„Regulierungsbehörden sollten zur Internet-Entwicklung beitragen“

Feature | 13. September 2006 von admin 0

Dr. Nii Quaynor

Dr. Nii Quaynor

Herr Quaynor, warum passiert gerade jetzt so viel in der afrikanischen Internet-Community?

Quaynor: Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass sich die Technik-Community in Afrika etabliert hat. Dies zeigt sich daran, dass die Teilnehmerzahlen der AfNOG-Veranstaltungen steigen und Teile der Veranstaltungen von sehr unterschiedlichen Menschen besucht werden. Wir stellen außerdem fest, dass das Interesse an der Ausweitung der Kapazitäten und an der Infrastruktur für Informations- und Kommunikationstechnologie in Afrika steigt. Ferner werden Vorschläge bezüglich Partnerschaften zwischen öffentlichen und privaten Organisationen, wie die Initiative zur Vernetzung Afrikas mit der EU, sehr positiv aufgenommen. Generell nimmt das technische Fachwissen im Bereich Netzwerkverwaltung zu, und das Vertrauen in die afrikanischen Netzwerke steigt. Ich freue mich sagen zu können, dass dies ein gutes Zeichen für Afrika ist, denn dieser Kontinent ist, was Investitionen in die Internet-Branche betrifft, ein ganz neuer Markt.

Wie viel Prozent der afrikanischen Bevölkerung haben Ihrer Einschätzung nach Zugang zum Internet?

Quaynor: Es ist schwierig, eine zuverlässige Schätzung abzugeben. Man nimmt an, dass durchschnittlich nur drei Prozent der afrikanischen Bevölkerung das Internet nutzen. Diese Zahl macht deutlich, welches Marktpotenzial sich hier verbirgt. Im Jahre 2000 waren alle Hauptstädte des Kontinents an das Internet angeschlossen. In vielen afrikanischen Staaten steigt die Zahl der Nutzer jährlich um mehr als 1000 Prozent. Diese Entwicklung stellt große Ansprüche an das technische Know-how im Bereich der Netzwerkverwaltung.

Wie hoch sind die Kosten für den Internet-Zugang in Afrika – bezogen auf das Durchschnittseinkommen?

Quaynor: Die Kosten werden im Wesentlichen durch die Bandbreite, den Mangel an technischen Fachkräften und die Ausstattung verursacht. Ein normaler Zugang kann 20 US-Dollar pro Monat kosten. Dem steht ein Durchschnittseinkommen von einem US-Dollar pro Tag gegenüber. Dennoch ist genügend Einkommen verfügbar, das in diesen Markt fließen kann, denn die ersten Internet-Nutzer dieses Kontinents stammen aus hohen Einkommensschichten. Außerdem gehen viele Nutzer über universelle Zugänge, wie Internet-Cafés und öffentliche Internet-Terminals, ins Internet.

Welche Rolle spielt die AfNOG innerhalb der afrikanischen Internet-Organisationen?

Quaynor: Die AfNOG ist das übergeordnete Forum für Internet-Provider, in dem technisches Wissen ausgetauscht wird. Sie kooperiert mit allen bestehenden Organisationen und ist oft Gründer und Betreuer anderer Initiativen. So wurde die AfNOG zur Plattform für die Gründung von AfriNIC, der regionalen Organisation Afrikas für die Verwaltung und Zuteilung von Internet-Ressourcen. Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis die AfriNIC gegründet und die globale Community davon überzeugt werden konnte, dass Afrika für das Internet bereit ist. Der AfriNIC sind dieselben Betreiber angeschlossen wie der AfNOG. Der Erfolg der AfriNIC seit ihrem Start vor 18 Monaten zeigt, dass die afrikanische Gesellschaft technisch, politisch, aber auch wirtschaftlich reif für das Internet ist. Die AfNOG und die AfriNIC haben ein Memorandum unterzeichnet, in dem sie eine Kooperation und die gemeinsame Ausrichtung ihrer Jahrestagungen vereinbaren.

Der Organisation zur Verwaltung afrikanischer Länderdomänen AfTLD sind ähnliche Betreiber angeschlossen wie der AfNOG. In der Vergangenheit hat die afrikanische Internet-Organisation der Provider AfrISPA über die AfNOG Informationen zu ihren Internet-Knoten bereitgestellt. Zurzeit wirbt die AfNOG für die afrikanische ICANN-Lobby AFRALO (African Regional At-Large Organization) und kooperiert mit der afrikanischen Internet-Gesellschaft ISOC INET. Diese Zusammenarbeit wird dadurch vereinfacht, dass die AfrISPA und die ISOC INET ihre Jahrestagungen während der AfNOG-Veranstaltung abhalten. Ferner wurde während der letzten AfNOG-Tagung in Nairobi das afrikanische Forschungs- und Bildungsnetzwerk AfREN ins Leben gerufen. Die AfriNIC, die AfNOG und die Vereinigung afrikanischer Universitäten haben vereinbart, gemeinsam die Universitätsnetzwerke der nächsten Generation in Afrika zu fördern.

