Sanfte Landung für Panavia

Feature | 23. Februar 2004 von admin 0

Komfortablere Releasewechsel und die Möglichkeit, technische Verbesserungen mit geringem Aufwand einzupflegen – diese Argumente bewogen die Panavia Aircraft GmbH zum Upgrade auf SAP R/3 Enterprise. Das deutsch-englisch-italienische Konsortium ist der Hauptauftragnehmer für Entwicklung, Produktion und Nutzungsunterstützung des Tornado-Kampfflugzeugs. Anteilseigner sind die Luftfahrtunternehmen EADS (European Aeronautic Defence and Space Company), BAE Systems und Alenia.
Das in Hallbergmoos bei München ansässige Konsortium arbeitet seit 2001 mit der Unternehmenssoftware SAP R/3. Die implementierte Lösung auf Basis von SAP R/3 4.0B lief stabil und deckte mit ihrem Funktionsumfang sowie diversen ABAP-Eigenentwicklungen die fachlichen Anforderungen von Panavia ab. Rund 80 Mitarbeiter bei Panavia sowie 40 Anwender in Partnerunternehmen nutzen das System. Die drei Konsortialunternehmen EADS, BAE Systems und Alenia, intern Panavia-Partnerunternehmen genannt, wickeln damit Aufträge ab, beauftragen Lieferanten und sind an der Rechnungsprüfung beteiligt.

Releasewechsel ohne Nebenwirkungen

Da die Wartung für SAP R/3 4.0B Ende 2003 auslaufen sollte, stand für Panavia ein Releasewechsel an. Die Verantwortlichen hatten erkannt, dass die Architektur von SAP R/3 Enterprise sowohl dem Anwender als auch der Entwicklung handfeste Vorteile bietet: Die Kernfunktionalität ist im SAP R/3 Enterprise Core gekapselt und damit von den branchenspezifischen Erweiterungen und funktionalen Weiterentwicklungen – den SAP R/3 Enterprise Extensions – getrennt. Erweiterungen lassen sich damit ohne die Begleiterscheinungen eines “echten” Releasewechsels in die Anwendung einpflegen. Und bei einem Upgrade des SAP Web Application Servers, des Basissystems, muss Panavia nicht die Geschäftsprozesse in SAP R/3 selbst anpassen, da dieses nicht betroffen ist.
Anfang 2003 fiel die Entscheidung, bis spätestens zum Jahresende 2003 auf SAP R/3 Enterprise umzustellen. Als Partner für dieses Projekt beauftragte Panavia den IT-Dienstleister und SAP-Partner DMC GmbH, der bereits die Migration zu SAP R/3 unterstützt hatte und anschließend die Systemlandschaft betreute.
Die Installation eines Testsystems begann im März 2003. Von April bis September 2003 testete das Projektteam in mehreren Zyklen sämtliche Geschäftsprozesse und passte sie an das neue SAP-Release an. Nach einem abschließenden Go-live-Test erfolgte am Wochenende der Winterzeitumstellung, am 25. und 26. Oktober 2003, der Release-Wechsel für das Produktivsystem.

