Senioren in der IT

Feature | 1. August 2007 von admin 0

Herr de Bruïne, warum hat die EU den Aktionsplan „Altern in der Informationsgesellschaft“ ins Leben gerufen?

De Bruïne: Wir alle wissen, dass das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigt. Heute liegt die Lebenserwartung in Europa bei 80 Jahren, 1920 waren es nur 55 Jahre. Im Jahr 2005 gab es bei uns 75 Millionen Menschen über 65, bis 2050 wird sich ihre Zahl auf 135 Millionen erhöhen; das entspricht fast einem Drittel der Bevölkerung. In erster Linie ist das natürlich als Erfolg für unsere Gesundheits- und Sozialsysteme und als ein Ergebnis des Fortschritts zu werten. Doch mit dem steigenden Alter unserer Bürger sind auch beträchtliche Herausforderungen verbunden. Wir müssen die Qualität der Gesundheits- und Sozialsysteme aufrechterhalten, sicherstellen, dass die „silberne“ Generation ihre Erfahrungen in Wirtschaft und Gesellschaft einbringt und dass unsere Industrie von diesem riesigen Markt profitiert. Das Vermögen älterer Menschen in Europa beläuft sich auf mehr als 3.000 Milliarden Euro. Vor allem aber geht es um eine bessere Lebensqualität im Alter.

Europa verfügt über die Mittel, diesen Herausforderungen zu begegnen, und zwar vor allem auch im Hinblick auf die Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). Wir haben eine starke IKT-Industrie und ausgezeichnete Gesundheits- und Sozialsysteme. Und wir haben einen riesigen Binnenmarkt mit fast 500 Millionen Bürgern. Trotzdem sind noch einige Hürden zu nehmen: fehlendes Bewusstsein für die Problematik, Angst vor Neuerungen und europaweit unterschiedliche gesetzliche Vorschriften. Dem soll der Aktionsplan abhelfen.

Warum gibt es bislang so wenig Informationstechnologie speziell für Senioren?

De Bruïne: In den vergangenen Jahren sind zahlreiche innovative Ansätze verfolgt worden, doch meist nur in kleinem Rahmen. Dienstleister beispielsweise investierten nur zögerlich in solche Innovationen, sei es weil sich die meisten Unternehmen nicht groß genug fühlten, weil ihre Servicekette stark zersplittert war oder weil sie glaubten – meines Erachtens zu Unrecht – Innovationen gehörten nicht zu ihrem Geschäft. Der zweite Grund liegt im fehlenden Verständnis für die Bedürfnisse älterer Menschen. Warum bezieht man Senioren nicht in die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen ein? In Finnland gab es eine enorme Resonanz, als ältere Menschen aufgefordert wurden, Ideen für mobile Dienstleistungen einzubringen, die ihnen mehr Unabhängigkeit ermöglichen. Drittens kommt bei der Produktentwicklung das Konzept des Inclusive Designs zu kurz, das auch die Anforderungen älterer Menschen berücksichtigt. Spezielle Lösungen für Senioren sind daher teurer als nötig oder kommen erst gar nicht auf den Markt. Und schließlich haben die Älteren ihre Bedürfnisse bislang viel zu zurückhaltend angemeldet.

Glücklicherweise verändert sich die Landschaft, nicht zuletzt aufgrund von Initiativen wie der „Silver Economy“ in Deutschland und den Niederlanden, die Innovationen speziell für den Seniorenmarkt fördern. Außerdem haben inzwischen viele große IKT-Unternehmen, von der Unterhaltungselektronik bis hin zur Mobilkommunikation, erkannt, dass es einen neuen Markt zu erobern gibt, und nehmen daher auch das Thema Inclusive Design ernst.

Wie kann das EU-Programm diese Situation verbessern?

De Bruïne: Eine wichtige Aufgabe auf europäischer Ebene besteht darin, das Thema in die politische Diskussion zu bringen, das Bewusstsein zu schärfen und gemeinsame Strategien zu entwickeln. Mit unserem Aktionsplan können wir aufkommende Initiativen europaweit zusammenführen und dadurch ihre Wirkung verstärken. Wir tragen dazu bei, groß angelegte Pilotprojekte zur Anwenderakzeptanz und zur Kosteneffizienz zu finanzieren. Wir prüfen, ob die geltenden Vorschriften den Markt für neue Technologien behindern. Wenn ja, versuchen wir, dies zu ändern. Und schließlich unterstützen wir Forschung und Entwicklung mit Investitionen in Höhe von einer Milliarde Euro.

