PLM: Blick aufs Wesentliche

Feature | 17. März 2004 von admin 0

Primäres Ziel von kleinen und mittelständischen produzierenden Betrieben, wie etwa im Maschinen- und Anlagenbau sowie der Automobilindustrie, muss es sein, mit herausragender Produktqualität ihre Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu sichern. „Die drei wichtigsten Aspekte, um dies zu erreichen, sind verbesserte und verkürzte Produktentwicklungsprozesse, die damit verbundenen Kosteneinsparungen sowie eine erhöhte Flexibilität“, sagt Jakov Cavar, Analyst beim Beratungsunternehmen PAC (Pierre Audoin Consultants). Mittelständler müssen künftig neue und innovative Produkte sowie kundenspezifische Anpassungen der Produkte immer schneller auf den Markt bringen. Möglich ist dies nur, wenn der gesamte Lebenszyklus eines Produktes elektronisch begleitet wird – von der Entwicklung über Konstruktion, Prototyping, Fertigung, Marketing bis hin zum Recycling. „IT-Unterstützung wird hier immer mehr zum strategischen Wettbewerbsfaktor, weshalb mittelständische Firmen ein entsprechendes Know-how im Unternehmen aufbauen müssen“, fordert denn auch Hendrik Dettmering, PLM-Experte und Wissenschaftler an der Technischen Universität München.

PLM ist mehr als ein Trend

Was diese Forderung betrifft, scheinen die Firmen auf einem guten Weg. „Verglichen mit anderen IT-Lösungen war für PLM das Jahr 2003 eine gutes Jahr“, konstatiert IDC-Analystin Romala Ravi, denn immer mehr Unternehmen erkennen die Vorteile davon, mit PLM die existierenden Systeme zur Überwachung, Vereinheitlichung und Steuerung der Lebenszyklen ihrer Produkte besser zu nutzen. Auch PAC-Analyst Jakov Cavar stellt fest: „Die PLM-Wachstumsraten werden deutlich höher sein als das Wachstum des gesamten Software- und Services-Marktes.“ IDC rechnet bis 2007 mit einem jährlichen Wachstum des Marktes von mehr als 26 Prozent. Das Marktvolumen soll von rund drei Milliarden Dollar im vergangenen Jahr bis 2007 auf 9,7 Milliarden Dollar ansteigen. Dass Product Lifecycle Management mehr als ein Trend oder kurzfristiger Hype ist, bestätigen auch die Prognosen anderer Marktforschungsinstitute. Laut Aberdeen Group steigen die weltweiten Ausgaben für PLM bis 2005 auf mehr als fünf Milliarden Dollar (2001: 3,4 Milliarden US-Dollar). Das auf PLM spezialisierte US-Consultingunternehmen CIMdata rechnet für den gesamten PLM-Markt bis 2007 sogar mit einem Volumen von 20 Milliarden US-Dollar. Zwar ist, wie die Aberdeen Group feststellt, der Einsatz von PLM derzeit noch zu rund 75 Prozent auf Großunternehmen beschränkt, doch glauben Experten und Marktbeobachter wie der PAC-Analyst Cavar, dass künftig mittelständische Firmen die treibenden Kräfte im PLM-Markt sein werden. Derzeit hätten zwar nicht mehr als fünf Prozent aller mittelständischen Industrieunternehmen unter 1.000 Mitarbeitern bereits eine PLM-Lösung implementiert, doch die Tendenz ist stark ansteigend. Hierfür sind mehrere Gründe ausschlaggebend. So fungieren viele Mittelständler, etwa in der Automobilindustrie oder im Flugzeugbau, als Zulieferer für Großunternehmen und können sich einer neuen Technik schon deshalb nicht verschließen. Hinzu kommt, dass immer mehr Unternehmen ihre Produkte oder Teile davon nicht mehr selbst herstellen, sondern sie anderweitig fertigen beziehungsweise zusammenbauen lassen.

Von der Insellösung zum PLM-System

Die logische Weiterentwicklung dieses Prozesses ist dann, die unterschiedlichen Daten mittels einer PLM-Lösung zusammenzuführen. Das erleichtert nicht nur eine Zusammenarbeit, sondern senkt auch Kosten. Denn Planung und Produktion haben sich inzwischen stark diversifiziert. „Produktionsanlagen und Designer sind oft an völlig verschiedenen Orten“, beschreibt CIMdata Vice President Alan Christman die Situation. „Speziell SMBs, wie beispielsweise Zulieferunternehmen“, ergänzt Hendrik Dettmering, Wissenschaftler an der Technischen Universität München, „sind heute immer mehr in Produktentwicklungsprozesse von Großunternehmen eingebunden.“ Hintergrund ist der verstärkte Trend , die Produktion im Zuge der Globalisierung auszulagern. Dem stehen künftig vor allem kleine und mittlere produzierende Unternehmen gegenüber, konstatiert das speziell auf SMBs fokussierte Forschungsprojekt „PLM4KMU“, an dem unter anderem das Forschungszentrum Informatik (FZI) an der Universität Karlsruhe und die Technische Universität München beteiligt sind. Hinzu kommen auch immer mehr länderübergreifende Entwicklungskooperationen.
Im Zeitraum zwischen 1998 und 2000 kletterte der Anteil der ausgelagerten Produktion von 15 auf 40 Prozent, so Alan Christman, „Tendenz weiter steigend“. Speziell in der Automobilindustrie würden die Zulieferunternehmen bis 2015 rund 75 Prozent der Entwicklung und Produktion von den Autoherstellern übernehmen, prognostizieren Experten von Mercer Management Consulting und den Fraunhofer-Instituten IPA und IML. In einem derart veränderten Umfeld sind integrierte Lösungen das A und O des Erfolgs. In einem PLM-System werden daher nicht nur alle produktrelevanten Informationen und Daten verwaltet und jedem Mitarbeiter in geeigneter Form zur Verfügung gestellt, es deckt auch sämtliche Geschäftsprozesse ab – von der technischen Abwicklung über die Produktion bis hin zur Abnahme und Instandhaltung. Die Zeit der Insellösungen ist vorbei, denn: „Der PLM-Ansatz ist ganzheitlich und horizontal ausgerichtet, mit dem Ziel, Entwicklungs- und Produktionsprozesse über mehrere Unternehmensbereiche und durch integrierte E-Business-Funktionalitäten über Unternehmensgrenzen hinweg zu optimieren“, fasst Cavar zusammen.

