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Selbstfahrende Autos: Entspannte Spritztour oder Irrfahrt?

16. Juli 2015 von Daniel Wellers 0

Bald wird es Automobile geben, die das Fahren und Navigieren selbst übernehmen. Damit stehen tiefgreifende Veränderungen in vielen Bereichen unserer Gesellschaft an.

Karl Benz, der im Jahr 1886 das erste moderne Automobil verkaufte, würde dessen Nachfolger auf der Straße heute noch erkennen. Die sind zwar schnittiger, schneller, leiser und bieten (zum Glück) Schutz vor den Elementen, aber sie haben immer noch vier Räder und einen Motor. Und sie werden noch immer von Menschen gelenkt.

Fast 130 Jahre später steht unsere Vorstellung von Autos allerdings kurz vor einer tiefgreifenden Veränderung. Bald wird es Autos geben, die das Fahren, das Navigieren und vieles mehr für uns übernehmen.

Die für den Bau autonomer Autos notwendigen Technologien wie LIDAR, Radar, Kameras, Sensoren, Karten- und Navigationssoftware gibt es bereits. Derzeit verteuert sich der Grundpreis eines Fahrzeugs durch den Einsatz dieser Technologien lediglich um 8.000 bis 10.000 US‑Dollar. Diese Zahl wird unweigerlich weiter sinken, da die Preise mit dem rasanten technologischen Fortschritt fallen. Google testet fahrerlose Autos bereits seit dem Jahr 2009. BMW, Audi, Tesla und viele andere Firmen entwickeln eigene Modelle. Vollständig selbstfahrende Autos werden wahrscheinlich innerhalb der nächsten fünf Jahre bei den Händlern stehen. Zunächst werden es Luxusmodelle sein, aber später wird es sie in allen Fahrzeugklassen geben.

Die Automatisierung aller Faktoren, die heute von einem fehlbaren oder leichtsinnigen menschlichen Fahrer abhängen, wird Autos sicherer und sparsamer machen. Die Menschen können die gewonnene Zeit für andere Dinge nutzen. Morgan Stanley schätzt, dass sich alleine in den USA durch vermiedene Unfälle, geringere Benzinkosten und Produktivitätssteigerungen 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr sparen lassen. Das entspricht acht Prozent des derzeitigen Bruttoinlandsprodukts. Angesichts der möglichen Auswirkungen, die das Zurückfließen einer derart hohen Summe in die Wirtschaft haben dürfte, könnten selbstfahrende Autos vielerorts zum Standard, vielleicht sogar zur Pflicht werden.

Das Ende der Autokultur

Diese Entwicklung wird mit Sicherheit zum Ende der sogenannten Autokultur führen. Wenn Autos mit menschlichen Fahrern nur noch in Ausnahmefällen (oder überhaupt nicht mehr) auf öffentlichen Straßen fahren dürfen, dürften aus den rostigen Klapperkisten von heute begehrte Sammlerstücke werden, die nur mit Sondergenehmigungen oder in abgegrenzten Gebieten gefahren werden. Im Alltag könnten sogar Autonarren, die sich stark mit ihren Autos identifizieren, das selbstfahrende Auto lieben lernen. Vielleicht sträuben sie sich aber auch dagegen.

Die Autokultur ist nur einer von vielen Bereichen, in denen die Aussicht auf selbstfahrende Autos viele, zuweilen widersprüchliche Szenarien schafft. Sie werden nahezu jede Branche betreffen und viele Aspekte des modernen Lebens verändern, die für uns heute selbstverständlich sind.

Ungeahnte Möglichkeiten

Wir können nicht genau vorhersagen, welchen Einfluss selbstfahrende Autos auf die Gesellschaft haben werden. Aber wir können uns eine Reihe möglicher Veränderungen vorstellen, sowohl gute als auch schlechte.

Wo wir leben – Wenn man auf einer langen Pendelstrecke arbeiten oder sich entspannen kann, werden mehr Menschen in die Vorstädte ziehen und die Zersiedelung wird zunehmen. Selbstfahrende Autos reduzieren das Verkehrsaufkommen, sie beseitigen Parkplatzprobleme und bieten eine effiziente Alternative zum fahrplangebundenen Nahverkehr. Dadurch werden dichtbesiedelte Stadtviertel attraktiver und lebenswerter.

Warum wir ein Auto besitzenMenschen, die heute öffentliche Verkehrsmittel nutzen, entscheiden sich vielleicht für den Kauf eines Wagens, der selbständig die schnellsten Wege und die besten Parkplätze findet. Andererseits berichtet Adam Jonas von Morgan Stanley, dass die meisten Autos nur vier Prozent der Zeit benutzt werden. Die Zahl der Autobesitzer könnte drastisch sinken, wenn man ein Auto für mehrere Zwecke benutzen könnte: Man würde zum Beispiel zur Arbeit fahren und das Auto anschließend selbständig nach Hause fahren lassen, um die Kinder abzuholen. Vorstellbar wäre auch ein Pool von einfach verfügbaren Drohnenfahrzeugen, durch den ein eigenes Auto für viele überflüssig wäre.

