Kapstadt-CIO schafft „Smart City“

7. November 2013 von Stephan Magura 0

Kapstadt (Foto: Shutterstock)

Kapstadt (Foto: Shutterstock)

Selbst Kapstadts unangenehme Seite hat Ni­veau. „Würde es Ih­nen etwas aus­machen, mir ei­ni­ge Mün­zen zu über­las­sen? Ich ha­be seit zwei Ta­gen nichts gegessen.“ Andys – wenigstens seinen Na­men ve­rrät mir der jun­ge Kerl – aus­ge­suchte Höf­lich­keit passt so gar nicht zu den dreck­igen Klamot­ten, die er am Leib trägt. Vor mir steht eine aus­ge­mer­gel­te Ge­stalt und bet­telt um etwas Geld, da­mit sie sich ei­ni­ge Schei­ben trockenes Toast­brot kau­fen kann. Andy spricht mich in der Long Street an, nur we­ni­ge Meter vom ele­ganten Lu­xus­ho­tel „Pepper Club“ ent­fernt. In die­sem Vier­tel mit­ten in der Stadt, wo Ges­chäfts­leute auf auf­stre­ben­de Künstler, Ob­dach­lose und Ruck­sack­tou­ris­ten tref­fen, lässt sich die Gegen­sätz­lich­keit der Mil­lio­nen­stadt mit Hän­den grei­fen. Gleich­zei­tig spürt man die Vi­ta­li­tät Kap­stadts gerade dort am in­ten­siv­sten. Die Clubs schlie­ßen auch unter der Woche erst am nächsten Tag. Andy ist das egal; er ver­schwin­det mit ei­ni­gen Rand um die nächste Ecke.

Wenn Kapstadt im Wettbewerb um Arbeit und Talente bestehen will, muss es seine Attraktivität sowohl für die Wirtschaft als auch für seine Bürger erhöhen. Lebensqualität und Armut gehen in der viel­leicht schön­sten Stadt der Welt Hand in Hand. Die Prob­le­me verhehlt auch Vize-Bür­ger­meis­ter Ian Neilson nicht. Ar­beits­lo­sig­keit, Aids und Tuberkulose, Drogen und Kri­mi­na­li­tät bilden eine bri­sante Mischung und stel­len eine per­ma­nente Heraus­forder­ung dar. Ent­sprech­end hoch ist das Sicherheits­bedürfnis der Be­völkerung. Auch aus­län­dischen Be­suchern wird immer wie­der ein­ge­schärft, wie in jeder Me­tro­pole be­stim­mte Re­geln zu ver­fol­gen und an man­chen Or­ten be­son­de­re Vor­sicht wal­ten zu lassen.

Kommunikation: Ausbau der Infrastruktur

Gleichzeitig ist Kapstadt ein Schmelz­tiegel der Kul­tu­ren und zeich­net sich durch Tol­e­ranz seiner Bür­ger aus – auch ein Grund, wa­rum sich im­mer mehr glo­ba­le Unter­neh­men in der Reg­ion engagieren. Speziell das Dienst­leis­tungs­ge­wer­be schätze die Sprach­kenntnisse der Be­völke­rung und er­öffne immer mehr Call­center, so Neilson. Dem Aus­bau der lo­ka­len Kom­mu­ni­ka­tions­in­fra­struk­tur gilt des­halb sein be­son­deres Augen­merk. Energie­ver­sor­gung, Bil­dung, Umwelt­schutz und Ver­kehr sind wei­tere Fel­der, in die die Ver­wal­tung ge­zielt in­ves­tiert. Denn wenn Kap­stadt im Wett­bewerb um Ar­beit und Ta­len­te be­stehen will, muss es seine At­trak­ti­vi­tät so­wohl für die Wirt­schaft als auch für seine Bür­ger er­höhen. Der in­ter­nationale, bestens aus­ge­bil­dete Top-Nachwuchs sucht sich heute aus, wo er künftig arbeitet.

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Hinter einem exzellenten Standort steht in der Regel immer auch eine erstklassige Informationstechnik. „Der Technologie­ein­satz macht or­ga­ni­sa­tor­ische Ver­än­der­ungen mög­lich“, sagt André Stelzner, lang­jähriger Chief Information Officer im Rat­haus von Kapstadt.

