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Open Innovation: Das Innovationsmodell der Zukunft

Feature | 10. April 2017 von Paul Baur 2

Dr. Henry Chesbrough, der den Begriff der „Open Innovation“ geprägt hat, erläutert, warum Firmen innerhalb und jenseits von Unternehmensgrenzen auf neue Geschäftsmodelle setzen müssen.

Für einen flugunfähigen Vogel, ein am Boden lebendes Säugetier oder ein Insekt, das sich nicht verstecken kann, gibt es kein schlimmeres Schicksal, als auf einer Insel seinen Lebensraum gegen eine invasive Art – beispielsweise eine Python, einen Raubvogel oder ein wildes Nagetier – verteidigen zu müssen.

Auch die Geschäftswelt sieht sich derzeit mit einer solchen Invasion konfrontiert. Unternehmen, die sich auf einer sicheren Insel wähnten, sind in hohem Maße angreifbar geworden. Eine der Ursachen hierfür ist die nicht mehr aufzuhaltende Digitalisierung. Die Angreifer machen sich den digitalen Wandel zunutze und sind damit in der Lage, die Innovation schneller und deutlich flexibler voranzutreiben als ihre etablierten Mitbewerber.

Dr. Henry Chesbrough, der den Begriff der „Open Innovation“ geprägt hat, erläutert, warum Firmen auf neue Geschäftsmodelle setzen müssen.

Damit bleibt selbst den Alphamännchen der Branche keine andere Wahl, als wachsam zu bleiben und sich anzupassen. Sie müssen entweder neue Geschäftsmodelle entwickeln oder ihren Platz in der Rangordnung abgeben.

Doch welche Innovationsmethode führt am schnellsten zum Erfolg?

Das Konzept der Open Innovation („offene Innovation“), nach dem Unternehmen neue Geschäftsmodelle auch mithilfe externer Ideen entwickeln, ist nichts grundsätzlich Neues. In einer digitalen Geschäftswelt, in der die Karten neu gemischt werden, gewinnt dieses Konzept jedoch zunehmend an Bedeutung und wird daher von immer mehr Unternehmen angewendet. Der Begriff „Open Innovation“ wurde von Dr. Henry Chesbrough von der University of California in Berkeley geprägt und bezeichnet den ungehinderten Wissensfluss innerhalb und außerhalb des Unternehmens zur Steigerung des Innovationspotenzials.

Chesbrough leitet das Garwood Center of Corporate Innovation und geht seit vielen Jahren der Frage nach, wie Unternehmen die Innovation vorantreiben und wie sie ihre Geschäftsmodelle besser an neue Gegebenheiten anpassen können. Er vertritt die Auffassung, dass Unternehmen sich nicht länger auf ihrer Insel verstecken, sondern ihre Zeit und Ressourcen vielmehr dafür aufwenden sollten, gemeinsam mit anderen Unternehmen neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und umzusetzen. Im Interview erläutert er, wie das Konzept der Open Innovation in der Praxis angewendet wird.

Dr. Chesbrough, was genau versteht man unter Open Innovation, und wie können Unternehmen ihren Innovationsprozess erfolgreich öffnen?

Immer mehr Unternehmen gelangen zu der Erkenntnis, dass sie in ihrem Innovationsprozess auch externe Ideen und Technologien effektiver nutzen müssen. Ein weiterer Effekt ist jedoch, dass Unternehmen wesentlich stärker von nachhaltigem Mehrwert profitieren, wenn sie auch bei ihren externen Partnern an der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle mitwirken. Bei dieser Form der Zusammenarbeit geht es nicht nur darum, Know-how zu Technologien auszutauschen, sondern auch um den Austausch von Informationen zur Marktsituation, zu Kunden und zu Geschäftsmodellen.

