Vorschau Windows 8: Ende der PC-Ära

Feature | 6. September 2011 von Daniel Hardt 0

(Grafik: grasundsterne)

Microsoft schickt sein Betriebssystem in die 8. Runde (Grafik: grasundsterne)

Nunmehr 30 Jahre hat der gute alte Desktop-PC auf dem Buckel. Seit 1985 treuer Begleiter: das Betriebssystem Windows von Microsoft. Doch der PC ist in die Jahre gekommen und neue Plattformen wie Cloud, Tablets und Smartphones setzen dem einstigen Platzhirsch zu.

Und Windows? Mit Windows 8 setzt Microsoft zum Sprung an und spricht vom innovativsten Release seit Windows 95. Der wohl größte Wurf: Windows 8 löst sich vom PC und läuft auch auf Netbooks, Tabletts und Windows Phone. App Store, Touch-Bedienung und Kacheln statt Fenster sollen nur einige neue Features sein.

Mittlerweile ist die Alpha-Version – im Microsoft-Sprech der „3. Milestone“ – verfügbar, die erste Beta-Variante folgt vermutlich diesen Herbst. SAP.info verrät, welche neuen Features drin stecken, ob das neue Windows die Chancen zum Erfolgshit hat und wann mit dem finalen Release zu rechnen ist.

Lesen Sie auf den nächsten Seiten:

Der Startscreen zeigt die wichtigsten Kacheln inklusive (Screenshot: Youtube)

Der Startscreen zeigt die wichtigsten Kacheln inklusive Informationen (Screenshot: Youtube)

Multitouch, Kacheln & 3D

Auf der All Things Digital D9 Konferenz in Kalifornien präsentierte Windows-Chef Steven Sinofski eine gegenüber Windows 7 komplett neu gestaltete Oberfläche. Die herkömmlichen Fenster werden durch das von Windows Phone 7 bekannte Kachel-Design – auch Metro-Optik oder Immersive UI genannt – ersetzt. Bereits im Startbildschirm erscheinen klassische Programme oder Apps in dieser Form und liefern Informationen auf den ersten Blick. So zeigt die Outlook-Kachel beispielsweise eingehende Mails in Echtzeit, der Browser aktive Downloads an.

In Video-Demos erfolgt die Navigation durch Multitouch-Gesten. Antippen öffnet die jeweilige Kachel, per Wischbewegungen werden Programme nebeneinander angeordnet und ihre Größe angepasst. Programme können so gleichzeitig nebeneinander im Bildschirm angezeigt und betrieben werden, eine weitere Bewegung zieht neue Apps in den Bildschirm.

Die Texteingabe erfolgt über ein integriertes Touchkeyboard, wahlweise ergonomisch unterteilt in einen rechten und linken Block. Während diese Variante für Tablets auf Windows-Basis als gesichert gilt, ist sie für Desktop-PCs wahrscheinlich. Gleichfalls soll dort eine Steuerung über Maus und Keyboard möglich sein.

Insider berichten zudem, dass eine für leistungsstarke Desktops gedachte 64-Bit-Version über 3D-Effekte verfügt, während schwächere Geräte ohne dieses Feature auskommen müssen. Eine an das Aero-Design von Windows 7 angelehnte Version für Plattformen mit weniger Leistung, sei ebenfalls möglich.

Beispiel Wetter-App: Nach dem öffnen per Fingertip gibt es detaillietere Informationen (Screenshot: Youtube)

Beispiel Wetter-App: Detaillierte Informationen gibt es nach dem öffnen per Fingertip (Screenshot: Youtube)

Windows Phone Marketplace: Vorbild für Windows App Store? (Screenshot: Microsoft)

Windows Phone Marketplace: Vorbild für Windows App Store? (Screenshot: Microsoft)

32-Bit & 64-Bit Version

Wahrscheinlich ist, dass Windows 8 in einer 32-Bit und einer 64-Bit-Version ausgeliefert wird. Kündigte Microsoft ursprünglich an, ausschließlich eine 64-Bit-Variante anzubieten, bestätigte das Unternehmen mittlerweile, ARM-Prozessoren zu unterstützen. Die in Tablets und Smartphones eingesetzten Chips laufen bis dato jedoch nur mit 32-Bit-Systemen. Auch die Tatsache, dass mobile Geräte nur über einen begrenzten Arbeitsspeicher verfügen, spricht für eine 32-Bit-Version.