260 ABAP-Eigenentwicklungen

Die Umstellung war in zweierlei Hinsicht eine Herausforderung: Zum einen war der Unterschied zwischen dem von Panavia eingesetzten SAP-R/3-Release und SAP R/3 Enterprise beträchtlich. Denn mit SAP R/3 4.5 hat SAP die Benutzeroberfläche der ERP-Software wesentlich überarbeitet: So besitzt der Anwender seither gegenüber SAP R/3 4.0 zahlreiche neue Möglichkeiten, die Oberfläche individuell anzupassen, zum Beispiel durch die Wahl individueller Bildschirmvarianten in den Enjoy-Transaktionen oder durch die Verwendung von ABAP-Listviews für Tabellen. Anwender können damit Daten sortieren und filtern, Spalten ein- und ausblenden sowie unter Berücksichtigung der Währung Betragssummen bilden.
Zum anderen waren mit dem Release-Wechsel auch 260 ABAP-Eigenentwicklungen von Panavia umzustellen – hauptsächlich Reports und Schnittstellen zu Fremdsystemen. Da das trinationale Konsortium die Auftrags-, Rechnungs- und Zahlungsflüsse zwischen Kunden in Deutschland, Großbritannien und Italien sowie den drei Industriepartnern kontrolliert, deckt der SAP-R/3-Standard nicht alle Anforderungen ab. So ist beispielsweise bei Sonderhauptbuchbelegen (Anzahlungsanforderungen) lediglich die Buchung im SAP-R/3-Modul Finanzwesen (FI) möglich. Um die Belege vorzuerfassen und aufwandsbezogen zu fakturieren, sind Erweiterungen der Funktionalitäten Materialwirtschaft (MM), Controlling (CO) und Vertrieb (SD) notwendig. Für derartige Fälle hatte Panavia die SAP-Lösung bereits im Einführungsprojekt um unternehmensspezifische Eigenentwicklungen ergänzt. Beim Umstieg auf SAP R/3 Enterprise waren daher besonders die Geschäftsprozesse zu überprüfen, bei denen die Eigenentwicklungen eine Rolle spielen.
Die weitreichenden Unterschiede zwischen den SAP-R/3-Releases 4.0B und SAP R/3 Enterprise machten vor allem bei Programmen und Schnittstellen, die SAP-Transaktionen im Stapelverfahren verbuchen (Call-Transaction, Batch-Input-Technik), Systemanpassungen notwendig, da sich einige Eingabemasken geändert hatten. Zudem musste das Projektteam die internen Abläufe, etwa die Gemeinkostenrechnung, und die externen Schnittstellen überprüfen, um reibungslose Geschäftsprozesse sicherzustellen.

Auf Herz und Nieren geprüft

Das Team erstellte daher umfangreiche Testszenarien mit dem SAP-Werkzeug CATT (Computer Aided Test Tool) und simulierte damit verschiedenste Geschäftsprozesse. Das Spektrum reichte von der Anlage von Projektstrukturdaten über Kundenaufträge, resultierende Lieferantenaufträge bis hin zur Auftragsabwicklung, der Buchung der Rechnungsbelege und zum Datenfluss zwischen SAP und Fremdsystemen.
Wesentlich waren außerdem systematische Tests der SAP-Standardabläufe in den Modulen MM, SD, FI, CO und PS (Projektsystem), um Abweichungen vom Sollzustand, die durch den Releasewechsel entstanden waren, festzustellen und zu analysieren. So führte beispielsweise die im Vergleich zu SAP R/3 4.0 geänderte manuelle Steuerung von Preiskonditionen bei Kundenaufträgen und -rechnungen zunächst zu falschen Preisen.
Das Projektteam dokumentierte dann sämtliche Abweichungen in Fehlerberichten und passte die Lösung entsprechend an. Es folgten weitere Testläufe, bis alles reibungslos lief. Insgesamt spielte das Team 19 verschiedene Testszenarien durch. Das gründliche Vorgehen nahm gut sechs Monate in Anspruch und machte sich in einem reibungslosen Produktivstart bezahlt.
Als besonders umfangreich erwies sich die Migration der aufwandsbezogenen Fakturierung im Vertriebsmodul SD. In SAP R/3 Enterprise ersetzt die “dynamische Faktura” die aus SAP R/3 4.0B bekannte Funktionalität der statischen aufwandsbezogenen Faktura. Die neue Funktionalität beruht auf einem völlig anderen Belegfluss zwischen Aufwandsbuchung und Faktura. Da einige Eigenentwicklungen die Funktionsmodule und User-Exits der statischen aufwandsbezogenen Faktura verwendeten, musste das Projektteam diese Programme komplett neu entwickeln.

Auf allen Ebenen ein Gewinn

SAP R/3 Enterprise ist für Panavia in erster Linie auf Grund der zahlreichen neuen Funktionen im Bereich der Benutzeroberfläche ein Gewinn. Aber auch in punkto Stabilität und Performance hat sich der Release-Wechsel gelohnt.
Von den zusätzlichen Funktionen, die als SAP R/3 Enterprise Extension Sets angeboten werden, interessiert sich Panavia Aircraft vor allem für das flexible Immobilienmanagement. Das Konsortium will damit künftig seine Büro-Immobilie, das Airport Business Center in Hallbergmoos, verwalten.

Dr. Matthias Kulessa

Dr. Matthias Kulessa

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