„Das Ziel ist der mündige Athlet“

Feature | 20. März 2014 von Nicolas A. Zeitler 0

Mehr Spaß für Zuschauer, neue Rollenbilder bei Sportlern und Athleten – das wird laut Prof. Martin Lames der verstärkte IT-Einsatz im Sport bringen. (Foto: TUM)

Wenn Martin Lames privat zu Golf- oder Tennisschläger greift, haben Analyse-Sensoren oder -Kameras nichts auf dem Platz verloren. „Für mein Laien-Niveau wäre das übertrieben“, sagt der 55-Jährige. Ist der Sportwissenschafts-Professor dagegen in seinem Golf-Labor an der TU München zugange oder wertet am Rechner die Leistung von Sportlern aus, kann er gar nicht genug bekommen von Daten – sei es die sinkende Lauffreudigkeit einer Fußball-Elf bei Hitze, die Kniebelastung bei einem Hockeyspieler oder die Größe der Spritzer beim Eintauchen eines Wasserspringers. Lames ist an der TU Lehrstuhlinhaber für Trainingswissenschaft und Sportinformatik und seit letztem Sommer für zwei Jahre Präsident der International Association on Computer Science in Sport. Er sagt: Der zunehmende Einsatz von IT bei Training und Wettkampf wird die Rollen von Spielern und Trainern verändern und den Genuss für die Zuschauer erhöhen.

SAP.info: Herr Professor Lames, in einem Ihrer Projekte werten Sie offizielle Spieldaten aus dem deutschen Profi-Fußball aus. Was haben Sie bisher herausgefunden?

Martin Lames: Als Partner der Deutschen Fußball-Liga sind wir seit einigen Jahren für die Qualitätssicherung der Positionsdaten zuständig, die videobasiert erhoben werden. Wir prüfen beispielsweise, ob die Software auch in schwierigen Situationen – zum Beispiel wenn sich Spieler im Zweikampf sehr nahe kommen – die Identität beider wahren kann, bei der Auswertung also eindeutig ist, wer wer ist. Wir schauen diese Daten auch unter Leistungsgesichtspunkten an. Dabei erkennt man unter anderem, dass nicht die Mannschaft die beste ist, die am meisten läuft. Eher ist es so wie bei Bayern München: Wenn das System der ganzen Mannschaft funktioniert, müssen die einzelnen weniger laufen. Für solche Beobachtungen versuchen wir, theoretische Modelle zu finden. Mit Blick auf die Fußball-WM in Katar 2022 untersuchen wir zurzeit außerdem Zusammenhänge zwischen Temperatureinfluss und Laufleistung.

Weniger Sprints im Fußball schon bei 25 Grad

Was können Sie dazu mit Daten aus dem deutschen Fußball herausfinden? Bei uns gibt es ja keine Spiele in so großer Hitze.

Lames: Wir finden bei den vorliegenden Daten zu Spielen hierzulande, die bei mehr als 25 Grad Celsius stattfinden, schon deutliche Hinweise auf eine rückgängige Laufleistung und weniger Sprints. Allerdings herrschen solche Bedingungen in Deutschland meist nur im Mai oder Juni, also gegen Ende der Saison. Da könnte es auch sein, dass manche Teams insgesamt weniger laufen, weil es für sie um nichts mehr geht. Für uns ist die Herausforderung, die Temperatur von anderen Einflussfaktoren zu trennen.

Dieser Artikel ist Teil unseres Themenschwerpunkts Sport & IT. Alle Beiträge zum Thema finden Sie in unserem Special.

Dass bei Hitze weniger oder langsamer gelaufen wird, ist an sich noch nicht allzu überraschend.

Lames: Spannend wird es aber, wenn man feststellt, ab wann die Attraktivität des Spiels leidet oder gesundheitliche Beeinträchtigungen bei den Spielern auftreten. Ich war auf Einladung der dortigen Olympischen Akademie erst in Katar und habe auch mit Fußballfunktionären gesprochen. Dort ist man gegenüber solchen Diskussionen durchaus offen. Da herrscht eine Einstellung, dass man die WM im Sommer ja auch in klimatisierten Stadien stattfinden lassen könnte. Es gibt dort sogar große Sportstätten, in denen alle Umgebungsbedingungen regelbar sind. Dass so etwas viel Geld kostet, ist meinem Eindruck nach kein Thema.

Kommen wir zu den grundsätzlichen Möglichkeiten einer Leistungsdiagnostik, die immer stärker IT-gestützt abläuft. Werden Talentscouts bald überflüssig?