PLM ist mehr als Software

Laut CIMdata-President Ed Miller ist die derzeitige Aktualität von PLM Ergebnis eines Paradigmenwechsels bei den Unternehmen. Diese hätten in den 90er Jahren vor allem ihre betrieblichen Strukturen durch Investitionen in ERP (Enterprise Resource Planning) verbessert, während derzeit der Fokus auf Initiativen zur Steigerung von Profitabilität und Wertentwicklung liegen. Aus dieser Entwicklung ergibt sich auch, dass PLM nicht einfach ein Stück Technologie ist, sondern eine Strategie, mit der alle ein Produkt betreffende Informationen erzeugt, gemanagt und verwendet werden können. Einer CIMdata-Definition zufolge spielen bei PLM die Geschäftsprozesse eine ebenso wichtige Rolle wie die zugrunde liegenden Daten. Für Aberdeen-Analyst Jack Maynard ist Product Lifecycle Management sogar die „erste Geschäftsstrategie, welche die Kernkompetenz produzierender Unternehmen fördert. Schließlich handelt es sich um die Produkte, die sie herstellen und verkaufen.“
Mit PLM haben Unternehmen Zugriff auf feinste Verästelungen und verschiedenste Dimensionen im Lebenszyklus eines Produktes. Allerdings greift dies auch tief in gewachsene Strukturen (Strategie, Produkt, Prozesse, Systeme und Organisation) und in die Unternehmenskultur ein. Die einzelnen Phasen des Produktlebenszyklus müssen stärker aufeinander abgestimmt, durchgängige Prozess- und Informationsströme gestaltet und der Produktlebenszyklus gezielt verändert werden. Eine Softwarelösung wie mySAP PLM erfüllt diese Anforderungen, denn damit lassen sich Konzepte und Ideen schnell in erfolgreiche Produkte umsetzen. Alle an einer Produktentwicklung Beteiligten – von Produktdesignern über Lieferanten und Hersteller bis hin zum Kunden – sind miteinander vernetzt, was den Informationsaustausch vereinfacht. mySAP PLM kann problemlos an geänderte Anforderungen im Unternehmen angepasst werden und mit diesem mitwachsen sowie aufgrund der offenen Architektur sowohl mit Lösungen von SAP als auch von anderen Anbietern verknüpft werden.

Einführung wohl überlegt

Allerdings will die Einführung einer PLM-Software von Mittelständlern wohl überlegt sein. Neben der generellen Frage nach dem richtigen Anbieter sind auch betriebswirtschaftliche und technologische Fragestellungen zu klären, die auf den ersten Blick nicht direkt mit dem Thema PLM zusammenhängen. Dazu gehören unter anderem Investitionsschutz, Support des Herstellers, Skalierbarkeit, Integrationsfähigkeit und niedrige Komplexität, was Cavar zufolge „besonders für den Mittelstand wichtig ist.“ Auch Wissenschaftler Dettmering rät Mittelständlern, ein entsprechendes Konzept zum PLM zu erarbeiten, bevor sie eine spezielle Software ins Auge fassen.
Aber wann sollten SMBs eine PLM-Software einführen? „Spätestens, wenn ein Betrieb allmählich den Überblick über seine Produktdaten – vor allem in der Konstruktion und Dokumentation, aber auch in Vertrieb und Wartung – zu verlieren droht, ist die Zeit reif, sich nach einem PLM-System umzusehen“, rät Experte Cavar. Am besten die Investition erfolgt, noch bevor der ungünstigste Fall eintritt: Wenn nämlich eine Fertigungsstraße erst einmal stillsteht, weil die falschen Bauteile geliefert wurden, könnte es schon zu spät sein.

Weitere Informationen:

Allgemein: www.plant-maintenance.com, www.plm4kmu.de
Studien: www.aberdeen.com, www.cimdata.com, www.idc.com, www.mercermc.de, www.pac-online.de
SAP: www.sap.com/plm

Dr. Andreas Schaffry

Dr. Andreas Schaffry

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