Mittelständler investieren in China

Feature | 24. August 2005 von admin 0

Nach den multinationalen Konzernen entdecken auch mittelständische Unternehmer zunehmend China als Absatzmarkt. Ein typisches Beispiel für solch ein wohl überlegtes Investment liefert die Beumer Maschinenfabrik aus Beckum. „Unsere Aufgabe ist es, das Unternehmen in dem Bewusstsein weiterzuentwickeln, dass im Unbekannten immer auch eine große Chance liegt“, so Dr. Christoph Beumer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Beumer Maschinenfabrik, einer der führenden Hersteller in Sachen Fördern, Verladen, Palettieren, Verpacken, Sortieren und Verteilen – vorrangig also von Anlagen für den Bereich Logistik. Gegenwärtig beläuft sich der Beumer-Umsatz auf rund 100 Millionen Euro – mit stark wachsender Tendenz. Das Auslandsgeschäft ist daran mit einem Anteil von 90 Prozent beteiligt. Das Beckumer Unternehmen mit Niederlassungen in Australien, Brasilien, Großbritannien, Frankreich, Indien, Polen, den USA und Thailand wird noch im Herbst dieses Jahres im Industriepark Quingpu in Shanghai mit zunächst 50 Mitarbeitern die Produktion aufnehmen.
Der Investitionsentscheidung liegt eine detaillierte Machbarkeitsstudie zugrunde. Wesentlich für die Standortwahl war neben der Kundennähe die Präsenz der wichtigen, bereits in Europa bewährten Zulieferanten in der Region und schließlich auch die Verfügbarkeit von Logistik und Transportwegen. Von chinesischer Seite wird bei dem Projekt besonders die Tatsache begrüßt, dass Beumer auch am neuen Standort die gesamte Wertschöpfungskette des Stammhauses aufbauen wird.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Arbeitsplätze nach China zu verlagern, sondern darum, durch Präsenz vor Ort in einem zunehmend wichtigen Markt Wachstum für die Unternehmensgruppe zu erzielen. „Das stärkt unsere Position im internationalen Wettbewerb und damit auch das Stammhaus.“ Anders gesagt: Beumer will als global agierendes Unternehmen seine Wertschöpfung möglichst nah am Kunden generieren. „Wir setzen dabei auf die Kompatibilität der Prozesse quer durch alle Unternehmen der Gruppe und auf deren Vollintegration in die IT-Struktur.“ Damit wird die Übertragung des weltweit einheitlichen Qualitätsstandards auch auf das neue chinesische Tochterunternehmen gesichert.
Die Produkte des Hauses treffen in China auf einen Markt, in dem der Stellenwert der Logistik deutlich angestiegen ist. Hielten Logistik und Logistikdienstleistungen lange Zeit nicht mit der rasanten industriellen Entwicklung Schritt, hat man inzwischen auch hier die in Transport, Umschlag und Versorgung schlummernden Potenziale erkannt. Profitieren können davon nicht nur die großen internationalen Unternehmen, auch mittelständische Anbieter haben bei entsprechender Vorbereitung die Chance zum Erfolg versprechenden Einstieg.

China – die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft

Die Volksrepublik China gilt seit geraumer Zeit als die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt. Sie ist inzwischen fast doppelt so groß wie die Indiens oder Russlands und übersteigt nach Kaufkraft-Parität auch die Japans. Seit Beginn der Öffnungspolitik im Jahr 1978 ist das Bruttoinlandsprodukt nach offiziellen chinesischen Angaben von gut 147 Milliarden auf 1.650 Milliarden US-Dollar gewachsen. Und das Import-Export-Volumen ist explodiert.
Trotz Problemen wie den extremen Gegensätzen zwischen Stadt und Land oder der ständigen Gefahr der Konjunkturüberhitzung wächst die Wettbewerbsfähigkeit Chinas. Das Land rangiert inzwischen auf einer vergleichbaren Ebene mit Japan, Großbritannien oder Deutschland. Und durch den Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO wird dieser Markt noch attraktiver. Kein Wunder also, wenn die ausländischen Direktinvestitionen in China ebenfalls steigen und bereits 2003 die 50-Milliarden-Dollar-Marke überschritten.
So hat denn auch für den deutschen Mittelstand der Aufbau von Niederlassungen, Tochterunternehmen oder Kooperationen hohe Priorität. Eine Studie von Deloitte & Touche aus dem Jahr 2004 kommt zu dem Ergebnis, dass sich hiesige mittelständische Unternehmen in China deutlich höhere Wachstumschancen ausrechnen als in Osteuropa, Brasilien oder Indien. Mehr als 70 Prozent der 165 befragten Unternehmen hatten danach bereits eine China-Strategie definiert.

