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Anderes Sehen bei SAP

Feature | 7. Dezember 2016 von Jasminka Webb 15

Das gemeinsame Arbeiten von Menschen mit und ohne Behinderungen wird bei SAP gefördert, wirft aber auch Fragen auf. Zwei blinde SAP-Kollegen, Matthias Kaiser und Alexander Kuban, geben Einblick in ihren Alltag bei SAP.

Erlebnismobil Dunkelheit bei SAP

Erlebnismobil Dunkelheit

Als Matthias Kaiser und Alexander Kuban vor rund zwanzig Jahren bei SAP anfingen, gehörten sie zu den ersten sehbeeinträchtigten Mitarbeitern im Unternehmen. Heute gehören sie zu den „alten Hasen“ und haben miterlebt, wie sich der Umgang mit Menschen mit Behinderung sowohl in der Gesellschaft als auch bei SAP entwickelt hat.

Accessibility – ein weites Feld

„Und plötzlich war da ein Touchscreen“, erinnert sich Dr. Matthias Kaiser, Workstream Lead für Machine Learning, an seinen letzten Umzug in ein neues SAP-Gebäude. Auf der Suche nach dem Knopf für schwarzen Kaffee schäumte unvermittelt ein Latte Macchiato ins tassenleere Nichts. Kaiser hatte versehentlich den Touchscreen der neuen High-Tech-Kaffeemaschine berührt. Als er kurze Zeit später alleine vor dem Konferenztelefon im neuen Meetingraum saß, fragte er sich, wie er die Telefonnummer wählen sollte – waren die bisher gut ertastbaren Knöpfe der Konferenzspinne doch auch hier durch einen Touchscreen ersetzt worden. Kleine Alltagsbeispiele wie diese zeigen, welche großen Auswirkungen die kleinsten Veränderungen haben können, bedenkt man dabei nicht die Konsequenzen für Menschen mit Behinderungen. Der Mann, der vor seiner SAP-Karriere am deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz arbeitete, später bei der SAP in Palo Alto die Bereiche künstliche Intelligenz und Kognitionswissenschaft erforschte und in Stanford lehrte, nimmt es mit Humor: „Es bringt mich ins Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen, wodurch sich oft Synergien ergeben“, so Kaiser. Aus der „vergessenen“ Accessibility hat er für sich eine Tugend gemacht. Er gibt aber auch zu bedenken, dass es nicht die „eine“ allgemeingültige Accessibility (Barrierefreiheit) gebe. Denn sie  bedeute für jeden Menschen etwas anderes und jeder ginge anders mit den daraus entstehenden Situationen um. „Ich selbst möchte den Touchscreen nicht mehr missen“, so Kaiser, erleichtert er ihm doch das Networking, wenn er Kolleginnen und Kollegen um Hilfe am Kaffeeautomaten bittet.

SAP-Mitarbeiterin erhält einen Einblick in den Alltag eines blinden Menschens im Erlebnismobil Dunkelheit

Dass Accessibility gerade im Softwarebereich ein wichtiges Thema ist, wird deutlich, wenn man sich den Alltag der beiden blinden Kollegen betrachtet. Sie arbeiten mit so genannten Screenreadern, die ihnen das Lesen und Bedienen von Bildschirminformationen ermöglichen. Gerade bei der Entwicklung von SAP-Software spielt Barrierefreiheit eine große Rolle. Alexander Kuban, dessen Expertise im Bereich IT Accessibility liegt, verweist darauf, wie wichtig in seinem Bereich fundierte Kenntnisse der Nutzeranforderungen seien. Deshalb sei dies auch ein guter Einsatzbereich für sehbeeinträchtigte Kollegen. Obwohl das Thema Accessibility bereits viel präsenter sei als früher, sieht er hier noch Optimierungspotenzial und spricht sich für eine höhere Priorisierung aus: „Accessibility muss zu den Grundregeln jeder Entwicklungsarbeit gehören“, so Kuban. „Denn eine zuverlässig skalierende Bedienoberfläche ist für alle von Nutzen. Vergrößerbare Schrift, sowie wählbare Schriftarten und Vorder-/Hintergrundfarben können – je nach Arbeitssituation –, durch verbesserte Lesbarkeit, ein Mehrwert für alle MitarbeiterInnen sein.“

„Inklusion schafft einen Mehrwert für jeden Einzelnen, für die SAP und unsere Gesellschaft. Ich persönlich engagiere mich dafür pragmatisch und handlungsorientiert. Mitstreiter sind herzlich willkommen.“

– Alexander Eckhardt, Inclusion Lead

Inklusion hat Priorität

SAP-Mitarbeiter Alexander Eckhardt

Alexander Eckhardt, Inclusion Lead bei SAP

Wie wichtig der SAP das Thema Inklusion ist, zeigt sich an dem eigenen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, dessen zweite Auflage für 2017 geplant ist. Damit hat sich das Unternehmen Ziele gesetzt, um die Inklusion von Menschen mit Behinderungen bei SAP zu fördern. Zu diesem Zweck wurde auch ein eigenes Inklusionsteam etabliert. Für die deutschen Standorte verantwortet aktuell Alexander Eckhardt das Thema Inklusion. Er unterstützt Betroffene dabei, Lösungen zu finden, die allen nutzen. So wird aktuell überlegt, wie der allgemeine Trend zu Großraumbüros auch für Kollegen mit Behinderungen gut umzusetzen ist.

Parallel wird im Unternehmen auch das Bewusstsein für Inklusion gestärkt, beispielsweise durch  Mitarbeiteraktionen wie das „Erlebnismobil Dunkelheit“, bei dem Kolleginnen und Kollegen im Sommer 2016 den Alltag eines blinden Menschen in Selbsterfahrung erleben konnten. Darüber hinaus konnten sich die Mitarbeiter live ein Bild davon machen, wie ein Screenreader funktioniert, wie sich ein Hörgerät anfühlt/anhört und in einem Rollstuhl-Parcours erfahren, welche Barrieren Rollstuhlfahrer immer wieder überwinden müssen.

„Denn das vielleicht als schwächstes empfundene Glied kann sich aus einer ressourcenorientierten Perspektive zu einem der stärksten entwickeln.“

– Matthias Kaiser, Chief Architect (künstliche Intelligenz)

Stärkenorientiert arbeiten

Was allen drei SAP-Kollegen gemein ist, ist ihr stärkenorientierter Ansatz. Bei Inklusion erachten sie es als wichtigste Aufgabe, in einen besseren Dialog mit allen Menschen zu treten, sich ihrer Stärken gewahr zu werden und ihnen die Gelegenheit zu geben, diese wirksam einzusetzen. Um den damit noch oft vorhandenen Defizitansatz zu überwinden: Bei Menschen mit Behinderungen nicht darauf zu achten, was sie nicht können, sondern vielmehr darauf, was sie besonders gut oder sogar besser können. Einer der Vorreiter dieses Ansatzes ist das SAP-Programm Autism at Work: SAP hat sich zum Ziel gesetzt, mehr Menschen mit einer autistischen Diagnose ins Unternehmen zu integrieren, um ihre besonderen Fähigkeiten zu nutzen. Extern geht die Berliner Initiative Discovering Hands mit gutem Beispiel voran: Sehbeeinträchtigte Frauen werden ausgebildet, um die Brustkrebsdiagnostik zu unterstützen. Ihre Seheinschränkungen werden hier zur Stärke, da sie über einen besonders ausgeprägten Tastsinn verfügen. Aus Defiziten Stärken zu machen, darin sehen auch die drei SAP-Kollegen die Zukunft der Inklusion.

 

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