Personal: Jenseits von Amazon

13. März 2013 von Heather McIlvaine 0

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Professor Christian Scholz (Foto: Privat)

SAP.info: Wo liegen derzeit die größten Herausforderungen für das Personalmanagement?

Christian Scholz: Es ist eine zunehmend scharfe Debatte darüber entbrannt, wer in einem Unternehmen Personalentscheidungen treffen darf. Ich sehe das als ein „Entkernen“ der klassischen Personalabteilung. Viele Jobs werden ausgelagert, was zur Folge hat, dass es in der Personalabteilung weniger Mitarbeiter insgesamt und vor allem auch weniger wirklich qualifizierte HR-Experten gibt. Eine ähnliche Entwicklung vollzieht sich in IT-Abteilungen, jedoch nicht im gleichen Ausmaß wie im Personalmanagement. Zusätzlich verschärft wird die Problematik dadurch, dass die verbleibenden Mitarbeiter dieser „entkernten Personalabteilung“ nicht mehr viel zu sagen haben. Die Entscheidungsgewalt verlagert sich hin zu den Geschäftsbereichsleitern. Sie treffen die Entscheidungen, und die Personalabteilung setzt diese Entscheidungen um. In den letzten zehn Jahren hat sich in diesem Bereich eine Rückwärtsentwicklung vollzogen. Die Personalabteilung wurde in ihren Befugnissen beschnitten und kann auch keinen fachlichen großen Beitrag mehr leisten, weil man die kompetenten HR-Experten gehen ließ.

Was geht in einem Unternehmen verloren, wenn die Personalabteilung „entkernt“ wird?

In erster Linie geht die Professionalität der Personalabteilung verloren. Und das geschieht ausgerechnet in einer Zeit, in der sich die Mitarbeiterstrukturen rasant verändern, die Belegschaft von Unternehmen zunehmend international wird, und auch die Vergütungsstrukturen immer komplexer werden. Der durchschnittliche Bereichsleiter verfügt weder über die Ausbildung noch über die Erfahrung, um die Aufgaben der Personalabteilung zu übernehmen, und hat außerdem mit seinen eigentlichen Aufgaben bereits genug zu tun. Andererseits wurden viele Funktionen, die bislang im Personalmanagement angesiedelt waren, an externe Dienstleister ausgelagert. Ich habe nichts gegen externe Dienstleister. Aber wenn ein Unternehmen für die Einstellung von Mitarbeitern zuständig ist, Fragen der Mitarbeiter über ein Call-Center abgewickelt werden, ein weiteres Unternehmen sich um die Entwicklung der Mitarbeiter kümmert und wieder ein anderes Entlassungen regelt, wird die Sache sehr schwierig, da es keine Qualitätskontrolle für diese wichtigen Prozesse gibt.

Machen sich die Folgen in den Unternehmen bereits bemerkbar?

Ja, natürlich. Es ist bereits eine große Diskussion im Gange, was Subunternehmer, Serviceverträge, Unternehmensberater und externe Mitarbeiter betrifft. Amazon hat mit Sicherheit klar unter Beweis gestellt, welche Fallstricke ein Entkernen der Personalabteilung mit sich bringt. Viele Unternehmen haben außerdem ein Problem, intern Führungskräfte heranzubilden, Mitarbeiter ausreichend zu motivieren und langfristig zu binden. Deshalb denken viele Unternehmen bereits darüber nach, welche Rolle das Personalmanagement heute in ihrem Unternehmen hat und wie diese Rolle in Zukunft aussehen soll.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Zukunft des Personalmanagements

Wie sehen Sie die Zukunft des Personalmanagements?

Ich kann mir zwei mögliche Richtungen vorstellen. Die erste Richtung setzt voraus, dass Unternehmen ihre Personalabteilungen mit umfassenden Befugnissen ausstatten und konzertierte Maßnahmen ergreifen, damit die Mitarbeiter dieser Abteilung durch entsprechende Schulungsprogramme professioneller werden. Unternehmen, die auf eine solche Strategie setzen, verstehen in der Regel ihre Mitarbeiter als wichtigen Erfolgsfaktor. Management und persönliche Entwicklung, Mitarbeiterengagement, leistungsorientierte Vergütung: Wer sich in diesen Bereichen von der Konkurrenz abhebt, hat einen klaren Wettbewerbsvorteil. Diese Aktivitäten können nicht ausgelagert werden. Die Gehaltsabrechnung hingegen ist trivial. Hier spielt es keine Rolle, wer diese Aufgabe erledigt.

In einigen Unternehmen – und vielleicht auch bei Amazon – herrscht jedoch die Auffassung, dass die Mitarbeiter zwar für den Erfolg in manchen Bereichen wichtig sind, es in den meisten Bereichen hingegen keine Rolle spielt, wer eine Aufgabe erledigt, solange sie überhaupt erledigt wird. Diese Unternehmen werden vermutlich die zweite Richtung einschlagen. Sie werden möglichst viele Aufgaben der Personalabteilung auslagern, und dies möglichst billig.

Für mich ist nicht die eine Option besser oder schlechter als die andere. Es gibt Situationen, in denen die Arbeit mit Subunternehmern und das Auslagern der Personalbeschaffung an externe Dienstleister einfach sinnvoll ist. Wichtig ist für Unternehmen heute vor allem, dass sie sich für eine Richtung entscheiden. Die Gefahr liegt darin, keine klare Richtung zu verfolgen.

 

Hinweis:

Professor Christian Scholz ist einer der Referenten beim SAP Forum für Personalmanagement, das am 19. und 20. März im Kongresszentrum Karlsruhe stattfindet.

Sein Thema: „Generation Z: Willkommen in der Arbeitswelt“ (am 20. März, 11:45-12:30 Uhr).

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