Interview MHP: Fabrik ohne Lager

Feature | 10. November 2010 von Frank Völkel 0

MHP-Chef Dr. Hofmann mit Frank Völkel von SAP.info (von rechts nach links)

Im Gespräch: MHP-Chef Dr. Ralf Hofmann mit Frank Völkel von SAP.info (von rechts nach links)

Wer im Autogeschäft erfolgreich sein will, muss seine Zulieferer gut im Griff haben. Porsche Leipzig gilt hier als Musterbeispiel – siehe Artikel Automotive Symposium: 145 Euro pro Auto.

Die Hauptarbeit leistete die mittelständische Prozess- und IT-Beratung Mieschke Hofmann und Partner (MHP). Sie ist heute ein großer Player beim Thema „SAP in der Automobilindustrie“. Im direkten Vergleich mit anderen Beratungsfirmen hat sich das Unternehmen fast ausschließlich auf Consulting bei Automobilherstellern, -zulieferern und -händlern spezialisiert. Für Aufmerksamkeit sorgte die Einführung eines Logistiksystems im Leipziger Porsche-Werk, welches eine schlanke Produktion ermöglicht und nahezu ohne Lagerhaltung auskommt.

Der Firmensitz von MHP befindet sich auf Schloss Heutingsheim, gelegen in Freiberg am Neckar. Wir trafen uns mit dem Firmengründer und Geschäftsführer des Unternehmens, Dr. Ralf Hofmann.

SAP.info: Welche wesentlichen Stationen sehen Sie bei der Entwicklung ihres Unternehmens bis zum heutigen Tag?

Dr. Hofmann: Nun, begonnen haben wir unsere Geschäftstätigkeit 1996 mit einem Auftrag von Porsche. Damals haben wir unsere SAP-Beratungskompetenz in Sachen R/3 eingebracht. Schon zu diesem Zeitpunkt hatten wir die Idee einer atmenden IT vom Aufbau her. 1999 kam es dann zu einer Minderheitsbeteiligung durch Porsche an MHP. Und später, das war im Jahr 2003, zu einer Beteiligung mit 74,8 Prozent. Seit dieser Zeit haben wir uns stark auf das Thema SAP-Automotive-Beratung fokussiert.

SAP.info: Wie kam es im Jahre 2003 zu der engen Verflechtung mit Porsche und wie wirkt sich diese auf die Zusammenarbeit mit anderen „konkurrierenden“ Automobil-Unternehmen aus?

Dr. Hofmann: Wie schon gesagt, hat Porsche seine Beteiligung beträchtlich erhöht, sodass wir heute mehrheitlich zu dem Sportwagenhersteller gehören. Noch interessanter wird das Thema, wenn Sie die Entwicklungen bei Volkswagen beobachten, wo in Kürze Porsche als 10. Marke im VW-Konzern aufgehen wird. Zum zweiten Teil der Frage: Wir beraten auch andere Automobilhersteller aus Deutschland und Europa, die nichts mit Porsche zu tun haben.

Alle unsere Kunden profitieren von den unterschiedlichen Erfahrungen und der Expertise unserer Mitarbeiter. Wir sind als neutraler Beratungspartner akzeptiert, sodass es keine Berührungsängste bei den – wie Sie sagen – konkurrierenden Automobilunternehmen gibt. Tatsächlich ist der Konzernanteil am Umsatz wesentlich geringer als der Umsatz am externen Markt.

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Angeregtes Gespräch: Ingo Guttenson, Dr. Hofmann und Frank Völkel (von rechts nach links)

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SAP.info: MHP sieht sich heute als Prozesslieferant. Was genau soll damit zum Ausdruck kommen?

Dr. Hofmann: Der Kunde will heute kein funktionierendes IT-System, sondern einen perfekt laufenden Prozess. Denn darauf kommt es doch an. Es gibt durchaus die Möglichkeit, dass ein IT-System einwandfrei funktioniert, aber der Prozess noch überarbeitet oder angepasst werden muss. Und dafür sind wir letztens Endes verantwortlich. Wir geben uns erst zufrieden, wenn der Prozess läuft, er in der Organisation implementiert ist und die unterstützende IT wie gewünscht funktioniert.