Die Fördermittel stammen in erster Linie aus dem 7. Europäischen Rahmenprogramm für Forschung und Entwicklung. Es enthält einen Arbeitsbereich zu IKT-Lösungen, die älteren Menschen Unabhängigkeit sowie soziale und kulturelle Beteiligung ermöglichen. Weitere Zuschüsse stellt die Initiative „Wohnen in intelligenter Umgebung“ zur Verfügung, die die Kommission im Rahmen der IKT-Forschung für das selbstbestimmte Leben im Alter ins Leben gerufen hat. Diese Gelder stammen nicht nur von der EU und der Industrie, sondern auch von den 17 teilnehmenden europäischen Staaten und werden verwendet, um Projekte der angewandten Forschung zu fördern, die kurz vor der Markteinführung stehen und lokale Anforderungen erfüllen. Die Initiative läuft über einen Zeitrahmen von zwei bis drei Jahren und ist damit auch für kleine und mittlere Unternehmen attraktiv, die erst durch eine Zusammenarbeit die notwendige kritische Masse erzielen können, um Lösungen für ganz Europa zu entwickeln.

Um von den neuen Technologien zu profitieren, müssen die Senioren zunächst einmal Zugang dazu haben. Allerdings sind in Europa nur zehn Prozent der über 65-Jährigen mit dem Internet vertraut. Wie lässt sich das verbessern?

De Bruïne: Technische Geräte sind für ältere Menschen meist schwer zu bedienen. Das kann an kleineren physischen Handikaps wie steifen Fingern oder eingeschränktem Sehvermögen liegen. Häufig ist die Technik aber auch viel zu kompliziert – und das empfinden nicht nur ältere Menschen so! Also kann und muss die IKT-Branche deutlich mehr für die Anwenderfreundlichkeit und Barrierefreiheit ihrer Lösungen tun. Dazu wird die europäische Forschung beitragen.

Auch beim Thema Internetschulung muss mehr getan werden. Eine Möglichkeit für das formale Training wäre zum Beispiel ein Europäischer Computerführerschein. Darüber hinaus kommt es auf informelle Schulung durch Nachbarn, Familie, Freunde, Enkel oder andere junge Leute an. Regierungen und die Wirtschaft könnten die digitale Bildung unterstützen, indem sie Gelder und Know-how für Schulungsinitiativen in lokalen Zentren bereitstellen, die betriebliche Weiterbildung älterer Mitarbeiter fördern und Lernmaterialien leichter zugänglich machen. Auf ihrer Konferenz in Riga im Juni 2006 verständigten sich die Minister der über 30 teilnehmenden Staaten darauf, die digitale Kluft bis 2010 um 50 Prozent zu verringern.

In welchen Bereichen kann die digitale Technologie das Leben älterer Menschen verbessern?

De Bruïne: Der Aktionsplan sieht drei Bereiche vor – zunächst die häusliche Umgebung: Es wird angestrebt, dass die Menschen länger selbstständig zu Hause leben können, zum Beispiel durch Telemedizin, durch tragbare Systeme zur Überwachung und Diagnostik bei chronisch Kranken, durch Systeme, die die häusliche Sicherheit erhöhen, und in Zukunft vielleicht auch durch Heimroboter.

Der zweite Bereich ist das soziale Umfeld: Persönliche Kommunikationslösungen sollen jedem die aktive Teilnahme am sozialen Leben ermöglichen, etwa durch Video, den barrierefreien Online-Einkauf, durch Unterhaltung im Internet oder durch Navigationssysteme, die die Orientierung im Straßenverkehr und in öffentlichen Räumen erleichtern.
Am Arbeitsplatz schließlich sollen geeignete Computer- und Kommunikationssysteme gerade ältere Menschen entlasten und Lösungen für die standortübergreifende Zusammenarbeit dazu beitragen, Beruf und Privatleben besser zu vereinbaren.

Werden nur finanziell gut situierte Senioren von den neuen Technologien profitieren?

De Bruïne: Viele der bereits verfügbaren Lösungen basieren auf relativ einfacher und kostengünstiger Technologie. In den meisten Ländern gibt es außerdem finanzielle Unterstützung durch Sozial- und Gesundheitssysteme. Der eigentliche Durchbruch jedoch wird kommen, wenn der „silberne Markt“ als echter Markt erkannt wird und ein größeres Produktionsvolumen in Europa und weltweit Kosteneinsparungen ermöglicht. Wenn sich „angenehmes Altern“ als ein eigenständiger, konsumentengesteuerter Markt etabliert, werden sehr viel mehr Produkte und Lösungen für ältere Verbraucher erschwinglich werden. Das ist die beste Garantie für weitere Innovation und finanzielle Nachhaltigkeit.

Wie kann das Programm die Sozialversicherungssysteme in den EU-Staaten entlasten?