Das Besondere hierbei: Stelzner fährt mit seinem Team einen um­fas­senden ERP-Kurs, der auf System­mo­di­fi­ka­tionen ver­zichtet und die Mög­lich­kei­ten der An­wen­dungen kre­ativ aus­schöpft. „Ich brauche kein kom­plet­tes ERP-System zu im­ple­men­tieren, wenn ich nur das Finanz­wesen nutzen will“, so Stelzner. Folg­lich ist Kapstadt ein großer SAP-Kunde. Rund 450 durch­gängige Geschäfts­prozesse bildet das SAP-System der Stadt ab. Darunter fal­len Trans­ak­tionen im Finanz­be­reich und im Per­so­nal­sek­tor, in der Lo­gis­tik und in der Ge­bäu­de­ver­wal­tung, im Flächen­management und im Berichts­wesen, um nur einige zu nennen. Das Modul Real Estate wird bei­spiels­weise eben­falls dazu ge­nutzt, die Grä­ber auf den Fried­höfen zu verwalten.

Nachdem die Stadt in den frühen Jahren nach der SAP-Einführung die Back­office-Funktionen vor­nehm­lich dazu genutzt hat, ihre in­ter­nen Ge­schäfts­pro­zesse zu op­ti­mieren, werden nun im­mer mehr Bürger­services mit­hilfe von SAP-Lösungen er­wei­tert be­zie­hungs­weise neu auf­ge­setzt. Na­tür­lich müs­se man zu­nächst die Ren­ta­bi­li­tät des IT-Systems ge­gen­über den Auf­sichts­be­hör­den nach­weisen, sagt Stelzner. Mehr Trans­pa­renz und Kos­ten­kon­trol­le, schlan­kere Pro­zesse in der Ver­wal­tung sowie ein Return on-Investment sei­en auch not­wen­dig, um künf­ti­ge In­ves­ti­ti­on­en in die IT zu recht­fer­ti­gen. Und in einer Stadt, wo viele Men­schen kein Dach über dem Kopf haben, sei es um­so wicht­iger zu erläutern, warum so viel Geld „für Computer“ aus­ge­ge­ben wer­de. Aber: „Ei­ne bür­ger­nahe Ver­wal­tung muss immer dafür sorgen, dass diese Ver­än­der­ungen auch der Ge­sell­schaft und den In­di­vi­du­en zu­gutekommen“, so der CIO zu den Priori­täten sei­ner Kommune.

Passende Services über SAP CRM

Ein Kernelement von Kapstadts Bürgerservices ist das zentrale Call­center der Stadt, das mit SAP Customer Relationship Management (CRM) ar­bei­tet. Jeder Bür­ger wird im Sys­tem mit einem eigenen Daten­satz ge­pflegt, der alle re­le­van­ten In­for­ma­tionen ent­hält. Das Ziel sei es laut Stelzner, den Bürger um­fassend zu be­trach­ten, um die je­weils für ihn pas­sen­den Ser­vices an­zu­bieten. Die städt­ischen Service­rufnummern sind al­le­samt ge­büh­ren­frei. Die Kunden können in mehreren Spra­chen be­dient wer­den. Pro Jahr wickeln die Mit­ar­bei­ter rund 1,2 Mil­lio­nen Anrufe ab. Na­tür­lich lässt sich die Ver­wal­tung auch über so­ziale Me­dien wie Facebook kontaktieren.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Smart Metering für die smarte Stadt

Die Geburt Kapstadts geht auf den 6. April 1652 zurück, als der Handels­be­auf­tragte Jan van Riebeeck, unter­wegs im Auf­trag der nieder­ländischen Ostindien-Gesellschaft, in der Tafel­bucht vor An­ker ging und einen Tag später die hol­län­dische Flag­ge his­ste. Schnell ent­wickel­te sich der Handels­pos­ten zu einem der ers­ten Bal­lungs­räume der Ko­lo­nial­zeit, der See­fahrern auf dem Weg zwischen Europa und Asien ein sicherer Ha­fen war und fortan auch „Taverne der Meere“ genannt wurde. Die älteste Stadt Südafrikas wird auch gerne als „Mutterstadt“ be­zeich­net, weil, so die hu­mor­igen Kapstädter, „es neun Monate dauert, bis etwas passiert“. Der­zeit le­ben in Kapstadt rund 3,7 Mil­lionen Men­schen. Ihr An­teil am Brut­to­so­zial­pro­dukt des Lan­des beträgt knapp 16 Prozent.

