Den Überblick bewahren

Feature | 9. September 2009 von Achim Born 0

Ralph Treitz

Ralph Treitz, Vorstand der VMS AG

Die „Herren der Systeme“ im IT-Betrieb sind tagtäglich mit der Komplexität der SAP-Landschaften konfrontiert. Von ihnen wird erwartet, dass die Performance ohne Abstriche stimmt und die Kosten des Betriebs nicht aus dem Ruder laufen. Ralph Treitz, Vorstand der VMS AG, erläutert im Gespräch, wie Benchmarking hilft, die Komplexität der SAP-Landschaften zu beherrschen.
SAP.info: Komplex, kostspielig … die Klagen über den Betrieb der SAP-Software sind hinlänglich bekannt. Treffen diese auch zu?

Treitz: Sie dürfen nicht komplex mit kompliziert verwechseln. Selbst die einfachsten Dinge lassen sich kompliziert darstellen. Dagegen lässt sich die Komplexität in Anwendungslandschaften nicht ganz vermeiden.

SAP.info: Warum ist kein „keep it simple stupid“ möglich?

Treitz: Die reale Unternehmenswelt ist vielfältig und komplex. Folgt ein Software-Anbieter dem Anspruch, Unternehmen bestmöglich zu unterstützen, hält diese Komplexität zwangsläufig Einzug in die IT-Umgebung. SAP-Systeme, die exponentielle Möglichkeiten der Differenzierung in den Unternehmensprozessen bieten, sind vor diesem Hintergrund echte Meisterleistungen der IT. In ihnen steckt eine Menge an Logik, Kreativität und Domänenwissen.

SAP.info: Ungeachtet dessen neigen SAP-Systeme im Produktiveinsatz zu wachsen, Antwortzeiten verschlechtern sich und Betriebskosten laufen aus dem Ruder.

Treitz: Jede Modifikation, Neuimplementierung oder Eigenentwicklung, jeder zusätzliche Nutzerkreis macht die SAP-Systemlandschaft komplexer und verteuert zum Teil deren Betrieb. Das liegt in der Natur der Sache. Selbst Projekte, die einen positiven wirtschaftlichen Effekt auf den Geschäftsprozess haben, belasten zur Leistungserbringung letztlich das Budget der IT. Der IT-Betrieb eines Unternehmens ist nun gefordert, diese Komplexität zu beherrschen.

SAP.info: Wie soll denn die IT reagieren, wenn aus den Fachabteilungen Klagen über ein mangelndes Leistungsniveau der Anwendungen laut werden? Ist Benchmarking eine Lösung?

Treitz: Ja, allerdings ist Benchmarking das Arbeitswerkzeug, mit dessen Hilfe am Ende der IT vernünftige, zielführende Empfehlungen für Verbesserungen gegeben werden können. Wenig dienlich sind deshalb schlichte Vergleiche auf Basis so genannter „Peer Groups“. Ein solches Verfahren ist nur in einem sehr allgemeinen Bereich sinnvoll anwendbar. So ist es sicherlich interessant zu erfahren, ob ein Unternehmen für die IT insgesamt mehr oder weniger Geld ausgibt als die direkten Wettbewerber. Sobald man weiter ins Detail geht, überlagern die individuellen Ausprägungen einzelner Mitglieder der „Peer Group“ die allgemeine Aussagekraft. Fehlinterpretationen sind dann zwangsläufig die Folge.

SAP.info: Die Aussage „Uns können Sie gar nicht vergleichen.“ gilt also trotz des Einsatzes von Standardsoftware weiterhin?

Treitz: Jede SAP-Landschaft ist einzigartig – auch innerhalb einer Branche. Ein Benchmarking muss das berücksichtigen. Ein Benchmark, der lediglich ausweist, dass die Hardware 20% teurer ist als im Industriedurchschnitt, ist tatsächlich nur von sehr zweifelhaftem Wert. Statt eines einfachen Branchenvergleichs muss die Frage vielmehr lauten: Was würden andere Unternehmen ausgeben, wenn sie einen ebensolchen IT-Leistungsmix zu erbringen hätten wie mein Unternehmen? Aus der Antwort eines solchen DNA-level Benchmarks lassen sich dann geeignete Maßnahmen ableiten, um den eigenen Systembetrieb zu optimieren und sich der Best-Practice anzunähern.