Der dritte Schritt sollte dann darin bestehen, Geschäftsmodelle unternehmensübergreifend umzusetzen. Natürlich stellt dies eine große Herausforderung dar, da die Geschäftsmodelle eines Unternehmens in so viele Prozesse und Strukturen eingreifen. Häufig ist auch nicht klar, wessen Aufgabe es eigentlich ist, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. In den meisten Unternehmen sind die offene Innovation und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle zwei völlig separate Prozesse. Führende Unternehmen sind jedoch zu dem Schluss gekommen, dass diese Prozesse auch gemeinsam angegangen werden müssen. Hier beschreitet die SAP meiner Meinung nach neue Wege und übernimmt eine Vorreiterrolle: Ein eigenes Team ist für dieses Thema und damit zusammenhängende Prozesse verantwortlich, und es besteht eine direkte Verbindung zwischen der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und der offenen Innovation.

Können Sie uns ein aktuelles Positiv- und Negativbeispiel für den Wandel eines etablierten Unternehmens nennen?

Ich weiß aus meinen Studien, dass Xerox in den 1980er-Jahren mit der Entwicklung neuer Technologien für seine Kopiergeräte- und Druckersparte sehr erfolgreich war. Halbleiter-Diodenlaser ermöglichten eine höhere Qualität und eine schnellere Fertigung zu niedrigeren Kosten als bei anderen Herstellern, was Xerox ein Umsatzwachstum von über zwei Milliarden Dollar bescherte. Zur gleichen Zeit entwickelte das Unternehmen jedoch auch verschiedene neue Technologien wie Ethernet oder Adobe Postscript, die nicht zum eigentlichen Geschäftsmodell von Xerox passten.  Aus diesen Entwicklungen gingen schließlich äußerst erfolgreiche Unternehmen wie 3Com, Adobe und Documentum hervor, von denen der Mutterkonzern Xerox jedoch nie wirklich profitierte. Ihr gemeinsamer Marktwert war am Ende doppelt so hoch wie der von Xerox.

Dieses Beispiel zeigt, dass ein Geschäftsmodell immer zwei Seiten haben kann. Xerox wusste die zu seinem Geschäftsmodell passenden Technologien sehr gut zu nutzen. Bei den neuen Technologien hingegen war dem Unternehmen zunächst nicht klar, was es damit anfangen sollte. Die Leiter der Entwicklungsprojekte schlugen Kapital aus den Ideen, indem sie außerhalb des Unternehmens Investoren fanden und neue Firmen gründeten.

Wie können Branchenführer sowohl den langfristigen Erfolg ihres Geschäftsmodells sichern als auch andere Modelle für sich nutzen?

Xerox ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch ein äußerst erfolgreiches Geschäftsmodell ein zweischneidiges Schwert ist. Ist ein Unternehmen nicht in der Lage, neue Geschäftsmodelle auszuprobieren oder zu entwickeln, wird wie durch Schwerkraft alles angezogen, was zu dem etablierten Modell passt. Was nicht dazu passt, wird ausgesondert. Gelingt es dem Unternehmen nicht, alternative Geschäftsmodelle zu entwickeln, wird sehr wahrscheinlich ein Mitbewerber das Rennen machen.

Ich habe seit einiger Zeit eine etwas andere Sichtweise, was die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle betrifft. Früher habe ich Unternehmen geraten, eigene Venture-Capital-Programme aufzulegen oder Risikokapitalgeber mit ins Boot zu holen und vielversprechende Start-up-Firmen zu übernehmen. In den letzten sechs Jahren hat sich jedoch ein gewaltiger Wandel vollzogen: So genannte „Lean Startups“ erproben mit möglichst wenig Kapital neue Geschäftsmodelle. Meiner Meinung nach sollten auch große Unternehmen Lean-Startup-Methoden entwickeln und einführen, um für potenzielle Kunden möglichst schnell und frühzeitig Prototypen entwickeln zu können, bevor viel Geld in die Suche nach einem tragfähigen Geschäftsmodell fließt.

Haben Sie ein Beispiel dafür, wie die Umsetzung der Lean-Startup-Methodik in der Praxis funktioniert?

