Mehr Flexibilität für zeitsensible Prozesse

Feature | 1. September 2003 von admin 0

Eberspächer

Eberspächer

Für Automobilzulieferer reicht es nicht aus, Produkte im richtigen Preis-Leistungs-Verhältnis anzubieten, um sich vom Wettbewerb abzuheben. Gefragt sind Lieferanten, die darüber hinaus Verantwortung für Beschaffung und Logistik gegenüber den Automobilherstellern übernehmen und als weltweiter Partner agieren. So ist Eberspächer dafür verantwortlich, dass Bauteile für die Abgastechnik in georderter Reihenfolge kurzfristig und reibungslos an das Montageband seiner Vertragspartner geliefert werden (just-in-sequence) und auch bei minimaler Bestandhaltung ausreichend verfügbar sind. Der Spezialist für Abgastechnik steuert darüber hinaus für diese Produkte den gesamten Logistik- und Produktionsprozess für große Automobilunternehmen wie DaimlerChrysler, BMW und Volkswagen.
Eberspächer muss flexibel auf Bestellungen der Automobilhersteller reagieren: Das Unternehmen stellt beispielsweise bei Katalysatoren mit Edelmetallbeschichtung große Stückzahlen bereit. Je nach Bedarf liefert es außerdem kleine Stückzahlen im Segment Nutzfahrzeuge und bei der Ersatzteil-Beschaffung sowie Sonderanfertigungen im Rahmen der Produktentwicklung über eine eigene Prototypenabwicklung. Diese an Kundenbedürfnissen orientierte Fertigung mit einem flexiblen, durchgängigen Materialfluss erforderten den Einsatz einer neuen, Transparenz schaffenden Software.

Just-in-sequence-Lieferung umfassend abgebildet

“Wir benötigten eine Just-in-sequence-Lösung, die in die Beschaffungs- und Logistik-Systeme integriert ist. Von der neuen Software erwarteten wir außerdem, dass sie sehr schnell und zuverlässig ein hohes Datenvolumen verarbeitet – täglich immerhin mehr als 1.000 Lieferabrufe von Kunden und mehr als 2.000 Lieferabrufe an Lieferanten sicher abzuwickeln. Beides ließ sich mit der Branchenlösung SAP for Automotive am besten realisieren”, erläutert Tobias Diepold, Leiter des SAP Competence Centers bei Eberspächer. “Denn SAP for Automotive bietet schon im Standard alle Funktionen für eine Just-in-sequence-Lieferung und ist offen für kundenspezifische Erweiterung.”
Beim Just-in-sequence-Prozess sendet der Hersteller Sequenzimpulse an Eberspächer und veranlasst damit, dass das Material genau dann einbaufertig und in der richtigen Reihenfolge an seinem Bestimmungsort ankommt, wenn es gebraucht wird. Der Materialfluss wird mit den Just-in-sequence-Funktionen von SAP abgebildet, die mit einer von Eberspächer entwickelten Montagewerk-Steuerung direkt verzahnt sind. Über Schnittstellen zwischen SAP und dem lokalen System werden Scanner-gestützte Warenbewegungen erfasst, und die Roboter senden Impulse an SAP, um den Produktionsprozess direkt abzubilden. Notsysteme sorgen dafür, dass Informationen auch bei einem Systemausfall nicht verloren gehen.
Im Zusammenspiel mit mehreren Automobilherstellern ist jetzt das Gutschriftverfahren für gelieferte Produkte effektiv abgebildet. Zusätzlich nutzt Eberspächer die meisten der im SAP-R/3-Core-System enthaltenen Funktionen, wie Disposition und Bestandsführung, sowie die Fertigungssteuerung als Serien- und Auftragsfertigung und die graphische Plantafel zur Reihenfolgeplanung an Engpassmaschinen.

Konsistente Daten durch integrierte Systeme

Ziel des Projekts war es, die vorhandene heterogene Systemlandschaft, bestehend aus SAP R/2, eigenentwickelten Anwendungen im Bereich Logistik, Lagerverwaltung und Vorort-Montage, durch Standardsoftware abzulösen. Der hohe Schnittstellenaufwand sollte beseitigt werden. Daten waren bisher aufgrund der doppelten Datenhaltung nicht stimmig. Daraus folgte, dass die Bestände in der Logistikkette, zum Beispiel von kritischen Teilen wie Katalysatoren, nur mit großem Aufwand nachvollziehbar waren. Disponenten hatten keinen Zugriff auf aktuelle Daten über alle Werke, um die Prozesse aktiv zu steuern und zu überwachen. Damit waren sie nicht in der Lage, auf einer gesicherten Informationsbasis schnell und zuverlässig zu agieren. Da die Finanzbuchhaltung in SAP R/2 nicht mit dem Logistiksystem integriert war, ließ sich außerdem kein effektives Controlling durchführen.
Eberspächer entschied sich für die ORBIS AG als Beratungspartner und Technologielieferant. Das Saarbrücker Unternehmen konzentriert sich mit seinen Lösungen für SAP for Automotive besonders auf die Zuliefererindustrie. “Neben Know-how, Erfahrung und Flexibilität bei der eigentlichen Projektarbeit überzeugte uns die vorgeschlagene Risikominimierung: Die Implementierung lief in mehreren Phasen ab, um eine höhere Sicherheit bei der Umsetzung zu erzielen. Dabei galt es, den laufenden Betrieb ohne Produktionsausfälle auf die Just-in-sequence-Lieferung umzustellen”, schildert Diepold die besondere Herausforderung.
Die Anforderungen an die künftige Architektur hatten Eberspächer und ORBIS vor Beginn des Projekts in einem gemeinsamen Workshop differenziert und detailliert ausgestaltet. Die Aufgabe von ORBIS bestand darin, SAP for Automotive inklusive der Just-in-sequence-Abwicklung an die Erfordernisse von Eberspächer anzupassen und die Lösung zusammen mit SAP R/3 zu implementieren. Darüber hinaus entwickelte ORBIS spezielle Zusatzlösungen und Schnittstellen.

