Menschenrechte schützen

Feature | 23. Mai 2007 von admin 0

Wie entstand die Idee, eine „Menschenrechtssoftware“ zu entwickeln?

Deibert: psiphon ist aus Forschungs- und Entwicklungsprojekten hervorgegangen, die wir über viele Jahre am Citizen Lab durchgeführt haben. Dabei ging es um die Beschreibung von weltweiten Mustern der Internetzensur. Im Rahmen dieser sogenannten „Open Net Initiative“ sammelten wir Informationen darüber, wie Internetfiltersysteme funktionieren und welche Methoden verwendet werden, um die Internetzensur zu umgehen. psiphon basiert auf diesem Wissen, denn damit begannen wir auch zu verstehen, wo die Stärken und Schwächen der verschiedenen Techniken liegen. Es gibt zahlreiche Filtermethoden; manche sind so einfach wie das Entfernen des „www“ aus der URL-Adresse. Die Verbindung zu einem frei verfügbaren öffentlichen Proxy-Server ist nicht immer sicher, und unter Umständen kann eine Staatsmacht den gesamten Datenverkehr kontrollieren.

Wie umgeht psiphon die Zensur?

Deibert: Internetnutzer mit freiem Informationszugang laden psiphon herunter, installieren die Software auf ihrem Computer und geben die Verbindungsdaten an Freunde und Familienmitglieder in einem der mehr als 40 Länder mit Internetzensur weiter. Diese Daten bestehen aus Benutzername, Kennwort und Adresse des jeweiligen psiphon-fähigen Computers. Der Zugang zu psiphon wird dann über eine verschlüsselte Verbindung hergestellt, die es erlaubt, Informationen abzurufen wie in zensurfreien Ländern auch. Die Anwender greifen also nicht auf vom Staat gefilterte Inhalte zu; der Zugang zum Internet erfolgt über Rechner außerhalb des eigenen Landes.

Welche Zensurmethoden umgeht psiphon? Wie sieht es beispielsweise mit China aus?

Deibert: psiphon umgeht auch die Zensur Chinas, denn die Software setzt jede Form von Internetzensur außer Kraft, ganz gleich ob die Domain auf Name, Schlüsselwort oder IP-Adresse basiert. Das wird möglich, indem die Anwender nicht über ihre eigenen Computer auf das Internet zugreifen, sondern über Proxy-Rechner, die sich außerhalb ihres Landes befinden und nicht zensiert werden.

Wo ist psiphon erhältlich? Kann jeder die Software einsetzen und wie teuer ist sie?

Deibert: Die Software kann kostenlos unter http://psiphon.civisec.org/ heruntergeladen werden. Unser Ziel war es, psiphon möglichst einfach zu strukturieren, sodass jeder die Software auf seinem Computer installieren und anwenden kann. Mit etwa drei Megabyte ist die Anwendung sehr klein. Die Installation erfolgt durch Doppelklick und dauert in der Regel etwa drei Minuten. Damit ist psiphon weniger aufwändig als die meisten anderen Programme, die man auf dem Rechner hat. Die Software und die eigentliche Benutzeroberfläche stehen in Englisch, Russisch und Französisch zur Verfügung, die häufig gestellten Fragen (FAQ) sind in drei Sprachen verfasst: Englisch, Spanisch und Russisch. Derzeit arbeiten wir auch an Übersetzungen der Software.

psiphon ist seit Dezember 2006 verfügbar. Wissen Sie, wer darauf zugreift? Haben Sie bereits Feedback erhalten?

Deibert: Da die Anwender psiphon herunterladen, auf ihrem Rechner installieren und dann die Verbindungsdaten weitergeben, ist es uns nicht möglich zu verfolgen, welche oder wie viele Menschen genau die psiphon-Verbindungen nutzen. Wir wissen lediglich, dass die Software seit dem 1. Dezember 2006 rund 80.000mal heruntergeladen worden ist. Was die Staaten mit Internetzensur betrifft, ist die Website bisher von China, Iran, den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Jemen geblockt worden. Das kümmert uns allerdings nicht, denn psiphon wird ja auf Computer in zensurfreien Ländern heruntergeladen.

