Schlau am Bau

Feature | 27. Juni 2007 von admin 0

Die Angebotserstellung, frotzelt die Baubranche gelegentlich selbst gerne, ist im Prinzip Spekulation – allerdings auf vier Dezimalstellen genau. Und verlässliche Ressourcenplanung sei nur eine Umschreibung dafür, unter voller Kontrolle sein letztes Hemd zu verlieren. Speziell die Führung mittelständischer Baubetriebe ist daher nichts für schwache Nerven. Chancen und Risiken liegen dicht bei einander. Hohe Profitabilität und der sprichwörtlich gute Ruf locken auf der einen Seite, beides ist jedoch rasch vertan. Risiken sind Verzögerungen bei Bauabschnitten, durch schlechtes Wetter oder Lieferschwierigkeiten, Probleme in der Kommunikation verschiedener Handwerksgruppen oder Sub-Unternehmer sowie Teuerungen bei langen Bauprojekten. Zu 90 Prozent sind Budgetüberschreitungen an die Personalkosten gekoppelt.

Zuverlässigkeit lohnt sich…

Darüber hinaus enthalten die Verträge in der Branche oft Klauseln über Vertragsstrafen oder Sondervergütungen. Ein Beispiel: Das California Department of Transportation hatte einen Teil der Autobahn in Santa Monica ausgeschrieben, der beim Northridge-Erdbeben 1994 zerstört wurde. Für jeden Tag, den sich das Projekt über die 140 angesetzten Tage hinaus verzögern würde, sah der Vertrag eine Strafe von 200.000 US-Dollar vor. Auf der anderen Seite sollte das Bauunternehmen für jeden Tag, den die Strecke früher geöffnet war, 200.000 Dollar Sondervergütung erhalten. In diesem Fall gab es ein Happy-End: Der Abschnitt wurde 68 Tage früher für den Verkehr freigegeben, die Baufirma strich 14,8 Millionen Dollar zusätzlich ein.

John Carpenter, Certified Public Accountant bei Clifton Gunderson, hat sich auf die Beratung von Bauunternehmen spezialisiert: „Die Unternehmen dieser Branche müssen Strategien für ein optimales Business- und Projektmanagement entwickeln, hierbei jedoch flexibel genug sein, auf fast zwangsläufig auftretende Änderungen im Projektplan zu reagieren. Wir raten daher zu solider, integrierter Informationstechnologie.”

… integrierte IT bewahrt den Überblick

Doch hier liegt der Hund begraben. Der Fokus der ERP-Anbieter lag lange auf Kernfunktionalitäten wie Personal- oder Finanzwesen, nicht auf einem variablen Projektmanagement. Auch waren die Lösungen allzu oft nur auf große Firmen ausgelegt. ERP hat sich daher in mittelständischen Bauunternehmen nie richtig durchgesetzt. In Folge arbeiteten die mittelständischen Bauunternehmer mit Best-of-Breed-Anwendungen und eigenentwickelte Zusatzlösungen.
Viele Branchenkenner sind wie Carpenter der Ansicht, dass der Erfolg in einer vollständigen operativen Integration auf Basis modernster Technologie liegt. Denn schließlich setzt jegliche Insellösung in der IT einer durchgängigen Strategie der Unternehmensführung wieder Grenzen. Mangels Kenntnis des vorhandenen branchenspezifischen ERP-Angebots geben mittelständische Bauunternehmen jedoch immer noch enorme Summen aus, um isolierte Anwendungen zu koppeln und Funktionalität selbst zu ergänzen. Eine durchgängige Sicht auf alle Abläufe ist damit aber nicht zu haben. Es gilt beispielsweise, die Angebotshistorie, Profitabilitätsrechnungen, Projektzeitpläne, Änderungsaufträge, Materialbewegungen and Personalkosten, Angebote von Subunternehmern, die Fakturierung und vieles mehr unter einem Dach zu vereinen. Selbst wenn das mit einer Vielzahl von Schnittstellen gelingt: Die Wartung solcher nicht-integrierten Lösungen ist ein Albtraum – und ein beträchtlicher Kostenfaktor obendrein.

