Keine IT, keine Globalisierung

Feature | 26. Juli 2006 von admin 0

In der mittelständischen Fertigungsindustrie steigt einerseits die Komplexität der Produkte und die Zahl der Produktvarianten. In einer weltweiten Untersuchung unter 650 mittelständischen Fertigungsunternehmen kam die Managementberatung Deloitte Research zu dem Ergebnis, dass Produkte, die heute 70 Prozent des Umsatzes der Fertigungsindustrie repräsentieren, im Jahr 2010 keine Rolle mehr spielen werden. Das liegt unter anderem am veränderten Nachfrageverhalten von Kunden. Lag beispielsweise in der Automobilindustrie der durchschnittliche Lebenszyklus eines Modells in Europa 1990 noch bei neun Jahren, sank er 1999 erstmals unter die Sieben-Jahres-Grenze, Tendenz weiter fallend. Durch die kürzeren Zyklen veralten Produkte wie elektronische Bauteile oder Bremssysteme ebenfalls rascher. Gleichzeitig stehen die Betriebe aufgrund sinkender Kundenloyalität und des globalen Wettbewerbs vor der Aufgabe, Kosten – bei Personal, Verwaltung und Produktion – zu minimieren und neue Märkte zu erschließen. Auch im Mittelstand lagern daher viele Fertigungsunternehmen ihre Produktionsstätten nach Osteuropa und Asien aus.

Paradigmenwechsel in der Versorgungskette

Laut AMR Research vollzieht sich in der Fertigungsindustrie aufgrund der vielfältigen Anforderungen ein Paradigmenwechsel, weg vom Anbieter-orientierten Supply-Chain-Modell hin zu an der Nachfrage ausgerichteten Liefernetzwerken. Um kurzfristig eingehende Aufträge zeitgerecht zu erfüllen, bedarf es extrem flexibel gestalteter Lieferketten, denn “auf Geschäftsvorfälle muss heute in Echtzeit reagiert werden”, wie das US-Beratungshaus AMI Partners formuliert.
Um sich unentbehrlich zu machen, wandeln sich daher mittelständische Fertiger mehr und mehr vom reinen Produkthersteller zum Systemlieferanten. Für Jackie Chan, Senior Analyst bei AMI Partners, steht somit jedoch auch fest, dass mittelständische Fertigungsbetriebe jetzt integrierte und transparente Fertigungs- und Geschäftsprozesse einführen müssen, um ihre Profitabilität zu verbessern.
Voraussetzung hierfür wiederum ist ein “Cross-funktionales” Denken, wie es der Supply-Chain-Experte John T. Mentzer formuliert. “Effizientes Supply Chain Management”, erläutert Mentzer in der Online-Ausgabe des Fachblatts Supply & Demand Chain Executive, “benötigt koordinierte und aufeinander abgestimmte Aktivitäten zwischen Marketing, Vertrieb, Logistik, Produktion, Beschaffung, Rechnungs- und Finanzwesen sowie zwischen allen Partnern entlang der Lieferkette.”

Integrierte Software ein Muss

Eine ähnliche Auffassung vertritt das internationale Beratungshaus Pierre Audoin Consultants (PAC) nach einer aktuellen Untersuchung in der Fertigungsindustrie. Gerade mittelständische Hersteller würden durch Kostendruck, Globalisierung, Konzentration auf Kernkompetenzen, neue Gesetzgebung sowie erhöhte Anforderungen an Flexibilität und Reaktionsgeschwindigkeit gezwungen, ihre Supply-Chain- und Produktentwicklungsprozesse zu optimieren. Um diese Verbesserungspotenziale auszuschöpfen, müssten heterogene IT-Landschaften harmonisiert und standardisiert werden. Daran hapert es allerdings noch, denn die Unternehmen haben laut PAC meist noch heterogene Systemlandschaften. Eine Verbindung der Daten zu Systemen der Geschäftsebene oder anderer Werke fehlt.
“Oft verwendet die Unternehmenszentrale eine moderne ERP-Lösung, Vertriebsniederlassungen hingegen wickeln Projekte teilweise noch auf Basis von Word-Dokumenten oder Excel-Tabellen ab und arbeiten damit auf ihrer eigenen Dateninsel”, beschreibt Marcus Hassel, verantwortlich für Branchenlösungen beim IT-Dienstleister itelligence, die Problematik. Der Datenaustausch zwischen Zentrale und Tochter ist somit langwierig und umständlich, zudem treibt die redundante Datenhaltung Kosten in die Höhe. “Da selbst kleinere Automobilzulieferer und Fertigungsbetriebe heute weltweit über verteilte Niederlassungen agieren, ist der Einsatz einer einheitlichen betriebswirtschaftlichen Software jedoch eigentlich ein Muss”, so Hassel. Mittelständische Fertiger oder Zulieferer, die ihre Unternehmensbereiche integrieren, sparen laut der Management- und Technologieberatung Booz Allen Hamilton jährlich bis zu 50 Prozent beim Einkauf und bei den Lieferkosten. Nach einer unabhängigen Benchmarking-Studie, welche die Management-Beratung Pittiglio Rabin Todd & McGrath (PRTM) unter SAP-Kunden durchführte, liegen die Nettogewinne von Unternehmen mit ausgereiften Prozessen in der Lieferkette 75 Prozent über dem Marktdurchschnitt.
Dem Benchmark von PRTM zufolge mindern Unternehmen, die auf Basis der Planungsfunktionen von mySAP Supply Chain Management (mySAP SCM) agieren, ihren Tagesmindestbestand im Lager um rund 40 Prozent. Die Lagerhaltungskosten verringern sich hierdurch um bis zu 63 Prozent, im Mittel also eine Ertragssteigerung von 1,7 Prozent.