Es gab einen gewissen Medienrummel um psiphon und eine wahre Flut von Rückmeldungen. Viele Nutzer haben sich sowohl positiv als auch kritisch geäußert. Menschenrechtsaktivisten und andere engagierte Personen loben die Software wegen der einfachen Handhabung und ihrer Sicherheit. Was die kritischen Stimmen betrifft: Jedes offene und umstrittene Softwareprojekt führt zu Kritik bei Leuten, die mit der zugrunde liegenden Idee generell nicht einverstanden sind. Programmierer haben außerdem technische Aspekte bemängelt, auf Schwächen in der Logik und der Verschlüsselung des Programms hingewiesen oder kritisiert, dass das Benutzerhandbuch nicht ausführlich genug sei. Für solche Rückmeldungen und Verbesserungsvorschläge sind wir sehr dankbar, weil wir dadurch die Benutzer schützen können.

Welchen Gefahren setzt sich jemand aus, der psiphon in einem Land wie China oder Iran nutzt? Ist eine Regierung in der Lage, die Verwendung der Software zu verfolgen oder zu blockieren?

Deibert: Sowohl für die Anwender als auch für die Betreiber der psiphon-Knoten besteht ein gewisses Risiko. Es ist immer riskant, sich in Menschenrechtsfragen zur Wehr zu setzen, besonders in Ländern, wo diese Aktivitäten verboten sind. Wir versuchen, die Gefahren so klein wie möglich zu halten. Folgen die Anwender unseren Empfehlungen und löschen nach dem Surfen im Internet ihr Cache, dann gibt es auf ihrem Computer keine Spur mehr, die im Fall einer Überprüfung auf psiphon schließen lässt.

Für den Administrator oder Betreiber des psiphon-Knotens besteht natürlich ein wesentlich geringeres Risiko. Dennoch ist er dafür verantwortlich, was die anderen auf seinem Rechner treiben. Daher ermöglichen wir den Administratoren der psiphon-Knoten, die Protokolldateien derjenigen einzusehen, die Zugriff auf ihren Rechner haben. So können sie in Erfahrung bringen, welche Websites besucht werden. Deshalb ist die Vertrauensbasis in diesem sozialen Netzwerk so wichtig für psiphon.

Sind Sie nicht der Meinung, dass manche Inhalte wie die Verherrlichung von Gewalt oder Kinderpornografie zensiert werden sollten? Wie verhindern Sie, dass die Falschen von Ihrer Entwicklung profitieren?

Deibert: Das ist eine schwierige Frage. Grundsätzlich glaube ich, dass es elementare Menschenrechte hinsichtlich Informationszugang und Redefreiheit gibt, die nur unter ganz außergewöhnlichen Umständen eingeschränkt werden sollten. Ich bin liberal eingestellt, aber es gibt Themen und Inhalte, bei denen der Staat meiner Meinung nach eingreifen sollte. In diesem Fall stellt sich die Frage, wie eine Kontrolle durchzuführen ist. Welche Kontrollmechanismen gibt es, um sicherzustellen, dass Regierungen nur einen bestimmten Inhalt sperren? Wie wird dafür gesorgt, dass dieser Inhalt geblockt wird? Wird Filtersoftware eingesetzt oder lassen sich andere Mittel verwenden? Die ganze Sache ist also ziemlich komplex und muss richtig durchdacht werden.

