Von der Lochkarte zur Cloud

Feature | 15. Februar 2010 von Christiane Stagge 0

Software wie SAP R/3 gab es früher auf CD-ROM (Foto: SAP)

Software wie SAP R/3 gab es ab 1992 auf CD-ROM (Foto: SAP)

Sexuelle Revolte, RAF, sozialdemokratischer Kanzler – während diese Schlagworte  Deutschland in den 70ern geprägt haben, gründeten 1972 nebenbei auch fünf ehemalige IBM-Mitarbeiter in Mannheim ein Unternehmen namens Systemanalyse und Programmentwicklung. Doch was damals als kleine Firma begann, ist heute der größte Business-Softwarehersteller weltweit mit rund 47.800 Mitarbeitern und Niederlassungen in mehr als 50 Ländern.

Lochkarten

80 Byte Speicher auf einer Lochkarte reichte in den 1970ern Jahren noch aus (Foto: SAP)

Großrechner und Lochkarten

Claus Wellenreuther, Hans-Werner Hector, Klaus Tschira, Dietmar Hopp und Hasso Plattner entwickelten anfangs PC-Programme für Lohnabrechnung und Buchhaltung. Damals arbeitete man noch mit Lochkarten und Großrechnern. Das Ziel der fünf Firmengründer: Die Entwicklung von Unternehmenssoftware, die Daten in Echtzeit verarbeitet. Die Eingabe sollte per Bildschirm statt auf Lochkarten erfolgen. Das „R“ für das englische „Realtime“ spielt in den SAP-Produktnamen bis 2003 eine große Rolle. 1973 kommt das Softwaremodul für Finanzbuchhaltung auf den Markt. Immer mehr Kunden werden auf die Unternehmenssoftware aufmerksam, wie zum Beispiel der Zigarettenhersteller Rothändle. Die Software läuft auf IBM-Rechnern und unter dem Betriebssystem DOS.

Zwei Jahre später, 1975, kann die Software auch Einkauf, Bestandsführung und Rechnungsprüfung abdecken. Was später zum Markenzeichen der SAP werden sollte, war damals schon möglich: Die Integration aller Anwendungen. So gehen die Daten der Materialwirtschaft direkt an die Finanzbuchhaltung. Dadurch können Rechnungsprüfung und Buchung in einem Arbeitsgang erledigt werden.

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Die Gründer: Klaus Tschira, Hasso Plattner, Dietmar Hopp und Hans-Werner Hector (Foto: SAP)

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Gründer und Chef: Hasso Plattner beim Börsengang 1988 (Foto: SAP)

Erste Kunden im Ausland

1976 wird aus „Systemanalyse und Programmentwicklung“ die SAP GmbH. Ein Jahr später erfolgt der Umzug von Weinheim nach Walldorf. In diesem Jahr gewinnt SAP auch seinen ersten Kunden im Ausland: in Österreich. Ein Jahr später gibt es SAP auch auf Französisch, als sich Landmaschinenhersteller John Deere für die Buchhaltungssoftware entscheidet.
Das Unternehmen SAP wächst: 1979 erfolgt der Spatenstich für das erste eigene Rechenzentrum in Walldorf. Zwei Jahre später hat SAP seinen ersten Messeauftritt – auf der Systems in München. Rund 200 Unternehmen nutzen damals SAP-Software, die längst nicht nur Programme für Buchführung umfasste, sondern inzwischen auch für Fertigungssteuerung. Das Firmengebäude in Walldorf ist zu klein geworden, so dass ein Erweiterungsbau in Planung ist. 1985 zählt das Unternehmen 64 Millionen DM Umsatz und verfügt über hundert Mitarbeiter.

In Biel in der Schweiz wird ein Jahr zuvor die SAP (international) AG gegründet, um die ausländischen Märkte noch besser bearbeiten zu können. 1986 folgt die Eröffnung weiterer Geschäftsstellen in Ratingen und Düsseldorf. Zwei Jahre später sind Hamburg und München an der Reihe. 1986 knackt SAP bei ihren Umsätzen erstmals die 100 Millionen DM-Grenze. Ein neues Modul für die Personalwirtschaft kommt ebenfalls auf den Markt und SAP hat erstmals seinen Auftritt auf der weltgrößten Computermesse, der CeBIT.