Abwärtsspirale beendet…

Abwärtsspirale

Abwärtsspirale

Im krassen Gegensatz zu diesen Anforderungen und Potenzialen hatten viele Mittelständler aus den Branchen Fertigung und Maschinenbau aufgrund der angespannten Marktlage in den vergangenen Jahren ihre IT-Investitionen zurückgefahren, wie die im Jahr 2003 von Accenture Deutschland veröffentlichte Untersuchung “Unternehmenserfolg durch IT” aufzeigt. IT-Ausgaben, so die Autoren der Studie, kämen vor allem in Phasen allgemeiner wirtschaftlicher Abschwächung nicht selten zuerst auf den Prüfstand. Das führte laut Accenture zu einer gefährlichen “Abwärtsspirale”.
Inzwischen scheint jedoch ein Gegenprozess in Gang gekommen zu sein. “Speziell kleinere Fertigungsbetriebe haben erkannt, dass sie nicht die erforderliche IT-Architektur haben, um in einem an der Nachfrage orientierten Markt wettbewerbsfähig zu sein”, bemerkt David Caruso, Senior Vice President bei AMR Research. “Unternehmen nehmen daher ihre vorhandenen ERP-Lösungen unter die Lupe und passen sie durch neue Funktionalitäten und Upgrades an, oder sie wechseln auf ein neues System.”

… Investitionsbereitschaft im Mittelstand steigt

Inzwischen verzeichnen die Marktforscher bei Mittelständlern verstärkte Investitionsbereitschaft. Die Berater von PAC rechnen aufgrund der derzeit positiven Konjunkturprognosen für die Fertigungsindustrie in Deutschland bis zum Jahr 2009 mit einem wachsenden Markt für Software und IT-Dienstleistungen. 2006, so PAC, liegt der Schwerpunkt auf Investitionen in ERP-Systeme sowie in IT-Lösungen für Marketing, Vertrieb und Service.
In einer gemeinsamen Studie haben das Beratungshaus AMR Research und Managing Automation die Investitionen mittelständischer Fertigungsunternehmen aus den USA in ERP-Software untersucht. Von den mehr als 550 befragten Unternehmen gaben 16 Prozent an, im Jahr 2005 zum ersten Mal eine ERP-Lösung evaluiert zu haben. Rund 40 Prozent schlossen innerhalb der vergangenen beiden Jahre ERP-Einführungsprojekte ab. Knapp die Hälfte der Unternehmen will in den kommenden zwölf bis 18 Monaten ihre bisherige ERP-Software modernisieren.

Investitionsvorhaben bei Kleinunternehmen

Investitionsvorhaben bei Kleinunternehmen

Im asiatisch-pazifischen Raum (ohne Japan) werden kleine und mittlere Fertigungsunternehmen im Jahr 2006 rund 23,5 Milliarden US-Dollar für die Modernisierung ihrer IT ausgeben, prognostiziert AMI Partners, im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um 16 Prozent. Bei Fertigungsbetrieben bis 99 Mitarbeiter geht AMI Partners sogar von noch höheren Wachstumsraten aus. Mit den geplanten Investitionen adressieren die Kleinunternehmen dieses Wirtschaftsraums genau die genannten Anforderungen: Lagerbestände effizienter zu verwalten, die Kundennachfrage genauer zu prognostizieren (Demand Forecasting) und die Kosten für Produktion und Lieferkette zu senken. Das ergab eine Umfrage von Manufacturing Insights, einem Unternehmen der IDC-Gruppe.

Die richtige Software macht’s

Anforderungen dieser Art lassen sich leicht mit einer für den globalen Markt ausgelegten Software abdecken. Diese muss grenzüberschreitende Fertigungsprozesse abbilden, trotz landesspezifischer Anforderungen und lokaler Spezifikationen – wie Steuerberechnung, Lohnabrechnung, Abschreibungsmethoden oder Kontenpläne – hoch standardisiert sein, eine organisatorische Abstimmung zwischen den Standorten ermöglichen sowie über ein integriertes Berichtswesen und Konsolidierung verfügen.
Mittelständlern, die Standorte in China, Japan oder Süd-Korea haben, empfiehlt Marcus Hassel darüber hinaus, den Unicode-Standard zu nutzen. Er unterstützt praktisch alle Zeichensätze und überwindet so die Begrenzungen inkompatibler, sprach- und plattformabhängiger Codepages. Aus diesem Grund sind beispielsweise alle SAP-Lösungen inzwischen Unicode-fähig. Ein SAP-Anwender, der sich in Deutschland in chinesischer Sprache anmeldet, bekommt, obwohl er mit einem Betriebssystem in deutscher Sprache arbeitet, alle chinesischen Schriftzeichen korrekt ausgegeben. Umgekehrt werden einem SAP-User in China, der das System in deutscher Sprache aufruft, auch die deutschen Schriftzeichen korrekt angezeigt.
Darüber hinaus ist es wirtschaftlich sinnvoll, in eine Unicode-fähige Software zu investieren, denn mit Unicode lassen sich die unternehmensübergreifende Kommunikation beschleunigen sowie Prozesse transparent abbilden und effektiv steuern. Das verbessert die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nachhaltig. Und gerade Letzteres ist laut Gartner-Analyst James A. Browning auch der Hauptgrund, warum Mittelständler Geld für neue Software ausgeben sollten.
Weitere Informationen
John T. Mentzer, Critical Skills for Effective Supply Chain Leaders, in: Supply & Demand Chain Executive
Studien:
www.accenture.com, www.ami-partners.com, www.amrresearch.com, www.deloitte.com, www.gartner.com, www.manufacturing-insights.com, www.pac-online.com

Dr. Andreas Schaffry

Dr. Andreas Schaffry

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