Parallele Rechnungslegung mit Durchblick

Feature | 4. Oktober 2004 von admin 0

Ab 01.01.2005 müssen deutsche börsennotierte Unternehmen ihre Bilanzen nicht nur nach lokalen Vorschriften, sondern auch nach den International Finance Reporting Standards (IFRS) beziehungsweise nach International Accounting Standards (IAS) einreichen. Die in Deutschland verwendeten handelsrechtlichen Vorschriften des HGB dienen in erster Linie dem Gläubigerschutz und haben als Adressaten die Gläubiger (Fremdkapitalgeber). Im Gegensatz dazu dient der Ansatz nach IFRS den Anlegern.

Auch Unternehmen in anderen EU-Ländern sind von dieser Umstellung betroffen. Die Europäische Union hat im Jahre 2002 in einer Richtlinie festgelegt, dass IFRS zum Standard der Rechnungslegung für Unternehmen wird, die an einem Börsengang interessiert sind. Dem entgegen stehen, ebenso wie in Deutschland, die lokalen Rechnungslegungsvorschriften. Die USA sind von den Vorschriften nicht betroffen, da sie nach US-GAAP bilanzieren müssen. Dies liegt einerseits daran, dass die Vorschriften der IFRS denen von US-GAAP sehr ähnlich sind – gleiche Logik, aber unterschiedliche Bewertungsansätze – und andererseits die US-Gesetzgebung den Unternehmen derzeit die Nutzung von US-GAAP vorschreibt.
Die Vorteile für internationale Unternehmen, nach IFRS zu bilanzieren, liegen auf der Hand: Ihre Abschlüsse sind international und branchenintern vergleichbar und konzernweit transparent und nicht zuletzt zukunftsfähig. Mittelständische Unternehmen können sich mit einer Bilanzierung nach IFRS besser bei Verhandlungen mit Banken und auf dem internationalen Parkett darstellen. Außerdem sind sie in der Lage, das Management mit Hilfe eines IFRS-Abschlusses zu unterstützen. Ebenso bietet es sich für Gesellschaften, die ihre vorhandenen IT-Systeme durch SAP-Lösungen ablösen wollen, an, von HGB nach IFRS zu wechseln.

Detailliertere Kennzahlenbewertung nach IFRS

Bei der Bilanzierung werden den Aktiva (Anlage- und Umlaufvermögen) die entsprechenden Passiva (Eigen- und Fremdkapital) gegenüber gestellt. Berücksichtigt ein Unternehmen die neuen Vorschriften der IFRS, so muss es Aktiva und Passiva anders bilanziell ausweisen als nach HGB. Beispielsweise kann die Abschreibung für den Erwerb einer Firmenbeteiligung statt bisher 33.000 Euro 40.000 Euro pro Jahr betragen, weil das immaterielle Prestige der erworbenen Firma in Zahlen mit berechnet wird. In Abhängigkeit des Bilanzansatzes dürfte der Gewinnausweis nach IFRS tendenziell in den ersten Jahren höher und die Bilanzkennzahlen besser erscheinen als nach der HGB-Bilanzierung. Das liegt daran, dass Aktivposten nach IFRS im Allgemeinen höher und Passivposten niedriger angesetzt werden als nach HGB.
Am stärksten machen sich Änderungen durch IFRS in den Bereichen Anlagevermögen und Finanzanlagen bemerkbar. Immaterielle Vermögenswerte wie der Wert erworbener Aktien oder Firmenbeteiligungen fließen in die Aktiva ein. Abschreibungen, die aufgrund der steuerlichen Vorschriften zulässig und höher als handelsrechtliche Abschreibungen angesetzt werden, verschwinden und belasten die Passiva nicht mehr. Nach IFRS werden unter Umständen andere Abschreibungs- und Nutzungszeiträume angesetzt als nach HGB.
Im Bereich Finanzanlagen werden bei der IFRS-Bilanzierung der Marktwert der Unternehmensprodukte sowie sämtliche finanzielle Vermögenswerte und Schulden berücksichtigt. Die Kosten für einen längeren Auftrag werden je nach dem Grad seiner Fertigstellung berechnet. Geleastes Firmengut, Pensionen, Finanzanlagen und latente Steuern – das sind Steuerforderungen oder -verbindlichkeiten – werden nach IFRS genau aufgeschlüsselt und den einzelnen Abteilungen zugeordnet.

SAP mit neuem Hauptbuch oder Kontenlösung

SAP R/3 bietet bis zum Releasestand 4.7 beziehungsweise SAP R/3 Enterprise drei Lösungsansätze für eine parallele Rechnungslegung: Die Konten-, die Ledger- und die Buchungskreislösung. Für die meisten Unternehmen empfiehlt sich die Kontenlösung, mit der das SAP-Standardreporting weiterhin nutzbar ist.