Markteinstieg durch knappe Logistikdienstleistungen gehemmt

Ein Hemmnis für Neueinsteiger sind allerdings nach wie vor die Mängel in der Infrastruktur und das derzeit knappe Angebot an Logistikdienstleistungen. „Die in Folge dessen hohen Kostenanteile der Logistik an der Wertschöpfung erweisen sich immer mehr als Bremse für die weitere Entwicklung der Wirtschaft in China“, erklärt Dr. Thomas Wimmer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bundesvereinigung Logistik (BVL). „Liegt der Anteil der Logistikkosten am Bruttoinlandsprodukt in Deutschland bei zirka 7,2 Prozent, erreicht er in China dagegen etwa 17 Prozent.“ Nach einschlägigen Schätzungen verursachen Transport- und Lagergebühren zirka 30 bis 40 Prozent der Gesamtkosten bei Produktionsgütern – und dies bei extrem niedrigen Transportpreisen. Für 2005 muss nach Einschätzung Wimmers auch weiter mit zweistelligen Preissteigerungen bei Logistikdienstleistungen gerechnet werden.
Inzwischen haben die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft in China aber die Weichen gestellt, um Engpässe zu überwinden, und sich zum Ziel gesetzt, auch das Management von Logistikprozessen zu optimieren. Im Zuge dieser Entwicklung wird die Nachfrage nach entsprechenden Anlagen und Dienstleistungen schnell ansteigen. Schon heute sind international operierende Logistikdienstleister wie DHL, TNT, FedEx und UPS mit eigenen Basen vor Ort. FedEx beispielsweise ist mittlerweile in 190 Städten vertreten. UPS hat seit 2002 die Möglichkeit, direkt nach China zu fliegen. Die China Post, gegenwärtig eines der sechs größten Logistikunternehmen der Welt, hat ihrerseits Verträge über Warenauslieferung mit wichtigen ausländischen Unternehmen abgeschlossen. Ziel ist es, gemeinsam mit den Partnern eine dominante Stellung auf dem Inlandsmarkt zu erobern, anstatt sich gegenseitig aus dem Markt zu drängen.
Bei den Eintrittsstrategien stehen die Wahl des Marktes oder Standortes, des Eintrittszeitpunktes und der Ansiedlungsform im Vordergrund. Besonders Letzterer ist hohe Aufmerksamkeit zu schenken. Bislang waren im Bereich Transport und Logistik nur Joint Ventures mit einem chinesischen Mehrheitsanteil möglich. Künftig sollen auch Unternehmen zugelassen werden, die ganz in ausländischer Hand sind. Der Vorteil dieser Variante besteht darin, dass der Investor die vollständige Kontrolle behält, der Nachteil darin, dass ihm dann das Beziehungsnetzwerk fehlt und Barrieren bei der Kommunikation mit Behörden und Mitarbeitern überwunden werden müssen.
„Fällt die Entscheidung zugunsten einer Kooperation oder eines Joint Ventures, sind neben den üblichen Kriterien wie Kapitalausstattung und Mitarbeiterauswahl insbesondere kulturelle Faktoren von Bedeutung“, meint Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Christian Pfohl, Leiter des Fachgebietes Unternehmensführung & Logistik der TU Darmstadt und Mitglied des Vorstands der BVL. Insbesondere der Aufbau von Netzwerken (= guanxi) ist von hohem Stellenwert. Das bedeutet, dass bei der Wahl von chinesischen Partnern darauf zu achten ist, dass sie über gute und zahlreiche Kontakte verfügen. Unter dem Strich bietet der chinesische Logistikmarkt im Sog des anhaltenden Wirtschaftswachstums künftig nicht zuletzt mittelständischen Einsteigern beste Chancen. „Ganz grundsätzlich gilt“, so Thomas Wimmer, „dass hier wie in anderen Märkten auch ein früher Markteintritt große Möglichkeiten eröffnet – vorausgesetzt man akzeptiert dabei die lokalen Besonderheiten und berücksichtigt sie offensiv.“

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