Gang an die Börse

1988 erfolgt der Gang an die Börse: Aus der SAP GmbH wird die SAP Aktiengesellschaft Systeme, Anwendungen und Produkte in der Datenverarbeitung. Weitere Landesgesellschaften in Dänemark, Schweden, Italien und in den USA werden gegründet. Ein Jahr zuvor waren schon die Niederlande, Frankreich, Spanien und Großbritannien dran. 1989 eröffnet SAP Filialen in Kanada, Singapur und Australien. Das Unternehmen zählt Ende der 80er 1.400 Mitarbeiter.
1990, dem Jahr der Wiedervereinigung Deutschlands, eröffnet SAP eine weitere Geschäftsstelle in Berlin. Im gleichen Jahr beteiligt sich SAP zur Hälfte an der Firma Steeb und übernimmt den Softwarehersteller CAS.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Von R/3 bis Business Suite 7

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Büro bei SAP Mitte der 80er Jahre. (Foto: SAP AG)

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Kooperation mit Microsoft 1994: Henning Kagermann, Bill Gates, Klaus Tschira - von links nach rechts. (Foto: SAP)

R/3: Datenbank, Anwendung, Client

Winter 1991, Hannover Messegelände: Auf der CeBIT stellt SAP ein Computerprogramm für Unternehmen vor, das Maßstäbe für die Unternehmenssoftware  setzen sollte: SAP R/3. Charakteristisch ist die spezielle Client-Server-Architektur, bestehend aus Datenbankserver, Applikationsserver und Präsentationsschicht. Die Software ist entsprechend der typischen Organisationsstruktur einer Firma aufgebaut. So gibt es Module für Finanzen (FI), Controlling (CO), Materialwirtschaft (MM), Vertrieb (SD), Produktion (PP), Personal (HR). SAP R/3 bildete die typischen Geschäftsabläufe ab, wie sie in einem Unternehmen täglich vorkommen. Nutzer können über eine einheitliche Bedienoberfläche auf ihre Daten zugreifen. War der Vorgänger R/2 noch speziell für Großrechner konzipiert, lässt sich R/3 auf unterschiedliche Rechner verteilen.

Die Einführung von R/3 gilt jedoch als relativ teuer und aufwendig, weil die Software individuell konfiguriert werden muss. So entscheiden sich hauptsächlich Großunternehmen für R/3, wie zum Beispiel Deutsche Telekom, Coca Cola, Deutsche Post AG, Microsoft, Daimler-Benz oder General Motors. Die Aufträge von den Großkunden zeigen Wirkung: 1997 macht SAP über 6 Milliarden DM Umsatz und verfügt über 13.000 Mitarbeiter.

Bereits 1993 knüpft SAP eine Partnerschaft mit Microsoft mit dem Ziel, R/3 auch für Windows NT tauglich zu machen. Mit dem gemeinsamen Produkt „Duet“ im Jahre 2006 wird die Beziehung der beiden Softwareriesen nochmals untermauert.

Von R/3 zu ERP bis Business Suite 7

Unter dem Namen SAP R/3 wird die ERP-Software bis 2003 geführt. Danach heißt sie mySAP ERP. Heute gibt es die Applikation SAP ERP 6.0, die auch Bestandteil der SAP Business Suite 7 ist. SAP ERP 6.0 baut auf SAP NetWeaver auf. Die NetWeaver-Technologie wird 2003 als flexible Unternehmensanwendung präsentiert, in die über offene Schnittstellen auch Systeme eingebunden werden können, die nicht von SAP stammen.

