„Online-Communities sind darwinistisch“

Feature | 28. März 2007 von admin 0

Herr Rheingold, sind Sie ein “Internet-Junkie”?

Rheingold: Nun, ich treibe mich tatsächlich viel online herum. Was die meisten Leute nicht wissen, ist, dass ich in den neun Monaten im Jahr, in denen ich mich online herumtreibe, barfuß in meinem Garten sitze. Vor etwa 20 Jahren schrieb ich “A slice of life in my virtual community” und bin jetzt dabei, das zu aktualisieren. Ich lerne also etwas Neues und stelle ein Video zusammen. Ich schreibe E-Mails, Instant Messages, das Übliche. Ich habe auch rund 100 Feeds in meinem RSS-Reader. Ich unterhalte drei Blogs, ein paar Wikis, und ich speichere URLs bei Delicious. Ich treibe mich immer noch in virtuellen Gemeinschaften herum, und nachdem ich mir selbst beigebracht habe, Videos zu drehen, steht als Nächstes auf dem Programm, mich in der Community „Second Life“ zurechtzufinden.

Was lehren Sie an den Universitäten Berkeley und Stanford?

Rheingold: Partizipative Medien und Kollektives Handeln – Smart Mobs – an der UC School of Information in Berkeley. Und Digitalen Journalismus in Stanford. Das ist ein teures Hobby – Professoren werden nicht besonders gut bezahlt –, aber es macht wirklich Spaß, und es ist etwas Angst einflößend. Es ist leicht, vor verschiedenen Zuhörern in der ganzen Welt einen von drei Vorträgen zu halten. Es ist aber etwas anderes, jede Woche in einen Raum voller Studenten zu gehen, die viel Geld bezahlt haben und von mir erwarten, dass ich ihnen etwas beibringe. Und weil es WLAN im Unterrichtsraum gibt, muss ich stets interessanter sein als Second Life oder andere Webangebote. Aber wir arbeiten im Unterricht viel mit Wikis und Blogs, und ich versuche, den Unterricht so partizipativ wie möglich zu gestalten.

Was interessiert Sie derzeit am meisten, wenn Sie online sind?

Rheingold: Ich glaube, ich bin ein Informations-Junkie, deshalb muss ich jeden Morgen eine Stunde RSS “futtern”. Und ich lasse mich von Links überallhin führen und speichere dabei brauchbare Sachen in Wikis und Delicious. Das ist alles ziemlich unstrukturiert. Zurzeit ist Video der spannendste, aber auch frustrierendste Teil. Mein Instinkt sagt mir, dass das die neue Volkssprache ist und ich mich mit ihrer Entschlüsselung befassen sollte. Wie die meisten Leute bekomme ich jeden Morgen drei Video-Links, und das führt nur zur weiteren Suche im Internet. Deshalb dachte ich, wenn ich meinen Artikel aktualisieren möchte, dann sollte ich etwas zeigen – und nicht nur schriftlich darlegen. Also möchte ich ein Video von mir in meinem Büro und Garten machen, mit Screenshots, die genau zeigen, was ich jeden Tag mache.

Ist die „Bevölkerung“ der Online-Community Second Life noch zu klein, um von Bedeutung zu sein?

Rheingold: Man sollte nicht nur auf Zahlen herumreiten. Vor zehn Jahren hatte ich ein „Online-Community-Dotcom“, seither weiß ich, dass mit Zahlen auch viel geschummelt wird. Second Life ist ein Spielplatz für Early Adopter. Was mich betrifft, so finde ich Zehntausende von Menschen, die aktiv neue Sachen erschaffen, interessanter als Millionen eher passiver Teilnehmer. Ich mag das darwinistische Wesen der Blogosphäre. Es gibt immer einen, der dafür sorgt, dass man anständig bleibt.

Sie erwähnen in Ihrem Blog so genannte “Sock Mobs”, Online-Schikanierer. Wird da Ihr positiver Begriff „Smart Mob“ – abgeleitet von „mobile“ – nicht missbraucht?

Rheingold: “Mob” ist ein aufgeladener Begriff – und das war Absicht. Ich interessiere mich sehr für kollektives Handeln, aber mir wurde vorgeworfen, ich sei zu utopisch. Einige Formen kollektiven Handelns, wie Sock Mobs, sind scheußlich, und ich möchte diesen Aspekt nicht ausklammern.

Inwiefern haben sich Online-Communities in den letzten Jahren verändert?