FahrzeugdesignAutos werden anders aussehen, wenn kein Platz mehr für einen menschlichen Fahrer vorgesehen ist. Sie könnten kleiner, leichter und schneller werden, brauchen weniger Beleuchtung und bieten mehr Platz für die Mitfahrer. Wenn mehr Autos mit geringerem Abstand zueinander schneller und mit weniger Unfällen fahren können, werden sich auch die Straßen verändern.

Wirtschaftliche AuswirkungenWenn man sich nicht länger auf das Fahren konzentrieren muss, kann man im Auto stattdessen arbeiten und spielen. Dadurch ergeben sich neue Beschäftigungs‑ und Umsatzmöglichkeiten. Autohersteller, Zulieferer und Inhaltsanbieter werden sich einen harten Kampf um den Markt an Audio‑ und Videoangeboten, Apps und anderen Inhalten sowie der zugehörigen Hardware liefern. Andererseits werden Arbeitsplätze für menschliche Fahrer aussterben wie die Hersteller von Pferdepeitschen für Kutschen nach der Einführung des Model T.

Älterwerden – Für Menschen, die nicht fahren können, insbesondere Ältere, wird es ein wahrer Segen sein, jederzeit ein selbstfahrendes Auto nutzen zu können. Studien belegen, dass 79 Prozent der Älteren über 65 in Vorstädten oder ländlichen Gemeinden wohnen, in denen sie auf das Auto angewiesen sind. Sobald sie das Autofahren aufgeben, gehen sie seltener zum Arzt, in Geschäfte oder Restaurants. Auch Besuche bei Freunden oder der Familie werden rarer.

SicherheitGoogle berichtet, dass seine Testfahrzeuge zwischen 2009 und 2015 in lediglich zwölf Unfälle verwickelt waren – in allen Fällen lag die Schuld bei anderen Fahrern. Nichtsdestotrotz müssen selbstfahrende Autos für Ausnahmesituationen und ethische Dilemmas programmiert werden, zum Beispiel die Entscheidung zwischen dem Anfahren eines Fußgängers oder dem Ausweichen in den Gegenverkehr. Außerdem müssen sie die Möglichkeit bieten, manuell einzugreifen oder die Programmierung zu übersteuern, wenn beispielsweise schlechtes Wetter die Navigationstechnologie stört oder man im Eiltempo das nächste Krankenhaus erreichen muss.

Haftung – Die Versicherungsbranche wird letztendlich die Frage klären, wer bei einem Unfall mit selbstfahrenden Autos für den Schaden aufkommt – der Hersteller des Fahrzeugs, der Software, die es steuert oder des Sensors, der ein Risiko nicht erkannt hat. Es ist unklar, ob die Schadenssummen steigen werden, weil Unternehmen tiefere Taschen haben als Privatpersonen. Auch die möglichen Auswirkungen auf Versicherungsbeiträge sind offen.

Automobilbranche – Das Geschäftsmodell der Automobilindustrie wird sich grundlegend ändern. Die Gesamtzahl zugelassener Autos wird zum Beispiel davon abhängen, ob Privatpersonen weiterhin Autos besitzen oder sich für Carsharing‑Modelle entscheiden. Darüber hinaus wird die Software, die von der Navigation über die Beschleunigung bis zur Unterhaltung (deren Anteil steigen wird) alles steuert, 40 Prozent des Gesamtwerts eines Autos ausmachen.

Das Geschäft auf Kurs halten

Selbstfahrende Autos werden große Mengen geografischer und ortsbezogener Daten erzeugen und übertragen. Dies beinhaltet sowohl Daten über das Auto selbst als auch über die Passagiere: häufig gefahrene Strecken, Karten‑ und Datenaktualisierungen, Verkehrsdaten und ‑prognosen, Reservierungen für Parkplätze oder besonders stark befahrene Straßen. Die Fahrzeuge werden untereinander Signale austauschen, Inhalte erstellen und abrufen etc.  Jedes Unternehmen, das Autos herstellt, verwaltet oder einsetzt, muss sich heute schon Gedanken darüber machen, wie es diese Daten verwendet, wer sie überwacht und wer auf sie zugreifen kann. Eine stabile, skalierbare Technologie zur Verarbeitung, Analyse und zum Schutz dieser Daten muss vorhanden sein, bevor der Datenfluss einsetzt.

Ein kurvenreicher Weg

Wir haben uns längst an unsere große Abhängigkeit von Autos und LKWs gewöhnt. Sie sind so fest in unserem Leben und unserer Kultur verankert, dass sie zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Aber wie wir über Fahrzeuge denken, wird sich sehr bald ändern. Dies wird auch vieles vom dem umwälzen, was wir über die Geschäftswelt und das Leben im Allgemeinen zu wissen glauben.

Ob Sie ein Auto besitzen oder nicht, ob Sie in der Automobilbranche arbeiten oder nicht, die Auswirkungen werden im Kleinen wie im Großen spürbar sein. Wir sollten uns jetzt schon darauf vorbereiten.

 

Sie möchten mehr erfahren? Siehe How To Direct Your Digital Future: 4 Questions

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf SAP Business Trends veröffentlicht.

Bildquelle: Shutterstock

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