SAP.info: Eine zentrale Fertigung und dezentrale Endmontagen in weltweiten Liefernetzwerken erzeugen eine kaum zu beherrschende Vielfalt von Kommunikationsstandards. Wie sieht die Automobilproduktion der Zukunft aus?

Dr. Hofmann: Es kommt heute auf hohe Flexibilität und vor allem Transparenz beim Bedarf an. Und da hat sich das System der Kommunikation bewährt. Ich sehe übrigens nicht, dass die verschiedenen Kommunikationsstandards nicht zu beherrschen wären – mit weniger Standards könnten wir allerdings wirtschaftlicher sein. Bei der Frage nach der Automobilproduktion der Zukunft sprechen Sie das Thema e-Mobility an. Diesbezüglich glaube ich nicht, dass wir heute schon an einem Scheidepunkt angelangt sind.

SAP.info: Ausgehend von einem typischen Automobilzulieferer, wo liegen die aktuellen Risiken in der Supply Chain (Lieferkette)?

Dr. Hofmann: Ich sehe weniger die Risiken als vielmehr die Chancen. Aktuell beobachten wir zwar Lieferengpässe, die durch die enorme Bestandsreduzierung in der Krisenzeit bedingt sind. Das ist aber ein überblickbarer Zeitraum. Zukünftig bietet ein exzellentes Management der Supply Chain Chancen der Flexibilisierung, der wirtschaftlichen Antwort auf die Globalisierung, kurz der Agilität.

Die Tendenz, die Fertigungstiefe, die Wertschöpfung und vor allem auch die Verantwortung vom Hersteller in die Supply Chain hinein zu verlagern, wird anhalten. Dem müssen sowohl Hersteller als auch Zulieferer hinsichtlich ruhiger Produktionsversorgung, Produkt- und Informationsqualität und vor allem Wirtschaftlichkeit gerecht werden. Hier ist die IT nicht mehr wegzudenken. Sie ermöglicht diese globalisierte Lieferantennetzwerke sowie die abgestimmte Produktion über Unternehmensgrenzen hinweg.

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Arbeitet, lebt und fährt Porsche: MHP-Gründer Ralf Hofmann

Arbeitet für, lebt und fährt Porsche: MHP-Gründer Ralf Hofmann

Montage in Leipzig: Porsche Panamera S (Foto: Porsche)

Montage in Leipzig: Porsche Panamera S (Foto: Porsche)

SAP.info: Wie transparent und effizient müssen die Wertschöpfungspartner in naher Zukunft werden, um am Markt zu bestehen?

Dr. Hofmann: Sehen Sie, letztlich hängt der Erfolg der Hersteller und der Lieferanten vom Erfolg des Endprodukts beim Kunden ab. Das bedeutet, dass angesichts der steigenden Produktkomplexität eine intensive Kooperation, Kommunikation und eine hohe Transparenz beginnend bei der Vorentwicklung zwingend ist, um global wettbewerbsdominierende Produkte anbieten zu können. Um Ihre Frage konkret zu beantworten: Transparenz ist angesichts der verschwimmenden Unternehmensgrenzen eine notwendige Voraussetzung.

SAP.info: Welche Entwicklungen treiben die Prozesse und IT-Konzepte voran?

Dr. Hofmann: Das sind aus meiner Sicht mehrere Aspekte. Der Einzug von Internet und die Vernetzung im Fahrzeug ermöglichen gänzlich neue – und bis heute sicher nicht komplett absehbare – Services und Geschäftsmodelle für Hersteller, Zulieferer und Serviceprovider. Der Trend zur Mobilität von Arbeitsplätzen und zu flexiblen Arbeitszeiten wird unterstützt und verstärkt durch mobile Lösungen, sodass schneller gesteuert und entschieden werden kann.