Eine Feature-on-Demand User Experience (FonDUE) könnte dafür sorgen, dass – je nach Endgerät – nur bestimmte Anwendungen und Prozesse gestartet werden. Um die Verfügbarkeit auf allen Geräten zu gewährleisten, arbeitet Microsoft angeblich an einer Dateisprache namens Protogon, einer Weiterentwicklung von NFTS. Als  erste Hardware-Hersteller erhielten übrigens Intel, AMD, Nvidia, sowie Qualcomm und Texas Instruments, die beide ARM-Prozessoren herstellen, ein  Development-Kit für Windows 8.

App Store

Auf größtes Interesse stößt das Gerücht, Microsoft plane einen App Store für Windows. Angeheizt wurde die Diskussion durch einen Blog-Eintrag von Steven Sinofski, in dem alle Entwicklerteams – inklusive eines „App Store“ Teams – vorgestellt wurden.  Kauf, Download und Updates von Anwendungen könnten über den App Store getätigt werden.

Die Entwicklerplattform kursiert unter dem Namen Jupiter und soll dafür sorgen, dass alle Apps Silverlight- und .Net-kompatibel sind. Damit wären echte Rich Internet Applications (RIAs) möglich. Installationen basieren angeblich auf dem AppX-Standard, so dass diese auf stationären wie mobilen Geräten nutzbar sind. Neben den Apps scheint Microsoft weiterhin klassische Programme zu unterstützen, die eventuell in einem Windows 7 Modus laufen.

Sicherheit aus der Cloud

Um Hackerangriffe zu vermeiden, wird die Systemaktivierung voraussichtlich über den Standard OEM Activation 3.0 (OA 3.0) erfolgen. Weiterhin wird das veraltete BIOS-Konzept durch UEFI (Unified Extensible Firmware Interface) ersetzt. Sollte das Konzept Desktop as a Service (DaaS) umgesetzt werden, würden Cloud-Funktionen Sicherheit und Handhabbarkeit steigern.

Durch die teilweise oder komplette Auslagerung des Systems könnten Netzwerk-Administratoren Windows zentral konfigurieren und Malware würde nicht direkt zum Windowskern gelangen. Backups, Security-Funktionen und multiple User-Accounts könnten als Cloud-basierte Dienste angeboten werden.

Auch eine neue Funktion: Das Touchkeyboard (Screenshot: Youtube)

Auch eine neue Funktion: Das Touchkeyboard (Screenshot: Youtube)

Neue Tools & Funktionen

Microsoft plant, die Taskleiste zu überarbeiten. Eine neue Funktion ist die Sprachverwaltung, ein Icon zeigt Fortschritte bei der Installation von Gerätetreibern an. Das aktuelle USB 3.0 wie auch Bluetooth 3.0 werden unterstützt. Ein erweiterter Taskmanager soll über den Registry-Key zu aktivieren sein. Die Bereitstellung virtueller Datenträger im ISO- und VHD-Format machen Programme wie „Daemon Tools“ überflüssig.

Zudem kehrt der aus Windows XP bekannte „Aufwärts“ Button zurück, mit dessen Hilfe man in das übergeordnete Verzeichnis gelangt. Auch wird eine stärkere Einbindung des Online-Speichers Live Mesh angestrebt. Screenshots der Alpha-Version von Windows 8 zeigen Schaltflächen, um lokale Ordner zu synchronisieren und als Cloud-Ordner freizugeben.

Weit vager sind Hinweise über einen Login per Windowslive oder Gesichtserkennung. Gamer dürfen auf einen integrierten Xbox-Dienst hoffen, der möglicherweise die Bewegungssteuerung Kinect unterstützt.

Hier einige wesentliche Neuerungen, mit denen zu rechnen ist:

Neuer Dateimanager: Studien von Microsoft  ergaben, dass User besonders mit dem Dateimanager unzufrieden sind. Beim Kopieren oder Verschieben dauern 20 Prozent der Fälle über 2 Minuten, da Namenskonflikte auftreten oder Dateien nicht verschoben werden können, was mitunter sogar zum Abbruch führt.  Das möchte Microsoft ändern: Ein Kopier-Dialogfeld zeigt die Prozesse an, die einzeln pausiert werden können, Quell- und Zielordner werden permanent angezeigt. Das Problem der Namenskonflikte soll ebenfalls behoben werden. Eine Prozentangabe gibt Aufschluss, wie weit ein Prozess bereits abgeschlossen ist.

