Tipps gegen den Fachkräftemangel

21. Januar 2013 von Shandy Lo 0

Verena Delius, CEO von “Goodbeans”, ist eine der wenigen Frauen in der deutschen Start-up-Branche.

Verena Delius ist Mutter zweier Kinder und seit 2010 CEO von “Goodbeans”, einem Unternehmen, das Apps für Kinder und Familien entwickelt. 2007 gewann sie den Wettbewerb “CEO of the Future” und bekam anschließend Jobangebote von großen Unternehmen. Sie entschied sich jedoch für das kleine Partnersucheunternehmen “be2”.

Frau Delius, warum haben Sie sich vor zwei Jahren dazu entschieden, in einem Start-up als CEO einzusteigen?

Verena Delius: Für mich liegt der Reiz eines Start-ups darin, dass man gezwungen ist, nah am Markt zu agieren. Man muss kontinuierlich schauen, wie sich der Markt verändert und kann sich nicht auf die bestehenden Produkte verlassen, die in der Vergangenheit gut funktionierten. Der Charme ist, dass es keinen Stillstand gibt und man das Gefühl hat, immer auf dem Laufenden zu sein. Außerdem mag ich einen modernen Führungsstil und eine offene Unternehmenskultur. Wir bieten flexible Arbeitszeiten- und -modelle an, führen offene Kommunikationen, haben flache Hierarchien, Mitarbeiter werden mehr einbezogen und wie fördern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Laut einer aktuellen Studie der Telefónica und Startup Genome liegt der Frauenanteil bei den Gründerinnen in Berlin bei drei Prozent. Was glauben Sie, warum noch so wenige Frauen in deutschen Start-ups tätig sind, obwohl es nach einem familienfreundlichen Arbeitsplatz klingt?

Für Frauen ist es das perfekte Modell. Ich glaube, dass in Zukunft mehr Frauen in Start-ups arbeiten werden. Momentan ist es noch zu früh, da Start-ups ursprünglich aus einer männlich dominierenden und technologielastigen Welt kommen. Bisher ist die Branche noch zu jung, um viele Vorbilder hervorgebracht zu haben.  Ich sehe aber eine Tendenz, dass sich hier sehr viel tun wird. Frauen gründen gerne Start-ups, in denen die Technik das Rückgrat ist, aber nicht das Produkt selbst. Das sind die Bereiche aus dem E-Commerce, Apps, Shoppingclubs wie “Westwing” oder “DaWanda”. Überall wo Frauen die Haupt-Zielgruppe sind, sind weibliche CEOs ein großer Vorteil.

War es Ihre Absicht von Hamburg nach Berlin zu ziehen?

Es war kein Zufall, dass ich in Berlin gelandet bin. Unternehmen dieser Art gibt es nur in Berlin: Eine internationale Kultur, Firmensprache Englisch und eine moderne Arbeitsweise. Wenn man ein internationales Start-up führen oder gründen möchte, dann ist Berlin der richtige Standort.

In der Gründerszene wird Berlin sehr gehypt. Nach der aktuellen Studie von Telefónica und Startup Genome liegt die Hauptstadt jedoch nur auf Rang 15 der Start-up-Hochburgen, hinter London, Paris, Moskau oder gar Tel Aviv. Ist Berlin mehr Schein als Sein?

Berlin ist derzeit das beste Pflaster, um ein Unternehmen zu gründen und die ersten 50.000 bis 200.000 Euro Kapital zu bekommen und internationale Mitarbeiter zu finden. Junge Leute haben hier die Möglichkeit in ein bestehendes Ökosystem einzutauchen. Es gibt viele Events,  Gründer und Kapitalgeber.