Stelzner betrachtet die Beziehung der Stadt zu ihren Bürgern als ein Ge­ben und Neh­men, wo­bei die Ver­wal­tung ihre Über­zeug­ungs­arbeit im­mer wie­der mit flank­ier­en­den Maß­nahmen be­glei­ten müs­se. Stelzner: „Wir müssen Ver­hal­ten än­dern; dass wir eines Tages kein Was­ser oder kei­nen Strom mehr haben, ist ja keine ferne Droh­ku­lis­se, son­dern ein reales Szenario.“ So fin­det der Kapstädter auf der Home­page sei­ner Stadt zahl­reiche Energie­spar­tipps. Gleich­zei­tig for­dert die Stadt mit­tels der Kam­pag­ne „Save“ auf Plakaten auf, Strom zu sparen; an­son­sten müs­se die Kom­mu­ne den Strom­kon­sum zeit­wei­se einschränken.

Smart Metering für die smarte Stadt

Um die Energieversorgung künftig besser zu steuern, hat die Stadt un­ter an­derem ein elek­tro­nisches Ab­rech­nungs­system im­ple­mentiert (SAP Advanced Metering Infrastructure – AMI – Integration for Utilities). Das ge­stat­tet der Ver­wal­tung einer­seits, den Strom­ver­brauch kosten­güns­tig via Fern­ab­frage ab­zu­lesen. Anderer­seits kann sie Unter­nehmen und Haus­halten je nach Nutz­er­ver­halten in­di­vi­duelle Preis­modelle an­bieten: Smart Metering für die Smart City, um An­ge­bot und Nach­frage ins­ge­samt auszubalancieren.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: SAP HANA für die Feuerwehr

Auch bei der Abfallentsorgung will die Stadt neue We­ge ge­hen und künf­tig Müll­ver­mei­dung be­lohnen. Die Müll­ge­bühr soll sich nach der ab­ge­ge­be­nen Men­ge rich­ten, wobei die Kon­trol­le über SAP-gesteuerte RFID-Tags er­fol­gen soll. Da­rü­ber hin­aus hat die Stadt einige „E-Services“ auf den Weg ge­bracht. Hier be­zahlen die Bür­ger di­ver­se Ge­bühr­en online oder mel­den via Internet Straßen­schäden be­ziehungs­wei­se de­fek­te Straßen­be­leuch­tung­en. Wer sein Haus­tier ver­misst, kann in einer spe­ziellen Daten­bank nach seinem Lieb­ling suchen.

Neu lizenziert hat Stelzner SAP-Software im Sicherheits­bereich (SAP Public Safety and Security), um gerade in diesem sen­si­blen Ber­eich schnel­ler re­agieren zu können. In einem ers­ten Schritt wird das Notfall­wesen (Incident Managment) in die ein­heit­liche SAP-Plattform in­te­griert. In diesem Zu­sam­men­hang hegt Stelzner große Er­war­tung­en hinsichtlich der Mög­lich­keiten von Realtime Computing. „SAP HANA wird in Zukunft sicherlich eine Rolle bei uns spielen“, sagt der CIO und gibt ein Beispiel: Bevor ein Feuer­wehr­mann künf­tig ein bren­nen­des Haus be­tritt, hat er schon die augen­blick­lich ak­tuellsten Bau- und Versorgungs­pläne vom SAP-Modul Gebäude­management er­halten und weiß, wie das Team am bes­ten vorgeht.

SAP HANA für die Feuerwehr

So schlägt Kapstadt ein neues Tempo an auf sei­nem Weg vom ehe­mal­igen Ver­sor­gungs­posten für Handels­schiffe zur viel­leicht fort­schrit­tlichs­ten Bürger-Stadt des afrikani­schen Kontinents.

Der Originalbeitrag erschien im elektronischen Magazin SAP Milestones.

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