Lager-Prozesse umgekrempelt

Feature | 27. Dezember 2013 von Claudia Linke 0

Produktionsstandort von Putzmeister Mörtelmaschinen in Aichtal bei Stuttgart (Foto: Putzmeister Mörtelmaschinen GmbH)

Produktionsstandort von Putzmeister Mörtelmaschinen in Aichtal bei Stuttgart (Foto: Putzmeister Mörtelmaschinen GmbH)

Auch so was kommt vor: Der Produktbereich Mörteltechnik in der Putzmeister Gruppe arbeitete 2011 zu erfolgreich, zumindest für die Lagerlogistik am Produktionsstandort Aichtal bei Stuttgart. Produktionssteigerungen bei Putzmaschinen, Estrichförderern und Feinbetonpumpen führten dazu, dass das Hochregallager zur Bereitstellung von Bauteilen für die Produktion und von Ersatzteilen für den Service nicht mehr nachkam. Selbst wenn die Mitarbeiter dort rund um die Uhr im Einsatz waren, stauten sich die Kommissionierungsaufträge. Ein Flaschenhals in der Supply Chain – das Management holte sich SCM-Spezialisten zur Verstärkung.

Ausgangssituation waren klassische Kommissionierungsaufträge. Die einzelnen Transportaufträge (TA) im SAP WM wurden bei Putzmeister zur Übermittlung an die Flurförderer und Regalbediengeräte ausgedruckt. Nach ihrer Abarbeitung wurden die TAs zurückgemeldet und an fest installierten Rechnern quittiert. Alle in SAP WM abgebildeten Lagerbewegungen wurden auf diese Weise papiergebunden abgearbeitet – Einlagerung, Auslagerung, Umlagerung und Versorgung der Produktion.

Ursprünglicher Plan: SAP-Partner soll Belege überflüssig machen

Um die Lagerprozesse zu verbessern, wollte die Putzmeister Mörtelmaschinen GmbH auf eine beleglose Lagerbedienung durch MDE-Geräte (mobile Dateneingabe) umstellen. Für die Umsetzung in SAP holte man sich im August 2011 mit der SPV Solutions, Products, Visions AG einen der erfahrensten SAP-Partner Deutschlands, der sich zudem seit Jahren mit Prozessoptimierungen in der Logistik einen Namen gemacht hatte. Die gemeinsame Analyse der Prozesse zeigte allerdings schnell, dass die Abschaffung gedruckter Transportbelege und die Einführung von MDE nicht reichen würden, um die Flaschenhals-Problematik in den Griff zu bekommen.

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Einen Monat später stand das Konzept für den ersten Teil des Projektes, das inzwischen die Gesamtoptimierung der Lagerprozesse zum Ziel hatte. Die Grundproblematik bei der bisherigen, auftragsbezogenen Kommissionierung war, dass die Mitarbeiter für einen Auftrag im gesamten Lager unterwegs waren. Teilweise behinderten Mitarbeiter sich gegenseitig, wenn sie Waren aus demselben Regal benötigten.

Anders als ursprünglich vermutet, waren damit nicht die Beschaffung von MDE-Geräten, die Einrichtung einer Funkverbindung und die Implementierung in SAP die Herausforderungen, sondern die umfassende Neukonzeption der Kommissionierung. Dazu definierten die SCM-Experten von SPV Solutions, Products, Visions die ersten Gänge und Regale des Hochregallagers (HRL), die mit einem Regalbediengerät zu erreichen sind, zu Kommissionierungsbereichen um. Gleichzeitig unterteilten sie die Kommissionierung in zwei Stufen. Im ersten Schritt erhalten die Mitarbeiter Transportaufträge, die die Anfragen für Materialien eines Kommissionierungsbereichs aus mehreren Kommissionierungsaufträgen bündeln.

Neue Prozesse: Putzmeister organisiert die Kommissionierung um

Dabei bewährte es sich, eine geringe Zahl von Aufträgen pro Fahrt zu bündeln. Die Waren werden entnommen und an einem Kommissionierungssammelplatz am Ende des Ganges abgelegt. Im zweiten Schritt erfolgt die eigentliche Kommissionierung nach Bedarfsbeleg aus den Sammelentnahmen. Die gebündelte Entnahme über mehrere Bedarfsbelege hinweg war somit die entscheidende Maßnahme zur Wegeoptimierung im HRL.

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„Dieses Projekt und viele andere zeigen immer wieder: 90 Prozent der Probleme lassen sich durch optimierte Prozesse lösen, nicht durch Technik“, erläutert Ludwig Hüfner, Vorstand bei SPV Solutions, Products, Visions AG, seine Erfahrungen. Kleine technische Details können aber durchaus entscheidend sein. Die Erstellung der RF-Queues, also die Zusammenstellung der Transportaufträge in der ersten Kommissionierungsphase, sollte bei Putzmeister nicht nur nach Kommissionierungsbereichen erfolgen. SPV Solutions, Products, Visions entwickelte eine zeitliche Steuerung, mit der Priorisierungen vorgenommen werden können. Zugleich verhindert diese Steuerung, dass sich Liefer- und Produktionskommissionierungen, deren Bedarfszeitpunkt mehr als drei Tage in der Zukunft liegen, „vordrängeln“ und dann im Warenausgangsbereich liegend die Kommissionierung behindern.

