Dienste nach Maß

Feature | 17. Oktober 2007 von admin 0

Lösungen für die Herausforderungen von heute und morgen – das vom Handelsblatt veranstaltete Zukunftsforum IT stellte technologische Antworten auf Fragen vor, die Unternehmen aktuell beschäftigen. Auf der Konferenz nahmen profilierte IT-Experten mit ihren Zukunftsideen Bezug auf den immer rascheren Wandel von Geschäftsmodellen, auf häufig wechselnde Geschäftspartner und den verschärften Wettbewerb. So skizzierte Professor Lutz Heuser, Leiter von SAP Research, die Vision der Business Webs. Diese flexiblen und dynamischen Wertschöpfungsnetzwerke sollen sich über Unternehmensgrenzen hinweg mit wechselnden Partnern nur für bestimmte Aufgaben zusammenfinden und an die Stelle statischer Lieferketten treten. „Mit dem Business Web übertragen wir die Community-Idee aus dem Web 2.0 in die Geschäftswelt. Die Partner kooperieren, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Für eine neue Aufgabe verändert sich die Zusammensetzung des Business Webs entsprechend“, sagte Heuser.

Um die Flexibilität von Business Webs zu nutzen, müssen Unternehmen rasch und unkompliziert auf alle Services zugreifen können, die für die Wertschöpfung notwendig sind. Die Grundlage hierfür beschreibt Heuser als das „Internet der Dienste“: „Das Angebot an Diensten sollte der Nachfrage entsprechen und gut im Netz auffindbar sein. Die Anbieter müssen Interoperabilität gegenüber Fremddiensten gewährleisten, denn nur durch die passgenaue Orchestrierung von Web-Services in Echtzeit entsteht ein Mehrwert für die Konsumenten dieser Dienste.“

Als Beispiel eines zusammengesetzten Dienstes nannte Heuser die Standortanalyse für den Einzelhandel: „3D-Karten, Informationen der Handelskammer zur Konkurrenz, demographische Daten der Kommunalverwaltung, Umsatzprognosen und Immobilienangebote werden über verschiedene Web-Services abgerufen, automatisch kombiniert und dem Anwender als Entscheidungsgrundlage zur Verfügung gestellt.“ Bisher können sich nur große Unternehmen den Such- und Koordinationsaufwand für solche Analysen leisten, der automatisch zusammengesetzte Service soll sie auch für kleine Firmen möglich machen.

Die Architektur der IT-Landschaft muss ebenfalls den Anforderungen des Internets der Dienste entsprechen: Heuser beschrieb eine Service-orientierte Architektur, die als globale „Service-Delivery-Plattform“ Dienste auch über die Unternehmensgrenzen hinweg im Internet zur Verfügung stellt. Hinzu kommen Such- und Vergleichsfunktionen für Fremddienste, um den Kunden auch zusammengesetzte Services anbieten zu können.

Semantik erleichtert Suche

Professor Wolfgang Wahlster vom Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz in Saarbrücken erläuterte, welche Rolle semantische Technologien für das Internet der Dienste spielen können. „Beim semantischen Web geht es darum, die Inhalte des Internets mit standardisierten Metainformationen zu hinterlegen, so dass der Rechner die Bedeutung dieser Inhalte verstehen und Schlussfolgerungen ziehen kann“, so Wahlster.

Durch die semantische Anreicherung von Inhalten soll es möglich werden, dass ein Softwaresystem mehrere Dienste in Bezug auf eine Anfrage als zusammenhängend erkennt. Dann werden die Services automatisch so kombiniert, dass die Ausgabedaten eines Dienstes die Eingabe für den nächsten bilden. „Das Ergebnis dieser semantischen Komposition von Webdiensten entspricht direkt der frei formulierten individuellen Anfrage des Anwenders – etwa nach dem aktuellen Kinoprogramm in einer bestimmten Stadt“, so Wahlster. Solche personalisierten Web-Services machen bei komplexen Anfragen aufwändige Suchvorgänge überflüssig – ein Zusatznutzen für die Anwender. Deshalb sieht Wahlster das Geschäftsmodell für semantische Angebote in Nutzungsgebühren: „Dafür müssen die Dienste natürlich verlässlich und interoperabel sein.“

Infrastruktur nach Maß

Nicht nur Informationen können über zusammengesetzte Mehrwertdienste auf spezifische Anforderungen zugeschnitten werden. Professor Frank Leymann vom Institut für Architektur von Anwendungssystemen der Universität Stuttgart beschrieb, wie sich auch eine IT-Infrastruktur mit Hard- und Software über einen Web-Service zusammenstellen lässt. „Bei diesem ,Computing on demand’ wird über einen Service-Bus aus einer Anfrage nach Prozessorkapazität, Speicherplatz und bestimmten Applikationen für einen bestimmten Zeitraum eine entsprechende Infrastruktur aus verteilten Ressourcen zusammengestellt. Das eröffnet Unternehmen neue Möglichkeiten für flexibles Outsourcing“, sagte Leymann.