De Bruïne: Hier geht es nicht um IKT allein: Einsparungen können nur dann in vollem Umfang realisiert werden, wenn sich auch organisatorisch etwas verändert und die Institutionen des Sozial- und Gesundheitswesens, IKT-Firmen und Dienstleistungsanbieter zusammenarbeiten. Grundsätzlich gilt, dass alles, was dazu beiträgt, einen Krankenhausaufenthalt oder die Heimunterbringung zu verhindern, große Einsparungen bedeutet. So hat die West Lothian Authority in Großbritannien mit intelligenten Technologien für die häusliche Überwachung und Unterstützung älterer Menschen die durchschnittliche Dauer von Krankenhausaufenthalten von 57 auf neun Tage verkürzt. Die jährlichen Kosten pro Person sanken damit von 32.218 Euro auf 10.505 Euro. In Deutschland schätzt man, dass Krankenhäuser durch mobile Überwachungsdienste bis zu 1,5 Miliarden Euro jährlich einsparen könnten.

Wie werden die Fördermittel von einer Milliarde Euro für die Forschung verteilt, und wie können sich IT-Firmen an dem Programm beteiligen?

De Bruïne: Die Fördermittel werden immer auf Wettbewerbsbasis vergeben. Konsortien und Industriepartnerschaften, Anwenderorganisationen, Behörden und Universitäten konkurrieren mit ihren Projekten miteinander. Sie müssen ihre Unterlagen zu festgelegten Terminen zur Bewertung einreichen. Doch die Konkurrenz ist hart. So gingen auf unsere letzte Ausschreibung, deren Frist im Mai ablief, 156 Anträge mit einem Gesamtwert von 520 Millionen Euro ein. Firmen und Organisationen, die sich für das Förderprogramm interessieren, finden weitere Informationen auf der Website http://ec.europa.eu/information_society/einclusion.

Wo sehen Sie konkret Wettbewerbsvorteile für die europäische IT-Wirtschaft?

De Bruïne: Die europäische IT-Branche kann in vielerlei Hinsicht von dem riesigen Markt profitieren. Wir verfügen über eine herausragende Kompetenz in der IT und im Gesundheitsbereich und bringen auch pharmazeutisches Know-how ein. Mit den neuen Technologien wird auch die Nachfrage nach neuen Dienstleistungen steigen. In Europa gibt es außerdem führende Anbieter von Personen-Alarmsystemen, deren Einsatzmöglichkeiten sich durch bessere Kommunikations- und Informationstechnologien noch erheblich vergrößern werden. Europa ist tonangebend in der mobilen Kommunikation; die zunehmende Anwenderfreundlichkeit wird den Markt der älteren Menschen öffnen, aber auch wichtige Vorteile für die Bevölkerung insgesamt bringen. Die europäische IKT-Branche besitzt viele Stärken, auf denen wir aufbauen können. Wir sollten jedoch nicht zu selbstgefällig werden, denn die Konkurrenz außerhalb Europas schläft nicht.

Gibt es in anderen Regionen ähnliche Initiativen, etwa in den USA oder in Asien?

De Bruïne: Bestimmt, schließlich ist die demografische Entwicklung ein weltweites Phänomen. Japan, die USA und jetzt auch China geben uns wichtige Anregungen. Gerade in den USA sind die Anbieter sehr kreativ, weil die Betreuungsdienstleistungen dort häufig privat organisiert sind. Der Einfluss amerikanischer Senioren-Organisationen auf die IKT-Branche und ihr aktives Engagement haben Vorbildcharakter für Europa. In Japan gibt es sehr interessante Initiativen in den Bereichen „intelligentes Haus“ und Navigationsunterstützung. Während der Weltausstellung in Aichi/Nagoya zum Beispiel wurden GPS und RFID als Orientierungshilfe eingesetzt. Wir kooperieren mit Partnern auf der ganzen Welt und werden diese Zusammenarbeit im Rahmen des Aktionsplans forcieren.

Bis 2020 werden 25 Prozent der Bevölkerung über 65 sein. Wie sieht Ihre Vision vom Leben älterer Menschen in der Informationsgesellschaft aus?

De Bruïne: Offenbar wollten wir uns lange nicht mit alten Menschen befassen – das Leben schien mit dem Eintritt in den Ruhestand vorbei zu sein. Die digitale Gesellschaft im Jahr 2020 sollte es den Menschen in Europa aber ermöglichen, auch im Alter ein erfülltes Leben zu führen: bei der Arbeit, in ihrem Gemeinwesen und mit Familie und Freunden im eigenen Heim. In einem Satz zusammengefasst: Wir sollten das Potenzial der IKT nutzen, um die silberne Herausforderung zu einer goldenen Chance für Europa zu machen.

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