„Lean-Management“ gefordert

Neben solch übergeordneten Überlegungen zwingt ein weiterer Trend die Baubranche zum Umdenken. Wie beispielsweise bei Automobil-Herstellern setzen sich auch im Baugewerbe Lean-Management-Prinzipien durch – der Wunsch, besser rasch reagieren zu können, als lange planen zu müssen. Solche Prinzipien helfen vor allem, die Kosten im Griff zu behalten, und machen sich daher speziell bei Unternehmen mit dünnerer Finanzdecke bezahlt. Im Mittelpunkt des Lean-Management stehen verlässliche Workflows.

Wie lässt es sich beispielsweise einrichten, nicht alle Hilfs- und Baumaterialien schon beim Projektstart zu bestellen und trotzdem sicher zu sein, dass sie zur rechten Zeit vor Ort sind? Anders als etwa bei den Automobil-Herstellern ändern sich hierbei jedoch dauernd wichtige Randbedingungen. Im Baugewerbe gibt es keine fest aufgebaute Bandstraße, die jeweils mit denselben Materialien derselben Zulieferer bedient wird. Bauprojekte finden an verschiedenen Orten zu unterschiedlichen Jahreszeiten statt, das Spektrum der Konstruktionen ist breit, die Anzahl der benötigten Mitarbeiter variiert je nach Vorhaben stark, die Materialvielfalt ist enorm.

Hierfür müssen die Bauunternehmen in gewisser Weise das Rad immer wieder neu erfinden. Gordon V.R. Holness von der American Society of Heating and Refrigeration Engineers beispielsweise hat untersucht, wie viele Schritte dazu erforderlich sind, Konstruktionsinformationen bis „auf“ die Baustelle zu bringen. Für sein simples Beispiel – Türbeschläge für ein Krankenhaus – gingen „die Informationen in unterschiedlichen Formaten durch bis zu 25 Hände. Jeder Schritt verursachte Abwicklungs- und Bearbeitungskosten sowie Zeitverzögerungen und brachte mögliche Fehler mit sich.” Lean-Management, so seine Einschätzung, können hier hinsichtlich der Konstruktions- und Bauzeit 30 bis 40 Prozent Einsparungen bringen.

IDC: Handlungsbedarf bei ERP

Marktforscher wie IDC sehen daher in der Baubranche vor allem Handlungsbedarf in Sachen IT. Bereits im November 2005 bekräftigte IDC in einem Whitepaper die Bedeutung der IT, wenn es darum geht, aktuelle Prinzipien wie Lean-Management zu unterstützen. In „ERP Blueprint Enriches Engineering, Construction, and Operations Companies“, betont der Autor Albert Pang: „Bauunternehmen, die sich nicht von ihren eigenentwickelten Infrastrukturen trennen, laufen Gefahr zu scheitern, wenn sie ihre operative Handlungsfähigkeit mit unzulänglichen Lösungen und inkonsistenten Daten und Informationen unterminieren.“

Daher haben ERP-Anbieter wie SAP mittlerweile längst Software in ihrem Portfolio, die auf die Bedürfnisse mittelständischer Bauunternehmen zugeschnittenen ist, etwa die SAP-All-in-One-Partnerlösung CREW von et alia. In dieser Anwendung sind betriebswirtschaftlichen Funktionen wie Finanzwesen oder Personalwirtschaft mit bewährten Abläufen für Projektmanagement, Terminierung, Auftragskostenrechnung, Bestandsführung, Materialwirtschaft, Personaleinsatzplanung oder Vertriebsfunktionen gekoppelt. Diese Integration hilft, Kommunikationsbarrieren mit Handwerkern oder Subunternehmen zu überwinden, und erhält auch bei branchentypischen Störungen wie Wetterumschwung flexible Handlungs- und Planungsmöglichkeiten, mit denen sich Eskalationen und Zusatzkosten vermeiden lassen.

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