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Schöner Shoppen dank IoT

6. Juni 2016 von Carmen Peter 0

Das Internet der Dinge wird unsere Welt voraussichtlich viel grundlegender verändern, als uns das bisher bewusst ist. Das gilt auch für die Einkaufswelt.

Gekonnt bugsiert Michael Osthof die Playmobil-Figur mit dem kleinen Plastikeinkaufswagen durch den Ladeneingang, während sein Kollege Hendrik Hilger von seinem Laptop aus zusieht. Was ausschaut, als würden erwachsene Männer Kaufmannsladen spielen, hat einen ernsten Hintergrund. In dem von den beiden geleiteten SAP Retail Innovation Lab in St. Ingbert, das Teil der Beratung ist, werden in enger Zusammenarbeit mit der P&I-Entwicklung und dem Feld SAP-Lösungen für den Retail-Bereich angepasst und Kunden anschließend möglichst anschaulich nahegebracht.

So hat das Innovation Lab, zum Teil nach Dienstschluss, einen kleinen mit Sensoren ausgestatteten Laden gebaut, der zeigt, welche IoT-Szenarien mit der SAP HANA Cloud Platform (HCP) bereits umsetzbar sind. Retail-Kunden waren sofort begeistert davon, am Modell selbst Hand anlegen zu können, statt wie üblich eine abstrakte PPT-Präsentation über sich ergehen lassen zu müssen. Und so räumte das Team bei einer Fachkonferenz in der Schweiz auf Anhieb einen Preis dafür ab. „Es ist schon etwas Besonderes, wenn Kunden zwei, drei Mal an den Stand zurückkommen und jedes Mal Kollegen mitbringen“, sagt Scrum Master und Design Thinking Coach Sascha Magold begeistert, der das Holzmodell konzipiert und wochenlang in seinem Hobbykeller daran herumgesägt und gelötet hat. „Den Kunden fällt sofort ein, was sie noch für sich realisieren könnten.“

Sobald das Männchen durch den Eingang tritt, sieht man, wie auf der dazugehörigen Fiori-Kachel der Zähler in Echtzeit von drei auf vier wechselt. Unser Playmobil-Freund ist also gerade der vierte Kunde im Laden. Wenn er anschließend ein paar Schritte weiter sein Lieblingsmüsli aus dem Regal hebt, geht eine Nachricht ans System, das die verbleibende Anzahl der Kartons anzeigt. Ist ein bestimmter Wert unterschritten, erhält ein Angestellter eine Nachricht per Smartwatch: Es ist wieder Zeit, das Regal aufzufüllen. Geplant ist auch eine Anbindung an das Backend, wo beispielsweise gleich eine Nachbestellung angestoßen werden kann. Das ganze lässt sich auch live bestaunen auf dem SAP-Handelsforum in Mannheim.

Mehr Service dank IoT

Zusätzlich könnten sogenannte „Heatmaps“ den zurückgelegten Weg des Kunden und seine Verweildauer in bestimmten Bereichen aufzeichnen. So würde man über mehrere Lokationen hinweg sehen, ob Produkte gut platziert sind, oder ob der Kunde lange durch den Laden irren muss, weil etwas schwer zu finden ist. Es wäre technisch sogar möglich, anhand der Bons die Uhrzeit zu ermitteln, zu der beispielsweise Käufer hochpreisiger Artikel den Laden betreten. Daraus ließe sich der jeweils günstigste Zeitpunkt zur Einführung neuer Produkte ableiten. Wenn man auch noch die Menge der in den Einkaufswagen gelegten Teile mitverfolgt, kann ein System bei Bedarf veranlassen, dass eine weitere Kasse geöffnet wird – und zwar bevor ungeduldige Kunden in einer samstäglichen Schlange genervt danach verlangen.

Doch das „Internet of Things“ (IoT) endet nicht am Müsliregal. Bietet ein Laden Kleidung an, können ans System angebundene Spiegel in der Umkleidekabine verschiedene Kombinationen mit anderen Artikeln aus dem Sortiment vorschlagen. Der Kunde bekommt die Varianten also quasi vor den Körper gehalten. Ebenfalls denkbar sind Sensoren an Bügeln oder in Kleidungsstücken, die zurückmelden, wie oft ein Kleidungsstück mit in die Kabine genommen, dann aber doch wieder zurückgelegt wurde. Offenbar stimmen Preis und Optik, aber möglicherweise nicht der Schnitt. So sieht ein Einzelhändler nicht nur wie bisher, welche Teile gekauft werden und welche nicht, sondern kann nachvollziehen, warum ein bestimmter Artikel nicht geht.

Außerdem kann der Händler dank IoT zunehmend alle Kanäle – ob Ladengeschäft, Online-Store oder Katalogversand – zentral steuern und auswerten. Ein klarer Wettbewerbsvorteil. Die Möglichkeiten scheinen endlos, zumal Kunden inzwischen fast alle mobil sind und junge Leute als „Digital Natives” Servicevielfalt durch neue Technologien fast schon voraussetzen. Möglicherweise, so meint Sascha, wird der Kunde von morgen seine Waren sogar per App anfordern, bezahlen und sie dann nur noch im Laden abholen.

Heißes Eisen Datenschutz

Hendrik Hilger räumt bei aller Begeisterung ein, dass der Datenschutz ein schwieriges Thema bleibt. Er geht jedoch davon aus, dass Marken, um glaubwürdig zu bleiben, sich einer gewissen Selbstkontrolle unterwerfen werden. Wer beispielsweise für Nachhaltigkeit stehe, werde keine Gesichtserkennung einsetzen; Öko und „Big Brother“ schlössen sich Henriks Meinung nach aus. Außerdem solle man sich natürlich immer überlegen, welche Daten man preisgebe.

Doch lässt sich das noch steuern, wenn Kunden schon am Eingang erfasst und durch den Laden verfolgt werden? Länder mit laxeren Datenschutzrichtlinien Brasilien experimentieren bereits mit offensiveren Methoden. Erkennt das Handy per GPS, dass der Kunde ein Konkurrenzgeschäft betritt, erhält er eine Nachricht, dass man einen Rabatt auf bestimmte Produkte erhält, wenn man diesen Laden schleunigst wieder verlässt. Schöne neue Einkaufswelt. Doch anstatt solche Aktionen als Eingriff in die Privatsphäre zu empfinden, sollte man diese Entwicklung für sich nutzen, meint Sascha optimistisch. Will man also zum Beispiel einen Rabatt, betritt man einfach bewusst den Laden nebenan.

Gleich, wie man dazu steht. Die Kollegen des Retail Innovations Lab sind sich sicher, dass die SAP mit ihrer zukunftsweisenden Plattform HCP einen wichtigen Vorsprung im IoT-Bereich genießt, den es zu nutzen gelte. Zwar gebe es mittlerweile viele interaktive Systeme; aber riesige Datenmengen aufeinander abstimmen und zentral verwalten, könnten die wenigsten. Daher hofft das Team auch auf mehr Unterstützung für solche Projekte. Denn, und da sind sich alle einig, sie führen den Kunden den Nutzen neuer Technologien, insbesondere den Mehrwert der HCP, durch konkrete Beispiele vor Augen. Außerdem würden sie Mitarbeitern dabei helfen, bisher häufig nur privat genutzte Talente mit Begeisterung einzubringen und die vielzitierten „Silos“ zwischen Abteilungen abzubauen.

Fast meint man, den Playmobil-Kunden, der mit Michaels Hilfe inzwischen den Ausgang erreicht hat, hätte genickt.

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