Die Entwicklung von Cloud Services geht für mich stark einher mit dem Gesamtkomplex Sicherheit. Hier ist noch Grundlagenarbeit sowie Vertrauensaufbau zu leisten. Dies gilt im Übrigen auch für unternehmenskritische mobile Lösungen. Aber auch in der Standardisierung sowohl auf Prozess- als auch auf IT-Ebene, unternehmensintern wie -übergreifend birgt noch einiges an Potenzial.

Sie sehen ja, welche Wege beispielsweise der Volkswagen-CIO Klaus Hardy Mühleck in seiner Keynote auf dem Automotive-Symposium aufgezeigt hat. Teilweise sind die ja schon im Konzern umgesetzt. Ich glaube, hier hat unsere Branche noch einiges vor sich. Die Standardisierung bringt weniger Komplexität und damit höhere Agilität.

SAP.info: Kann die Automobilindustrie von anderen Branchen noch lernen oder ist sie eher ein Beispiel von höchster Prozesseffizienz?

Dr. Hofmann: Diese Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten. Ich würde sagen, dass die Automobilindustrie in der Kombination Stückzahl und Komplexität mit die anspruchsvollsten Prozesse zu beherrschen hat. Aber vielleicht lohnt auch mal ein Blick auf die öffentliche Hand: Hier ist es gelungen, über 16 Bundesländer hinweg einen Standard für die elektronische Steuererklärung zu etablieren.

Jedes Unternehmen kommuniziert heute elektronisch mit den Finanzbehörden. In der Automobil- und Fertigungsindustrie haben wir noch immer viele Medienbrüche, die die angesprochene Transparenz hemmen.

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Schlanke Produktion: Porsche Cayenne in Bratislava und Leipzig (Foto: Porsche)

Niedrige Fertigungstiefe in Leipzig: Porsche Cayenne (Foto: Porsche)

SAP.info: Rückrufaktionen sind ein schlimmes Szenario für jeden Autohersteller, beispielsweise wenn Airbags oder Bremsen ausfallen. Welche Möglichkeiten (Traceability) sehen Sie, um diese zumindest zu minimieren?

Dr. Hofmann: Hier geht es ganz klar um präventives Qualitätsmanagement und effektive Qualitätssicherung im Vorfeld. Dies ist angesichts der kürzer werdenden Entwicklungszyklen und der steigenden Produkt- sowie Variantenvielfalt ein sehr komplexes Gebiet, das leider viel zu häufig dem Rotstift zum Opfer fällt.

Das Ergebnis kennen Sie – und es ist sehr, sehr teuer und imageschädlich. Durchgängige IT-Lösungen und Prognoselösungen helfen, Fehler frühzeitig zu erkennen und bei konsequenter Umsetzung erst gar nicht bis zum Kunden gelangen zu lassen.

SAP.info: Kommen wir abschließend zum Thema Elektromobilität. Wenn die deutsche Automobilindustrie in den nächsten zehn Jahren diesen Trend nicht verschlafen will, stehen große Veränderungen bei den Prozessen bevor. Vor allem was die Vernetzung des Systems Fahrzeug mit der Umwelt und dem Internet anbelangt. Wie sehen Sie das?

Dr. Hofmann: Ich sehe nicht, dass wir uns an einem Wendepunkt befinden, solange die Frage der sauberen Primärenergie nicht geklärt ist. Die deutsche Autoindustrie hat Jahrzehnte Entwicklungsarbeit in moderne Fahrzeuge gesteckt. Heute stößt gemäß einer ADAC-Studie ein moderner Dieselmotor bei gleicher Leistung nur ca. 10 Prozent mehr CO2 aus als ein Elektrofahrzeug.

Das Elektroauto wird aber sicherlich Kundensegmente vor allem im städtischen Verkehr erobern. Damit einhergehen neue Services in der Kommunikation zwischen Fahrer, Auto, Service- und Tankstellennetz. Wie denken bereits heute mit Herstellern, Energielieferanten und Städten über die sich eröffnenden Chancen nach. Doch bis es soweit ist, da vergehen noch etliche Jahre.

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