Physische und digitale Welt verbinden

Feature | 19. September 2007 von admin 0

Ihren vollen Nutzen entfaltet die RFID-Technologie, wenn die physische Welt – repräsentiert durch SmartTags an Produkten aller Art – mit der digitalen Welt der Geschäftsprozesse und den zugrunde liegenden Geschäftsanwendungen verbunden ist.

„Bindeglied zwischen diesen Welten ist die operationale Middleware SAP Auto-ID Infrastructure“, erklärt Tobias Götz, Leiter Business Development RFID Europa bei SAP. „Die Anwendung koppelt virtuelle, auf RFID-Tags gespeicherte Produktinformationen mit realen Waren und bindet diese in Logistik- und Produktionsprozesse ein, die in SAP ERP abgebildet sind.“ Dabei empfängt, verarbeitet und speichert sie elektronische Daten verschiedener Lesegeräte und Tags zeitnah und reicht sie automatisch über SAP NetWeaver Exchange Infrastructure (SAP NetWeaver XI)I an die Backend-Lösungen weiter.
Hierbei unterstützt SAP Auto-ID Infrastructure eine Reihe wichtiger Prozesse. Dazu zählen Wareneingang und Warenausgang sowie die Verfolgung wieder verwendbarer Behälter, so genannter Returnable Transport Items (RTIs).

RFID goes Kanban

Das aktuelle Release von SAP Auto-ID Infrastructure bildet jetzt standardmäßig auch RFID-gestützte Kanban-Prozesse ab. Mit Kanban lässt sich der Material- und Informationsfluss in der Fertigung leicht steuern, denn jeder Prozess „holt“ sich das benötige Material selbst. Es wird hierfür in speziellen Kanban-Behältern bereitgestellt. Gleichzeitig sind auf einer Kanban-Karte, die mit dem -Behälter mitläuft, alle für die Produktion, Lagerung, Einkauf und Transport relevanten Daten, wie Artikelnummern, Angaben über Art und Füllmenge eines Behälters sowie Arbeitsanweisungen und Qualitätsdaten dokumentiert. SAP ERP bildet den Kanban-Prozess im so genannten Kanban-Dashboard ab.
Bislang mussten für die Visualisierung die mit Barcodes auf den Kanban-Karten hinterlegten Informationen jedoch noch manuell eingescannt werden. Erfassungsfehler fanden sich somit unmittelbar auch in der ERP-Software wieder. Das jetzt RFID-gestützte Kanban-Verfahrens der SAP Auto-ID Infrastructure automatisiert diese Abläufe und schafft somit eine direkte Verbindung zwischen der physischen Warenbewegung und deren Abbild in SAP ERP. Die Kanban-Behälter im neuen Prozess sind mit wiederverwendbaren, eindeutig identifzierbaren Tags ausgestattet. Sie tragen bezeichnender Weise den Namen RFID-Kanban-Karten und enthalten wie die Vorgänger aus Papier alle relevanten Informationen. Doch die automatische Auslese der Daten erhöht die Prozesssicherheit und senkt somit die Produktionskosten.

Die richtigen Behälter am Band

Bevor nun ein Mitarbeiter am Band einen vollen Kanban-Behälter erhält, hat dieser ein mit Antennen oder Sensoren ausgestattetes RFID-Gate passiert. Die RFID-Tags auf dem Behälter melden an die Lesegeräte, dass der Behälter voll ist. Diese Information reicht die SAP Auto-ID Infrastructure über SAP NetWeaver XI an SAP ERP weiter. Der Status des Kanban-Behälters während des Produktionsprozesses wird dort mit den Ampelfunktionen grün oder rot angezeigt. Da der Behälter zu Beginn voll ist, steht die Anzeige auf grün.
Hat der Mitarbeiter am Band seinen Produktionsauftrag erfüllt und die im Kanban-Behälter enthaltenen Teile verbaut, kommt der Behälter an einen ebenfalls mit einem RFID-Gate ausgestatteten Sammelpunkt. Dort meldet der Kanban-Behälter an die SAP Auto-ID-Infrastructure, dass er nun leer ist. Auch diese Information fließt sofort in die ERP-Software, wo der Behälter auf „leer“ gesetzt wird und die Anzeige im Kanban-Dashboard von grün auf rot springt. Zugleich löst SAP ERP umgehend einen Lieferabruf beim zuständigen Lieferanten aus. So ist sichergestellt, dass nicht mehr Teile als nötig auf Lager sind und Kanban-Behälter Just-in-Time und korrekt befüllt ans Band kommen. Darüber hinaus sorgt der RFID-gestützte Ablauf dafür, dass jeder Kanban-Behälter an die richtige Fertigungslinie geliefert wird. Das verhindert Verzögerungen oder gar Ausfälle bei der Produktion wegen fehlender oder falsch angelieferter Behälter.

Produkte eindeutig nachverfolgen

Kanban-Prozesse sind nur ein Bereich, der sich mit RFID effizienter gestalten lässt. Mit dem SAP Object Event Repository (OER), hat SAP darüber hinaus die Einsatzmöglichkeiten der Funkchips erheblich erweitert. Produkte und Verpackungseinheiten lassen sich nun mit dem Prozess „Produktidentifizierung und –nachverfolgung“ (Product Tracking and Authentication = PTA) über ihren gesamten Lebenszyklus von der Produktion bis zum Endverbraucher eindeutig nachverfolgen. Er dient beispielsweise in der Pharma-, Automobil- oder Konsumgüterindustrie dazu, die Echtheit von Medikamenten, Originalteilen sowie hochwertigen Konsumgütern nachzuweisen beziehungsweise Fälschungen zu entlarven.