Logistik an ERP-System angebunden

In der ersten Phase bis August 2000 hat Eberspächer gemeinsam mit ORBIS SAP R/2 auf SAP R/3 umgestellt und SAP R/3 für Aftersales, Finanzwesen, Controlling, Anlagenwirtschaft, Instandhaltung und Materialwirtschaft implementiert. Es folgten die Produktionsplanung und die gesamte Serienproduktion inklusive der Vertriebs- und Versandabwicklung. Dabei wurde im Projektteam gemeinsam mit ORBIS eine komplexe Schnittstelle zum proprietären Lagerverwaltungs-System geschaffen. Die eigenentwickelte Logistiksoftware bestand vorerst weiter.
In der darauf folgenden Phase bis August 2001 wurde die im Einsatz befindliche Logistiksoftware durch SAP for Automotive abgelöst und damit die Logistik für die Belieferung von OEM-Kunden (Original Equipment Manufacturer) in SAP R/3 abgebildet.

Flexibel trotz Standard

Bei den Zusatzlösungen bestand die Aufgabe von ORBIS darin, Schnittstellen zu erstellen, die es ermöglichen, Warenbegleitkarten zu drucken, Material aus dem vollautomatischen Hochregallager anzufordern und Transportaufträge zu generieren. Die von ORBIS entwickelte Zusatzlösung für simulative Transportbearbeitung, die so genannte Ladeliste, entlastet die Mitarbeiter im Versand. Die im Standard relativ zeitaufwändige Verpackungs- und Mengenänderung lässt sich damit erheblich beschleunigen.
In der Phase bis Mitte 2002 stand im Mittelpunkt, das laufende System zu stabilisieren und zu optimieren. Im Anschluss daran begann Eberspächer damit, produktionsbegleitende Prozesse in SAP, wie planmäßige Instandhaltung und Qualitätsmanagement, abzubilden, die internationalen Tochtergesellschaften auf SAP umzustellen und das Controlling als Steuerungseinheit zu etablieren.
“Alles in allem hat die höhere Integrationstiefe der Geschäftsprozesse zu einer weltweit größeren Transparenz geführt. Dadurch lassen sich unsere Geschäftsprozesse besser steuern und optimieren sowie Fehler schneller beseitigen”, skizziert Diepold wesentliche Vorteile. “Wir sind unserem Ziel, einen weltweit integrierten Produktionsverbund aufzubauen, ein großes Stück näher gerückt. Denn die Hersteller erwarten von einem Lieferanten wie uns eine einheitliche Struktur, um selbst jederzeit einen vollständigen Überblick auf die Beschaffungs- und Logistikprozesse zu haben.”

Das Mammutprogramm ist geschafft

Rückblickend hat Eberspächer ein straffes Programm bewältigt. Neben der ERP-Softwareumstellung standen zum gleichen Zeitpunkt der Jahrtausendwechsel, die Euroumstellung und eine neue Human-Resources-Lösung von SAP ins Haus. Der Aufwand hat sich gelohnt: Die Mitarbeiter von Eberspächer verfügen heute über mehr Informationen und haben sich schnell mit der neuen Software zurechtgefunden. “Die große Kraftanstrengung hat für alle zu mehr Flexibilität sowie weniger Fehlern bei der Arbeit geführt. Sie trägt zu einer höheren Prozesssicherheit und damit letztendlich Kundenzufriedenheit bei”, fasst Tobias Diepold zusammen.
Die Einführung von SAP R/3 und SAP for Automotive im Bereich Serienproduktion und Handel an verschiedenen Standorten in Deutschland ist Ausgangspunkt für weitere Rollouts in den USA, Frankreich und Tschechien. “Die SAP-Software lässt sich im Hinblick auf unseren geplanten weltweiten Produktionsverbund flexibel erweitern – ein weiterer Grund, warum wir uns für SAP entschieden haben”, betont Diepold.

Martin Cassel

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