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Retail Innovation Lab: Die IoT-Mission

Feature | 15. Dezember 2016 von Andreas Schmitz 46

Mit dem IoT Store, Design Thinking und einer Quick Implementation fördert das Retail Innovation Lab von SAP IoT-Innovationen für den Handel. Wo liegen aktuell die Hindernisse und welche neuen IoT-Ansätze gibt es?

Oliver Reulmann ist auf IoT-Mission. Auf Messen und Kongressen präsentiert der Strategic Architect für die Branche Retail bei SAP den „IoT Store on Wheels“, eine Einzelhandelsfiliale als Miniaturmodell, mit Sensoren ausgestattet und vernetzt. Bei jeder Bewegung von Waren oder Einkaufswägen fließen Daten in die Cloud. In einer IoT-Plattform (auf Basis der SAP HANA Cloud Platform) werden diese Daten analysiert und neue Erkenntnisse über das Einkaufsverhalten der Kunden gewonnen. „Wir wollen die Händler für die Technologien der Zukunft gewinnen“, sagt Reulmann aus dem Digital Business Service von SAP, „und was ist da besser geeignet, als ein Modell, das man anfassen und dessen Auswertung man direkt selbst machen kann.“

IoT für Retail: Die wichtigsten Hürden

Überzeugungsarbeit ist nötig. „Denn noch gibt es einige Hürden auf dem Weg in die technologische Zukunft des Handels“, sind Michael Osthof und Hendrik Hilger überzeugt, die Leiter des Retail Innovation Labs von SAP in Sankt Ingbert.

1. Inselbetrachtung: Die Ansätze bei einzelnen Handelsunternehmen sind oft isolierte Engagements beispielsweise mit kleinen Startups, die sich einzelne Aspekte des Verkaufsprozesses vornehmen. „Was hilft es einem Unternehmen, Besucherströme zu analysieren, wenn diese nicht mit den aktuellen Umsätzen synchronisiert werden?“, fragt  der gelernte Wirtschaftsinformatiker Hilger, „der geschäftliche Kontext bleibt noch zu oft auf der Strecke oder kommt erst verspätet hinzu.“

2. Zu viele Technologien: „Es gibt viele Technologien, die IoT-Szenarien unterstützen, aber nicht die eine, die alles kann“, sagt SAP-Experte Osthof. So gibt es beispielsweise für die Erfassung von Besucherströmen in der Filialen die Möglichkeit, die WIFI-fähigen Geräte der Kunden anonymisiert mit zu verfolgen, Videoaufnahmen zu analysieren oder Bluetooth einzusetzen. Alle Technologien haben ihre Vor- und Nachteile. Über die SAP HANA Cloud Platform lassen sie sich gemeinsam analysieren. Weiterer wichtiger Aspekt: Diese konsolidierten Erkenntnisse lassen sich zusammen mit Zahlen aus dem ERP, der Warenwirtschaft, der Logistik, dem Finanzwesen betrachten. „Wir verbinden die Ist-Welt der Dinge mit dem Business-Kontext“, so Osthof.

3. Datenschutz ernst nehmen: Bei einem Pilotprojekt in einem neuen Einkaufszentrum werden die Laufwege der Besucher über eine Videokamera in einer Heatmap dargestellt – eine  anonymisierte Analyse, die letztlich wieder dem Kunden zugute kommen soll. Natürlich sind bei solchen Analysen datenschutzrechtliche Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, die sich in unterschiedlichen Ländern stark unterscheiden. „Es ist wichtig, von vornherein offen damit umzugehen, was mit Daten gemacht wird und welchen Mehrwert sie liefern“, sagt Reulmann. Es gibt zum Teil auch eine starke Diskrepanz zwischen dem, was erlaubt und dem, was gesellschaftlich akzeptiert ist. Ein Hackathon mit 25 Studentinnen aus dem Rhein-Main-Gebiet brachte kürzlich die Idee auf, dass sich Kunden in einem Smart Fitting Room in ihrem neuen Outfit fotografieren konnten, das danach im Schaufenster des Geschäfts gezeigt wurde. „Als „Werbeikone“ zu fungieren, machte den Kunden offenbar nichts aus“, sagt Osthof.

4. Konkurrierende Projekte: Das Thema Omnichannel, also die konsolidierte Sicht auf alle Einkaufskanäle vom Online-Shop über den mobilen bis hin zum stationären Einkauf, steht aktuell noch bei vielen Unternehmen ganz oben auf der Agenda. „Deshalb fehlt aktuell noch oft die Motivation, das noch neue Thema IoT anzugehen“, berichtet Osthof.

