Kollege Besserwisser

Feature | 10. März 2009 von Uta Spinger, SAP 0

Ein starkes Team: Der funkgesteuerte Transportwagen weist Lagerarbeitern den Weg zum richtigen Artikel. (Foto: SAP)

Future Factory
Die Future Factory ist ein Projekt von SAP Research und industriellen sowie akademischen Partnern, um Forschung und Entwicklung in der Fertigung und Montage zu fordern. Im Future Factory Lab in Dresden werden Szenarien der verteilten Produktion gemeinsam mit Partnern der Initiative Smart-Factory sowie der Modellfabrik des Fraunhofer IAO-Instituts gezeigt.

Jeder kennt sie, die neuen Mitarbeiter, die schon am ersten Tag in der Firma alles besser wissen und überall hineinreden. An einen solchen Kollegen muss sich auch ART-Mitarbeiter Robert Kremer gewöhnen. Legt er bei der Kommissionierung etwa ein nicht bestelltes Kabel in den Behälter, meckert dieser sofort: „Falschen Artikel entnehmen“, und bevormundet Kremer weiter „Artikel 1 in Kiste 3 legen.“ Als ob der erfahrene Lagerist das nicht allein könnte!

Doch eigentlich kann er dem Neuling nicht böse sein, denn MICA, so dessen Rufname, macht nur, was er soll. Und das haben ihm seine Zieheltern bei SAP Research und dem Fraunhofer-Institut gründlich beigebracht. Das Forschungsprogramm, dem er entstammt, heißt „Multimodal Interaction in Context-Adaptive Systems“. Er selbst ist ein Transportwagen mit Tablet-PC und Ortungsfunktionen sowie Aktionsverfolgung via Funkerkennung (RFID).

Idealer Mitarbeiter

Sein erster Ausflug in die betriebliche Praxis führte MICA nach Hockenheim zur ART-Gruppe und damit an Kremers Seite. Geschäftsbereichsleiter Jürgen Wollbrecht hatte MICA auf der Cebit 2007 entdeckt und sofort ins Herz geschlossen. Denn MICA hat eine besondere Gabe: Er arbeitet fehlerfrei.

Genau so einen Mitarbeiter suchte Wollbrecht für sein Lager, in dem Verkabelungssysteme für die benachbarten Heidelberger Druckmaschinen kommissioniert werden. Denn bei ART stehen Qualität und Zuverlässigkeit an erster Stelle. Mit seinen Großkunden aus dem Maschinen- und Anlagenbau wie Bosch, Index, Bombardier und Heideldruck ist der Familienbetrieb mitgewachsen.

Sportlicher Ehrgeiz

Insbesondere die Heidelberger Druckmaschinen AG setzt in der Branche Maßstäbe und spornt die Zulieferer zu Höchstleistungen an. „Da wir mit den Heidelbergern schon über 50 Jahre eng zusammenarbeiten und etwa die Hälfte unseres Umsatzes mit ihnen machen, lag es nahe, sie als Entwicklungspartner für unser Logistiksystem zu wählen“, erklärt Wollbrecht.

Vor zwei Jahren, so der Geschäftsbereichsleiter, habe sich die ART-Gruppe für integrierte Software aus dem Hause SAP entschieden, weil diese „ein Workflow-Denken ermöglicht“. Damit ließen sich betriebliche Abläufe einfacher und schneller gestalten. Zudem hätten sich die Datenqualität verbessert und der Durchlauf beschleunigt. Alles in allem habe das zu Einsparungen geführt. „Einen Wettbewerbsvorteil erzielt man allerdings nur, wenn man flexibel auf Kundenwünsche reagiert“, betont Wollbrecht.

Nach Fachmessen steige der Umsatz um bis zu 50 Prozent – darauf müsse man vorbereitet sein, denn Liefertreue sei das A und O.

Irren ist menschlich

Über seine Erzeugnisse kann sich der Mittelständler kaum differenzieren, wohl aber durch eine perfekte Logistik. Maschinenbauer wie Heideldruck sind auf ihre Zulieferer angewiesen. Fehlt ein Kabel, kann der Monteur beispielsweise die Haube nicht auf die Druckmaschine schrauben; die Montage stoppt.