Hierzu werden im SAP Object Event Repository sämtliche auf den RFID-Etiketten gespeicherte Informationen gesammelt und verwaltet, die im Zusammenhang mit der Herstellung, Nachverfolgung und Identifizierung von Produkten anfallen. Vor Ort bei einem Hersteller installiert dient das SAP Object Event Repository als eine Art Hub. In ihr laufen alle Daten aus den lokalen Installationen der SAP Auto-ID Infrastructure beim Hersteller sowie den bei Partnern implementierten RFID-Anwendungen zusammen. Das SAP Object Event Repository liegt gewissermaßen als Schicht „über“ der SAP Auto-ID Infrastructure. Das erlaubt es allen Partnern im Wertschöpfungsnetz – vom Zulieferer über den Hersteller bis zum Großhändler –zentral auf produktrelevante Informationen zuzugreifen. Die Lösung steht auch als als gehosteter Service zur Verfügung, die Partner greifen in diesem Fall per Web-Logon auf die Daten zu.

Der Matrjoschka-Effekt

Ein denkbares PTA-Anwendungsszenario ist die Verpackungspraxis in der Pharmaindustrie. Dort stattet der Hersteller nach der Produktion Medikamentenschachteln, die jeweils zwanzig Tabletten eines schmerzstillenden Mittels enthalten, mit einem eindeutig identifizierbaren Nummernkreis, dem elektronischen Produktcode (EPC) aus. Hinzu kommen 2D-Barcodes oder RFID-Tags, die wichtige Informationen zur Produkthistorie wie Herstellungsdatum, Chargen- und Artikelnummern, Verpackungshierarchien, aber auch Sensordaten zur Temperaturüberwachung in Kühlketten enthalten. Je 1.000 Schachteln werden zu einer Verpackungseinheit zusammengefasst und auf einer Palette gebündelt. Die Palette ist ebenfalls mit einem EPC-Code und einem RFID-Tag ausgestattet. Die Kombination aus 1.000 Produktcodes und einem Palettencode wird dann über die SAP Auto-ID Infrastructure an das SAP Object Event Repository übergeben. Der entsprechende XML-Datensatz steht nun der gesamten Lieferkette zur Verfügung.
Der mit der Palette belieferte Pharmagroßhändler liefert die Schachteln – umverpackt zu kleineren Gebinden – wiederum an verschiedene Kunden aus. Dabei gehen beispielsweise 100 Schachteln an eine Apotheke in München, 300 nach Stuttgart, 127 nach Hamburg. Diese Informationen fließen ebenfalls in das SAP Object Event Repository. Will nun etwa ein Handelspartner des Pharmaunternehmens wissen, wo sich seine Lieferungen gerade befinden und ob es sich tatsächlich um Originalprodukte handelt, kann er sie über den EPC-Code im SAP Object Event Repository suchen. Die Lösung reicht die abgelegten Informationen an das ERP-Backend des Handelspartners weiter und speichert zudem die Abfrage. Bei Abfragen werden die Daten nicht dupliziert, sondern über eine im SAP Object Event Repository hinterlegte Produkthistorie mit den Business-Objekten in SAP ERP verlinkt. Dadurch sind die identifizierten Produktdaten unmittelbar mit Informationen aus der ERP-Lösung verknüpft. Wird ein gesuchter EPC-Code im SAP Object Event Repository gefunden, zeigt die ERP-Lösung des Handelspartners sofort an, welche Lieferung und welcher Auftrag damit zusammen hängt. Er kann diese Prozesse bei Bedarf dann bearbeiten.

Echtheitsprüfung und Suchservice

Auf die selbe Weise prüft auch der Pharmahersteller, ob der Handelspartner die gelieferten Medikamente zu kleineren Gebinden umverpackt hat und wann er diese wohin geliefert hat. Der Hersteller weiß damit, ob seine Medikamente über die vorgesehenen Vertriebskanäle zum Endverbraucher kommen. Diese Transparenz hilft ihm beispielsweise, gesetzliche Auflagen oder Nachweispflichten zu erfüllen. Zudem lässt sich zuverlässig und unmittelbar beantworten, ob, wann und wo ein Produkt produziert, gelagert, umgelagert und verkauft wurde und ob es sich tatsächlich um das Originalprodukt handelt.
Für Tobias Götz ist das jedoch nur der Anfang, denn „wir entwickeln RFID-Lösungen kontinuierlich weiter und erweitern die Anwendungsszenarien.“ Künftig soll es möglich sein, über SAP Object Event Repository auch Rückrufaktionen zu steuern sowie strategische und taktische Marketingaktivitäten im Rahmen eines Promotion Management durchzuführen. Zudem sei in einer verteilten Landschaft von SAP Object Event Repositories ein Discovery-Service vorstellbar, der ähnlich wie eine Suchmaschine arbeitet. Wird zum Beispiel der EPC-Code einer Medikamentenschachtel in eine Suchmaske eingegeben, zeigt der Service umgehend alle Stellen an, wo dieser jemals aufgetaucht ist. Damit wäre man auf dem Weg zu adaptiven Liefernetzwerken wieder einen Schritt vorangekommen.

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