Mobile-App gegen Monsun-Schäden

8. Oktober 2013 von Nicolas A. Zeitler 0

Foto: Shutterstock

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Wenn sich im Juni der Monsun-Regen über Indien ergießt, spült er regelmäßig Löcher in die Straßen von Mumbai. Die Schäden an den Fahrbahnen sollen die Bürger der größten Stadt Indiens künftig per Smartphone-App an die Stadtverwaltung melden können. In mehreren der insgesamt 34 Verwaltungsbezirke der Metropole mit ihren samt Vorortgürtel mehr als 18 Millionen Einwohnern läuft derzeit der Pilotbetrieb für den „Pot Hole Service“, den SAP gemeinsam mit den Behörden entwickelt hat.

Der neue Bürgerdienst ist ein Baustein in der umfangreichen IT-Aufrüstung, die die Municipal Corporation of Greater Mumbai (MCGM), die Verwaltung der Stadt, seit 2007 mit SAP betreibt. Die mobile Schadensmeldung ist ein typisches Beispiel dafür, wie Großstädte heute Informationstechnik einsetzen. „Städte stehen untereinander im Wettbewerb“, sagte Professor Wu Siegfried Zhiyiang, Vize-Präsident der Universität Tongji in China und Chefplaner der Weltausstellung 2010 in Shanghai, vor kurzem auf einer Tagung des Münchner Kreises, der sich dem Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft widmet. In diesem Wettbewerb komme es nicht nur auf den Aufbau von Infrastrukturen wie Smart Grids an, sondern auch auf IT-Projekte mit konkretem Nutzen für den Bürger, ergänzte Jörg Eberspächer, emeritierter Professor für Kommunikationsnetze an der TU München. Das bestätigen speziell für Indien Beobachtungen von Marktforscher Gartner. Auf dem Subkontinent gebe es großen Bedarf an „lokalen mobilen Apps, die Alltagsprobleme lösen“, so Analystin Shalini Verma.

Handy, Smartphone, Tablet: Zahl der Mobile-Anschlüsse in Indien steigt auf 700 Millionen

Aus Sicht von SAP entsprechen solche Alltagshelfer dem Prinzip des „User Empowerment“: Bürger sollen in die Lage versetzt werden, sich zu beteiligen. Diese aktive Bürgerbeteiligung beschreibt laut Jens Romaus, Senior Vice President Public Sector Industries, einen wesentlichen Baustein des globalen Programms SAP Urban Matters, in dem die Walldorfer ihre Angebote für Stadtverwaltungen gebündelt haben. Die Bedingungen, dass ein mobiler Meldedienst für Straßenschäden in Indien bei den Einwohnern von Städten wie Mumbai auch ankommt, scheinen günstig. Rund 1,2 Milliarden Menschen leben in Indien. Laut Gartner soll die Zahl der Mobilfunkanschlüsse in diesem Jahr auf rund 700 Millionen wachsen – ein Plus von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr.

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Mit neuen Angeboten wie dem Pot Hole Service dockt die MCGM, die ein jährliches Budget von umgerechnet vier Milliarden US-Dollar hat, an das an, was sie mit SAP seit 2007 auf Basis von SAP ERP aufgebaut hat: eine IT-Landschaft mit einheitlichen, durchgängigen Strukturen, die Transparenz ermöglichen sollen. Die Ausgangssituation vor dem Start des gemeinsamen Projekts beschreiben die Partner so: Für Verwaltungsvorgänge wie die Abrechnung von Wasserverbrauch oder Grundsteuer bestanden isolierte Insellösungen. Zudem wurden Belege händisch bearbeitet.

Ihre Strom- oder Wasserrechnung bezahlen die Menschen in Indien üblicherweise persönlich auf Ämtern. Noch vor wenigen Jahren mussten die Einwohner von Mumbai dafür einzelne Amtsstuben in der Stadt aufsuchen. „Natürlich gibt es Stoßzeiten, etwa in der Mittagspause, zu denen ganz viele Menschen zur Behörde gehen. Das führt zu langen Wartezeiten – und das bei jedem einzelnen Amt“, sagt Mathew Thomas, Vice President Strategic Industries in Indien. In den vergangenen acht Jahren dann baute die Verwaltung ihre Strukturen um und schuf parallel dazu die neue IT-Landschaft. Seither bleibt den Einwohnern von Mumbai das mehrmalige Warten auf verschiedenen Behörden erspart. „Heute gibt es Bürger-Center, um alle Rechnung zu bezahlen, die Leute sparen sich damit viel Zeit und das Geld für die Fahrten“, sagt Mathew Thomas.

500 Ämter an zentrale IT-Systeme angebunden

Auf dem 437 Quadratkilometer großen Stadtgebiet von Mumbai eröffnete die Verwaltung in den letzten Jahren rund 500 Bürgerbüros. Die Einwohner können sich nun bei einer dieser Anlaufstellen ihrer Wahl etwa auch beglaubigte Kopien ihrer Geburtsurkunde ausstellen lassen. „Die Geburtsurkunde ist ein sehr wichtiges Dokument. Sie brauchen sie für viele Verwaltungsvorgänge, zum Beispiel, um sich an einer Schule anzumelden“, sagt Mathew Thomas. Die Daten der Einwohner sind jetzt in einem zentralen Computersystem abgelegt. Zuvor mussten Mumbais Einwohner laut Thomas mit ihrer händisch ausgestellten Urkunde jeweils ihr zuständiges Amt aufsuchen und sich dort zertifizierte Kopien abholen.

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Über den alltäglichen Nutzen für den einzelnen Einwohner hinaus entsteht derzeit mithilfe der einheitlichen IT-Plattform auch eine Übersicht über alle Schulen in der Stadt. Verzeichnet werden soll darin nach den Worten von Thomas unter anderem, wie sich die Zahl der Schüler entwickelt. Davon erhofft die Verwaltung von Mumbai sich Einblicke, ob genügend Lehrer zur Verfügung stehen und wo neue Schulen gebaut werden sollten. Außerdem soll transparent werden, ob alle Kinder ihre Impfungen erhalten. In Mumbai finden Impfungen etwa gegen Kinderlähmung in der Regel in der Schule statt.

Neue Transparenz über die Verwaltungsetats

Ein spürbarer Nebeneffekt der einheitlichen IT-Strukturen ist laut Mathew Thomas eine „neue Disziplin in der Verwaltung“. Früher machten die einzelnen Behörden einzeln ihre Abrechnung. Heute stehen die Buchungen aller Ämter transparent in einem System. Die Oberen der Stadtverwaltung sehen auf einen Blick, wie viel vom jährlichen Budget in den verschiedenen Zuständigkeitsbereichen schon ausgegeben wurde oder wie viel Geld noch für weitere Projekte zur Verfügung steht.

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