rolle eines potenziellen IT-Architekten von Unternehmen zu Unternehmen sehr stark. Schließen sich die Firmen denn überhaupt Ihrer Definition an?

Bird: Eine interessante Frage. Als wir mit allen Beteiligten an einem Tisch saßen und über die Rolle des IT-Architekten diskutierten gab es überraschender Weise einen breiten Konsens. Einstimmigkeit herrschte vor allem bei den notwendigen praktischen Erfahrungen.

The Open Group als Organisation dient der Aushandlung von Standards. Wir haben uns daher bei der Definition des “IT-Architekten” unserer Stärken und des gleichen Ansatzes bedient wie bei den Standards. Wir bringen die Fachleute zusammen und erzielen einen Konsens. Gelegentlich ist dafür natürlich auch ein Kuhhandel notwendig.

Warum wollten die Unternehmen, dass eine Organisation wie The Open Group die IT-Architekten zertifiziert?

Brown: Dafür gibt es viele Gründe. Zum einen wollen die Kunden einen händlerunabhängigen Service, wenn sie für ihre Architektur einen IT-Berater engagieren. Denn: Diese Unternehmen setzen nach eigener Aussage immer weniger auf proprietäre IT-Lösungen, sie sehen die Zukunft in offenen Standards.

Zum Zweiten ist schlichtweg das Angebot an IT-Architekten sehr klein, da dieser Beruf noch neu ist. Die Folge: Für einen Spezialisten mit Branchen- und Facherfahrung müssen entweder hohe Gehälter gezahlt werden, oder die Unternehmen müssen jemanden von der Pike auf ausbilden.

Es ist etwa so wie bei der Einstellung eines ausgebildeten Buchhalters. Die Unternehmen wissen, dass dieser bestimmte Kenntnisse besitzt. Er muss nur noch in die firmeninternen Gepflogenheiten eingewiesen werden. Dahin soll auch die Reise mit dem IT-Architekten gehen.

Können Sie schon Erfolge aufweisen?

Bird: Wir sind noch im Anfangsstadium. Das Programm wurde im Juli 2005 ins Leben gerufen. Die ersten Architekten haben wir im vergangenen Oktober zertifiziert. Anhand der Resonanz im IT-Umfeld können wir jedoch ermessen, dass wir sowohl bei den IT-Firmen als auch bei deren Kunden den Nerv getroffen haben. Den Fortune-1000-Unternehmen beispielsweise gefällt die Idee der Zertifizierung. Sie versprechen sich davon etwa eine Richtschnur beim Kauf von Serviceleistungen, aber auch für die Einstellung von Mitarbeitern.

Brown: Und die Anbieter von IT-Services wiederum geben den Kunden mit zertifizierten IT-Architekten ein einheitliches Bild ab.

Wie wird man denn nun zertifizierter IT-Architekt?

Bird: Die IT-Architekten in spe schauen sich unsere Auflagen an und bewerben sich. Wir berufen eine Prüfungskommmission ein, gehen die Bewerbungen durch und befragen die Kandidaten einzeln. Entweder erhält dann der Bewerber die Zertifikation aufgrund seiner nachgewiesenen Fähigkeiten und Kenntnisse, oder wir geben ihm Rückmeldung wo bei ihm noch Entwicklungsbedarf besteht.

Brown: Das ist der direkte Weg, von außen, sozusagen. Der andere Weg gilt für große Unternehmen, mit etablierten internen Praktiken und Vorgehensweisen, die jedoch unseren Qualitätsanforderungen entsprechen. Wir akkreditieren diese Organisationen, damit sie ihre eigenen Bewerber zertifizieren können. Als erstes Unternehmen hat sich IBM angemeldet. Wer dort nun also firmenintern als IT-Architekt zertifiziert wird, gilt auch als zertifizierter IT-Architekt von The Open Group.

The Open Group bietet seit kurzem auch eine Zertifizierung “light” an – warum?

Brown: Von Anfang an waren mehrere Kompetenzstufen in verschiedenen Fachbereichen geplant. Der IT-Architekt teilt sich auf in Anwendungsarchitektur, Unternehmensarchitektur, Architektur der Informationsinfrastruktur und so weiter. Mit der Unterscheidung zwischen einer “Master”-Zertifizierung und einer “distinguished”-Zertifizierung tragen wir einfach dem Umstand Rechnung, dass es in den Unternehmen Mitarbeiter mit verschiedenem Wissensstand gibt.

Warum haben einige große Unternehmen etwa IBM, HP oder CapGemini die Zertifizierungs-Bemühungen unterstützt?

Brown: Im IT-Umfeld wird die Bedeutung eines IT-Architekten immer breiter akzeptiert. Außerdem ist immer klarer, was dieser leisten und können soll. Bis dato war der Beruf jedoch nicht zertifiziert. In diese Lücke sind wir gestoßen. Wir machen die Qualitätskontrolle und steigern somit den Wert des Berufsbilds. The Open Group ist im IT-Umfeld sehr breit aufgestellt. Wir beschäftigen uns bereits sehr lange mit Standards, seit mehr als einem Jahrzehnt auch mit IT-Architekturen. Aus diesem Grund sind die Unternehmen mit dem Wunsch nach Zertifizierung auf uns zugekommen.

Worin liegt für sie die Zukunft der IT-Architekten?

Brown: Ich sehe hier eine starke Analogie zu den Bauarchitekten. Langfristig zielen wir auf eine Vereinigung von IT- und Unternehmensarchitekten ab. Universitäten sollten eingebunden sein, wir müssen Aufmerksamkeit und dann Nachfrage bei den Personalabteilungen erzeugen. Kurz: Für mich ist der IT-Architekt ein Beruf der Zukunft.

Und wann wird dieses Berufsbild voll ausgeprägt sein?

Bird: Ich glaube nicht, dass das noch lange dauern wird. Die Grundlagen existieren, die Standards sind festgelegt, es herrscht Konsens. Jetzt muss sich das alles zusammenfügen.

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