„Quick-start Implementation“ nimmt Kunden die Angst vor teurem IoT-Großprojekt

Dabei ist der Einstieg oft nicht so kompliziert, wie von vielen gedacht. „Schon nach acht bis zehn Wochen lassen sich mit einer Quick-start Implementation erste Erfolge des Einsatzes von IoT-Projekten sehen“, so zeigt die Erfahrung von Hendrik Hilger, einem der Spezialisten*, die an neuen technologischen Ansätzen für den Handel tüfteln. Über Design Thinking die Anforderungen des Kunden spezifizieren, einen Prototyp bauen, überlegen, wie sich die IT-Infrastruktur einbinden lässt und agil die Version 1.0 der IoT-Anwendung auf Basis der SAP HANA Cloud Platform entwickeln: „Ein Einstiegsprojekt ist überschaubar lang und erfordert keine langen Planungszeiträume“, sagt Hilger, der nicht zuletzt aufgrund der bereits vorkonfigurierten IoT-Plattform eine gute Möglichkeit sieht, schnell user-zentrierte Ansätze umsetzen zu können.

Drei spannende Cases für IoT im Handel

Ein großer Modekonzern ist ähnlich vorgegangen:

1. Lebenszyklus Kleidungsstück: Schon nach 10 Wochen startete ein internationaler Modekonzern mit einem so genannten Innovations-Stream für die SAP HANA Cloud Platform. „Die Anbindung an die Warenwirtschaft war zu dem Zeitpunkt noch gar nicht nötig“, beschreibt Osthof den Vorteil des Ansatzes. Die Initiative bestand darin, Kleidungsstücke mit RFID-Chips auszustatten und über den gesamten Lebenszyklus hinweg zu verfolgen – von der Herstellung in Fernost über die Lagerung, die Lieferung ins Handlager bis in die Filiale. Selbst „Mikrobewegungen“ innerhalb der Filiale vom Regal in die Umkleidekabine geben Aufschluss darüber, welche Kleidungsstücke etwa fast immer nach dem Anprobieren doch nicht gekauft wurden. Ein weiterer Vorteil liegt in der Transparenz gegenüber dem Kunden: „Der Kunde muss selbst nachschauen können, in welchem Werk seine Hose genäht worden ist“, erläutert Osthof.

2. Machine Learning am Pfandautomaten: Ein Lebensmittelhändler setzt seit kurzem Algorithmen ein, um Füllstände eines Pfandautomaten vorauszuberechnen. Die Maschine merkt sich, wann Kunden kommen, korreliert dieses Wissen mit dem Füllstand der Maschine und sagt treffsicher vorher, wann der Eingriff durch Menschenhand nötig ist. Das System nimmt wahr, wenn der Automat an bestimmten Wochentagen oder zu bestimmten Uhrzeiten immer wieder besonders gefordert ist, während zu anderen Zeiten kaum Kunden ihr Leergut abgeben. Erst wenn voraussichtlich sehr bald der Automat gefüllt sein wird, bekommt ein Mitarbeiter in der Filiale die Information, den Pfandautomaten zu leeren. Ändert sich das Verhalten der Kunden, passt sich das System automatisch an – es lernt dazu.

3. Biometrische Werbung: In ersten Vorbereitungen befindet sich ein neuartiger Ansatz, um Werbung im Laden zu personalisieren. Die Idee: „Kommen junge Menschen in den Laden, zeigt ein Display ein paar Meter weiter automatisch Werbung für Teenager“, erläutert der Leiter des Retail Innovation Labs Osthof. Eine Videokamera – so die Vision – schließt auf Alter und Typ des Konsumenten und der passende Werbespot wird gezeigt. „Hier ist noch Feinschliff nötig“, gibt Hilger jedoch zu – auch in Anbetracht der Tatsache, dass kürzlich eine Tierhandelskette auf die Lösung aufmerksam wurde. Kommt also ein Golden Retriever mit seinem Herrchen zur Tür herein, muss die Kamera in der Lage sein, den Hund genauso zu erkennen wie einen Zwergpudel oder einen Rauhaardackel – und punktgenau das richtige Futter auf dem Werbedisplay anzeigen.

*Anne Kessler, Sascha Magold, Alexander Rau, Oliver Grob sind neben Oliver Reulmann, Hendrik Hilger und Michael Osthof die „Kreativen“ hinter den neuen Lösungsansätzen.

Weitere Informationen

SAP ist auch auf der EuroShop 2017 vertreten, die vom 5. bis 9. März 2017 in Düsseldorf stattfindet.

Spannende Details über IoT im Bereich Retail erfahren Sie auch in der folgenden Präsentation.

Top-Foto via Shutterstock

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