Lames: Da muss man unterscheiden. Daten zum Beispiel zur Laufleistung zu erheben ist das eine. Aber bei der Beobachtung einer Mannschaft im Spiel geht es nicht nur um solche Werte. Die rahmen das nur ein. Hier stehen im Mittelpunkt eher Fragen wie: Wie zweikampfstark ist jemand? Wie setzt er seinen Körper ein? Wie antizipiert er? Wie ist sein Stellungsspiel? Um darauf Antworten zu finden, propagieren wir qualitative Verfahren.

Mit automatisierten Berichten das Training vorbereiten

Aber indem Datenerfassung und –auswertung immer besser werden, werden sich doch auch immer mehr dieser Fragen IT-gestützt beantworten lassen.

Lames: Das wird ein Miteinander bleiben. Unsere Vision ist: Statistiken, wie wir sie heute haben, lassen sich irgendwann mit Sensoren größtenteils automatisiert erfassen. Das Ergebnis – auch der heutzutage schon erstellten Analysen – sind Reports von 60 bis 80 Seiten. Die landen bisher oft einfach auf einem Stapel, weil sie allein dem Trainer nicht sagen, wie er die Probleme seiner Mannschaft abstellt oder wie er einen bestimmten Spieler am besten einsetzt. Hilfreich sind solche Berichte aber, wenn man sie zur quantitativen Vorstrukturierung nutzt. Mit automatisch erfassten Daten könnte man zum Beispiel alle Situationen finden, in denen der Ball zwei Kontakte nach der Eroberung wieder verloren ging. Diese Situationen schaut sich der Spielanalyst direkt im Video an, sucht nach den Ursachen, präsentiert das Ergebnis dem Trainer und führt dann gegebenenfalls mit den betroffenen Spielern ein Videotaktiktraining durch.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Der Cheftrainer von morgen: Kommunikator mit Tablet

Eines Ihrer Projekte befasst sich mit der Kommunikation innerhalb von Trainerstäben. Sie suchen darin unter anderem nach Möglichkeiten, die Verständigung IT-gestützt zu verbessern. Warum ist das notwendig?

Lames: Die Tendenz im Profisport geht dahin, dass immer größere Stäbe von Spezialisten zusammenarbeiten: Sportpsychologen, Physiotherapeuten, Ernährungsberater und so weiter. Aufgabe des Headcoaches wird zunehmend, die Kommunikation sicherzustellen und Querbezüge herzustellen zwischen den Informationen, die die Spezialisten zusammentragen. Da schlägt die Stunde der IT. In einem Pilotprojekt testen wir das gerade bei den Nachwuchs-Basketballern des FC Bayern.

Wie sieht das aus? Was bekommt der Cheftrainer als Hilfsmittel an die Hand?

Lames: Einen simplen Rechnerzugang, bei Bedarf auch ein mobiles Gerät. Darauf sieht er auf einen Blick die Daten, die die einzelnen Spezialisten eingeben. Ein Spielanalyst zum Beispiel füttert das System mit Stärken und Schwächen eigener Spieler aus dem letzten Match und denen des nächsten Gegners. Dem Trainer hilft das zu entscheiden, wen er gegen den besonders kopfballstarken Spieler des Gegners auflaufen lässt. Ein Entscheidungskriterium könnte sein, wie zuletzt die Sprungleistung eigener Spieler war.

Daten sollen Sportler autonomer machen

Könnten die Mitglieder des Trainerstabs nicht einfach auch miteinander reden?

Lames: Ich sage ja nicht, dass sie das nicht tun. Nur wird der Bedarf an Abstimmung immer größer werden, weil immer mehr Spezialisten mitreden und Informationen zur Verfügung stellen.

Wie reagieren denn Sportler darauf, dass immer mehr Daten über sie erhoben, gespeichert und ausgewertet werden?

Lames: Sehr unterschiedlich. Ich glaube, dass wir neben dem Wandel des Trainerbildes – immer stärker innerhalb des Stabs zu vermitteln – auch die Geburt eines neuen Spielerbildes erleben werden. Heute sind zum Beispiel viele Fußballer sehr passiv: Sie trainieren so viel wie laut Trainer nötig, ihre Selbstwahrnehmung ist von dem geprägt, was Medien veröffentlichen. Ein Sportler, der sich mit seinen Leistungsdaten auseinandersetzt, wird künftig im Vorteil sein – dadurch, dass er sich zum Beispiel selbst hinsetzt und seine mittels Informationstechnologie analysierten Zweikämpfe noch mal anschaut. Unser Ziel ist der mündige Athlet, der sich selbst mit seinen Daten auseinandersetzt und dadurch Autonomie gewinnt. Der Weg dorthin ist allerdings ein langer Lernprozess.

