Querdenker erwünscht

Feature | 31. Mai 2010 von Johannes Gillar 0

Spectrum_2_2010_Frank_ThomsHerr Thomsen, ist Innovation etwas Evolutionäres oder eher eine radikale Neuerung?

Frank Thomsen: Es kann beides sein: Zum einen gibt es die inkrementelle Innovation, bei der ein Produkt immer weiter entwickelt wird. Ein Beispiel dafür sind Musikgeräte. Aus einem Kassettenrekorder wird ein CD-Spieler und daraus schließlich ein digitaler Minidisc-Player. Doch irgendwann entsteht aus solchen Evolutionsreihen nichts wirklich Neues mehr – im Falle der Audiotechnik waren rein mechanische Datenträger an ihre Grenzen gestoßen. Spätestens dann wird es Zeit für eine radikale Innovation. Hier entwickelt man ein grundsätzlich anderes Produkt oder bietet eine zuvor nicht erhältliche Dienstleistung an. In der Audiotechnik war es das MP3-Format, das die Musikwiedergabe und -aufnahme revolutioniert hat.

Wie werden Unternehmen innovativ oder gewinnen verlorene Innovationskraft zurück?

Frank Thomsen: Viele Unternehmen halten sich für innovativ, weil sie sich eine große Forschungsabteilung leisten, entwickeln ihre Produkte aber bloß weiter. Sie nehmen sich nicht die Zeit, querzudenken. An der Firmenspitze gibt es niemanden, der den eigenen Mitarbeitern oder Kunden zuhört. Angesichts starrer Vorgaben sind im Trott des Tagesgeschäfts große Neuerungen nicht mehr möglich. Um ihre Innovationskraft wiederzubeleben, müssen Unternehmen ihr Produktverständnis zurück auf null stellen. Sie müssen sich vom Einheitsdenken befreien, müssen auf Kunden und Mitarbeiter hören. Nur so lässt sich etwas Originäres erfinden. Apple hat das zum Beispiel mit dem iPhone so gemacht. Diese Vorgehensweise nimmt allerdings manchmal mehr Zeit in Anspruch als erwartet. Gerade in der Krise scheuen viele Unternehmen aus Angst vor Einbußen jedes Risiko. Radikale Innovationen bleiben aus – ein Fehler, wie beispielsweise der Siegeszug des iPhone zeigt. Unternehmen machen also gerade deshalb Fehler, weil sie diese um jeden Preis zu vermeiden suchen.

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3 comments

  1. Morita

    Ein guter Beitrag der deutlich macht, dass Schubladendenken und selbst projezierte Grenzen die Wettbewerbsfähigkeit und den Erfolg kosten können. Traurig ist aber, dass auch wenn die meisten Führungskräfte diese Aussagen unterschreiben würden, es doch großteils ein Lippenbekenntnis bleibt. Im Notfall wird all zu oft auf die 0815-Standard Lösung zurückgegriffen aus angst vor den Alternativen. Ein Verhalten, dass ich als Interim-Manager täglich begegne.

    Nehmen wir uns einfach mal die Automotive-Branche als kleinen Beispiel vor. Durch die spührbare Abschottung gegenüber andere Branchen können neue Einflüsse und “Best Practices” nur sehr schwehr ihren Weg in die Branche finden. Meiner Ansicht nach einer der Gründe für die anhaltende weltweite Situation. Ich prognostiziere, dass Unternehmen die diese ungeschriebene Verhaltenregel nicht mehr so rigide befolgen, als die Gewinner hervorgehen werden.

    R. T. Morita

  2. Heinz-Ulrich Luttermann

    Kein großes Unternehmen ist an schnellen Veränderungen – die ja zwangsläufig mit neuen Ideen verbunden sind – wirklich interessiert, da diese alte gewachsene Strukturen zerstören. Z.B. ist der Reparatur- und Wartungsaufwand eines Elektroautos bei höchstens 30% zu denen eines solchen mit Verbrennungsmotor zu veranschlagen, hinzu kommen noch die weit günstigeren Herstellungskosten. Dies löst bei der Automobilindustrie keine Begeisterungsstürme aus und veranlasst diese mit Pseudoentwicklungen alte Konzepte zu propagieren, die das Stammgeschäft für die nächsten Jahrzehnte sichern sollen.
    Weiterlesen auf http://adventuremobile.de/pageID_9959948.html

  3. Walter Huber

    um bei den Automobil Industrie zu bleiben,
    Elektrisch betriebene Fahrzeuge gibt es bereits seit Jahrzehnten, aber nicht im Massenmarkt.
    Brennstoffzellen und andere Leistungsstarke Akkutechnologien wurden hierzulande entwickelt aber nicht bis zur Marktreife, weil kurzfristig betrachtet, die Investition in traditionelle Technik lukrativer erschien. So hatten unsere Mitbewerber in anderen Ländern geringere Einstandskosten und heute einen gehörigen Vorsprung in dieser Ökologisch und Ökonomischen Zukunftstechnik und wir laufen wieder dem jetzigen Trend hinterher!
    Bitte in Zukunft neue Innovationen nicht dem kurzfristigen Profit-denken preisgeben, dann werden wir zukünftig auch wieder mehr zum gefragten Partner.

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