Multimedia macht noch keine Lernumgebung

Feature | 8. Dezember 2003 von admin 0

Der technische Teil bei E-Learning wurde bis vor kurzem stark überbewertet. Die technischen Möglichkeiten haben sich deshalb rasant entwickelt. Allzu oft wurde dabei jedoch der lernende Mensch vergessen. So sind zwei Extreme häufig zu finden:

  • Inhalte aus gedruckten Lehrbüchern werden unverändert in elektronischen Medien überführt. Diese simplen Portierung von Print-Inhalten setzt die Möglichkeiten der Neuen Medien nicht ein. Das erzeugt beim Lernenden schnell Langeweile und lässt seine Motivation sinken.
  • Die Möglichkeiten Neuer Medien wie Audio, Video oder 3D-Animation werden extensiv genutzt, dabei aber nicht didaktische Konzepte berücksichtigt. Der Lernende verliert den Überblick. Die Struktur der Lerninhalte bleibt ihm verschlossen.

Doch Multimedia, Hyper- oder Rich-Media machen noch keine Lernumgebung. Auch beim E-Learning bilden Pädagogik und Didaktik die Grundlage. Die Technik spielt eine untergeordnete Rolle. Die pädagogischen Erkenntnisse sind auf die neuen Lernmedien zu übertragen und entsprechend den Umständen und Möglichkeiten anzupassen und anzuwenden. Auch hier ist es unverzichtbar, Lernziele und ein didaktisches Vorgehen zu definieren. Mehr vom Lernenden und sein Vorwissen zu kennen, schafft eine Basis für den erfolgreichen Lernprozess. Über den Lernerfolg entscheidet also auch, wie die Lerninhalte personalisiert sind.

Lektionen ohne Ländergrenzen

Unternehmen müssen die Lernanwendungen in ihre Strukturen und Prozesse integrieren und an Lern- und Lehrmöglichkeiten für ihre Angestellten anpassen. Jene, die E-Learning und Knowledge Management im breiten Rahmen einsetzen, sollten eine neue Unternehmenskultur der Wissensteilung und Wissensverbreitung etablieren. Sie motivieren Mitarbeiter, diese Möglichkeiten zu nutzen und ihr eigenes Wissen einzubringen. Die Lern- und Lehrmöglichkeiten sind dabei Teil eines unternehmensweiten Skillmanagements, also eines Programms, das Mitarbeiter dahin führt, im Sinne des Unternehmens Fähigkeiten und Qualifikationen zu erwerben.

Ein schwieriges, aber wichtiges Problem betrifft die Übertragbarkeit von Lerninhalten und Abschlüssen über Ländergrenzen hinweg. Zum einen haben verschiedene Nationen neben der Sprache auch unterschiedliche Lerngewohnheiten und Kulturen. So reicht es nicht, Lernanwendungen einfach zu übersetzen. Sie sollten vielmehr an kulturellen und sozialen Eigenarten angepasst werden. Zum anderen unterschieden sich die Bildungssysteme und damit auch die Struktur der Bildungsabschlüsse. Eine länderübergreifende Gültigkeit macht keinen Sinn, wenn Abschlüsse und Zertifikate nicht europaweit anerkannt sind. Erste Schritte hierzu wurden von der EU mit den Europäischen Berufsprofilen unternommen, dem EUROPASS und dem noch nicht in allen Ländern eingeführten ECTS-Leistungspunktesystem für Hochschulen. Sie machen die Dokumentation der Aus- und Weiterbildung möglich und lassen die Fähigkeiten von Bewerbern leichter beurteilen.

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Learning Management

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Auch die wirtschaftlichen Faktoren sind zu betrachten. Aufwand und Nutzen müssen auch beim E-Learning in einem gesunden Verhältnis stehen. Doch ist der direkte Nutzen solcher Maßnahmen schwer nachweisbar. Deshalb werden in der Regel die Kosten für E-Learning mit denen für traditionelle Lernaktivitäten – wie beispielsweise klassische Gruppenschulungen – verglichen. Der größte Kostenanteil beim E-Learning fällt erfahrungsgemäß bei der Erstellung von Lerninhalten an, bei der oft aufwendigen multimedialen Gestaltung und der intensiven redaktionellen Vorarbeit. Aufgrund der hohen Kosten für die aufwendige Produktion und Pflege von Inhalten, haben sich E-Learning-Anwendungen bisher vorrangig in großen Unternehmen etabliert. Hier lassen sich die Investitionen auf die große Anzahl der zu schulenden Mitarbeiter leichter verteilen. Einen Grund für die fehlende Akzeptanz – vor allem bei Mittelständlern –liegt in proprietären Systemen. Sie verhindern den Austausch und die Wiederverwertbarkeit von bereits erstelltem Content in neuen oder veränderten Lernprogrammen. In der Regel sind die Inhalte nur zu einem konkreten Thema und für eine spezielle Zielgruppe aufbereitet. Fehlende Modularität und Standardisierung verhindern, dass die Inhalte weiter verbreitet, wieder verwendet und in Teilen ausgetauscht werden können.
Um eine breite Nutzbarkeit auf der Basis einer übergreifenden dezentralen Infrastruktur zu erreichen, sollen die Lerninhalte und alle anderen Informationen im Lernprozess vollständig standardisiert und beschrieben sein. Diesem Ziel dienen Aktivitäten verschiedener Organisationen und Standardisierungsgremien, wie zum Beispiel CEN/ISSS (European Committee for Standardization, Information Society Standardization System) oder DIN (Deutsches Institut für Normung). Der Abstimmungsprozess gestaltet sich aber auf Grund der unterschiedlichen Interessen, der in den Gremien vertretenen Organisationen und Unternehmen schwierig.

Marktplätze des Wissens

Der Markt für E-Learning unterteilt sich zur Zeit grob in Inhaltehersteller, Assessment- und Evaluierungssysteme, Kommunikations- und Kollaborationssysteme, Learning Managementsysteme und -plattformen. Nur wenige Anbieter decken drei oder mehr dieser Segmente ab. So sind auf Grund fehlender standardisierter Schnittstellen kaum Gesamtlösungen möglich. Erst wenn eine gemeinsame Beschreibung und fest definierte Schnittstellen zwischen Systemen verschiedener Hersteller auch die volle Unterstützung in der Industrie finden, kann E-Learning sich voll entfalten.
Ein freier Markt des Wissens ist dann vorstellbar. Von jedem Arbeitsplatz oder von Zuhause aus wären Kurse und Lernprogramme verschiedenster Anbieter auszuwählen und abzurufen. Lernende könnten an Schulungen am anderen Ende der Welt teilnehmen. Um so einen Marktplatz des Wissens zu verwirklichen, ist eine durchgängige Infrastruktur notwendig. Auf dieser ließen sich konkurrierende Produkte öffentlicher und privater Bildungseinrichtungen und Kompetenzträger platzieren. Wiederverwendung, Austausch und Ergänzung von Inhalten zwischen Unternehmen und Organisationen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene wäre möglich. Eine solche Infrastruktur funktioniert aber nur, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen. Im großen Maßstab kann E-Learning nur funktionieren, wenn in der Konzeption die technischen, pädagogischen, organisatorischen, politisch/kulturellen und wirtschaftliche Aspekte einbezogen werden.
Links:
www.iuk.fraunhofer.de
www.iuk.fraunhofer.de/studienout.html?SID=4
Europäisches Kommitee für Normung

Thomas Bendig

Thomas Bendig

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