Nach Einführung der MDE-Geräte und den Anpassungen in SAP sah die Lagerlogistik im HRL von Putzmeister Mörtelmaschinen Anfang 2012 wie folgt aus: Ein Mitarbeiter bekommt eine Gasse zugeteilt und erhält auf dem Mobilgerät die Queue der Transportaufträge aus bis zu fünf Bestellungen. Er entnimmt die Waren, versieht sie mit einem Barcode-Etikett, aus dem die Zugehörigkeit zu einem Kommissionierungsauftrag hervorgeht, und liefert alle Waren am Sammelplatz ab. Ein Kollege sammelt dann die zu einer Lieferung gehörenden Waren anhand ihrer Belabelung zusammen.

Die Tücken des dreistufigen Kommissionierungs-Konzepts

Das Ziel der zweiten Projektphase war es dann, die Bewegungen der Regalbediengeräte (RBG) weiter zu reduzieren. Dies wurde bei Putzmeister Anfang 2012 in Angriff genommen. Dazu wurde zunächst die Einführung einer dreistufigen Kommissionierung evaluiert. Dabei sollten bei der Entnahme aus dem HRL Transportaufträge für die gleiche Ware gesammelt werden. Aber es stellte sich heraus, dass der Grad der Überdeckung der Kommissionierungsaufträge bezüglich gleicher Waren in der Praxis geringer war als zunächst angenommen. Die negativen Folgen eines dreistufigen Konzeptes: Es hätten sich dadurch zu viele Güter in den Kommissionierungszonen angesammelt.

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Daher blieb Putzmeister bei der zweistufigen Kommissionierung. Doch das Team der SPV Solutions, Products, Visions fand noch eine Optimierungsschraube, an der man drehen konnte. Die SAP-Spezialisten prüften, wie sich die Fahrwege in Bezug auf die Entnahmepositionen optimieren lassen. Sie passten die Erstellung der Queues so an, dass die Aufträge auf den mobilen Geräten der Regalbediengeräte die Reihenfolge der Entnahmen festlegten. Seither bekommt der Mitarbeiter in der Gasse immer den nächsten Entnahmepunkt angezeigt, so dass er sich von hinten nach vorne vorarbeitet. „Der Effekt war beachtlich“, sagt Ludwig Hüfner. „Wurden vorher durchschnittlich etwa zwölf Minuten für fünf Aufträge benötigt, waren es mit der Fahrwegsoptimierung nur noch ungefähr fünfeinhalb Minuten.“

Im ursprünglichen Konzept gingen die Projektteams davon aus, nach der ersten Buchung über das MDE-Gerät bei Entnahme und Etikettierung der Ware eventuell noch eine zweite Buchung bei der Kommissionierung einzuführen. Die Entscheidung darüber sollte von der Fehlerquote abhängig gemacht werden – nur, es gab keine. „Die Praxis im Lager hat gezeigt, dass die zweistufige Kommissionierung für die Mitarbeiter im Lager überschaubar, beherrschbar, sehr robust und schnell ist“, sagt Torsten Deininger, Logistikleiter bei Putzmeister Mörtelmaschinen GmbH. „Wir sind sehr zufrieden mit der Lösung, die wir hier gemeinsam mit SPV Solutions, Products, Visions entwickelt und implementiert haben. Die Leistungsfähigkeit unseres Lagers konnte entscheidend gesteigert werden – der Flaschenhals in unserer Supply Chain exisitiert nicht mehr.“

Projekt-Eckdaten: 60 Manntage in sechs Monaten, Umstellung im laufenden Betrieb

Circa 60 Manntage auf sechs Monate verteilt hatte der Dienstleister eingebracht. Durch die geschickte Zweiteilung des Projekts konnten die Umstellungen sicher während des laufenden Betriebs durchgeführt werden. Der Vorteil: Das Konzept konnte schon in der ersten Phase einen großen Teil seiner Effizienz steigernden Wirkung erzielen. Der Druck aus den auf ihre Lieferungen wartenden Abteilungen auf das Lager, seine Mitarbeiter und Verantwortlichen verringerte sich schnell. „Die erreichte Effizienzsteigerung unseres Lagers in Aichtal ist gut für unseren Wachstumskurs“, sagt Torsten Deininger. „Es war interessant zu sehen, wie uns SPV Solutions, Products, Visions hier neben der kompetenten Bearbeitung der SAP-Anpassungen auch mit ihrem fachmännischen Blick für die Optimierung von Logistikprozessen geholfen haben. Kurzum: Es war eine sehr angenehme und erfolgreiche Zusammenarbeit.“

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