Klar Schiff

Feature | 26. März 2009 von Jeff Reich, freier Journalist 0

Kanadas Verteidigungsminister verfügt über eine moderne, schlagkräftige Marine. Die mit Hubschraubern bestückten Fregatten der Halifax-Klasse sind sowohl für die U-Boot-Jagd wie zur Abwehr von Boden- und Luftangriffen gerüstet. Ihre Aufgaben reichen von der Überwachung der heimischen Küsten bis zum Kampf gegen Drogenschmuggel, Terrorismus, illegalen Fischfang und Umweltsünder. Sie sind für den Schutz der arktischen Gebiete Kanadas zuständig und beteiligen sich im Rahmen multinationaler Verbände an humanitären Einsätzen in Krisengebieten auf der ganzen Welt.

Die Halifax-Klasse wurde in den neunziger Jahren eingeführt. Ihr gehören mittlerweile zwölf Schiffe an, darunter die 1993 in Dienst gestellte HMCS Toronto. Die Fregatte hat sich im Persischen Golf und im nördlichen Arabischen Meer ebenso bewährt wie im rauen Nordatlantik. Sie kann auf monatelange Fahrt gehen, weil sich ihre Systeme vom Radar und Sonar über Waffensysteme, Generatoren, Heizung und Kühlung bis zur Wasseraufbereitung mit relativ einfachen Mitteln betreiben lassen.

Ein Schiff dieser Größenordnung einsatzbereit zu halten, setzt neben einer hoch qualifizierten Besatzung eine sorgfältige Wartung voraus. Es gilt, mehrere Hunderttausend Bauteile in zahlreichen Konfigurationen zu testen, zu überwachen und im Schadensfall an Bord oder Land zu reparieren. Präzise, zeitnahe Konfigurations- und Servicedaten sind dazu unerlässlich, zumal einige Systeme auch dann gewartet werden müssen, wenn sich die Fregatte fern der Heimat im Einsatz befindet.

Überdies muss die Reparaturwerft in Halifax mit der Crew Hand in Hand arbeiten und nach dem Einlaufen des Schiffes sofort mit der Instandhaltung und -setzung beginnen
können.

IT schlägt Wellen


Nach wiederholten Budget- und Personalkürzungen hatte dieser Wartungsdienst spürbar
gelitten. Das Ministerium führte daraufhin eine neue Software ein, mit der sich die Leistungsreserven der damaligen IT-Landschaft mobilisieren ließen. So sollte die Instandhaltung rationalisiert und damit die Einsatzbereitschaft der Marine erhöht werden.

Das „Matériel Acquisition & Support Information System“ (MASIS) stellt Flottendaten in Echtzeit bereit. Damit können Besatzung und Werftteams Konstruktions- und Wartungsaufträge effizient bearbeiten. Das von IBM realisierte System basiert auf der Betriebsplanungssoftware SAP ERP und dem Datenbankmodul SAP NetWeaverBusiness Warehouse. Neben der regulären Wartung, dem Einsatz und der Entsorgung von Ausrüstungsgegenständen plant die kanadische Marine damit die Ausstattung ihrer Schiffe, die Materialbeschaffung sowie konstruktive Änderungen.

Die Toronto ist weltweit das erste Schiff, auf dem mit der Branchensoftware SAP for Defense & Security gearbeitet wird. Seit September 2008 testen die Kanadier die Effektivität des Systems auf See und sein Zusammenspiel mit der IT-Infrastruktur des Schiffes. Die Resonanz ist bislang positiv. Ab Herbst 2009 will man MASIS auch auf den übrigen Fregatten installieren; das Projekt läuft voraussichtlich bis 2011.

Langfristig sollen alle kanadischen Kriegsschiffe, das Heer und die Luftwaffe den MASIS-Standard übernehmen.

Schnittstelle im All

Lebensader des Systems ist eine Satellitenverbindung zwischen der Toronto und den Technikern daheim. Darüber setzt die Mannschaft Berichte ab, fordert Wartungsdienste, Ersatzteile und Nachschub an – auch während das Schiff im Einsatz und offline ist. Sobald die Fregatte wieder Kontakt zum Satelliten hat, geht die Übertragung weiter, die Daten werden synchronisiert. So lässt sich der Zustand des Schiffes fortlaufend überwachen.

Die drahtlose Vernetzung der Toronto mit dem Wartungsdock hat die Effizienz der kanadischen Marine, insbesondere in der planmäßigen Instandhaltung, deutlich gesteigert. Vor der Einführung des MASIS wurde im Turnus gewartet. Wie oft ein Ausrüstungsgegenstand zwischenzeitlich zum Einsatz gekommen war, spielte keine Rolle.

Heute wird mit Hilfe der SAP-Software zwischen regelmäßig und sporadisch genutztem Gerät unterschieden. Somit lassen sich Maßnahmen zur Instandhaltung nun auch anhand von Zählerwerten entsprechend der Einsatzfrequenz planen. Die Ausrüstung wird in separat verwaltete Kategorien eingeteilt, ihre Wartung nach Bedarf angefordert. Dadurch sinken die Personal- und Materialkosten.

Bei der Heimkehr der Toronto wissen die Techniker in der Werft bereits im Detail, welche Wartungsarbeiten anstehen, und können gleich loslegen. Dadurch verkürzt sich die Liegephase. Zudem nutzen die Serviceteams die Zeit zwischen dem Dateneingang via Satellit und dem Einlaufen des Schiffes, um die Verfügbarkeit der benötigten Ersatzteile zu prüfen und diese zu reservieren oder zu bestellen.

Der Erfolg des MASIS beruht unter anderem auf der Fülle der bereitgestellten Informationen. Jeder Ausrüstungsgegenstand an Bord erhält eine Seriennummer, anhand derer das System die Wartung durchgängig und im Detail dokumentiert; so lassen sich die Kosten genauer aufschlüsseln. Und da MASIS auch den Materialverbrauch zeitnah erfasst, kann die Werft pünktlich für Nachschub sorgen.

Moderne Marine

„In den nächsten zehn bis zwanzig Jahren werden wir zweistellige Milliardenbeträge für neue Ausrüstung ausgeben“, sagt Kevin Radford, Leiter des Beschaffungswesens im kanadischen Verteidigungsministerium. „MASIS wird die Konstante sein, die uns ein effektives Arbeiten ermöglicht.“

Angesichts rückläufiger Budgets und neuer Gefahren wird der Auftrag der Streitkräfte im 21. Jahrhundert gewiss nicht leichter. Doch dank hochmoderner IT sind die Fregatte Toronto und ihre Schwesterschiffe bestens gerüstet, ihre Mission auch auf stürmischer See zu meistern.

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