Wie verbreitet ist denn der Einsatz von IT für Training und Spielanalyse in Vereinen?

Lames: Da findet man ein breites Spektrum. Vereine wie der FC Bayern München beschäftigen vier bis fünf Leute allein für die Spielanalyse und wollen diese Abteilung weiter ausbauen. Andere haben für diese Aufgabe nur einen 400-Euro-Studenten an Bord.

In welcher Sportart setzt sich IT am stärksten durch?

Lames: Eindeutig im Fußball. Auch, weil hier die nötigen Daten schon lange erhoben werden. In anderen Sportarten ist man aufgeschlossen, aber oft fehlt das Geld. Im Hockey zum Beispiel ist der technologische Fortschritt mit am weitesten ausgeschöpft, aber naturgemäß nur bei einer Handvoll Spitzenteams in der Welt.  In anderen Sportarten sind die Möglichkeiten offensichtlich noch gar nicht bewusst. Technisch ist es zum Beispiel gar kein Problem, mit drei einfachen Kameras ein 3D-Modell der Spieler zu erfassen. Virtuell könnte man darin ein Skelett einpassen und die Belastung auf die Knie oder andere Gelenke messen. Mit derselben Technik ließen sich im Eiskunstlauf die Körperpositionen messen und den Kampfrichtern in Echtzeit mitteilen, wer am besten gelandet ist. Das würde die Punktevergabe objektiver machen.

Spritzer von Wasserspringern IT-gestützt vermessen

Ist der Eiskunstlauf offen für solche Neuerungen?

Lames: Zum Eiskunstlauf habe ich keine engen Kontakte. Aber Kampfrichter im Kunstturnen haben mir gegenüber geäußert, dass sie diese Möglichkeit toll fänden. Oder nehmen Sie Wasserspringen: 60 Prozent der Bewertung hängen von der Eintauchqualität ab. Die machen die Kampfrichter an den Spritzern aus – dem Primärspritzer beim Durchstoßen der Wasseroberfläche und dem Sekundärspritzer, wenn sich der Eintauchkanal über dem Springer schließt. Wir haben in einem Projekt einmal an Videobildern manuell die Größe der Spritzer vermessen. Ziel wäre auch hier, kamera- und IT-gestützt in Echtzeit die Spritzerbildung zu vermessen und zu bewerten. Man könnte zudem Zusammenhänge zwischen den Spritzern und dem Eintauchwinkel und Drehmoment erkennen.

Welche Länder sind am weitesten beim IT-Einsatz im Sport? Und wo steht Deutschland?

Lames: Generell sind die USA weit vorn. Dort ist unter anderem der Einsatz von Bilderkennung in Sportarten wie Baseball und Football sehr weit. Auch Australien ist sehr fortschrittlich. In Deutschland dagegen ist man insgesamt sehr zurückhaltend. Wir haben schon einige Projekte auch im Goalball – einer paralympischen Sportart – und im Beachvolleyball durchgeführt. Aber in der Breite ist IT für Training und Wettkampf noch nicht die Regel. In Deutschland gibt es auf dem Feld Kommunikationsdefizite zwischen universitärer Forschung und den Verbänden. Das ist zum Beispiel in Australien anders, weil die Trainerausbildung dort an Universitäten stattfindet.

Mehr Interaktivität für die Zuschauer

Letzte Frage: Macht der zunehmende IT-Einsatz den Sport auch für den Zuschauer attraktiver?

Lames: Klar. Schon heute wird das Fernsehbild vom Spielgeschehen ja angereichert zum Beispiel durch Statistiken zur Laufleistung. Transportiert wird auch vieles, was ich als Sinnlos-Information bezeichne. Zum Beispiel Aussagen wie: Hertha hat seit zehn Jahren nicht mehr in Stuttgart gewonnen. Aber die Leute sehen darin offenbar einen Mehrwert. Mit Fortschritten in der Sensorik könnte man künftig noch viel mehr bieten. Sensoren in Fußballertrikots könnten Auskunft geben über Körpertemperatur oder Ermüdungszustand. Das macht es für den Zuschauer interaktiver. Er kann Tipps abgeben: Wen würde ich auswechseln? Und die sogenannte Immersion, das Eintauchen ins Geschehen, lässt sich auch deutlich steigern. Mit Echtzeit-Positionsdaten könnte man Zuschauern ermöglichen, ein Spiel aus der Perspektive von Philipp Lahm anzuschauen. Dann ist man richtig im Geschehen drin.

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