Amazon Web Services (AWS) ist daraus entstanden, dass Amazon seine interne IT-Infrastruktur auch externen Kunden als Service anbot. Zunächst wurden einfach Shared Services für Rechner-, Speicher- und Netzwerkressourcen bereitgestellt, da der primäre Geschäftsbereich von Amazon – der Online-Handel – diese nicht vollständig benötigte. Das ist das zweite Element eines offenen Innovationprozesses: eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Ressourcen und die Überlegung, wie sich diese auch auf andere Weise gewinnbringend nutzen lassen. Amazon bot diese Services ursprünglich in einem Probelauf nur in kleinem Umfang an, doch mittlerweile haben sich die Amazon Web Services zu einem Wachstumsmotor entwickelt. Sie gehören zu den Sparten, in denen Amazon die höchsten Margen erzielt. Und sie sind ein hervorragendes Beispiel für den Inside-Out-Prozess der Open Innovation, also der externen Kommerzialisierung von intern entwickelten Technologien.


Business Model Transformation Award für SAP

Am 15. Dezember wurde die SAP im Rahmen der World Open Innovation Conference 2016 in Barcelona für die Claus von Riegen, Henry Chesbrough und Solomon Darwin.zukunftsweisende Neuausrichtung ihres Geschäftsmodells mit dem Business Model Transformation Award ausgezeichnet. Bei der Veranstaltung diskutierten 250 Teilnehmer über die Probleme und Herausforderungen von Unternehmen im Hinblick auf die Innovation und tauschten sich über Theorie und Praxis aus.

Bild rechts: Claus von Riegen, Head of Business Model Innovation bei SAP (Mitte), erhält den Preis von Henry Chesbrough (links) und Solomon Darwin (rechts) vom Garwood Center für Corporate Innovation.


Welche Einstellung müssen Mitarbeiter mitbringen, um die kontinuierliche Innovation vorantreiben zu können, und wie können Unternehmen eine solche Einstellung fördern?

Neugier gepaart mit einer wachstumsorientierten Denkweise sind eine Kombination, die ideale Voraussetzungen für die Innovation schafft. Wer neugierig ist, fragt sich auch, wie Digitalisierung das Leben der Kunden verändern kann und wie sich das Unternehmen stärker an den geänderten Anforderungen der Kunden orientieren kann. Durch Neugier kann man sich auch außerhalb der Plantafel und des Organigramms an den Wünschen der Kunden ausrichten. Wer wachstumsorientiert denkt, weiß, dass dies eine Vielzahl von Möglichkeiten mit sich bringt und es viele Anforderungen gibt, die noch nicht erfüllt werden. Wenn wir diese finden und entsprechende Angebote entwickeln, können wir in Zukunft wesentlich schneller wachsen.

Wie sieht die Zukunft von Open Innovation aus?

Ich gehe davon aus, dass China eine zunehmend wichtige Rolle spielen wird, was die offene Innovation betrifft. Man kann sogar sagen, dass es eine chinesische Form der Open Innovation gibt. Es gibt in China viel Zusammenarbeit und viel Wettbewerb, viel Interaktion zwischen staatlichen Unternehmen und Behörden, aber auch viel Unternehmergeist und Risikobereitschaft. All diese Entwicklungen vollziehen sich in rasantem Tempo. Damit sich offene Innovation nachhaltig und in größerem Umfang betreiben lässt, wird künftig auch die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle immer häufiger Teil dieses Prozesses sein.

Darüber hinaus wird sich der offene Innovationsprozess in Zukunft nicht mehr nur auf zwei Parteien beschränken, sondern das gesamte Geschäftsumfeld eines Unternehmens umfassen. Dadurch erhöht sich die Komplexität, aber es eröffnen sich auch neue Möglichkeiten.


Entwicklung neuer Geschäftsmodelle bei der SAP

Business Model Innovation bei SAPBusiness Model Innovation (BMI) unter Leitung von Claus von Riegen ist eine bereichsübergreifende Initiative der SAP mit dem Ziel, schneller die richtigen Geschäftsmodelle zu verfolgen. Das BMI-Team stellt internen Unternehmern eine Umgebung zur Verfügung, in der sich neue Geschäftsmodelle schnell und ohne hohen Kostenaufwand entwickeln und auf ihre Marktfähigkeit prüfen lassen. Erfolgreiche Entwicklungen erhalten dann weitere Unterstützung, um die Kommerzialisierung zu fördern und die notwendigen Strukturen, Prozesse und Anreizsysteme für die Umsetzung eines neuen Geschäftsmodells zu schaffen.


 

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