Als zentral für das Konzept bewertet er die Möglichkeit eines „Dynamic Provisioning“: „Dabei sorgt die Infrastruktur selbst durch automatische interne Feedback-Runden dafür, dass nicht die theoretische Spitzenlast abgerechnet wird, sondern nur der Umfang, den der Anwender tatsächlich genutzt hat.“ Der Anbieter wiederum müsse bei Computing on demand nur die Ressourcen bereitstellen, die in Anspruch genommen werden – mit positiven Kosteneffekten.

Umweltschutz im Netz

Die Auswirkungen Web-basierter Services wurden auf dem Zukunftsforum auch für Teilbereiche der IT aufgezeigt. Das Thema Sicherheit behandelte Natalya Kaspersky, CEO des russischen Herstellers von Antivirus-Software Kaspersky Labs: „Grundsätzlich gilt, dass durch die Nutzung von Diensten im Netz die Sicherheitsrisiken steigen. Schließlich kann ein Web-Service gekidnappt werden, einfach indem der jeweilige Server gehackt wird. Ob ein Unternehmen bereit ist, zu Gunsten der Flexibilität auf ein Stück IT-Sicherheit zu verzichten, ist jeweils eine Entscheidung des Managements,“ erklärte sie. Anbieter von Internet-Diensten sollten Sicherheit als Teil der Auslieferung ihrer Leistung betrachten, etwa im Hinblick auf den Schutz gegen Passwortdiebstahl.

Dass Web-Services sich auch auf die Umweltbilanz von Unternehmen auswirken können, machte Richard Barrington von Sun Microsystems deutlich. Für Barrington, der auch die Regierung von Großbritannien zum Thema „Green IT“ berät, ist die Zentralisierung von Daten ein Schlüsselaspekt: „Wir wollen Anwender davon überzeugen, dass sie nicht ihre Festplatte umarmen müssen, sondern auch über ein Netzwerk Zugang zu allen Daten haben. Selbst Rechenleistung und Applikationen müssen nicht auf jedem PC eines Unternehmens vorgehalten werden, wenn sie in Form von Shared Services über das Web zur Verfügung stehen.“ Diese Entmaterialisierung in Bezug auf Hard- und Software spare nicht nur Ressourcen für die Herstellung von Rechnern, so Barrington. Auch der Energieverbrauch sinke, denn die Prozessoren in den zentralen Rechenzentren könnten über die verschiedenen Anwender und über Zeitzonen hinweg gleichmäßig ausgelastet werden: „Dann wird nicht mehr in jedem einzelnen PC für den Leerlauf gekühlt.“

Dialog auf Augenhöhe

In einem Ausblick auf die IT-Trends der kommenden Jahre wies Brian E. Kardon, Chief Strategy and Marketing Officer von Forrester Research, dem „Extended Internet“ große Bedeutung zu, das Objekte aus der realen Welt über Technologien wie RFID oder Wi-Fi integriert: „Die Zahl der mit diesem Internet der Dinge verknüpften Gegenstände wird von heute rund einer Milliarde auf 14 Milliarden im Jahr 2010 anwachsen. Die Herstellung von spezialisierten Sensoren und Software sowie Angebote zur Überwachung oder Lokalisierung von Gütern ermöglichen völlig neue Geschäftsmodelle.“ Als Beispiel nannte Kardon einen Autoversicherer in Großbritannien, der über einen Chip im Fahrzeug via Internet Informationen über den Fahrstil des Versicherungsnehmers sowie die genutzten Parkplätze in verschiedenen Stadtvierteln erhält – und einen darauf abgestimmten, flexiblen Tarif anbietet.

Neben der Verbindung von Gegenständen mit den Backend-Systemen von Unternehmen im „Internet der Dinge“ nannte Kardon das Social Computing als Grundlage einer neuen, überall präsenten Informationstechnologie: „Durch das Web 2.0 mit seinem Community-Gedanken kommt IT auf eine natürliche Weise in den Alltag der Anwender. Sie tauschen sich untereinander aus, anstatt sich auf Empfehlungen von Unternehmen oder Institutionen zu verlassen. Diese neue Macht der Individuen wird die Zukunft prägen. Unternehmen müssen sich auf einen Dialog auf Augenhöhe einstellen. Wer sachlich mit den Anwendern diskutiert, kann diese Kontakte für Marktforschung aus erster Hand nutzen – eine Kontrolle der Meinungen ist allerdings nicht mehr möglich.“

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