RFID verändert den Handel

Feature | 16. Februar 2004 von admin 0

Dr. Gerd Wolfram

Dr. Gerd Wolfram

Was kann der Einzelhandel von RFID erwarten?

Wolfram: Die Anwendung innovativer Technologien gehört zu den Megatrends, welche in Zukunft den Wettbewerb im Handel entscheiden. RFID ist eine Technik, die das Lesen spezieller Etiketten per Funksignal schnell und berührungslos über kurze Entfernungen bis zu einem Meter ermöglicht. Da mehr Informationen als im herkömmlichen Barcode auf ein RFID-Etikett passen, sind Warenströme lückenlos zu kontrollieren und Produktinformationen wie Preis, Hersteller, Mindesthaltbarkeitsdatum und Gewicht eines Produkts auszutauschen. Wir sehen Vorteile für Lagerhaltung, Qualitätssicherung und das Management der Warengruppen. Wir sehen, was abverkauft, was entnommen, was eingeräumt oder auch falsch platziert wurde. Out-of-stocks, also Leerstände in den Regalen, wollen wir damit vermeiden. RFID verspricht unter anderem bessere Diebstahlsicherung und Garantieabwicklung bis hin zum Plagiatschutz.

Das klingt wie ein Schlaraffenland. Wie wollen Sie das erreichen?

Wolfram:Wir gehen schrittweise vor. Bislang testen wir RFID im Rahmen unserer Future Store Initiative in Teilbereichen der Prozesskette. Im Lagermanagement automatisieren wir damit beispielsweise die Wareneingangskontrolle. Warenlieferungen an den Future Store erhalten im Zentrallager RFID-Etiketten, so genannte Tags, die sowohl bei Ankunft im Markt als auch beim Transport vom Lager des Markts in den Verkaufsraum erfasst werden. Eine Herausforderung ist es im Moment noch, die Tags an den Produkteinheiten, die ins Regal kommen, anzubringen. Dazu müssten sie preisgünstiger werden. Joghurtbecher für 30 Cent kann ich nicht mit einem RFID-Chip für 40 Cent versehen. Hier müssen wir auf einen Kostenfaktor von etwa ein bis fünf Cent kommen.

Bereiten die unterschiedlichen Größen der Waren nicht auch Probleme?

Wolfram: Es ist schwierig, RFID-Etiketten an kleinen Produkten wie zum Beispiel Lippenstiften oder Kosmetika anzubringen. Ferner arbeiten sie unter bestimmten Rahmenbedingungen nicht fehlerlos. Gerade im metallischen Umfeld treten Probleme auf, RFID-Chips ohne Störungen durch Interferenzen auszulesen. An den Technologien wird weiter geforscht. Wir rechnen mit verschiedenen Arten und Formen von Transponder-Etiketten bis hin zu Reiskorn großen Chips, die sich künftig in verschiedene Umgebungen – zum Beispiel direkt in das Glas einer Flasche – integrieren lassen.

Standardisierungsgremien haben sich in Zusammenhang mit RFID auf einen Electronic Product Code – EPC – zur Produktkennzeichnung verständigt, der eine Länge von 96 Bits hat. Werden damit nicht kaum zu beherrschende Datenwüsten erzeugt?

Wolfram: In der Tat könnte man mit einer solchen Bitlänge theoretisch jedes Wasserstoffmolekül der Erde klassifizieren. Würde bei jedem Lesevorgang in der Supply Chain das gesamte 96-Bit-Feld ausgelesen, hätten wir Datenmassen, die umfangreicher als das sind, was wir heute in den Data Warehouses vorhalten. Wir müssen deshalb Regeln aufstellen, wie unsere Prozesse abzulaufen haben. Verfügen wir über diese prozess-bedingten Regeln, so brauchen wir nur Daten zu Ausnahmemeldungen heraus filtern wie beispielsweise “Warenregal leer” oder “Lieferung zu spät unterwegs”.

Verfügen Sie über Softwarelösungen für RFID-gestützte Geschäftsprozesse?

