“Nur die Speerspitze” – SAP News Interview mit Jacob Klein, Leiter des SAP-HANA-Projektes

Blog | 16. Dezember 2010 von SAP News 0

Was ist SAP HANA? Warum ist es wichtig für die SAP und ihre Kunden? Wie sah die höchst erfolgreiche Entwicklungsarbeit aus, die SAP HANA hervorgebracht hat?  Fragen an Jacob Klein, Leiter des SAP-HANA-Projekts.

In den 1990er Jahren wurde die SAP zum drittgrößten Softwareunternehmen der Welt, indem sie den Wechsel von Großrechnersystemen zu Netzwerken kleinerer Computer anführte. Auch jetzt wieder durchläuft die Unternehmens-IT einen bedeutenden Wandel: Da der Preis der Speicherchips immer weiter sinkt, werden Server mit immer mehr von ihnen bestückt. Somit brauchen Unternehmen ihre Daten nicht mehr auf separaten Festplatten zu speichern, sondern können sie zum großen Teil im Arbeitsspeicher ablegen, wo sie leichter zugänglich sind und schneller verarbeitet werden können. Dies wird als „In-Memory-Computing“ bezeichnet.  

Die In-Memory-Technik ist bereits in Systemen weit verbreitet, die Daten lediglich analysieren, doch ihr Einsatz in der Transaktionsverarbeitung ist ein größerer Schritt. Mit SAP High-Performance Analytic Appliance Software (SAP HANA) führt das Unternehmen einen völlig neuen Ansatz für die Entwicklung von analytischen Anwendungen ein, die direkt auf große Mengen von Transaktionsdaten aufsetzen und den Kunden damit unmittelbaren Einblick in die Unternehmensabläufe geben.

In unserem Gespräch erläutert Jacob Klein, SAP Vice President für Product Management, Data and Analytic Engines und Leiter des SAP HANA-Projekts, was SAP HANA ist und warum es für die SAP und ihre Kunden wichtig ist. Außerdem beleuchtet er das weitere Potenzial von SAP HANA und der In-Memory Computing Engine und lobt die erfolgreiche Entwicklungsarbeit, die SAP HANA hat Wirklichkeit werden lassen.

SAP News: Was genau ist SAP HANA und warum wird es der IT eine völlig neue Richtung geben?

Jacob Klein: SAP HANA ist das erste Produkt, das wir auf unserer In-Memory-Plattform entwickelt und auf den Markt gebracht haben. Von dieser In-Memory-Plattform, auf die sich SAP HANA stützt, glauben wir, dass sie die SAP und vor allem unsere Produkte transformieren wird, das heißt, die Art und Weise, wie sie entwickelt, implementiert und von den Kunden genutzt werden. Wenn man das In-Memory-Konzept als technische Umwälzung betrachtet, wie sie nur einmal in einer Generation vorkommt, liegt natürlich auf der Hand, dass sie weitreichende Konsequenzen für Unternehmenssoftware haben wird, so wie die Client/Server-Architektur vor rund 15 Jahren. Wir glauben, dass diese Technik den Kern der nächsten Generation unserer Basisplattform bilden wird, der Plattform, auf der wir neue Anwendungen entwickeln und schließlich auch ältere Anwendungen anpassen und umschreiben.

SAP HANA zielt auf ein Teilsegment des Business-Intelligence- und Data-Warehousing-Marktes ab, denn dort kann die In-Memory-Technik ihre Vorteile am besten ausspielen: unglaublich hohe Geschwindigkeit und Echtzeiteinblick in operative Daten in einem analytischen Kontext. Aber SAP HANA ist nur die Speerspitze, der Einstieg in den Markt für diese neue Technik, an den wir dann anknüpfen werden.

Geplant ist, SAP HANA und die In-Memory Computing Engine (früher als BAE bekannt) an Kundenstandorten zusätzlich zu implementieren, neben ERP-Systemen, neben BW-Systemen, neben Datenbanken oder Anwendungen anderer Anbieter, und dann im Lauf der Zeit Erweiterungen und Verbesserungen für diese Plattform zur Verfügung zu stellen. Damit werden wir neue Funktionen einführen, mit denen wir unsere Präsenz ausweiten und zusätzliche Anwendungen bereitstellen können, zum Beispiel Strategic Workforce Planning, das wir zum Jahresende auf den Markt bringen. Wir planen verschiedene branchen- und geschäftsbereichsspezifische Anwendungen.

Können Sie uns mehr zu einigen dieser Anwendungen sagen und, allgemeiner, was diese Technik im Laufe ihrer weiteren Entwicklung und Reifung alles möglich machen könnte?

Die Grundidee hinter SAP HANA und der In-Memory-Technik an sich lautet, den Kunden eine reibungslose Transformation ihrer zugrunde liegenden Datenverwaltungsplattformen zu ermöglichen. Mitte 2011 werden wir soweit sein, dass ein Kunde die Datenbank seines Business-Warehouse-Systems von Oracle oder IBM oder was auch immer auf SAP HANA migrieren kann und dann sein ganzes Business-Warehouse, sein Enterprise-Data-Warehouse, direkt auf HANA in der In-Memory-Datenschicht laufen lassen kann, ohne dass er den Inhalt seines BW-Systems in irgendeiner Weise verändern oder anfassen muss. Das ist wirklich eine große Sache, das wichtigste Produkt am kurzfristigen Horizont.

Was machen wir mit SAP HANA? Wir nehmen zunächst eine In-Memory-Datenbank und erweitern sie so, dass sie stärker in den Anwendungsserver integriert ist, damit es möglich wird, aufwändigere, branchenspezifische Anwendungen zu entwickeln, die von Haus aus für den In-Memory-Einsatz ausgelegt sind, nicht nur in BI-Szenarien. Eine solche Anwendung, deren Auslieferungsbeginn für nächstes Jahr geplant ist, ist SmartMeter Analytics, das Projekt Raptor. Damit können Versorger Stromangebot und -abnahme fast in Echtzeit verwalten.