Rheingold: Einiges am Online-Sozialverhalten scheint unabänderlich und allgemein zu sein – zum Beispiel Trolle und Griefer – Spieler, die jede Gelegenheit nutzen, um Mitspielern das Leben schwer zu machen – und die endlose Debatte darum, was man mit ihnen machen soll. Es herrscht eine weit verbreitete Amnesie, als ob diese Art von Sozialverhalten im Cyberspace neu wäre.

Nicht viele Menschen im Web haben einen ausgeprägten Sinn für Geschichte. Was ich wirklich mag, ist, dass es heute so leicht ist, selbst etwas zu machen. Früher war es eine große Sache, einen eigenen Chat oder BBS oder Listserv einzurichten. Heute gehört das für Millionen Menschen zum Rüstzeug, und meistens sind diese Sachen gratis. Meine Hauptsorge galt stets der Qualität des Diskurses im Web – verbessern oder verschlechtern wir die öffentliche Sphäre?

Das Time Magazine wählte als Person des Jahres “You” – was denken Sie darüber?

Rheingold: Time benennt für gewöhnlich ein Phänomen, wenn es sich allgemein verbreitet. Es ist jedoch typisch, dass sie “You” – also “Du” oder “Sie” im Gegensatz zu “uns”, den “Redakteuren” oder uns allen – gewählt haben. Die Begriffe der übergreifenden Zusammenarbeit und Gemeinschaft sind eben für die meisten Leute zu langweilig. Damit will ich nicht sagen, dass Menschen nur für Profit handeln. Diese Vorstellung ist inzwischen überholt, ja geradezu schädlich. Manchmal bringt Eigeninteresse mehr für alle. Und manchmal machen Menschen etwas aus selbstlosen Gründen, wenn es leicht genug ist. Die Forschung zu Open Source zeigt, dass eine Mischung unterschiedlicher Motive nötig ist, um öffentliche Errungenschaften wie Open-Source-Software, Wikipedia und dergleichen zu schaffen: Ansehen, Profit, Wissen, Spaß, Selbstlosigkeit. Profit ist ganz sicher dabei. Aber Profit ist nicht der einzige Beweggrund.

Kommen im Rausch moderner mobiler Kommunikationsformen Umgangsformen und inhaltliche Qualität zu kurz?

Rheingold: Ich glaube wirklich, dass eine Bildungsanstrengung nötig ist – im weitesten Sinne. In alten Zeiten haben Usenet-Veteranen Neulinge in Internetiquette unterrichtet. Jeden September kamen unzählige neue College-Studenten online, und die Leute nahmen sich die Zeit, sie zu erziehen – wenn auch nicht immer freundlich. Aber dann brachte AOL drei Millionen Leute ohne Anleitung ins Web, und das wurde der endlose September. Ich persönlich meine, dass die Bedeutung von Online-Diskurs in der Highschool gelehrt werden sollte, aber das Bildungswesen ändert sich nur langsam. Meine jüngsten Bemühungen findet man unter www.socialtext.net/medialiteracy. Ich versuche, etwas Geld für Programme nach der Schule und in den Sommerferien aufzutreiben, um partizipative Medien als Weg zu gemeinschaftlichem Engagement bei Themen zu lehren, die für junge Leute wichtig sind.

Sollten digitale Phänomene, etwa über die Nanotechnologie, bald Teil unserer Alltagswelt werden?

Rheingold: Ich mache mir wegen autonomer Technologie Sorgen, daher habe ich Verständnis für die Bedenken von Bill Joy, dem Mitgründer von Sun Microsystems, gegen entfesselte technische Innovation, die er in der Debatte mit High-Tech-Erfinder Ray Kurzweil geäußert hat. Ingenieure haben häufig einen etwas eingeschränkten Blick für Konsequenzen. Sagen wir es mal so: Es ist viel Geld dafür da, den Nutzen von ungetesteten Technologien schönzureden, aber die Einzigen neben Bill Joy, die sich über die Folgen Sorgen machen, scheinen entweder obskure Akademiker oder Skeptiker wie der Computerspezialist Cliff Stoll zu sein, die sich ebenfalls ihre eigenen Scheuklappen aufgesetzt haben. Langdon Winner ist ein brillanter Technologiekritiker, aber wer hat schon von ihm gehört? Tiefgründige, umfassende und nachdenkliche Technologiekritik ist nicht sehr populär.

Quelle: ZDNet

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