Auch bei ART bedeuten Lieferpannen Ärger und halten den Betrieb auf – zumal der Betrieb seine Module „just in sequence“ ausliefert, das heißt, in der Reihenfolge des Einbaus in das jeweilige Kundenprodukt. „Das verursacht zusätzliche Rüst- und Logistikkosten sowie Monteureinsätze“ erklärt Wollbrecht. „Deshalb brauchten wir mehr Sicherheit, und die gibt uns MICA.“

So könne man sich manche Kontrolle sparen – etwa, ob das richtige Kabel im richtigen Gebinde landet – und die Bestände schlank halten. Mittelfristig hofft das Unternehmen, die Reklamationsquote wegen falscher oder mangelhafter Lieferungen mit dem elektronischen Lagerhelfer auf Null zu drücken.

Waren und System im Dialog

Lager der ART-Gruppe (Foto: SAP)


Aus der SAP-Lagerhaltung übernimmt MICA in Echtzeit die Aufträge und weist sie den Mitarbeitern zu. Mit RFID, akustischen und optischen Sensoren erfasst das Gerät Daten aus der Umgebung ebenso wie die Bewegungen seiner menschlichen Kollegen. Gegenüber Strichcodes hat RFID den Vorteil, dass die Daten kontaktlos übertragen werden. Über aufgeklebte Funkchips kommunizieren die Artikel mit MICA, der wiederum am ERP-System hängt.

Mit seiner Antenne registriert der Wagen zum Beispiel, welchen Kabelsatz Herr Kremer aus dem Regal geholt hat. „Stopp, Kabel aus Korb 4 nehmen und in Behälter 2 zurücklegen“, souffliert er seinem Chauffeur per Ohrhörer. Transponder am Hallenboden weisen den beiden den Weg. Wird es im Lager zu laut, schaltet das Gerät um und gibt seine Meldungen am Monitor aus.

Vor allem unerfahrene Leiharbeiter, die bei Auftragsspitzen angeheuert werden, profitieren von diesem Helfer. „Der Assistent korrigiert Fehler, die unserem Personal unterlaufen, wenn die Lichtverhältnisse schlecht sind oder die Qualifikation nicht reicht“, freut sich Wollbrecht. Durch diesen Sicherheitsgewinn könne ART sowohl besser als auch schneller arbeiten. „MICA macht mich gelassen, weil ich weiß, die Lieferung stimmt“, resümiert der Geschäftsbereichsleiter.

MICA weiß Bescheid

Noch ist MICA ein Einzelkind, ein Prototyp, wie die Forscher sagen. Doch seine Eltern hoffen, dass er viele Geschwister bekommen wird, die selbst Großunternehmen bei der Kommissionierung helfen. Schließlich ist das System auf bis zu 10.000 Kommissionen am Tag ausgelegt. Manfred Pauli von SAP Research stellt sich den Transportwagen mit RFID-Technik bei Versandhäusern wie Amazon oder Otto vor.

„Ein Vorteil von MICA ist, dass sich die Arbeitskräfte nicht mehr im Lager auszukennen brauchen. Die Artikel können gelagert werden, wo gerade Platz ist. Dieses chaotische Verfahren spart Fläche und Zeit.“ Und erfahrene Lageristen wie Kremer könnten sich Aufgaben widmen, die mehr Know-how erfordern. Denn manches kann selbst die perfekte Maschine dem Menschen nicht abnehmen.

ART: Antriebs- und Regeltechnik
Seit über 50 Jahren liefert die ART-Gruppe dem Maschinen- und Anlagenbau elektrotechnische Komponenten und Systeme. Die Produktpalette umfasst Gehäuse- und Steuerungstechnik sowie Verkabelungssysteme. ART beschäftigt rund 800 Mitarbeiter in sechs Werken – drei in Deutschland mit dem Firmensitz Hockenheim, die Übrigen in Polen und Rumänien.

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