Wolfram:Eine Herausforderung besteht darin, RFID- oder EPC-Daten mit den operativen ERP-Systemen, SCM und Warenwirtschaft in Echtzeit zu verknüpfen. Wir arbeiten dazu aktiv mit SAP zusammen. Als ein Gründungsmitglied der Future Store Initiative hat SAP vor einigen Wochen eine Standardsoftware für RFID vorgestellt. Das ist wichtig, denn wir brauchen stabile Infrastrukturen für Standardlösungen, nicht für Einzellösungen, damit RFID-Daten in eine breite Palette von Geschäftsanwendungen und –prozessen eingebunden werden können. Mit verbesserter Datentransparenz und Datengenauigkeit wandeln sich Supply Chains zu adaptiven Lieferketten, so dass wir flexibler auf Marktveränderungen reagieren können.

Wie läuft der Prozess der Standardisierung?

Wolfram: Die Metro Group hat allein schon über tausend Lieferanten, mit denen sie Waren und Informationen austauscht. Der Handel hat kein Interesse daran, dass ein Lieferant im Austausch mit Metro andere Supply-Chain-Verfahren benötigt als mit Wal Mart oder Rewe. Deswegen arbeiten sowohl Retailer als auch Konsumgüterhersteller an RFID-Standards. Das hat vor vier Jahren mit dem Auto-ID Center am MIT in Boston angefangen und läuft jetzt als internationale Initiative EPC Global mit Beteiligung der beiden großen Standardorganisationen EAN und UCC. Und dort arbeiten wir als Board Member und in verschiedenen Arbeitsgruppen aktiv mit. Gemeinsam mit unseren Lieferanten wollen wir auch die Zusammenarbeit mit deutschen Standardisierungsorganisationen wie der CCG verstärken.

Bisher verlief der Entwicklungsprozess von Standards in Handel und Konsumgüterindustrie umgekehrt: Erst mussten sich konkurrierende Lösungen bewähren; dann wurden Branchenstandards gesetzt. Muten Sie sich nicht zu viel zu?

Wolfram: In der Vergangenheit sind Technologien in den Handel geschwemmt worden, die nicht selten schon in der Erprobung versagten. Heute laden wir deshalb Hersteller ein, in einem konkreten realen Testfeld nach den Anforderungen aus der Praxis Technologien zu testen. Wir sind zuversichtlich, dass das der richtige Weg ist, weil wir nur so Lösungen bekommen, die auch sinnvoll einsetzbar sind.

Was haben Sie sich für 2004 vorgenommen?

Wolfram: Wir werden in mehreren Stufen ab November 2004 gemeinsam mit rund einhundert Metro-Lieferanten sämtliche Paletten und Transportverpackungen in den jeweiligen Produktionsbetrieben für zehn Zentrallager der METRO Group mit RFID-Etiketten ausstatten. Hundert Märkte der Vertriebslinien Real und Extra, 122 Galeria Kaufhof Warenhäuser sowie 59 Metro Cash & Carry-Märkte in Deutschland erhalten dann RFID-etikettierte Lieferungen aus diesen Lagern. Um eine reibungslose Umsetzung sicher zu stellen, richten wir für die beteiligten Handelspartner ein Testlabor ein. Dort wird die Funktionalität der RFID-Technologie, beispielsweise das Einlesen der Tags, im Vorfeld erprobt. Wir müssen viel Überzeugungsarbeit und viel Training gerade für die klein- und mittelständischen Unternehmen leisten, die einfache Lösungen benötigen.

Und wann rechnen Sie mit RFID auf der Produktebene?

Wolfram: Wir gehen davon aus, dass in den nächsten drei bis fünf Jahren RFID zunächst nur auf logistischen Einheiten, auf Gebinden oder Paletten, eine Rolle spielen wird. Die Umsetzung auf Produktebene wird aus heutiger Sicht nicht vor zehn bis 15 Jahren erfolgen. Aber in der Zwischenzeit haben sicherlich schon hochpreisige Produkte wie beispielsweise DVDs, Schmuck oder Handys RFID-Etiketten.

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