Wird die AfNOG auch mit der von der Bill-Gates-Stiftung geförderten Entwicklungsinitiative NEPAD kooperieren?

Quaynor: Sowohl die AfriNIC als auch die AfNOG wurden früher von der E-Africa Commission der NEPAD unterstützt. Ich selbst war im Ausschuss für Internet und Software der E-Africa Commission vertreten. Die Unterstützung durch die Bill-Gates-Stiftung ist sehr wichtig, da enorme finanzielle Mittel benötigt werden.

Welche Ziele hat die AfNOG mit nationalen Organisationen wie dem kenianischen Bildungs- und Forschungsnetzwerk KENET gemeinsam?

Quaynor: Die KENET war Gastgeber der diesjährigen AfNOG-Tagung in Nairobi. Die AfNOG hat mit Organisationen wie der KENET viele Ziele gemeinsam. So unterstützt die AfNOG zum Beispiel die Entwicklung des bereits erwähnten Forschungs- und Bildungsnetzwerks AfREN. Die KENET war an der Gründung dieser Organisation beteiligt. Die AfNOG und die AfriNIC haben vereinbart, die Entwicklung ähnlicher Forschungs- und Bildungsnetzwerke zu unterstützen.

Welche spezifischen afrikanischen Interessen sind in internationalen Internet-Ausschüssen wie der ICANN nur unzureichend vertreten?

Quaynor: Die afrikanischen Interessen in der ICANN unterscheiden sich nicht von den Interessen anderer Regionen, außer dass in Afrika die Zahl der technischen Experten, die Infrastruktur und die finanziellen Mittel stark eingeschränkt sind. Das ist der Grund, warum es afrikanische Unternehmen nicht geschafft haben, Aufträge von der ICANN zu erhalten – obwohl sie in diversen Bereichen vertreten sind.

Was kann die AfNOG tun, um diese Interessen mehr in den Mittelpunkt zu rücken?

Quaynor: Die AfNOG wird weiterhin die technischen Fähigkeiten der Internet-Profis auf dem Kontinent stärken. Außerdem ist die AfNOG gerade dabei, eine Einigung über den Betrieb der geförderten Registrierung von Domänennamen mit der Endung „Africa“ zu erzielen.

Wie sieht es in Afrika mit Zensur im Internet aus?

Quaynor: Bisher stellt die Zensur kein großes Problem dar und ich hoffe, das bleibt auch so. Eine effektive Zensur setzt technisches Fachwissen voraus, aber genau das fehlt noch in Afrika. Es wäre daher besser, die notwendigen Ressourcen in die Entwicklung der Kommunikation zu stecken.

Bei der jüngsten AfNOG-Tagung sprach sich Bitange Ndemo, der kenianische Staatssekretär des Ministeriums für Information und Kommunikation, für einen liberalen Umgang mit dem Internet aus. Wie sehen das die anderen afrikanischen Staaten?

Quaynor: Ein liberaler Umgang muss sich zwangsläufig ergeben, deshalb werden alle afrikanischen Regierungen mit der Zeit eine liberalere Haltung dem Internet gegenüber einnehmen. Die starre amtliche Haltung ist das größte Hindernis auf dem Weg zur Liberalisierung, denn die meisten Regulierungsbehörden haben ihre Vorgehensweisen noch nicht aufeinander abgestimmt. Oft dauert es sehr lange, bis politische Positionen umgesetzt werden – und das hat Folgen für die Entwicklung des Internets in Afrika. Nichtsdestoweniger glauben wir, dass das AfNOG-Umfeld auf Politiker eine Anziehungskraft ausübt. Die Beteiligung von Politikern und Regulierungsbehörden an der AfNOG könnte dafür sorgen, dass die Politik liberaler über das Internet denkt. Viele Gesetze und Vorschriften berücksichtigen die Anforderungen des Internets nicht ausreichend, doch durch eine Verständigung könnten einige dieser Gesetze und Vorschriften umgangen werden. Wenn Regulierungsbehörden sich mehr mit der Entwicklung des Internets beschäftigen würden, könnten sie besser verstehen, wie viel Grundlagenarbeit hier noch erforderlich ist.

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