Interview mit Mark Driver von Gartner

Feature | 5. Dezember 2007 von admin 0

Laut Gartner werden bis 2011 mindestens 80 Prozent aller kommerziellen Softwarelösungen einen beachtlichen Anteil an Open Source enthalten. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für diese Entwicklung?

Driver: Wir haben herausgefunden, dass es verschiedene Geschäftsmodelle für Open Source gibt. Es gibt ein Non-Profit-Modell, bei dem Anbieter und verschiedene Entwickler ein Open-Source-Projekt unterstützen. Eine Möglichkeit, Open Source in bare Münze umzusetzen, ist hingegen der direkte Verkauf der Software. Ein klassisches Beispiel hierfür ist Red Hat.

Doch das erfolgversprechendste Modell wird darin bestehen, dass Anbieter Open Source in ihre eigenen Produkte integrieren. Das gilt sowohl für Hardware als auch für Software. Open Source kann hier jeweils als ein effektiver Baustein dienen.
Die große Mehrheit kommerzieller Softwareanbieter wird sich sagen: „Ich will das Rad nicht neu erfinden.” Sie möchten ihr Entwicklungsbudget nicht für Teile eines Softwarepakets ausgeben, die keinen Wettbewerbsvorteil versprechen. Kluge Anbieter werden daher Open-Source-Module einbinden, ob als kleinen oder großen Teil ihrer Produkte.

Sie bezeichneten Open Source als „die größte Veränderung in der Unternehmens-IT seit dem verteilten Rechnen”. Können Sie erklären weshalb das so ist?

Driver: Man muss das Rad nicht neu erfinden. Es gilt vielmehr, sich auf Arbeit zu konzentrieren, die Mehrwert schafft, und Open Source als Massenprodukt zu etablieren. Diejenigen kommerziellen Anbieter, die das verstehen, werden erhebliche Vorteile aus dem Zugang zum universellen Pool eines freien geistigen Eigentums und kostenloser Technologie erzielen.

Anbieter, die das nicht verstehen, werden am Ende gegen Windmühlen kämpfen und gegen günstige Massenprodukte antreten. Dieser Ansatz wird sich niemals durchsetzen. Man kann kein Produkt ohne einen Mehrwert gegenüber einem Gratisangebot verkaufen. Zum Beispiel haben viele Unternehmen ihre IT umgestellt, als sie herausfanden, dass sie mit einer Kombination aus Intel und Linux 80 Prozent der Funktionalitäten von SPARC und Solaris erzielten, jedoch zu einem Bruchteil der Kosten.

Open-Source-Software befindet sich jetzt in der „dritten Welle“. Wodurch sind die drei Wellen gekennzeichnet?

Driver: Die erste Welle von Open Source war von einer Art Missionierung durch Randgruppen und die Elite einer Subkultur in der IT-Branche gekennzeichnet. Dann haben wir allmählich verstanden, dass sich Open Source als Geschäftsmodell durchsetzen kann und tatsächlich akzeptiert wird.

Als nächstes propagierten die Befürworter, Open Source solle die Welt revolutionieren und „Imperien“ wie Microsoft und IBM aus dem Geschäft vertreiben. Natürlich ist es nicht soweit gekommen.
Heute ist ein eher pragmatischer Ansatz vorherrschend. Im Vordergrund steht weniger eine Revolution als eine Evolution. Nicht ein dogmatischer Standpunkt zu Open Source ist entscheidend. Es geht eher darum, echten Wert zu schaffen und Open Source in Kombination zu nutzen – möglicherweise mit Microsoft oder IBM, wo es sinnvoll ist. Das ist die dritte Welle.

Heute ist Open Source Mainstream. Was wird sich möglicherweise bis 2012 verändern?

Driver: Es ist unbestreitbar, dass Open Source heutzutage in allen Märkten und unter allen Anwendern zu finden ist. Dabei wird Open Source zunehmend auch für geschäftskritische Anwendungen eingesetzt. Viele grundlegende Systemdienste – angefangen bei Betriebssystemen über Middleware bis hin zu Webservern – basieren auf Linux. In Unternehmensapplikationen taucht Open Source aber erst allmählich als echte Unterstützung für Geschäftsprozesse auf.

Eine andere Tendenz ist, Open-Source-Produkte vermehrt in Unternehmen mit konservativer IT-Strategie einzuführen. Die freie Software setzt sich breit im Markt durch – nicht mehr nur bei denjenigen, die eine neue Technologie immer als erste annehmen.
Open-Source-Anwender haben früher eine innovative Technologie sofort angenommen, weil sie Wert legten auf Faktoren wie Flexibilität, Unabhängigkeit von Anbietern, Produkteinführungszeit oder Einhaltung von Standards. Heute setzt sich Open Source auch immer mehr in Lösungen durch, die bekannt sind und über Geschäftserfolge mitentscheiden. Die freie Software wird nicht mehr nur direkt genutzt, denn eine wachsende Zahl von Technologieanbietern bindet Open Source in ihre eigenen geschützten Lösungen ein. Deshalb sind auch immer mehr risikoscheue Anwender der Ansicht, mit Hilfe von Open Source ihre IT-Herausforderungen meistern zu können.
Überlegungen zu Kosten und Risiken von Open Source gab es schon vorher, doch sie standen weiter unten auf der Prioritätenliste. Heute beobachten wir eine Verschiebung im Kaufverhalten. Man beginnt, Open Source in geschäftskritischen Lösungen einzusetzen, hinzu kommt ein zunehmend konservatives Profil der Anwender. Plötzlich sind Kosten und Risiken wichtiger als Freiheit und Flexibilität.