Die Ledger-Lösung in SAP R/3

Die Ledger-Lösung in SAP R/3

Die Ledger-Lösung: Für Kunden mit einer sehr großen Anzahl von Konten mit Bewertungsunterschieden macht eher die Ledger-Lösung Sinn. Sie sieht vor, dass Kunden in der SAP-R/3-Komponente Financials-Special Ledger (FI-SL) eine Art zweites Hauptbuch aufbauen, in welchem sie die Anpassungsbuchungen der parallelen Rechnungslegung vornehmen. In SAP R/3 Enterprise wurde die so genannte “Rechnungslegungsvorschrift” in den Standard aufgenommen. Damit vereinfacht sich auch die Nutzung der Ledger-Lösung im SAP-System, denn damit lassen sich die Vorschriften der Verbuchung festlegen. Auch hier steht das Standardreporting zur Verfügung.
Die Buchungskreislösung: Mit Hilfe der Buchungskreislösung bilden Anwender einen weiteren Bewertungsbereich in der Anlagenbuchhaltung in einem separaten Buchungskreis ab. Diese Lösung lässt sich jedoch nicht in die Komponente Controlling (CO) integrieren und wird von der SAP nicht weiter entwickelt.
Neben diesen drei Optionen erhalten Anwender mit dem neuen Hauptbuch in mySAP ERP noch eine vierte. Darin lassen sich mehrere Bücher abbilden, durch eine einheitliche Buchungstransaktion mit Inhalten versorgen oder mit einem einheitlichen Reporting für Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung auswerten.
Alle vier Methoden versetzen Kunden in die Lage, aus der SAP-Komponente Financials (FI) Buchungen im Sinne einer parallelen Rechnungslegung zu starten. Welche der Methoden für ein Unternehmen den größten Nutzen darstellt, wird in der Vorphase des Projektes untersucht. Dabei ist es unerheblich, ob der Kunde SAP R/3 Enterprise oder mySAP ERP nutzt. Das neue Hauptbuch kann auch nur in der bisherigen Funktionalität genutzt werden.

Kontenfindung mit Micky-Maus-Lösung

Drei-Phasen-Modell

Drei-Phasen-Modell

Anders, als häufig befürchtet wird, müssen Unternehmen bei einer parallelen Bilanzierung nach HGB und IFRS nicht unbedingt den Überblick verlieren oder sich in ungeahnte Kosten stürzen. In der Beratungspraxis von SAP-Partner und Beratungshaus BTC hat sich dafür ein Projektvorgehen in drei Phasen bewährt.
Für die Umsetzung der Kontenlösung bietet die BTC AG ihren Kunden die von der SAP propagierte “Micky-Maus-Lösung” für die Kontenfindung. Der Name dieser Lösung rührt daher, dass die grafische Darstellung dieser Vorgehensweise als Schnittmengendiagramm an das Gesicht von Micky Maus erinnert.

Micky-Maus-Lösung

Micky-Maus-Lösung

Für die nach IFRS anders als nach HGB zu verbuchenden Posten werden gleichlautende Identnummern mit einem I beziehungsweise H als Präfix sowie jeweils ein gemeinsames Konto ohne Vorbuchstaben definiert, beispielsweise für den Posten “Weihnachtsgeld” ein HGB-Konto H552, ein IFRS-Konto I552 und ein gemeinsames Konto 552. Posten, für die sich die Bewertung nach IFRS nicht ändert, erhalten nur die gemeinsame Identnummer.
Diejenigen Posten, die nach IFRS und HGB unterschiedlich berechnet und bewertet werden, tauchen in zwei Bilanzen auf: in einer HGB-Bilanz über die HGB- und die gemeinsamen Konten und in einer IFRS-Bilanz über die IFRS- und die gemeinsamen Konten. Die gemeinsamen Konten erscheinen also in beiden Bilanzierungen, die HGB-Konten nur in der HGB-Bilanz und die IFRS-Konten nur in der IFRS-Bilanz.

Konzerntöchter laufen parallel bei der Micky-Maus-Lösung

Auch Tochtergesellschaften eines Konzerns, die selbst nur nach HGB bilanzieren, sind von einer Umstellung ihrer Muttergesellschaft auf IFRS betroffen, denn ihre Zahlen fließen in den Konzernabschluss ein. Sie müssen für alle unterschiedlich bewerteten Buchungskreise H- und I-, sowie für die gleich bewerteten Posten gemeinschaftliche Konten anlegen und zwei Bilanzen veröffentlichen: die IFRS – Bilanz aus IFRS- und gemeinsamen Konten fließt in den Konzernabschluss ein, die HGB-Bilanz aus HGB- und gemeinsamen Konten wird getrennt veröffentlicht. Bei jedem Konto lässt sich festlegen, ob es nur nach IFRS, nur nach HGB oder nach beiden Richtlinien verbucht werden darf. Mit Hilfe dieser Buchungssteuerung lassen sich parallele Abschlüsse automatisch, schnell und fehlerfrei erstellen. Sofern es sich nur um eine begrenzte Anzahl von Bewertungsunterschieden handelt, gestaltet sich die Implementierung relativ zügig und unproblematisch.
Maßgeblich bleibt in Deutschland auf absehbare Zeit die Bewertung nach HGB, da die jährliche Steuerbilanzerstellung weiterhin nach HGB erfolgen muss. In anderen europäischen Ländern sehen sich die Unternehmen vor ähnliche Herausforderungen gestellt. Dies ist insbesondere der Fall, wenn die lokale Rechnungslegung auch als Grundlage für die Ermittlung der Steuern dient.
Mehr zum Hauptbuch in mySAP ERP unter
www.sap.info/de/go/23997

Jörg Amtenbrink

Jörg Amtenbrink

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