Der Nachteil ist jedoch die fehlende Wachstums- und Expansionsfinanzierung. Es gibt viele kleine Unternehmen mit einem bis zwanzig Mitarbeitern, doch fehlt es an größeren Unternehmen ab 40 Leuten und ein bis fünf Millionen Euro Finanzierung. Berlin ist im Gegensatz zu London oder dem Silicon Valley erst spät gestartet. In Deutschland gibt es nur wenig Risiko-Kapital. Man hat viel kleines, aber wenig großes Geld. Die Geldgeber investieren lieber in Firmen in London oder im Silicon Valley. Bei uns gibt es viel „Graswurzelbewegung“, aber noch nicht genügend Unternehmen, die sich nachhaltig etablieren.

Viele Start-ups möchten lieber im Silicon Valley ihr Glück versuchen, weil dort das große Geld liegt und das Netzwerk besser ist. Glauben Sie, dass dies ein Problem der deutschen Städte ist?

Ich glaube an Netzwerk-Effekte. In Berlin gibt es ein gutes Netzwerk, doch in London netzwerken die sehr Großen und im Valley eben die ganz Großen. Deshalb müssen die Deutschen den Kontakt zum amerikanischen Markt suchen und nicht zu lokal denken. Das Problem ist, dass die US-Investoren damit beschäftigt sind ihre eigenen Start-ups zu „screenen“ und erst gar nicht dazukommen nach Europa zu schauen.

Wo liegt unser Problem?

In Deutschland machen wir es uns unnötig schwer. Das fängt bei den Fachkräften an. Warum tun wir uns so schwer qualifizierte Ausländer zu holen und willkommen zu heißen? Die Regierung könnte die Grenze runtersetzen, so dass Fachkräfte ab 25.000 Euro Brutto Gehalt nach Deutschland kommen könnten. Mein Vorschlag: Eine Art Ausländer-Empfang in der Ausländerbehörde einrichten, wo englisch gesprochen wird und jeder bei seiner Ankunft ein Willkommenspaket erhält. Darin sind Tipps und Hilfen, so dass der Einstieg in Deutschland erleichtert wird. Das Problem ist, dass ausländischen Fachkräften die Chance verwehrt wird, überhaupt einen Fuß in unsere Unternehmen zu fassen. Warum legen wir bei der „Blue Card“ eine künstliche Gehaltsgrenze von knapp 45.000 Euro fest? Gerade bei Start-ups ist das unrealistisch. Unternehmen sollten einen Verhandlungsspielraum haben.

Der Fachkräftemangel wird sich in Deutschland erhöhen. 2012 gibt es 43.000 offene IT-Stellen. Was kann die Regierung tun, um diesen Abwärtstrend zu stoppen?

Sie müssen mehr in Schulen, Unis und Jobcenter gehen und zeigen, was man alles mit IT machen kann. Heute kann man IT studieren und ein Unternehmen gründen. Es ist gar nicht so festgefahren, wie es alle immer glauben. Die Schulen und Unis müssen IT praxisorientierter lehren. Außerdem wird Bildung in Deutschland noch zu oft als Privileg behandelt. Wenn wir zukunftsfähig bleiben wollen, müssen wir Bildung breiter zugänglich machen.

Meine Idee ist es, jungen Leuten früh eine Chance zu geben, so dass sie die erste Orientierung bereits in der Schule bekommen. Wir brauchen mehr Aktionen wie den “Girl’s Day”, wo Mädchen ab der fünften Klasse einen Tag in verschiede Berufe reinschnuppern können. Das gleiche könnte es für die IT-Branche geben oder Berufsfelder, in denen Fachkräftemangel herrscht. Es gibt ein “Freiwilliges Soziales Jahr”, warum führt man nicht ein „Digitales Jahr“ ein? Eine andere Möglichkeit wäre, eine Praktikantenquote in IT-Unternehmen einzuführen. Junge Leute könnten während der Schulzeit oder direkt nach ihrem Abitur in Unternehmen reinschnuppern. Besonders in Start-ups haben Praktikanten die Möglichkeit als “Digital Natives” mitzuarbeiten und vor allem viel Erfahrung zu sammeln. Bis jetzt hat sich dieses Modell noch nicht durchgesetzt.

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