Wie wird sich die Open-Source-Software-Community ausdehnen und aufspalten?

Driver: Bei einigen Projekten, die von Drittanbietern in erheblichem Maß unterstützt werden, wurden bereits Prozesse etabliert, um das geistige Eigentum zu schützen. In Zukunft wird es zwei Klassen von Open Source geben: einerseits die traditionelle Community-orientierte Open-Source-Software und andererseits das, was wir als „Business Class Open Source“ bezeichnen. Nur bestimmte Open-Source-Projekte werden in der Lage sein, den Anforderungen der eher konservativen Anwender an Governance und Support zu entsprechen. Deshalb werden wir diese Spaltung erleben.

Welche Faktoren sollten Unternehmen bei einer Entscheidung bezüglich Open Source berücksichtigen?

Driver: Zweckmäßigkeit ist ein Faktor. Ob Open Source oder nicht, man sollte keine Software verwenden, die den Geschäftsanforderungen nicht genügt. Das erscheint offensichtlich, doch bei Open Source spielt üblicherweise eine Menge Dogmatismus eine Rolle. Vorsicht ist geboten, wenn jemand Open Source verwenden will, nur weil es Open Source ist. Das ist im Allgemeinen kein guter Grund.

Der zweite Faktor ist die individuelle Reife eines Open-Source-Produkts. Die Reife bestimmt, welche Risiken mit dem Produkt verbunden sind. Eine größere Community hat mehr Anbieter und Mitglieder hinter sich, und die Software sollte stabiler sein.
Der dritte Faktor bezieht sich auf das Risikoprofil der Anwender, das heißt, ob diese „Early Adopters“, Mainstream-Anwender oder konservative Kunden sind. Oft können die „Early Adopters” ein Produkt optimieren, das weniger ausgereift ist, aufgrund ihrer eigenen Forschungs- und Entwicklungsbemühungen.
Der vierte Faktor ist das Einsatzszenario. Es stellt sich die Frage, ob das Produkt mit 99,99 Prozent Laufzeit funktionieren muss, ob es wirklich geschäftskritisch ist. Man muss überlegen, ob es in Ordnung ist, dass die Software bei einem Absturz eine Minute, eine Stunde, einen Tag oder eine Woche lang nicht zur Verfügung steht – manchmal lautet die Antwort ja und manchmal nein.

Wie kommen Sie zu der Aussage, Open Source sei nicht ganz so gut, wie die Befürworter glauben, und nicht so gefährlich, wie die Gegner behaupten?

Driver: Damit will ich sagen, dass es auf allen Seiten Fanatiker gibt. Man kann das mit den Parteien in den USA vergleichen: Nicht alle Demokraten sind Engel, und nicht alle Republikaner sind böse. Das Gleiche gilt auch für Open Source. Die Befürworter sagen gewöhnlich, dass Microsoft nichts taugt und Linux perfekt ist. Weder die eine noch die andere Aussage ist ausgewogen und daher richtig. Man muss wegkommen vom technisch-religiösen Eifer um Open Source und zum wahren Wert vordringen. Open Source ist gerade deshalb so beliebt bei Gartner, weil wir kein Eigeninteresse verfolgen. Wir betrachten das Geschehen neutral.

Welche Herausforderungen werden auf Open Source zukommen?

Driver: Der Knackpunkt ist: Wenn Open Source reifer wird, muss die Software immer höhere Arbeitslasten bewältigen. Die Erwartungen steigen, konservative Anwender werden höhere Anforderungen bezüglich Stabilität, Performance und Verfügbarkeit stellen.

Auch rechtliche Aspekte werden eine Rolle spielen. Konservative Anwender wollen die Garantie, dass sie durch die Nutzung des Quellcodes nicht in Schwierigkeiten geraten. Das hat nichts mit der Technologie selbst zu tun, sondern mehr mit dem Schutz vor möglichen rechtlichen Verstößen.
Zum Beispiel sagt Microsoft, dass Open-Source-Produkte ungefähr 240 Patente verletzen. Unternehmen, die diese Produkte verwenden, wollen nicht von Microsoft verklagt werden und brauchen Schutz. Deshalb werden größere Anbieter beginnen, das Open-Source-Ökosystem gegen mögliche Klagen zu schützen.

Wo hat Open Source Ihrer Meinung nach besonders großen Erfolg?

Driver: Der größte Erfolg ist bei der Infrastruktur festzustellen. Betriebssysteme sind das perfekte Beispiel für einen Bereich, wo Open Source sich bereits etabliert hat und führend ist. Ähnliches gilt für Application-Server, Webserver, Integration Broker und Programme, die auf Servern im Datencenter laufen.

Der bekannteste Webserver, der Apache-Server, die weltweit beliebten Java-Entwicklungstools und einige der meistverbreiteten Web-Entwicklungstools wie PHP und Eclipse beruhen auf Open Source. Demnächst wird es Software zur Verbesserung der Office-Produktivität geben – in letzter Zeit wurde viel über OpenOffice geredet – und schließlich Geschäftsanwendungen.

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