Rücken frei für die internationale Expansion

Feature | 29. Mai 2006 von admin 0

Aktienbesitzer schwärmen schon geraume Zeit von Andritz: Die kontinuierliche Kurssteigerung der Wertpapiere spiegelt den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg des Technologieanbieters mit Sitz im österreichischen Graz. 1852 als Gießerei und Maschinenfabrik von Josef Körösi gegründet, ist Andritz spätestens mit seinen umfassenden Firmenaufkäufen und dem Börsengang 2001 zum global agierenden Konzern geworden. Das Unternehmen hat rund 6.000 Mitarbeiter und verfügt über 30 Produktionsstätten und Serviceniederlassungen sowie über 100 Tochtergesellschaften und Vertriebsbüros weltweit – etwa in Österreich, Deutschland, Finnland, Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, den USA, Kanada und China. In den letzten Jahren gingen mehrere internationale Großaufträge im dreistelligen Millionenbereich ein. Dies stellte eine große Herausforderung für die IT-gestützte Auftragsbearbeitung und die Produktionsstätten in Österreich, Finnland und den USA dar, denn die zahlreichen, heterogenen Altsysteme der Gruppe waren den immer komplexeren Aufgaben immer weniger gewachsen.

SAP nach Maß

Ein globales Enterprise-Resource-Planning-(ERP-)System wurde notwendig, besonders auch um die Zusammenarbeit der Töchter in Finnland, China und Nordamerika zu verbessern. Ziel der Andritz-Gruppe war, die Geschäftsprozesse weltweit elektronisch zu vernetzen und die kontinuierlich steigenden Ansprüche auch künftig erfüllen zu können. Die neue Lösung sollte außerdem alle Anforderungen der einzelnen Ländergesellschaften abdecken.
Bislang arbeitete die Zentrale in Österreich mit einem selbst entwickelten, aber nach rund 20 Jahren veralteten “Integrierten EDV-System” (INES), die finnische Andritz Oy dagegen nutzte gleich mehrere verschiedene Lösungen. Hier wurde eine gänzlich neue Software für Logistik, Finanzwesen und Rechnungslegung sowie für das Projekt-Controlling notwendig. Insgesamt liefen die Andritz-Prozesse weltweit auf sechzehn unterschiedlichen ERP-Systemen. “Da war klar, dass wir eine global einheitliche Lösung benötigen, die auch unsere Product-Lifecycle-Management-(PLM)-Drittlösungen integriert”, erinnert sich Dr. Heinz Autischer, Chief Business Process Officer der Andritz-Gruppe. “Die passendste Lösung für uns war SAP R/3 Enterprise mit der Lizenz für mySAP ERP.”
Die neue SAP-Lösung sollte den gesamten Business-Workflow der Andritz-Gruppe abbilden und alle Prozesse über die verschiedenen Standorte hinweg in der neuen ERP-Applikation standardisieren und integrieren, um sie erstmals global zu vernetzen. Dazu musste SAP R/3 Enterprise auf die Bedürfnisse von Andritz zugeschnitten und mit Hilfe des Einführungs-Templates “Andritz Towards SAP” (ASAP) weltweit implementiert werden. Im März 2004 startete die Andritz-Gruppe mit der Umsetzung dieses Projekts. Bis 2010 wird mySAP ERP mit umfassenden Funktionalitäten an 30 Standorten mit insgesamt 3.000 Anwendern eingeführt werden.

Hand in Hand zum Rollout

Von Beginn an unterstützt ein SAP-Partner, das Software-Beratungshaus CNT Management Consulting, in Zusammenarbeit mit dem Schweizer SAP-Systemhaus Information Management Group (IMG) die Andritz-Gruppe. Gemeinsam wurde eine Lösung entwickelt, die die Geschäftsaktivitäten der Gruppe künftig effektiver und flexibler gestaltet.

SAP Tutor

SAP Tutor

Rund 50 Mitarbeiter aus den Unternehmen Andritz, CNT und IMG arbeiten an allen wichtigen Standorten im Projekt “Andritz Towards SAP” an der Entwicklung und Implementierung des ERP-Systems mit. CNT-Berater begleiten die Rollouts des globalen Templates an den einzelnen Niederlassungen. Um die Einführung des Systems zu beschleunigen, stehen den Benutzern lokale Key-User vor Ort zur Seite. Die interaktive Online-Trainingsplattform der SAP, “SAP Tutor”, ergänzt die Einweisung. Sie bietet den Vorteil, dass die Benutzer jederzeit über ein Intranet-Portal einsteigen können, wo ihnen ein virtueller “Wizard” die notwendigen Schritte in SAP am Bildschirm erklärt und so dafür sorgt, dass sie den Überblick behalten.