Ribbon-Menü: Die Kombination aus Menüsteuerung und Symbolleiste wird bereits in der aktuellen Office Version eingesetzt. Statt aufklappender Menüs erfolgt die Steuerung über „Karteikarten“, die durch Reiter an der Oberseite des Explorers dargestellt werden. Das Schema „Datei – Bearbeitern – Ansicht“ würde ersetzt. Für Neulinge intuitiver, ruft der Aufbau bei eingefleischten Windows-Usern oft Verwirrung hervor – ob das Konzept übernommen wird, ist daher noch offen.

History Vault: Der Time Machine von Apple ähnlich, legt History Vault Backups an, mit denen sich der PC auf einen bestimmten Zeitpunkt zurücksetzen lässt. Komplette Neuinstallation von Windows – beispielsweise bei nachlassender Performance – würden der Vergangenheit angehören. Inoffizielle Quellen berichten, dass die Funktion auch auf einzelne Objekte und gelöschte Dateien anwendbar  ist.

Schnellstart: Durch die Kombination der Funktionen „Ausschalten“ und “Ruhezustand“ wird ein schnellerer Start ermöglicht. Der BIOS-Ersatz UEFI ist hierfür zentral und spart zudem Strom.

Immersive Reader: Ersetzt den als Fehlerquelle verschrienen Adobe Reader.

Der neue Dateimanager vereinfacht Datei-Kopien (Screenshot: Youtube)

Der neue Dateimanager vereinfacht Datei-Kopien (Screenshot: Youtube)

Bewegungssteuerung Kinect: Könnte in Zukunft die Touchbedienung durch Gesten ersetzt werden? (Foto: Microsoft)

Bewegungssteuerung Kinect: Ersetzen Gesten irgendwann die Touchbedienung? (Foto: Microsoft)

Finales Release 2012?

Da Microsoft den 3. Milestone veröffentlich hat und drei Meilensteine für ein Windows-Release üblich sind, könnte im Herbst 2011 die Beta-Version kommen. Vermutet wird, dass diese auf der BUILD-Konferenz vom 13. bis 16. September in Anaheim Kalifornien präsentiert wird. Die Konferenz ersetzt in diesem Jahr die Microsoft-Veranstaltung PDC (Professional Developer Conference), die zumeist zur Veröffentlichung von Windows-Beta-Versionen genutzt wurde. Hinsichtlich des Release der finalen Version schwanken die Annahmen zwischen Anfang und Herbst 2012.

Fazit

Windows ist das weltweit am meisten eingesetzte Betriebssystem. Allerdings wurden Windows 7 und der Vorgänger Windows Vista aus verschiedensten Gründen kritisiert: die Systeme gelten als Ressourcenfresser, büßen schnell an Performance ein und sind kaum intuitiv zu bedienen. Eine schöne Oberfläche wird durch weitere Performanceeinbußen erkauft. Bei der Wertschätzung liegt Apples Mac OS vorn. Doch hohe Verbreitung und Standarisierung machen Windows gerade im Unternehmensumfeld zur ersten Wahl.

Galt Microsoft in den letzten Jahren eher als Verwalter seiner Marktmacht statt als innovativer Taktgeber, könnte sich dies mit Windows 8 ändern. Ein frisches Design, Cloud-Funktionalitäten und vor allem die Kompatibilitätsvorteile zwischen Windows-PC, -Phone und in Zukunft auch Tablets, sind stichhaltige Argumente für Unternehmen. Fraglich bleibt aber, ob Microsoft nicht bereits den Anschluss bei mobilen Plattformen verpasst hat und daher mehr oder weniger an den, schrumpfenden, PC-Markt gebunden bleibt.

Wird Windows Phone zum schlagenden Argument für Windows 8? (Grafik: Microsoft)

Windows Phone 7: Erfolgsgarant für Windows 8? (Grafik: Microsoft)

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