Im kommenden Jahr wird es außerdem einige Anwendungen für den Bereich Einzelhandel und CPG geben. Eine davon heißt Trade Promotion Planning und wird es CPG- und Einzelhandelsunternehmen erleichtern, mit größerer Treffsicherheit den richtigen Zeitpunkt für Werbeaktionen und Sonderangebote zu bestimmen.

Längerfristig, für den Zeitraum ab 2012, streben wir eine SAP Business Suite Software der nächsten Generation an, die auf In-Memory-Technik läuft.

Wie waren Kunden und Partner an der Entwicklung von SAP HANA und der In-Memory-Engine beteiligt?

 

Wir haben sehr eng mit Colgate zusammengearbeitet, um herauszufinden, in welchen Szenarien der Einsatz einer In-Memory-Datenbank am sinnvollsten ist. Colgate hat viel zur Anwendung Trade Promotion beigetragen – wir definieren die Anwendung gemeinsam. Colgate ist außerdem einer unserer Pilot-, Leuchtturmkunden für SAP HANA 1.0 und gibt uns viele nützliche Rückmeldungen.

Außerdem haben wir einen Konzeptnachweis mit Unilever gemacht. Das war sehr nützlich, um an praxisnahe Kundendaten und Szenarien zu kommen und einige sehr spezielle Fragen im Zusammenhang mit Abfragen zu klären, die der Kunde auf diese Szenarien anwenden will. Das hat uns geholfen, den Funktionsumfang der Engine zu definieren und zu verfeinern.

Unsere weitere Strategie für SAP HANA 1.0 sieht so aus, dass wir große Charter-Kunden hinzuziehen möchten, um mit ihnen in einer Art Ko-Innovationsrahmen zu arbeiten – Kunden wie Conagra, General Motors und Caterpillar, Kunden, die von dem Konzept überzeugt sind, die technischen Konsequenzen verstehen und mit uns gemeinsam festlegen möchten, welche Szenarien in HANA implementiert werden sollen. Und die uns außerdem Informationen und Aufschluss darüber geben, welche Art von Anwendungen sie gerne auf unserer In-Memory-Plattform nativ entwickelt sehen würden.

Was die Partnerschaften betrifft, war Intel bisher der wichtigste Partner. Mit ihnen arbeiten wir hervorragend zusammen und bringen wirklich gemeinschaftliche Innovationen hervor. Intel hat rund 17 Ingenieure nach Walldorf abgeordnet, mit denen wir kontinuierlich zusammenarbeiten. In Bezug auf die Performance, die wir erreichen wollen, müssen wir unsere Software wirklich so optimieren, dass sie die Möglichkeiten der Chipsatzarchitektur voll ausschöpft. Intel war äußerst kooperativ und hat uns viele Detailinformationen über die derzeitige Architektur bereitgestellt und, wichtiger noch, auch streng vertrauliche und sehr wichtige Informationen über das Konzept der künftigen Chipsatzarchitektur. So konnten wir unsere Software im höchsten Maß optimieren.

Wie spiegelt das HANA-Projekt die „neue SAP“ wider?

Zunächst etwas zum Hintergrund: Die grundsätzliche Entscheidung, ein „BI-2.0“-Projekt zu machen, haben SAP Technologievorstand (SAP CTO) Vishal Sikka und SAP-Mitbegründer und Vorsitzender des Aufsichtsrates der SAP, Hasso Plattner, im März getroffen. Ein offizielles Projekt dazu wurde erst im Mai aufgesetzt. Die Entwicklung wichtiger Teile unseres Vorhabens hat sogar erst im Juli begonnen. Es ist also wirklich erstaunlich, was wir in so kurzer Zeit geschafft haben, erst recht, wenn man bedenkt, dass an dem Produkt zehn verschiedene Entwicklungsgruppen an mindestens sieben über die Welt verteilten Standorten beteiligt sind. Es ist echt bemerkenswert. Deshalb glaube ich, dass dieses Projekt ein Paradebeispiel dafür ist, was die neue SAP ausmacht.

Wie war es euch möglich, dieses Projekt so schnell umzusetzen?

Zuallererst hängt es von der Führung ab. Wir haben starken Rückhalt und viel Orientierung von unserem Vorstandsmitglied (SAP CTO Vishal Sikka) bekommen – was wir tun sollten, warum es so wichtig ist, was auf dem Spiel steht. Vishal hat sich auch persönlich sehr stark engagiert und sich regelmäßig am Projekt beteiligt. Wir setzen uns jede Woche mit ihm zusammen und sprechen mindestens eine Stunde darüber, wo wir mit der Entwicklung oder in Bezug auf die Markteinführung stehen.

Der andere Grund, weshalb wir so viel geschafft haben, sind die beteiligten Entwickler, die wirklich daran glauben, dass unser neues Produkt für die Kunden wertvoll ist. Sie glauben, dass sich damit die Geschäftspraxis der Kunden völlig verändern wird, und sie wissen, dass unser Projekt große Auswirkungen auf die Branche haben wird.

Außerdem konnten wir uns ein Beispiel an verschiedenen anderen Teams nehmen, die bereits früher Projekte extrem schnell umgesetzt haben, zum Beispiel TREX. Damit war bewiesen, dass es möglich ist, so etwas bei der SAP zu machen. Also – Führung und Orientierung, das Wissen, dass das Projekt wirklich wichtig ist und die Branche umwälzen wird, und der Glaube, dass wir es schaffen können: Das sind die drei Faktoren, die unseren Erfolg möglich gemacht haben.

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