Erster Meilenstein in Finnland

In einem ersten Schritt band das Projektteam die finnischen Standorte Helsinki, Kotka und Varkaus bis Juni 2005 an mySAP ERP an. Mittlerweile werden alle Projekte mit Hilfe der neuen Lösung abgewickelt – und das sind über 4.000. Während der Rolloutphase und in den ersten Monaten nach dem Go-Live erstellten die Mitarbeiter bereits umfangreiche Datenmengen in SAP, da die Daten aus den Altsystemen erst harmonisiert und klassifiziert werden mussten. Bisher war nämlich jedes Material in den Altsystemen auf unterschiedliche Weise abgebildet worden und musste deshalb in SAP R/3 Enterprise als Materialstamm neu angelegt werden. Da solche Materialstämme zum Teil Konstruktionszeichnungen enthalten, sind sie sehr komplex und müssen sorgfältig gepflegt werden. Mittlerweile wurden weit über 40.000 Materialstämme angelegt, weitere werden laufend ergänzt.
Im Oktober 2005 gingen die Produktionsbereiche im finnischen Savonlinna live. Sämtliche Terminpläne für die Großaufträge sind nun in der SAP-Komponente Project System abgebildet und verbessern die Auftragsabwicklung. Die finnische Belegschaft braucht das starke Werkzeug nur noch optimal im Alltag einzusetzen. Kaj Lindh, Managing Director of Savonlinna Works Oy, hat große Pläne: “Wir möchten das Potenzial von SAP bei den Finanzen und im Controlling nutzen, um so exaktere Berichte als bisher zu erhalten. Nicht zuletzt hoffen wir, dass die Lösung die Produktstandardisierung optimal unterstützt, ein wichtiger Faktor bei der Kostenersparnis.”

Zugriff auf Ressourcen in Echtzeit

Die neue ERP-Lösung ermöglicht es, IT-Ressourcen innerhalb der Gruppe zentral zu nutzen (Global Resource Sharing) und so die Kosten für den Support gering zu halten. So hilft künftig ein Customer Competence Center (CCC), Support-Anfragen zu bündeln und effizient zu bearbeiten. Zudem muss in Zukunft statt mehreren heterogenen nur noch ein einziges System gewartet werden. Mit der Komponente Project System (PS) bietet die Anwendung ein in die logistischen Abläufe und finanziellen Prozesse integriertes Werkzeug für das Projektmanagement. Vorhandene PLM-Drittanwendungen lassen sich problemlos einbinden. Diese maßgeschneiderte Gesamtlösung umfasst außerdem den PLM-Bestandteil SAP Document Management System (SAP DMS) mit zentralem Zugriff auf sämtliche Engineering-Dokumente und technische Dokumentationen ebenso wie die Benutzeroberfläche SAP Easy Document Management System (SAP Easy DMS). Beide Komponenten vereinfachen die tägliche Arbeit bei der Beschaffung, der Serviceabwicklung oder in anderen Bereichen. Im Einkauf, in der Buchhaltung oder im Controlling sind die Abläufe damit weitgehend harmonisiert. Dies trägt nicht nur zur Automatisierung des Geschäftsbetriebs im Konzern bei, sondern verbessert auch die Übersicht über die Finanzen und das Reporting, auch im Hinblick auf weitere Neuakquisitionen. Damit reduzieren sich für das Unternehmen künftig Risiken und Kosten, die Unternehmensstruktur wird anpassungsfähiger.

Vernetzt von Finnland bis China

Autischer zeigt sich mit der Arbeit von CNT zufrieden: “Mit der maßgeschneiderten Lösung für die konzernweiten Geschäftsprozesse sind wir von der IT-Seite her gut für den Wettbewerb positioniert. Wir wollen das System in den nächsten sechs Jahren schrittweise in der gesamten Gruppe implementieren, ohne dabei das normale Tagesgeschäft zu unterbrechen. Gleichzeitig arbeiten wir laufend an der Weiterentwicklung des globalen Templates, um das Feedback aus den Rollouts optimal zu nutzen und die ständig steigende Anforderungen unserer operativen Einheiten abzudecken.” Zur Zeit kümmern sich mehrereTeams um den Rollout an den deutschen Standorten Köln und Bretten. Im Verlauf dieses Jahres sollen außerdem China, die USA und 2007 Dänemark sowie weitere Länder angebunden werden. 2008 ist der Rollout an den österreichischen Standorten geplant – damit schließt sich der Kreis der globalen Vernetzung.

Alexander Fischer

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