SAP.info: Was genau unterscheidet ein DNA-level Benchmark, wie in VMS propagiert, von herkömmlichen Benchmark-Ansätzen?

Treitz: Wir nutzen ein mathematisch stochastisches Modellierungsmodell für die Bewertung der SAP-Systeme. Das Modellierungswerkzeug vermittelt ein transparentes Bild vom Ist-Zustand des SAP-Systems. Die notwendigen Daten liefern kleine ABAP-Programme, die ein SAP-System in großer Tiefe zu vermessen, und zwar in der Spannweite von der Millisekunde eines Speichervorgangs bis zur jährlichen Ressourcen- und Kostenbilanz.

SAP.info: Lässt sich der SAP Solution Manager für solche Aufgaben heranziehen?[A1]

Treitz: Der SAP Solution Manager ist das Mittel der Wahl für qualitativ guten täglichen Betrieb. Dazu bietet er in verschiedenster Ausprägung Zugriff auf technische Daten und Prozesse. Der Vergleich zum DNA-level Benchmark ist etwa der zwischen Verkehrspolizist und Verkehrsplaner. Für den reibungslosen Betrieb in der akuten Situation braucht es den einen, für die Analyse der Architektur und die Vermeidung von Problemen den anderen. Im Grunde greift unser DNA-level Benchmark die Grundidee des SAP Early Watch Alert auf und weitet diese auf die strategische Ebene, aufKosten, Nutzen und Qualität der IT, aus.

SAP.info: Welches Resümee ziehen Sie aus dem Vergleich zwischen Ist- und Wunsch-Zustand einer SAP-Landschaft? Mit welchen Maßnahmen lassen sich schnell Optimierungserfolge erzielen?

Treitz: Ein einfache Antwort auf diese Frage lässt sich nicht treffen. In den wenigsten Fällen ist die Wurzel des Übels in zu geringen Hardware-Ressourcen zu suchen. Deshalb muss das gesamte Beziehungsgeflecht – Customizing, Programmabläufe, Datenstrukturen sowie Datenflüsse – auf den Prüfstand. So kann etwa das richtige Customizing von SAP-Anwendungen die Antwortzeiten deutlich beschleunigen – und zwar ohne zusätzliche Programmierung. Das Auslagern bestimmter Abläufe in Rand- und Nachtstunden kann ebenfalls wieder die Antwortzeit im Normalbetrieb beschleunigen. Mitunter sind die Störquellen aber auch im organisatorischen Bereich zu finden – wenn beispielsweise der IT-Betrieb zu spät erfährt, dass eine Fachabteilung oder ein Kunden künftig vermehrt Self Service-Funktionen nutzen wird. Ein handlungsorientiertes Benchmarking hilft hier, Problemstellen zu identifizieren und zu bewerten. Gerade in Zeiten knapper IT-Budgets ist der Aspekt der Bewertung entscheidend. Nur wer Maßnahmen nach Kosten und wirtschaftlichem Effekt klar bewerten kann, wird die notwendigen Mittel zur Umsetzung erhalten.

SAP.info: Die Transparenz im SAP-Betrieb allein gibt noch keine Auskunft über die tatsächlich erreichbare Qualität! Sie haben selbst auf die Problematik des „Peer Group“-Ansatzes hingewiesen.

Treitz: Richtig! Die VMS Benchmarkbase umfasst Daten zu rund 2.000 vermessenen SAP-Systemen und circa 1.600 Jahre detaillert erfassten SAP-Betriebs. Und erst im Vergleich mit anderen Systemen, die einen ähnlichen Aufbau und Anwendungsmix aufweisen, werden Leistungshöhen und -tiefen sichtbar. Der Blick über den Tellerrand auf vergleichbare Organisation unabhängig von der Branche gibt belastbare Antworten darauf, ob beispielsweise eine dezentrale Installationen in Niederlassungen günstiger sind oder eine Zentralisierung sinnvoll ist, welche Kostenvorteile sich real aus der Virtualisierung einstellen und, und, und. Ein solches Cross-Industry Benchmarking ist im Übrigen nicht neu! In den 90er Jahren verglich Southwest Airlines die Prozesse zur Abfertigung von Flugzeugen (Anflug – Service – Abflug) mit dem Boxenstop der Formel 1, um zu lernen, wie man kleinteilig optimieren kann. Mit großem Erfolg: Es entstand eine der ersten Low-cost Airlines!

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