Die Business Suite 7 ist seit Mai 2009 offiziell erhältlich. Neben der Anwendung für ERP besteht sie aus den Applikationen fürs Kundenbeziehungsmanagement (CRM), Supply Chain Management (SCM), Supplier Relationship Management (SRM), Product Lifecycle Management (PLM) sowie speziellen Branchenlösungen. Die Business Suite 7 ist für Großunternehmen konzipiert, die ihre IT-Kosten senken und Geschäftsprozesse optimieren wollen.
Mit dem Kauf der französischen Firma Business Objects im Jahr 2008 legt SAP seinen Fokus auch auf Enterprise Performance Management und Business Intelligence.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ein Segeltuch zum Abschied: Die Gründerväter steigen aus

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Der Industriepark in Walldorf 1998. (Foto: SAP AG)

SAP entdeckt Internet und Mittelstand

Das Internet erobert die Welt. 1996 können über offene Schnittstellen Internetanwendungen auch mit R/3 gekoppelt werden. Elf Jahre später, 2007,  präsentiert SAP mit Business ByDesign erstmals eine Software, die nur über den Internetbrowser bedient wird und dessen Module man sich je nach Bedarf hinzumieten kann. Vorstandssprecher Henning Kagermann spricht von der „wichtigsten Ankündigung, die ich je in meiner Karriere gemacht habe.“

Business ByDesign ist eine Software, die speziell für den Mittelstand konzipiert ist. SAP kann seine Marktposition im Mittelstand weiter ausbauen: Mit Business One und Business All-in-One bietet das Softwareunternehmen vorkonfigurierte Programme für kleinere Unternehmen, die die wichtigsten Geschäftsabläufe abdecken.

Segeltuch zum Abschied: Die Gründerväter steigen aus

Als 1998 SAP an die New Yorker Börse NYSE geht, scheiden die beiden Gründungsväter Dietmar Hopp und Klaus Tschira aus dem Vorstand aus und wechseln in den Aufsichtsrat, dessen Vorsitz Hopp übernimmt. Vorstandssprecher werden Hasso Plattner und Henning Kagermann.

Platter kündigt 1999 eine Neuausrichtung des Unternehmens an: SAP soll noch kundenfreundlicher werden, was mit Begriffen wie mySAP.com und EnjoySAP untermauert wird. Im Jahr 2000 wird SAP der weltweit führende Anbieter von Unternehmessoftwarelsöungen. Fünf Jahre später verzeichnet das Unternehmen 8,5 Milliarden Euro Umsatz.

Als 2001 die israelische Firma TopTier übernommen wird, tritt dessen Gründer Shai Agassi ein Jahr später in den SAP-Vorstand ein. Auch Léo Apotheker wird 2002 Vorstandsmitglied. 2003 zieht sich Hasso Plattner, der letzte SAP-Gründer, aus den Vorstand zurück. Zum Abschied erhält der leidenschaftliche Segler ein ganz besonderes Geschenk: Ein Segeltuch mit den Unterschriften von allen SAP-Mitarbeitern.

Als 2007 Shai Agassi aus dem Vorstand austritt, wird Léo Apotheker stellvertretender SAP-Vorstandssprecher. Der Ausstieg Agassis zieht einige Umstrukturierungen und Änderungen mit sich: Das SAP Executive Council wird gegründet, das aus Corporate Officers besteht, die direkt an den Vorstand berichten und für die Markt- und Produktstrategie von SAP zuständig sind. 2008 werden Léo Apotheker und Henning Kagermann Vorstandssprecher. Erwin Gunst, Bill McDemot und Jim Hagemann Snabe kommen neu in den Vorstand hinzu.

2009 – im Jahr der Finanzkrise, die auch an SAP mit Umsatzeinbrüchen und Mitarbeiterentlassungen nicht spurlos vorbeigegangen ist, wird Léo Apotheker zum alleinigen Vorstandssprecher ernannt. Neun Monate später folgt sein Rücktritt als bekannt wird, dass sein Vertrag nicht verlängert wird. Auch John Schwarz, der im Zuge des Kaufs von Business Objects in den Vorstand kam, verlässt 2010 den Vorstand und das Unternehmen. Erwin Gunst scheidet krankheitsbedingt aus. Gerhard Oswald wird COO. Währenddessen meldet sich Hasso Platter als Kapitän der SAP zurück. Auf Wunsch des Aufsichtsrates  wird er weiterhin eine starke Rolle in seinem Unternehmen spielen.

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