psiphon orientiert sich an den Ländern mit der höchsten Schwelle hinsichtlich der Zensur von kulturell heiklen Inhalten – also an Kanada, den USA und Europa –, nicht am Maßstab der Nationen mit dem niedrigsten Schwellenwert wie China und dem Iran, die den Zugang zu einer Vielzahl von Informationen blockieren, die überhaupt nichts mit Pornografie oder Terrorismus zu tun haben. Diese Staaten sperren den Zugang zu Seiten der politischen Opposition, zu Informationen über Menschenrechte und zu religiösen Seiten. Dabei wird so getan, als ginge es nur darum, pornografische und terroristische Inhalte zu blockieren. Bei der Einschränkung der Redefreiheit und des freien Informationszugangs ist also größte Vorsicht geboten. Diesbezüglich muss es sehr strenge Kontrollen geben, um Transparenz und einen verantwortungsvollen Umgang mit Kontrollen sicherzustellen.

Was möchten Sie mit psiphon kurzfristig und langfristig erreichen? Wird das Internet eines Tages frei von Zensur sein?

Deibert: Kurzfristig möchten wir erreichen, dass die Menschen ihre elementaren Rechte wahrnehmen können. Langfristig wird es meiner Meinung nach zu einer Diskussion über die Struktur des Internets kommen. Zu lange ging man davon aus, dass das Internet prinzipiell auf Offenheit, Redefreiheit und freien Informationszugang ausgerichtet sei und dass es – wie durch Magie – diese Prinzipien schützen könne. Ich glaube, das trifft nicht mehr zu.

Manche Regierungen sind schnell dabei, wenn es gilt, das Internet zu zerstückeln, für sich zu erobern und zu militarisieren. Deshalb müssen diejenigen, die großen Wert auf Redefreiheit und freien Informationszugang im Internet legen, Werkzeuge für die Forschung entwickeln, das Bewusstsein der Öffentlichkeit schärfen und eine Politik einfordern, die das Internet als Forum für freie Meinungsäußerung und als Quelle uneingeschränkter Informationen schützt. Leider hat seit dem 11. September 2001 eine Entwicklung in die Gegenrichtung eingesetzt, nämlich hin zu Begrenzung, Geheimhaltung und Reglementierung.
psiphon ist Teil einer Bürgerinitiative, die das ursprüngliche Versprechen des Internets umsetzen möchte. Es gibt noch andere, ähnliche Tools: PeaceFire und PGP etwa sind Softwareprogramme, die zum Schutz des freien Informationszugangs, der Privatsphäre im Internet und der anonymen Kommunikation entwickelt wurden. All dies halte ich für wichtig, damit das Internet offen und frei bleibt.

Haben Sie vor, psiphon weiterzuentwickeln?

Deibert: Wir versuchen, die kostenlose Open-Source-Version von psiphon zu erhalten. Das ist für uns als kleines Universitätslabor mit beschränkten Ressourcen allerdings schwierig. Wir prüfen gerade die Möglichkeit, um psiphon herum ein Modell mit professionellen Dienstleistungen aufzubauen, dessen Einnahmen die kostenlose Open-Source-Version unterstützen könnten.

Was bewirkt freier Informationszugang in politischer und kultureller Hinsicht?

Deibert: Diejenigen unter uns, die sich für Menschenrechte und Freiheit einsetzen, sind der Überzeugung, dass freier Informationszugang ein ebenso wichtiger Bestandteil der Rechte jedes Einzelnen ist wie Rede-, Gedanken- und Versammlungsfreiheit. Das sind elementare Stützen liberaler Menschenrechte. Als Verfechter dieser Prinzipien versuche ich, sie in einer Form zu schützen und zu erhalten, die es den Menschen ermöglicht, sich weltweit miteinander in Verbindung zu setzen, zu kommunizieren und dadurch zur Lösung der Probleme auf unserem Planeten beizutragen.

Genau darum geht es beim Internet. Es geht nicht um den Zugang zu pornografischen Inhalten oder um den Verkauf von Produkten, obwohl es zu diesen Zwecken verwendet wird. Im Prinzip ist es ein Kommunikationsmedium, durch das die Menschen ihre elementaren Rechte wahrnehmen können. Als solches Medium müssen wir das Internet schützen und erhalten.

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