Keine Zeit für Siesta

Feature | 22. September 2009 von John Martin 0

Echtzeitanbindung einer Fabrik an Firmenzentrale

Echtzeit-Vernetzung von Fabrik und Firmenzentrale (Foto: Jupiterimages)

SAP.info: Wofür steht das Bild der perfekten Fabrik?
Boris: „Perfect Plant“ ist eine Strategie der SAP zur Effizienzsteigerung in der Fertigung durch schlanke Prozesse, Auslastung der Anlagen und Echtzeit-Anbindung der Fabrik an die Firmenzentrale. Dadurch können Unternehmen das Reaktionstempo ihres Liefernetzes enorm beschleunigen. Letztlich geht es darum, sich über alle Betriebsteile Klarheit zu verschaffen. Diese Klarheit – das „Clear Enterprise“ – kann unmöglich erreicht werden, wenn keine direkte Anbindung an die entscheidenden Datenquellen im Fertigungsbereich erfolgt. Früher endete die Reichweite unserer Software am Werkstor. Mit der Perfect-Plant-Strategie kommen wir bis zur einzelnen Maschine.

SAP.info: Wie wirkt sich das aus?

Boris: Stelle ich größtmögliche Transparenz in Echtzeit her, kann mein Werkspersonal diese Informationen noch im laufenden Herstellungsprozess berücksichtigen. Bisher achtet es im Grunde nur darauf, dass die Maschinen im grünen Bereich arbeiten. Beim Perfect-Plant-Ansatz richtet sich der Ausstoß nach Umsatzzielen und Absatzplänen. Indem ich den richtigen Produktmix zur rechten Zeit erzeuge, laste ich meine Anlagen besser aus und straffe die Lieferkette.

SAP.info: Was bedeutet das aus kaufmännischer Sicht?

Boris: Die Führungsebene erhält aggregierte Daten zu Leistungsfaktoren wie Kosten und Lieferzeiten. Sie weiß dadurch genau, wie sich das Geschäft entwickelt, weil jeder Vorgang augenblicklich im System sichtbar ist. Datenticker informieren über den Maschinendurchsatz, die Logistik, den Energieverbrauch, ja sogar über die CO2-Bilanz. So kann das Management Problemen auf den Grund gehen, überflüssige Abläufe eliminieren und bei Bedarf schnell die Strategie wechseln.

Paul Boris

Paul Boris, Leiter des Praxisressorts für neue Fertigungslösungen bei SAP

SAP.info: Wie wird die Perfect-Plant-Strategie technisch umgesetzt?

Boris: Den Unterbau bildet die Anwendung SAP Manufacturing Integration & Intelligence. Sie liest die Daten an der Quelle ein, aggregiert und verarbeitet sie. SAP MII speist ein Dashboard, stößt Transaktionen an und schlägt Alarm, wenn das Personal eingreifen muss. Weitere Bausteine sind SAP Manufacturing Execution sowie SAP Lean Planning & Operations. Zu den wichtigsten Partnerprodukten gehören SAP Enterprise Inventory Optimization von SmartOps, Lösungen zur Optimierung des Anlagenbetriebs von NRX und Meridium, Wiege- und Dosierfunktionen von Werum, Software für die Chargenfertigung von Performix, Dokumentverwaltung von Lexmark, Lese- und Sortiersysteme von Böwe Bell + Howell, hoch verfügbare Hardware von Stratus sowie Software zum Auslesen von Daten vom Maschinenbauer Okuma. Das Angebot wächst schnell, die Zahl der Partner ebenso.

SAP.info: Können Sie uns Beispiele erfolgreicher Perfect-Plant-Projekte nennen?

Boris: Gerne. Der Haushaltsgerätehersteller Whirlpool hat die Strategie in 30 Werken angewandt und binnen zweier Jahre das Zwanzigfache der Projektkosten eingespielt. Valero, ein Raffineriebetreiber aus Texas, spart jährlich 60 bis 180 Millionen Dollar am Energieverbrauch. Die Methode ist aber nicht nur etwas für Großunternehmen. Der mittelständische Möbelhersteller Sauder aus Ohio hat in der Fertigung 85 Prozent der Arbeitsschritte ohne Wertschöpfung wegrationalisiert. Auch kleinere Unternehmen wie Sweet Ovations’, Tasty Baking Company und B&G Manufacturing erzielen einen großen Erfolg.

SAP.info: Wenn das so ist, warum zögern andere Unternehmen?

Boris: Viele halten sich ewig mit der Bestandsaufnahme auf, müssen jeden Befund ausdiskutieren und kommen dadurch nie zu einer Entscheidung. Manche fixieren sich auf Kennzahlen wie die Gesamtanlageneffektivität und übersehen den Kontext, in dem diese Zahlen entwickelt wurden. Andere sehen zwar Handlungsbedarf, halten aber die Daten aus ihren Maschinen und Produktionsprozessen für zu dürftig. Dieser Einwand ist unbegründet. In allen Fabriken, die ich kenne, gab es Daten genug, um echte Verbesserungen einzuleiten und die Abläufe zu optimieren. Die Betreiber müssen begreifen, dass sie durch ihr Zögern Woche für Woche etliche Tausend Euro an möglicher Projektrendite verschenken. Sie müssen Kosten und Nutzen abwägen, mit Vertretern von Unternehmen sprechen, bei denen die Perfect-Plant-Strategie funktioniert hat, und dann loslegen. Die perfekte Fabrik kein Endzustand, sondern ein Leitbild. Der Weg ist hier das Ziel.

SAP.info: Wie nahe kommt die SAP diesem Ideal?

Boris: Was man zur Optimierung der Fertigung an Software und Vernetzung braucht, können wir Unternehmen aller Branchen heute schon liefern. Derzeit arbeiten wir daran, solche Projekte durch Prozessvorlagen und Plugins zu vereinfachen und reproduzierbar zu machen. In der Dokumentation bewährter Branchenprozesse sind wir führend – das haben Produktvergleiche immer wieder gezeigt. Diese Kompetenz wenden wir nun auf die Fertigung an. Wenn ein Projekt bei einer Firma drei Monate gedauert hat, können wir das Produkt dann funktional so erweitern, dass der nächste Kunde es in sechs Wochen schafft? Wir müssen auch besser kommunizieren, wie die Perfect-Plant-Strategie umgesetzt wird. Die perfekte Fabrik ist weder Wunschdenken noch bloße Theorie, sondern eine Methode, Industriebetriebe zu optimieren und dadurch mehr Wert zu schöpfen. Deshalb entwickelt sie sich durch Initiativen unserer Kunden weiter.

Zur Person

Paul Boris hat am General Motors Institute Maschinenbau studiert. Nach mehrjähriger leitender Tätigkeit sowohl in der Prozess- wie in der Stückfertigung spezialisierte er sich auf den Einsatz von IT-Systemen in Produktionsbetrieben. Boris verantwortet die Perfect-Plant-Strategie der SAP in Nordamerika und leitet eine entsprechende globale Community of Practice.

Tags: ,

Leave a Reply